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Freiheit, Wahrheit und Recht!

Materielles und geistiges Wohl des deutschen LZolkes!

Wiesbaden

Samstag, den G. September

L8L8

Neue Bestellungen auf dieNassauische Zeitung" nebstAllgemeines Kirchen- und Schulblatt," werden pro Juli bis September ferner noch angenommen bei allen Postanstalten des Herzogtums für fl. 2. 12 kr. incl. P o stp r o v i si o n. In Wiesbaden bei der Expedition am Friedrichsplatz für fl. 1. 45 kr. vierteljährlich.

Inserate, welche bei der großen Verbreitung derNassauischen Zeitung" im Lande den beabsichtigten Zweck erreichen, werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet.

Neber sLchten, Erörterungen

Aktenstücke.

und

A Zttr Judenfrage.

Vom Abhang des Wester waldes, 5. S^pt.

In unserer Zeit, wo alles darnach ringt, die alten Fesseln zu zerbrechen und der ihm von Gott und der Vernunft bestrittenen ewigen Rechte theilhaftig zu wer­den, wendet sich unser Blick theilnebmenv aus einen nicht unbedeutenden Volksstamm, der durch alle Länder des Erdbodens zerstreut ist und dessen trauriges Loos es lange Jahrhunderte durch überall war: seine hei­ligsten Menschenrechte mit Füßen getreten und sich als ein Gegenstand der brutalsten Gewalten wie der raf- sinirtesten Grausamkeit behandelt zu sehen. Das ist das Volk der Juden.

Das vernünftige Alterthum hat manchen Unsinn nicht gekannt, der später zur unauslöschlichen Schande wie zum unaussprechlichen Schaden der Menschheit seine finstere Herrschaft ausgeübt und die Gemüther geknechtet bat; dahin gehört vozugsweise auch die Intoleranz, die Bedrückung und Verfolgung wegen religiöser Ansichten. In dem heidnischen Rom und Griechenland durfte jeder seines Glaubens leben; kam er den bürgerlichen Ge­setzen nach, so erhielt er die Bürgerrechte und mochte seine religiöse Ueberzeugung vor seinem Gott und Ge­wissen rechtfertigen.

Anders war es im Juden thuni. Indem Moses fwttep aus weisen und nothwendigen Gründen für seine Zeit und Stellung Jehovah zum Nationalgott der Israeliten und diese zu dessen Lieblingsvolke erklärte, flößte er demselben Geringschätzung und Verachtung gegen Andersglaubende ein. Allein eigentliche syste­matische Verfolgungen derselben durch die Juden finden wir denn doch gerade nicht und die Kriege der letzter» waren mehr Schutz- und Eroberungs- als Religions­kriege.

Jener finstere Geist der Intoleranz und Verfol- gungssucht anders Denkender, der die Menschheit zum Wahnwitze und zu vorher nie gesehenen Grausamkeiten geführt und die herrlichsten Länder entvölkert und ver­armt hat, der zum Fluche und zur Schmach des Men­schengeschlechts Jahrhunderte hindurch auch in den va­terländischen Gauen seine finstere blutige Bahn gezogen ist, entsprang aus dein Christeulhume. Zwar nicht aus der Lehre des Weisen von Nazareth, die gebietet: Liebet selbst eure Feinde! und die Gott als den Vater aller Menschen predigt, sondern aus jenem verballhornisirten Afterchristenthum, worin noch einige Theile Christliches obenaufschwimmcn, wie Fettaugen auf einer magern Was­sersuppe, dessen Hauptgrundsatz ist: extra ecclesiani nicht christianam oder catholicam, fonbern paplisticam) nulla salus! der somit alle anders Glaubenden auf das Tiefste herabsetzt und Haß und Verfolgung gegen die­selben sanktionirt. Aus Rom gingen denn auch die Judenbedrücknngcn und Verfolgungen hervor und durch den sichtbaren Stellvertreter Gottes auf Erden der wohl stets sichtbar war, aber selten etwas Göttliches an sich getragen hat angctneben , oft gezwungen, gaben sich die Fürsten willig dazu her, einen ganzen Volksstamm in die Acht unb für vogelfrei zu erklären, so daß jede Rohheit und Grausamkeit ihr Müthlein daran kühlen konnte. Dieß geschah theils aus religiösem Fanatismus, theils aber und zwar vorzugsweise aus Hab- und Gewinnsucht. So ist es Dank der Mutterliebe der päpstlichen Kirche, die alle verirrten Schafe unter ihre Fittiche nehmen will! dahin ge­kommen, daß man lange Zeit hindurch den Juden nur etwas weniger als einen Hund geachtet, mit dem un­erbittlichsten Hasse verfolgt, allem Hohne des Pöbels und allem Drucke und jeder schnöden Begierde der Mäch­tigen preisgegeben hat. Wir übergehen die Bedrückungen und scheußlichen Grausamkeiten gegen die Juden in andern Ländern, um noch etwas in Deutschland zu verweilen. Wenn auch hier gerade nicht die Grausam­keit auf die Spitze getrieben wurde und wenn sie auch gerade nicht, wie z. B. in Italien und Spanien, durch Feuer und Schwert gänzlich aus, gerottet werden sollten, so bietet doch auch hier ihr Loos das traurigste Bild dar. Von der öffentlichen Meinung geächtet, in den wichtigsten Punkten von der Gemeinschaft ihrer Mit­

bürger, von Ehre, Grundbesitz, Bürgerthum und Zünf­ten, selbst von vielen Handelszweigen ausgeschlossen, zu Wucher und Kleinhandel gezwungen, stets von den härtesten Gesetzen gehemmt, erkauften sie ihre armselige Existenz mit erniedrigenden, unter mehr als 60 Be­

