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Freiheit, Wahrheit und Recht!
Materielles und geistiges Wohl des deutschen Nölkes!
Wiesbaden, Freitag, den 1, September. 1848,
Neue Bestellungen auf die „Nassauische Zeitung" nebst „Allgemeines Kirchen- und Schulblatt," werden pro Juli bis September ferner noch angenommen bei allen Postanstalten des Herzogthums für fl. 2. 12 kr. incl. Postprovision. In Wiesbaden bei der Expedition am Friedrichsplatz für fl. 1. 45 kr. vierteljährlich.
Inserate, welche bei der großen Verbreitung der „Nassauischen Zeitung" im Lande den beabsichtigten Zweck erreichen, werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet.
Uebersichten , Erörterungen und Aktenstücke.
68. Sitzung der constituirenden National- Bersammlung.
Frankfurt, 29. August. Die Sitzung wird durch den Präsidenten von Gagern um 9% eröffnet.
Das Protokoll der letzten Sitzung wird verlesen und genehmigt. Eisenman n fordert' den völkerrechtlichen Ausschuß auf, den Bericht über seinen jüngst gestellten, das Verhältniß Deutschlands zu Ungarn betreffenden Antrag möglichst zu beschleunigen. Ich habe, sagt der Redakteur, Beweise aus glaubwürdiger Quelle, die auch das Reichsministerium als solche anerkennen wird, in Händen, daß eine furchtbare Reaction sich vorbereitet. (Heiterkeit.) Ich habe zwar seiner Zeit keine Reaction gesehen, jetzt aber sehe ich sie. (Heiterkeit.) Ich sage, daß Ungarns Niederlage eine Niederlage Deutschlands ist. Es sollen nun nach bereits abgeschlossenem Waffenstillstand 24,000 Mann Böhmen re. nach Italien gesendet werden, um eben so viele Kroaten abzulösen, welche zur Armee Jellachich's stoßen sollen. Dagegen sollen die in Italien befindlichen 12,000 Mann Ungarn dort bleiben. Mit Ungarn fängt man an, mit Deutschland hört man auf. N a d c 6 k v und Iclla ch i ch stehen in genauester ÄlMsipondAtz. 2ch—frage bu« èict-smknkstcrilim , Tb es,- nachdem es nach überall hin in Europa und vielleicht auch nach Amerika Gesandte geschickt hat, auch nach Ungarn sobald als möglich einen Gesandten schicken wird? (Beifall.) Die Interpellation Eisenman n's erhält sehr zahlreiche Unterstützungen. Der Präsident wird dafür Sorge tragen, daß das Ministerium einen Tag für die Beantwortung bestimme. — Es wird nunmehr zur Tagesordnung der Discus- sion über §. 14 der Grundrechte geschritten. Dieser lautet: Neue Neligionsgeselischasten dürfen sich bilden; einer Anerkennung ihres Bekenntnisses durch den Staat bedarf es nicht. Ahrens von Salzgitter erklärt sich für das zweite Minoritätserachten, welchem er einen Zusatz beifügt: Den Gemeinden ist eine Mitwirkung bei der Ernennung und Entlassung der Kirchcnbeamten (Geistlichen) zugesichert. Die Art der Mitwirkung wird durch die Gesetzgebung der einzelnen Staaten bestimmt. Lasaulr erklärt sich für das erste Minoritätserachten mit einem von ihm und vielen Mitgliedern unterzeichneten Zusatzantrag. Die Abstimmung über die vorliegende Frage wird der Nachwelt zeigen, wer ein Zutrauen zu der Heilkraft der Wahrheit hat. DaS Princip
der neuen, mit Gotteshülfe bessern Weltordnung ist dasjenige der individuellen Freiheit. Dies muß allen, also auch der Kirche zu gut kommen. In der christlichen Kirche wiederholt sich das Leben von Christus. So hat sich z. B. in der Hinrichtung der Märtyrer sein Tod, tu der Versuchung der heiligen Anachoreten seine Versuchung in der Wüste wiederholt. Gegenwärtig hat das Christenthum nicht die frühere Kraft weder im Leben noch in der Wissenschaft. Selbst in diesem Hause ist von Vertretern des deutschen Volkes mehrfach behauptet worden, daß die christliche Kirche als solche vernichtet werden müsse. Also sind wir, Dank dem zersetzenden Bettelstolze des vorigen Jahrhunderts, an der Grablegung angekommen. (Heiterkeit.) Wie damals die römischen Soldaten Wache standen, damit Christi Leib