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Naffauische Zeittin^
Freiheit, Wahrheit und Recht!
Materielles und geistiges Wohl deS deutsche» LiolkeS!
Wiesbaden, Freitag, den 8. September. S8L8.
Neue Bestellungen auf die „ N a ssa u i s ch e Zeitung" nebst „Allgemeines Kirchen- und Sch ul blatt," werden pro Juli bis September ferner noch angenommen bei allen Postanstalfen des Herzogtums für fl. 2. 12 kr. incl. Postprovision. In Wiesbaden bei der Expedition am Friedrichsplatz für fl. 1. 45 kr. vierteljährlich.
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Amtlicher Theil.
Frankfurt, 6. September.
In Folge des von der deutschen Nationalversammlung in der Sitzung am 5. September 1848 gefaßten Beschlusses: die zur Ausführung des am 26. August 1848 zu Malmö abgeschlossenen Waffenstillstandes nöthigen militärischen und anderen Maßregeln zu sistiren, haben der Präsident des Reichsministerrathes, sämmtliche Reichsminister und Unterstaatssecretaire ihre Posten in die Hände des Erzherzogs-Reichsverwesers zurückgelegt, der ihnen die dadurch angesuchte Eutlassung ertheilt hat.
Der Erzherzog-Reichsverweser hat den Abgeordneten der deutschen Nationalversammlung Friedrich Dahlmann aus Bonn mit der Bildung eines neuen Ministeriums beauftragt.
Uebersichten , Crörternngen Aktenstücke.
und
Friedrich Wilhelm IW.
, * W.. ........., 31. August.
König Friedrich Wilhelm IV. ist ein geistreicher Mann und auch ein beredter Mann ; er versteht auch seine Zeit und fühlt mit seiner Zeit; wenigstens weiß er schön zu reden und den Gedanken, welche die Zeit bewegen, einen guten Ausdruck zu geben und geistreich zu sägen, was die Leute hören. Er ist auch ein witziger Mann und das kann mann aus vielen Reden und auch aus folgender Geschichte abnehmen. Als Kronprinz fuhr er einst, wie erzählt wurde, durch Berlin. Den Wagen zogen zwei klapperdürre Pferde, darauf kamen zwei ziemlich wohl genährte und darauf ein drittes Paar, ganz fett und feist. Als dieß vor die Ohren des alten Königs gekommen war, ließ der ihn kommen und fragte, was es bedeuten solle. „Die magern Pferde, die den Wagen und die Last ziehen müssen," soll er da gesagt haben, „bedeuten die geringen Leute, den Bauernstano, welcher am meisten Staatslaiten zu tagen hat; die mittlern, ziemlich wohl genährten Pferde bedeuten den Mittelstand, namentlich die Bürger und Gewerbsleute, welchen es schon besser geht, als den Bauern; die fetten und feisten Pferde vorn bezeichnen aber den Adel, der die wenigste Last hat und am Besten genährt wird." Diese Geschichte kann wahr sein, aber sie kann auch unwahr sein. Daß er aber auch ein geistreicher, beredter Mann ist, der seine Zeit zu verstehen scheint, ist nicht blos aus seinen vielen schönen Reden zu ersehen, sondern auch aus vielen schönen Wörtern und Reden, die er ausgebracht hat unb die allgemein gebraucht werden, z. B. die Kirche soll sich aus sich selbst aufbauen; der Dom in Köln ein Symbol deutscher Einheit; Preußen soll in Deutschland aufgehen; ans dem Staatenbund muß ein Bundesstaat werden; Constitution auf
breitester Basis u. A.
Als Friedrich Wilhelm an die Regierung kam, da hätte man denken sollen, der Himmel hinge voll Baßgeigen, denn allenthalben in Deutschland hoffte und ju- bilirte man. Durch Worte und auch durch Thaten machte er alle Leuten guten Muthes und da er nach Köln kam und rief: Alaaf Köln! da jubelte man auch am Nheinsttom: Vivat der gute König!
Es mochte nun freilich gehen, wie auch im Jahr 1848. Im Jahr 1848 wurden und werden mehr Schlösser gebaut, als Häuser im ganzen deutschen Reiche sind; es sind aber leider zu viel Luftschlösser.