Nennungen, ihnen aufcrlcgten Abgaben. An vielen Orten

wurden. sie gar nicht geduldet, aus andern vertriebt'diesem letzteren, der die Monarchie in Preußen trctz

und selten wieder zugelaffen. Meist nahm man nur eine festgesetzte Zahl auf und das Gesetz theilte sie in zahllose Klassen, z. B. privilegirte, tolerirte , Hof-, Schutz- und Schachcrjudcn. Zwar verlieh ihnen Karl V. den Reichsschutz, aber nichts desto weniger wurden sie aus einzelnen Staaten vertrieben, rohe Volkstumulte gegen -dieselben waren an der Tagesordnung. Wenn sie hier und da auch Vergünstigungen erhielten, so dauerten doch im Ganzen die harten, unduldsamen Judenordnungen und die kränkendste und entehrendste Behandlung der Juden fort, bis die Philosophie eine neue Civilisation begründet hatte und politische und religiöse Freiheit als Gemeingut anerkannt wurde. Die erste. französische Revolution brachte diesen Grundsatz auch in Deutschland zur praktischen Geltung und eine bessere Zukunft eröffnete sich den Juden , besonders bei der Auflösung des deutschen Reiches, In vielen Staaten wurde ihnen das Bürgerrecht und eine Gemeindever- verfassung gegeben und das preußische Edikt von 1842 gewährte ihnen vollkommene Gleichstellung. Allein bald kam auch für die Juden wie für alle politischen uns bürgerlichen Verhältnisse die Zeit des Rück- schrittcs; denn wenn auch die Wiener Bundesakte die Aufrechthaltung der denselben verliehenen Rechte aus- sprach so wurde .de.xKâ^veriâu ui emHjMGWMs tcn wieder viel härter und grausamer Weise entzog man ihnen wieder die kaum geschmeckten Rechte. In Han­nover, Hamburg und Frankfurt wurden sie des Bür­gerrechts wieder beraubt, aus Lübeck und Meiningen sogar vertrieben und, zur Schande aller Civilisation! selbst noch 1819 durch Pöbeltumulie arg heimgesucht. In Preußen wurden sie von Lehr- und Gemeindeäm­tern wieder entfernt, von der Beförderung im Militär und im Rhcinlande vom Geschwornengerichte ausge­schlossen; ja, die Regierung vergaß sich so weit, daß sie ihnen im Jahr 1824 verbot, Verbesserungen bei dem Gottesdienste vorzunehmen, und daß sie seit 1834 in Berlin Bekehrungsprediglen für sic einstigste. In andern Ländern wurden sie zwar etwas mehr begün­stigt; so wurden ihnen in Württemberg 1828 das volle Bürgerrecht bis auf wenige Einschränkungen ertheilt und in Kurheffen wurden sie 1833 emanzipier. Allein fast überall begnügte man sich mit halben Maßregeln, die zu keinem Ziele führen konnten.

So standen die Angelegenheiten der Juden bis zum Frühjahr 1848 in Deutschland. Fast überall gehaßt, verachtet, bedrückt, nirgends im Besitze der einem jeden Menschen gehörenden Rechte, waren sie eben nur ge­duldet und man glaubte, genug gethan zu haben, wenn man ihnen Schutz für das Leben und Eigenthum ge­währte.

Wahrlich, die deutsche Sentimentalität brauchte nicht die verachteten Parias in Indien zu bemittleiden und die unterdrückten Iren zu bedauern, wohnte doch in

Deutschlands Gauen cin zahlreicher Volksstamm, eben so unterdrückt wie

so verachtet wie die Parias, eben die Iren. __

(Forts, folgt.)