nicht gestohlen und dann seine Auferstehung verkündigt werde, so standen im Polizeistaate die schwarzgelben oder anders gekleideten Polizeischergen am Grabe der Kirche, damit sie nicht auferstehe. Nachdem an die Stelle des Polizeistaats die Selbstregierung des Volkes getreten ist, wäre cs eine doppelte Schmach und ein Beweis der Lügenhaftigkeit, wenn wir die Bureaukratie, die wir im Staate zerstört haben, in der Kirche fortbestehen.lassen wollten. Das bisher vom Staate beanspruchte Placetum muß wegfallen. Ich w ll verlesen, was der holländische Ministerpräsident an die dortigen Generalstaateu geschrieben hat, und was auch die deutschen Cultuöinuuster, auch die hicr^ainve-
Beschränkung des Verkehrs mit den Obern der katholischen Kirche ausgesprochen wird.) In dem Verfassungsentwurf sind die neu sich bildenden Religionsgesellschaften völlig freigegeben; der alten dagegen ist nicht erwähnt, wie cs' überhaupt charakteristisch ist, daß der ganze Entwurf des Namens Gottes und des Cristenihums üicht erwähnt. Man will also daS seit Jahrtausenden Bestehende nicht freigeben. Die bisherige schiefe Stellung des Staats zur Kirche hat den Haß aller Parteien herausgefordert. Es kann dieses nicht fortdauern. Kein Volk hat ohne positive Religion je bestanden, und Deutschlands Wiedergeburt kann nur gegründet sein auf die in der Freiheit sich entwickelnde Religion. Die Unterscheidung zwischen innern und äußern Angelegenheiten, wie das zweite Minoritätserachten will, ist nirgends verfehlter als auf dem Gebiete der Kirche. Der Cultus rc. ist die Fortsetzung des Innern. Das zweite Minoritätserachten wird fortwährend Streitigkeiten mit dem Staate'zur Folge haben. Ich beantrage schon jetzt namentliche Abstimmung über das erste Mi- noritätsekachten unddessen Zusatz. Pfeiffer aus Adamsdorf erklärt sich für den Ausschußantrag. Er erinnert
an die Despotie des Polizeistaats auf religiösem Gebiete, z. B. gegen die Deutschkatholiken und die freien Gemeinden, aber auch daran, daß die Kirche im Sinne des Polizeistaats für den beschränkten Unterthanenverstand gewirkt bat. Lassen wir die eine Säule bestehen, so werden sich bald welche finden, welche im alten Style fortbauen werden. Die Aristokraten, welche wohl zu ihrem Nachtheil sobald wieder flügge geworden sind, werde nbald ihre Bundesgenossen sinden. Grförer aus Freiburg erklärt sich für das erste Minoritätserachten und den Zusatzantrag von Nagel und Lasaulr. Er gibt eine längere geschichtliche Entwickelung, aus welcher hervorgeht, daß Deutschlands Erniederung und Servi- liömus von der Aneignung der Kirchengewalt durch die Landesfürsten Herrübre. Er macht darauf aufmerksam, daß Hoftheologen bei Ständeeröffiiungen für die Rechte der Könige, welche durch die Stände angegriffen wurden, mit besonderer Salbung gepredigt hätten, als ob (mit einem schwäbischen Dichter zu reden) die ganze Bibel ein Buch der Könige sei. (Schluß f.)
Nassauisches.
?H Kammer - Verhandlungen.
35. Sitzung.
Uresenr us. Die Kunst habe eben so viel Berechtigung auf Unterstützung ' im Staate als jede andere Wissenschaft. Nach einer Revolution gewöbne man sich leicht daran, Alles einzureißen, ohne dabei Unhaltbares von Gutem zu unterscheiden. Das Theaterjahr gehe nicht vom 1. Januar an, sondern vom März und eine Verwilligung bis zum 1. Januar sei also ganz unbrauchbar. Der Kammer bleibe es ja immer Vorbehalten, wie viel sie bewilligen wolle und wie lange, wenn sie auch ihren letzten Beschluß so auslcgcn würde.
Werren. Die Regierung habe den technischen Direktor des Theaters aufgefordert, seine Ansicht kundzugeben, ob mit einer Verwilligung bis zum 1. Januar etwas auszurichten sei. Darauf sei aber eine gänzlich verneinende Antwort gekommen.
Lang. Er könne nicht begreifen, wie diese Sache jetzt so weitschweifig behandelt würde, während sie doch so einfach sei.
