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V- 168.

Mffauifchr .Zeitung

Freiheit, Wahrheit und Recht!

Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!

Wiesbaden,

Mittwoch, den 6. September

Z8â

Neue Bestellungen auf dieNassauische Zeitung" nebstAllgemeines Kirchen- und Schulblatt," werden pro Juli bis September ferner noch angenommen bei allen Postanstalten des Herzogtums für fl. 2. 12 kr. incl. Postprövision. In Wiesbaden bei der Expedition am Friedrichsplatz für fl. 1. 45 kr. vierteljährlich.

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Uebersichten , Erörterungen

Aktenstücke.

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Die lombardische Frage.

Daß Frankreich und England ein Recht ansprechen über die Zukunft der österreichischen Provinzen in Ita­lien mitzuentscheiden, verdient die ernsteste Erwägung. Noch größeres Bedenken erregen die Aeußerungen zweier Minister in Wien selbst, weil daraus hervorgeht, daß dort die Möglichkeit vorhanden ist, Nadetzky's Errun­genschaften könnten preisgegeben werden, daß dort viel­leicht nach Blücher's berühmtem Ausspruch die Federn wieder verderben könnten was das Schwer gut gemacht. Das gegenwärtige Ministerium in Wien steht unter Einflüssen, welche den Verdacht erwecken, eine slavische Partei begünstige das Aufgebe» der Lom­bardei, um, ich will nicht sagen eignen Trennungsabsich- ten indirekt zu dienen, doch wenigstens die bei dein Verlust der Lobardei zunächst und allein betheiligte deutsche Partei zu schwächen. Man hört vom Rück­tritt des edlen Wessenberg,*) der die englisch-französische Intervention nicht hat anerkennen wollen, doch wohl nicht weil er sie nicht hat anerkennen wollen? Grund genug zum Aufmerken, zur thätigsten Wachsamkeit! Die junge Diplomatie der Centralgewalt in Frankfurt hat keine bessere Gelegenheit eine Probe ihrer Fähigkeit ab- zulegen. Die Lombardei gränzt nicht, -an Simmen noch an Croatien. Es sind die deutschen Oesterreicher, fre­uen so viel an der Lombardei gelegen sein muß, als jenen Slaven nicht daran gelegen zu sein scheint. Es ist das ganze übrige Deutschland, dessen Interesse mit dem der deutschen'Oesterreicher übereinstimmt. Wenn die Wiener Diplomatie in Bezug auf die Lombardei etwas versäumt, muß die Frankfurter Diplomatie mit dem ganzen Gewicht des deutschen Nationalwillens für sie eintreten. Oesterreich muß die Lombardei behaup­ten aus Gründen des Rechts und des Interesses, uu" zwar nicht nur des eignen, sondern des gesummten

deutschen Interesses.

Gründe des Rechts: Die Lombardei und Venedig sind anerkannte Provinzen des österreichischen Kaiser- staates, so gewiß wie Irland eine Provinz Großbritan­niens ist. Wird in Irland ein Aufruhr durch bie Truppen der rechtmäßige" Regierung besiegt, so hat kein dritter Staat das Recht, sich jtt Gunsten der Auf­rührer einzumischen. Was würde wohl England dazu sagen, wenn der deulsche Rcichsverwcscr ihm seine Vermittlung in Bezug auf die irischen Händel anböte? Wenn er dadurch ein Recht der Iren gegen England aufzustehen anerkennte? Wenn er verschlagen würde, etwa das östliche Irland bei England zu lassen^ dage­gen aber das westliche unabhängig zu machen. Die Engländer würden uns, wenn wir eine solche Ein­mischung wagten, für ein wenig thöricht halten. Ihnen aber schien es durchaus nicht bedenklich, in den Ange­legenheiten der Lombardei eine Vermittelung zu über­nehmen. Sie erlauben sich bei uns, was wir uns bei ihnen nie erlauben dürften. An der Themse wie an der Seine lagen unberufene Ländervertheiler über der großen Karte der Lombardei und steckten die Grenzen, bis wohin das Land noch österreichisch bleiben sollte, von einem Nebenflüsse des Po zum andern ab, erst rückwärts, so lange Radetzky rückwärts ging, dann wieder vorwärts, wie er vorwärts ging. Aber auch eine Vermittelung, die nicht die unbestreitbar den Maß­nahmen Oestereichs allein vorbehaltene Lombardei, sondern die Pacification zwischen Oestereich und Sar­dinien beträfe, ist von Seiten Frankreichs und Eng­lands unstatthaft und überflüssig, weil die Unterhand­lungen zwischen den beiden kriegführenden Staaten schon abgeschlossen sind. Wenn sie aber auch noch nichts ab­geschlossen wären, hätte Frankreich so wenig ein Recht zu Gunsten Sardiniens einzuschreiten, als Oesterreich je ein Recht angesprochen hat, etwa für Algier gegen Frankreich aufzutreten Der Dey von Algier hat Frank­reich beleidigt, und ist dafür von Frankreich nicht nur