Die politischen Parteien

Preußen.

der Provinz

Die Köln. Z. gibt in einem Königsb. Correspon- denzartikel ein getreues Bild der verschiedenen politi­schen Parteien. Es sind deren vier. Dierepublika­nische Partei" ist sporadisch hier und dort, im Ganzen z iv Zeit noch schwach vertreten. Es eristiren in der Provinz nur zwei Clubs dieser Farbe, hier und in Pillau. Den bei weitem größten Anhang hat der konstitutionelle Club" in unserer ^tadt, der, zwar e itschieden demokratisch, das Königthum als etwas Be­stehendes gewahrt wissen will. Der in der Mitte die­ses Monats statt,gehabte Congreß war durch Deputirte von neunzehn Städten, namentlich; Allenstein, Lyk, Johanlusburg, Graudcnz, Wehlau, Königsberg, Pillau, Si, fit, Elding, Lötzen, Danzig, Marienwerder, Inster­burg, Pr. Holland, Ottelsburg, Riesenburg, Rosenberg,

Deutsch Eylau und Freystadt, beschickt. Der Congreß erkannte an, daß die ausgcbildetste Form, in der sich das Wesen der Demokratie aussprechen könne, die Re­publik sei; aber in festem Zusammenhänge mit dem Volksbewußtsein und dem Urtheilsspruche der Revolu- lion selbst, erklärte der Congreß seine Hochachtung vor

aller Umwälzungen erhielt und nur ihre neue radikale Umgestaltung befreitste. Aber cin Andcrcs, so urtheilte der Congreß, ist es, Monarchieen zu respektiren, welche schon vorhanden sind, ein Anderes, Monarchieen zu schaffen, welche noch nicht vorhanden sind. Für diesen letzteren Akt erachtete der Congreß den deutschen Geist in seiner jetzigen Gestaltung zu demokratisch, und so erschien ihm denn, da in Deutschland eine neue Cen- tralgewalt erst zu schaffen war, für diese die rcpudli- kmlschc Form die angemessenste. Sie schien ihm auch allen Einwendungen gegenüber diejenige, die eben, weil sie dem Volksgeiste entspreche, am sichersten gegen alle inntre Störung wirken könne. In diesem Sinne erkannte der Congreß an: 1) daß die Souveränität der deut­schen Nationalversammlung in Begründung der beut-* scheu Reichs Verfassung durch nichts beschränkt ist, als durch ihr Ziel, die deutsche Einheit; 2) daß er die republikanische Form der deutschen Cemralverfassung unter Beibehaltung der monarchischen Form der deut­schen Einzclstaateu für die dem demokratischen Geiste des deutschen Volkes angemessenste Halte. Sämmtliche oben genannte Städte traten zu einem Provinzialver- bande mit den vier Kreisvororten: Jstenburg, Königs« berg, Danzig und Marienwerder, zusammen und stell- fhtuhonellen Vereine der Provinz Preußen, welche die Monarchie confequent nach demokratischen Grundsätzen im Staats- und Gemeindeleben gestaltet wissen wollen, bilden einen festen Verband. Die Benennungde­mokratisch -eonstitutionell" wird sämmtlichen Clubs u: b Vereinen zur Annahme empfohlen. Als Provinzialo - gan ist dieNeue Königsberger Zeitung" bestimm'. Die dritte Gruppe ist derkonstitutionelle Verein" zu Königsberg mit drei Nebenvereinen zu Rastenburg, Braunsberg und Thorn. Derselbe ist entschieden kon­servativ und besteht meistens ans Beamten, Gutsbesi­tzern und Universitäts-Professoren. Während der Club sich für das Einkammcr-System entschieden, will der Verein eine zweifache Landesoertretung; feine Ansicht über die deutsche Einheitsfrage sprechen folgende §§. des Programmes aus: Für jedes Glied des Bundec* staates verlangen wir diejenige Berücksichtig»,q, welche dem Maße von Kraft entspricht, den cs dem Ea >z n zubringt. Ferner: Wir halten es für heilige ff siebt der Frankfurter Nationalversammlung und der ihr zu- geordneten Centralgewalt, ihre Competcnz nicht weiter auszudehnen, als zur Erreichung vorgenannter Zwecke durch Vereinbarung mit den bestehenden Regierungen nothwendig ist. Die vierte Richtung verdankt ihr Entstehen dem Peucker'schen Paradepfahl; sie vertritt das specifische Prcußcnthum unter dem Namen:kon­stitutioneller Preußen-Verein." Ihre Geburt war mit einer gewaltigen Aufregung in der >Ltadt und m t vielfachen Erzessen verbunden; an der Spitze stehen meistens ganz unbedeutende Leute ohne alle Jutelli- genz, und voraussichtlich dürften wir von diesem Ver­eine sagen: Parturiunt montes. Außer diesen vier bezeichneten Richtungen steht derconservativ-constitu- tionelle Verein des Mobrunger Kreises" mit vollstän­dig reaktionären Tenzen isolirt da; unter seinen Mit­gliedern zählt derselbe zwölf Grafen, eine seiner For­derungen ist, Aufhebung der Urwahlen und Restitution der ständischen Vertretung. In Königsberg selbst be­stehen noch der Arbeiter-Verein und der Volkswehr- Club, beide sehr zahlreich und entschieden demokratisch ; ersterer hat sich dieser Tage au den Berliner demo­kratischen Central-Ausschuß angeschlossen, festerer diri- girt alle öffentlichen Unternehmungen, von iam gehen die Volksversammlungen aus, er leitete die Feier des 6. August. __

Dahlmanns Rede in der 72. Sitzung der deutschen National-Versaunnlung.

(Schluß.)

Von dieser Vollmacht, versicherte uns der Herr Reichs- Minister des Auswärtigen, ist niemals etwas zurückge-