Die Kammer würde nicht ehrenhaft bandeln, wenn sie sich durch die Aufregung und Agitation in der Stadt Wiesbaden einschüchtern ließ und ihren letzten Beschluß umstoßen wolle. Wenn man die Noth von Wiesbaden schildere, so könne man auch die Noth t er armen Bauern
* 2l» Deutschland.
Mein Vaterland, mein Vaterland, Noch immer ein zerrissen Band! Ach, deine Einheit will nicht blühen Trotz allem Mühen und Bemühen Vom Rhein bis an den Meeresstrand.
Sie reden vjel, Sie schreiben viel, Voll Kraft und Feuer ist ihr Styl; Umsonst, bevor in lauten Stürmen Sich Thaten nicht auf Thaten thürmen, Kommt nimmer daS ersehnte Ziel.
„Ein einig Deutschland!" — hoher Klang, Der jubelnd durch die Seelen drang, Den alle Zungen brausend riefen Aus der Begeistrung Herzenstiefen — Sollst du verwehn so matt und bang?
Mein Vaterland, mein deutsches Land, Sei wach, und nimm das Schwert zur Hand; Und wenn nicht bald der Tag erscheinet, Wo man dich einet, innig einet — Dann lodre auf im Wetterbrand; —
E. W.
Stolz und Liebe.
(Nach dem Englischen.)
(Fortsetzung und Schluß.)
Dieser Ausbruch des Gefühls von mütterlicher Liebe entschied den Proceß. Die Richter erklärten unsere -Ehe für gültig, aus dem Grunde, weil der Contrakt mit meinem wirklichen Namen unterzeichnet war. Noch fügten sie hinzu, daß gar keine solche Standesverschiedenheit unter uns obwalte, wodurch sie berechtigt sein könnten, unsere Ehe aufzulosen. Jedoch erklärten sie Auroren, daß es ihr freistände, ihren besondern Aufenthalt zu wählen, und beruhigten sie, daß sie vor aller fernern Beunruhigung geschützt und von meiner Gewalt befreit sein sollte.
Wohl war ich während des ganzen Verhörs in der Versammlung; aber Keiner vermuthete, daß der arme Blasebalgflickcr das Aeußere eines feinen Mannes haben könne, und ich blieb demnach unbeachtet. Seitdem trug man sich mit den lächerlichsten Mährchen von unserer Verheirathung und meiner Abwesenheit. Ich lachte mit den Andern. — Aber ich fand auch, daß diejenigen, die sich auf Kosten Auroren's lustig machten, gewöhnlich auch mir die Schuld aufbürdeten. Nachdem ich mit meinen Freunden berathen und eingeschen, daß Lyon nicht der Aufenthaltsort für mich wäre, beschloß ich, diese Stadt zu verlassen und reiste nach Paris. Hier vermuthete Keiner, wer ich war. Der arme Blasebalgflicker mit
hunderttausend Franks und dem Credit von seinen Lyoner Freunden war ein angesehener Kaufmann. Das begünstigte mich über mein Erwarten. Mein Verkehr mit Lyon dauerte fort. Ein glücklicher Zufall setzte mich in den Stand, einem dortigen Banquier einen wichtigen Dienst zu leisten, und wie es sich ergab, war dieses nur selbst von wesentlichem Nutzen. Er'wünschte sehr, daß ich ihm einen Besuch abstatten möchte. Ich nahm diese Einladung sehr gern an, denn ich sehnte mich, dieselbe Luft ein zu athmen, wo Aurora wohnte. Ich begab mich also nach Lyon in einer glänzenden Equipage mit einer Dienerschaft in einer Livree nach der neuesten Mode. Diesmal war nichts erborgt.
Meine alten Freunde erkannten mich kaum, eS war also leicht, den Bemerkungen geringerer Bekannten zu entgehen. Ich fragte nach dem berühmten Prozesse, der vor fünf Jahren so viel Aufsehen erregt hatte; ich fragte nach Aurora, nach ihrem Kinde, ohne Anschein von besonderem Interesse. Man sagt mir, ihr Vater sei todt, und daß sie wegen des schlechten Standes seiner Angelegenheiten in großer Abhängigkeit von der Aebtissin zurückgelassen worden. Noch immer erregte sie das Inte- resse deS Publikums zu ihren Gunsten. Die Aufmerksamkeit, die sie auf die Erziehung ihres SohneS verwendete, gewann ihr die höchste Achtung. Auch bemerkte man, daß der Blasebalgflicker sie noch niemals beunruhigt hätte. . S Ä M
Man kann sich vorstellen, daß ich diese Nachrichten nicht ohne die innigste Rührung vernahm. In der ganzen Zeit meiner Abwesenheit waren alle meine Bemühungen