handelt, und ist doch weit milder behandelt, nämlich nur in seine Grenzen zurückgewiesen worden. Und doch sollte Frankreich jetzt für Sardinien thun, was Oester­reich für Algier zu thun nie eingefallen ist? Oester­reich ist sowohl Sardinien gegenüber als gegenüber den Lombarden in seinem vollen Recht, und hat sich dessel­ben mit seltener Mäßigung bedient. Der Anspruch Frankreichs und Englands auf ein Intervenüonsrechl in Oberitalieu ist mithin in keiner Weise begründet. Wenn sie dennoch davon Gebrauch machen so wider­fährt Oesterreich eine Mißkennung seiner Rechte, welche Deutschland nicht dulden darf, weil Oesterreich ein Theil Deutschlands ist, und weil was dem Theil ge­schieht, dem Ganzen geschieht.

Gründe des Interesses: Der Besitz der Lombardei ist Delitschland unentbehrlich. So wie das deutsche Reich unter Karl dein Großen zur Einheit gelangte, setzte es sich auch in festen Besitz der Lombardei. So wie das deutsche Reich geschwächt und geschändet wurde, verlor es die Lombardei. So wie es wieder start und geachtet war, gewann es die Lombardei wieder. Die eiserne Krone zu Monza ist der von der deutschen Kaiserkrone unzertrennliche Trabant. Wir sind die Erde, Oberitalieu ist unser Mond. Die Schwache und Erniedrigung deutscher Nation wird nie sicherer erkannt als wenn wir keine Anziehungskraft auf die Lombardei mehr üben. wenn hier der politische Magnet versagt. Der feste und stramme Anschluß der Lombardei an Deutschland ist das Kennzeichen unseres nationalen Wohlbefindens und der GeUuttg, die iift^i ^urova.- schen Staatenfhstem gebührt. -Oie Alpen jtiio unsere Mauer, die Lombardei ist unser Glacis. Man bildet sich etii, Triest für Deutschland reiten und eine öster­reichische Marine auf dem adriatischen Mec. e unter? badcu zu können, wenn man nur Venedig habe, möchte dann auch Mailand aufgegeben sein. Allein das ist ein gefährlicher Irrthum. Als vorgeschobener Posten wäre Venedig ein verlorener Posten, in der Fla ake be­droht, unhaltbar. Ich gehe noch weiter. Ich behaupte, ohne den Besitz von Mantua und Malland kann Oesterreich auch nicht Verona, nicht Triem, vielleicht nicht einmal Botzen behaupten. Es war ein ganz no­tiger Instinkt, vermöge dessen der König von Saromien, fowie er Mailand inne hatte, auch schon den Brenner als die künftige Grenze zwischen Italien und Deutsch-

land bezeichnete. ~. <

Auch verdient unser Verhältniß zur Schweiz hier alle Beachtung. Die Neutralität der Schweiz hangi lediglich von ihrer MillelsteUung zwischen Frankreich und Oesterreich ab. Hört die Lombardei aus, ozlerreichizch zu sei», so gränzt die Schweiz auch nur »och nu^lnem kleinen Theile an Oesterreich, so wird sie den Dezter- reichern entrückt und ganz unter französizchcn Einfluß gestellt, beim in der Lombardei zelbst würde an die Stelle des österreichischen Einflusses nur der frauzözizche treten. Vielleicht wundern sich manche Le,er, wenn ich auch das Verhältniß Dcuischlankö zum heiligen Stuhle hier in Berechnung zu nehmen der Mühe werth finde. Wenn Oesterreich die Lombardei verlöre, wurde auch Rom dem deutschen Einflüsse entzogen und vorzugsweize dem zran- Mschen anbcimgegeben sei». Das ist aber e.ne für das deutsche Nationalimeresse kemeSwegv gM.gulnge sache. Wer möchte verkennen, wilchen Auzzchwuug die katho­lische Kirche in den letzten Jahrzehnten genommen hat. In Deutschland geht man jetzt ernstlich daraus auS, sie sogar vom Staate unabhängig zu machen. Hat inan !vS überlegt, was es für Folge» habe:, mußte, wenn, nach dem Verlust der Lombardei, die Oesterreicher nichts mehr in Italien zu sagen hätten, wenn dagegen d.e Franzosen dort die Oberleitung der Dinge an Nch rissen, wenn sie namentlich die römische Kurie von ,ich abhän­gig machten und alsdann unter franzosizchem Einfluß päpstliche Befehle im katholischen Deutschland e> lassen âde^ welche unbedingte Geltung hätten, zozern das nlmwtnm reo-ium für Deutschland abgezchaftl wäre ? ^rwÄ noch Ston. »°»,»« ^«w» W unb ihren Interessen zu reden. Sie halten ohne Zwei­fel ein Recht, sich über ihre frühere Regierung, das wie alle andern Bevölkerungen der Monarch Aber dieses Svfiem wurde ja zchon tn Wien gestürzt. Die Lombarden handelten unklug, in einem Zeitpunkt von Oesterreich abzufallen, in welchem ihnen die liberalsten