So ging es wohl auch früher. Man hoffte mehr, als man hoffen durfte. Man versprach sich mehr, als der König versprochen hatte und versprechen konnte — und meinte dann, der König habe das verheißen. Genug, alle Welt stand da, sperrte die Mäuler auf und rief: „Was der fährt!" nämlich den Staatswagen. Er aber fuhr fröhlichen Muthes dahin, freute sich über die * fröhlichen Gesichter, das Hutschwcnken und Jubilircn und rief den Leuten auch oft ein Hurrah oder „Gut
Heil" und dergleichen zu. Da kamen auf einmal zwei Gesellen daher gesprengt und riefen schon von Ferne: Halt, Schwager, halt! Friedrich Wilhelm sah sich um und da kam denn sein leiblicher Schwager von Petersburg und der Fürst Metternich daher gallopirt. „Schwernoth, Schwager!" rief ihm der erste zu, „fahre doch vorsichtig, du fährst viel zu schnell." Da lachte Friedrich Wilhelm und sprach: „Nur nicht so ängstlich, lieber Schwager, bange machen gilt nicht; ich kenne mein Gefahr und weiß damit umzugchen." „Den Teufel weißt du, rief der zurück, „da fährst du im Gallop den Berg hinunter und guckst dabei nicht auf die Pferde, sondern auf die Leute im Wagen. Dein Wagen wird bald lotterig sein und in tausend Stücke geschlagen werden. Das muß ich verstehen, wie man fährt; ich habe mehr kutschirt wie du." Da aber der Schwager ihm den Willen nicht gleich thun wollte, so ist er svrtge- sprengt und hat sich seit der Zeit bei seinem Schwager nicht mehr sehen lassen. Da der Schwager so zornig linksum machte, ward der gute Friedrich Wilhelm doch stutzig. „Ist es denn wirklich so gefährlich hier? muß ich denn wirklich langsamer fahren?" fragte er den Fürsten Metternich. „Gewiß, Majestät," gab der zurück. „Sehen Sie, hier ist ein furchtbarer Abgrund dicht am Wege; der Weg geht steil abwärts und ist dazu uneben. Da müssen Sie schlechterdings den Abgrund, den Weg und die Pferde im Auge haben. Wenn Sie aber rechts nach den Leuten dort schauen wollen, dann fahren Sie sicherlich in den Abgrund. Dazu kennen sie ja den Slaakswageu ^,ep G eine tuiMzcheâ^ schine, den muß man schonen; wenn Sie aber so rasch über Stock und Stein fahren, zerschlägt der Wagen und einen so künstlichen bekommen Sie nicht wieder. Die jetzigen Wagen haben alle eine schlechte Konstruktion." ’ Der König ließ sich beschwätzen und fuhr langsamer, ja er legte einen Hemmschuh au und der klttge Metternich legte unvermerkt noch einen zweiten an. So fuhr denn Friedrich Wilhelm^ langsam und vorsichtig und ängstlich um des lieben Schwagers und des Metternichs willen.*) Er selbst hatte den frohen Muth verloren und die Leute am Wagen auch. Sie riefen ihm zwar mitunter zu, wie und wo und daß er rascher fahren sollte; aber er glaubte dem Metternich, der ihm nicht von der Seite wich, mehr und sagte benZ!eulen entgegen, es wäre gefährlich, ihnen zu folgen. So kam es denn, daß die Leute riefen: „Friedrich Wilhelm der uns schon so viel versprochen hat und noch mehr versprechen wird, lebe hoch!" Da kam endlich das Jahr 1848 und der 18. März; da fiel denn der Wagen um zwischen Barrikaden, von denen weder Nikolaus noch Metternich noch ihre Boten ^>em König etwas gesagt hatten. Da kamen denn Gassenjungen und allerlei
*j Anwerk. Als auffallendes Zeichen dcr Unzufrievcnhkit des Crars mit Friedrich Wilhelm darf man wohl ansehen, daß der Czar — es war wohl im Jahr 1813 oder 1842 — als er Polen besuchte, zuerst eine Bestimmung über einen Zusammenkunftsort mit seinem königlichen Schwager nicht annahm. Als darauf Schirwindt, wenn wir uns nicht irren, als Zufammenkunftsort bestimmt war und Friedrich Wilhelm von Berlin aus erschien, erschien der Czar nicht, sondern reiste wieder nach Rußland zurück. Als später die Kaiserin nach Palermo reiste und der Kaiser sie dortselbst besuchte, hat er auf seiner Hin - und Herreise Berlin vermieden, aber auf letzterer selncn Weg über Wien genommen. Die Kaiserin aber, so wie der Kronprinz, hielten sich nur ganz kurze Zeit in Berlin auf. Auch über den großen Einfluß, den Fürst Metternich als Hemmtchuh auf Friedrich Wll- Helm ausübte, möchte folgende Thatsache, von der zu ihrer Zett die Zeitungen Meldung tyaten, Zeugniß ablegen. Zu der Zett, als die Königin Viktoria zu Bruhl und Stolzenfels lyrem königlichen Freunde Besuch avstattele, erwartete man von Tag zu Tag eine Entscheidung in den Angelegenheiten der Deuttch a- tyoliken und protestantischen Freunde, und zwar war Hoffnung auf eine günstige Entscheidung vorhanden. Aber nuch^Fu st Metternich hatte sich an den Rhein begeben und weilte auf «schloß Johannisberg. Eines Tages nach Abreise der Königin von England erschien er frühzeitig mit einem Dampfbotc bei - zenfels, führte nach kurzem Aufenthalt daielvst den König , demselben zurück und fuhr mit ,hm allein einige Stunden auf dem Rhein auf und ab. ^nlge Tage spater, noch Königs Rückkehr nach Berlin, wurden oie ungunstlgen Entsch«. düngen und Maßregeln gegen genannte Vereine ^bek u st 4 und mit jener erwähnten Rhemspazterfahrt »ulb tV buiisl gebracht. Abhängigkeit von Andern ist menschlich und wenn auch gerade nicht königlich, man doch au fragen,
nig' m0neoÜtenbS mw Metternich vornehmlich die
" wd rniffe sein welche laut der bekannten Thronrede Friedlich Wilhelms ihn von früherer Berufung des vereinigten Landtags Ä^n^ Bildung einen entschiedenen Emflus ausgeübt haben?