Bewilligungen gewiß waren. Aber sie scheinen weniger Werth aus die Bürgschaften bürgerlicher Freiheit als auf die Nanoualunabhäiigigkeit gelegt zu haben; mit Unrecht. Italiener zu sein ist ihnen von Oesterreich nie gewehrt woiden. Die italienische Einheit aber ist eine Chimäre, bereu Realisirung verhindert zu haben Oesterreich niemals zum Borwurf gereichen kann, weil die Italiener sie auch nach Entfernung der Oesterreicher und Deutschen weder dießmal, noch nach dem Feldzug von 1797, noch je im Mittelalter haben verwirklichen können. Wenn bei der Erhebung der Lombarden im letzten Frühjahr die Einheit Italiens der Zweck war, so waren die Mittel, deren man sich dazu. bediente, eigentlich nichts anderes als eine Protestation gegen den Zweck. Die einen wollten ganz Italien unter Pius IX. vereinigen und nannten den Papst mit Ostentatiou Re d'Ilalia. Die andern gedachten, dem König von Sar» ducken, dem damals sogenannten Schwert Italiens, die Ehre zu; aber einer von beiden schloß eben den andern aus und man vergaß, daß weder Toskana noch Neapel sich eine Usurpation anderer würden haben gefallen lassen; ja zur Verhöhnung der Einheit vermehrten die 'Sici» Iraner noch die alte Theilung, indem sie sich einen be­sondern König wählten. Freilich dachten viele an die Republik und an die Beseitigung aller jener Theilfürstc». Aber es fehlte an republikanische» Tugenden. Wenige Monate vorher halte Mazzini ein allgelescnes Buch über Italiens Zukunft geschrieben. Warum haben sich die Lombarden die inhaltschweren Lehren dieses Buches nicht

itzt, um sich zu vereinigen, und da es, wie bisher, so ünftig, immer nur die Wahl haben wird, entweder von Deutschland oder von Frankreich abhängig zu sein. Das alles ließen die Lombarden unbeachtet und empörten sich zu einer Zeit, wo ihnen alles, was sie erreichen könn­en, schon von selbst und ohne Kampf zugcfallcn wäre, das absolut Unerreichbare aber auch gar nicht hätte er­strebt werven sollen. In ihren Berechnungen herrschte eine wahrhaft klägliche Confusion. Sie wollten eine Republik, konnten sie aber nicht durchsehen und huldig, ten mit widerstrebendem Herzen dem Sardenkönig, ohne irgend eine Bürgschaft zu haben, daß demselben auch im übrigen Italien werde gehuldigt werden und daß die Einheit Italiens werde eine Wahrheit werden. In dieser unnatürlichen verlogenen Stellung mußten sie anders reden als sic dachten. Wer aber dazu gezwun­gen ist, steht nicht auf der Höhe jener reinen Volis- begeifterung, durch welche Nationen frei werden. Fast vier Monate lang beschäftigen sie sich mit >iwcrm Ha­der, principiellem Streit über Staatsformeu und jäm­merlichen Lokaleifersüchteleien je einer Stadt gegen die andere, anstatt daß sie, alle von Einem Geiste beseelt, sich hätten kriegerisch rüsten sollen. Waorcnd sie dem Sarden mißtrauten, überließen sie doch ihm alle,n btc Ehre und Last der Kriegführung und unterstützten die Tapferkeit der Piemontescn viel zu wenig. Ja es schien, als ob jene Tausende von jungen Lombarden, die in die Schweiz geflüchtet kamen, sich eben ,o sehr vor dem Kriegsdienst'unter Karl Albert wie vor dem unter Ra­detzky gescheut haben. Wenn d.e Lombarden endl.ch Frankreich um Hülfe angingen, so besattg.eu sie da­durch nur, was ihnen Mazzini gezagt hatte. daß J a- lien nie unabhängig sein kann und daß es in demAu- acnblick, in dem es nicht mehr von Deutzchland abhangt, von Frankreich abhängen muß. Würde aus der fran­zösischen Hülfeleistung Ernst, so stünde der Lombarde, eine lange Fortdauer des Krieges und seiner Verhec-- rungen bevor, der Ausgang würde aber wahrzchcrulich wieder der nämliche sein, wie in allen frühern ähnlichen Kämpfen, nämlich der deutsche Einfluß würbe zuletzt immer wieder den französischen überwiegen. Es wurde demnach im eigenen Interesse der Lombarden liegen, die Fortdauer des Kriegs zu vermeiden und in Ruhe und Frieden an den liberalen Errungenschaften der österrei­chischen Gesammtmonarchie und Deutschlands Theil zu nehmen. Um so mehr, als die gänzlich veränderten Zollvcrhâltnisse ihnen sehr vortheilhafte Verbindungen mit dem deutschen Markt sichern. LA- A. 3- J

gezüchtigt, sondern sogar seiner Länder beraubt worden.

Ungleich schlimmer hat Karl Albert an Oesterreich ge-

*) Die Nachricht, wenn je wahr, scheint nicht mehr wahr zu sein.