Volk, schimpften den König„unb traktirten ihn wie Ihresgleichen und warfen mit Koth nach ihm. Er war geduldig und mußte sich's gefallen lassen. Aber das Volk kam herbei, hob den Wagen wiederauf und nach seinem Rathe setzte sich der König in den Wagen und einen Kutscher auf den Bock. Da warfen sie noch fort und fort mit Kotb nach dem Könige, aber sie trafen auf das Volk. Das Volk ward zornig, reihte sich um den König und klopfte den Kothwerfern auf die Finger und will es noch mehr thun. Das hat man gesehen, als der König neulich wieder zum Donibaufest nach Köln fuhr. Das Volk hat wieder allenthalben Vivat ! gerufen, die Hüte geschwenkt und jubilirt. Friedrich Wilhelm ist mit seinem Volk und das Volk mit seinem König wieder einig. Zum zweiten Male blickt setzt das Preußenland und das ganze deutsche Land mit Erwartung und mit Hoffnung auf Friedrich Wilhelm und wills Gott zum zweiten Male nicht vergeblich, denn der Metternich ist fort und der Schwager nicht mehr so trotzig; auch fährt Friedrich Wilhelm nicht mehr selber, sondern seine Kutscher fahren und er sitzt behaglich im Wagen und schaut nach dem Volke aus und dieses ruft ihm und den Kutschern zu, wo Gefahr ist, und er weist dann die Fuhrleute an. Dazu hat er ein gutes deutsches Herz und ist der Reichsverweser sein Freund und er dessen Freund. Sind diese einig und ist das Volt mit ihnen einig, dann wirds gut gehen. Da möchte man rufen: Hurrah! aber wir wollen doch lieber
Das zu bildende neue Reichsministerium Dahlmann.
* Wiesbaden, den 7. September.
In einem 3. Artikel = der Waffenstillstand mit
Dänemark, vertheidigt die F. O. P. Z. vom 4. d. das abgetretene Reichsministerium und beklagt es, daß Männer, wie Dahlmann, Waitz und andere, ihre gewichtigen Stimmen, die alle Gemäßigten bisher mit Ver- trauen vernahmen, in die Wagschale der Leidenschaft und fremdartiger Zwecke gelegt haben und so den Beschluß der Nationalversammlung herbeiführten, daß der nit Dänemark abgeschlossene Waffenstillstand nicht vollzogen werden solle, der den Rücktritt des gesaminten Reichsministeriums zur Folge hatte. — Der ^Korrespondent fährt fort: „Welches werden aber die weitern Folgen jenes Beschlusses sein? Die müssen zunächst in 'der Bildung eines neuen Ministeriums bestehen. Diese Ehre gebührt dem Abgeordneten Dahlmann, der durch die Autorität seines Namenö, seines Wissens und seiner Erfahrung das vorige Ministerium zum Sturze gebracht hat. 'Sollte er vom Reichsverweser den Auftrag dazu erhalten haben, so betrachten wir es für seine Ehrenschuld, daß er denselben übernehme. Jedoch wird er sich dafür zu verbürgen haben, daß er der Centra l- gewalt die Majorität der Nationalversammlung mit- bringe, damit wir nicht alle acht Tage den Sturz eines neuen Ministeriums zu erleben haben. Als fernere Folge dürfte die Einberufung der von hier abwesenden Abgeordneten erscheinen, damit man mit Gewißheit erfahre, ob Deutschland die Erneuerung der frühern Bewegungen oder eine fortschreitende Consolidirung aller Verhältnisse will. Jedenfalls würden wir es für unverzeihlich balten, wenn auch nur ein zur Minorität gehöriger Abgeordneter daran dächte, wegen dieser Niederlage leisten hiesigen Posten zu verlassen. Es wäre mehr als Klem- mulh, wenn man das Feld der Paulskirche der Linken einräumen wollte, denn es bedarf keiner Ausführung, was Deutschland von einer von der Linken geleiteten Reichsregierung zu gewärtigen hätte. Dagegen tritt gebieterischer als je die Nothwendigkeit eines festen und wahrhaft gemäßigten Systems der Nationalversammlung hervor. Dieses Ziel kann nur durch das Zusammenwirken aller Gleichgesinnten erreicht werden. Wir hoffen deßhalb auch, daß sich sofort eine kompakte Par- tei gegen das Dahlmann-Blumische Ministerium, wie wir cs einstweilen nennen wollen, bilden werde. Insofern betrachten wir das gestrige Ereigniß keineswegs als ein Ungelück, begrüßen dasselbe vielmehr als einen Fortschritt auf der Bahn, die Deutschland betreten hat, und zweifeln nicht, daß nach einigen solchen Erfabrun- ^gen wir lernen werden, wie und auf welche Weise