^- 156.
Mffauischc Zeitung.
Freiheit, Wahrheit und Recht!
Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!
Wiesbaden, Mittwoch, den 30. Angnst. L8L8.
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Uebersichten - Erörterungen und Aktenstücke.
Der deutschen Aufgaben vorderste.
Nach der A. A. 3-,
Die Deutschen mühen sich jetzt viel ab mit der Frage, ob Monarchie oder Republik? Ich weiß nicht, ob ich so sehr im Irrthum bin, aber es will mich immer be- dünken, als ob dieß für den Augenblick noch ein beinahe müßiger Vorwurf wäre. Erst muß eine andere, viel größere, unendlichmal bet eutiingovollere Aufgabe gelöst sein, ehe diese Frage zur Verhandlung zeitreif sein kann. Wo ist denn, genau betrachtet, der große Unterschied zwischen Republik und konstitutioneller Monarchie? Die Republik ist jene Berfaffungsform, in welcher der Wille des Gesammtvolkes, namentlich sein einsichtsvollerer Theil, die Norm der Negierung gibt; die constitutionelle Monarchie ist ganz eben dasselbe, mit dein einzigen Unterschied, daß in ihr die höchste Regierungöperson eine erbliche ist, während sie in der Republik gewählt wird. Die Kenntniß des menschlichen Gemüths aber lehrt und die Weltgeschichte zeigt, daß eine solche Wahl fast immer mit gesellschaftlichen Erschütterungen verknüpft ist, welche die Ruhe und Festigkeit des Staates und seine Verfassung Gefahren aussetzen und oft genug bitt' tige Umwälzungen hervorbringen. Um dem auszuweichen, hat man das oberste Reichsamt einer auserwählten Familie für immer erblich übertragen. Und damit diese Familie ihr Erbrecht nicht mrsshrauchen könne, hat man Mr Macht durch Gesetze so eingeschränkt, ihren Spielraum durch Ministerien und Parlamente in so enge, vorsichtig gezogene Gränzen eingeschloffen, daß ihr, wie in England, nur die Förmlichkeit, aber kaum noch ein Schatten von eigener Gewalt, dagegen dem Parlament die ganze Gesetzgebung und Negierungsmacht in die Hände gelegt ist; das Parlament ist der Volkswille und die Volksmacht; es ist dieß bei der Republik wie bei der constitutioncllen Monarchie in gleicher Weise. Man sieht, bei einer gut gebauten constitutionell-monarchischen Verfassung ist kein irgend erheblicher Unterschied von einer Republik vorhanden, im Gegentheil, die constitn- tionell-monarchische Verfassung ist die verbesserte, ver- vollkommte Republik; es ist die Republik ohne die Gefahren der Präsidentenwahlen. Man muß es zum tan- scndstcnmal wiederholen, weil es die Leute neunhundertmal immer wieder vergessen.
Wenn nun diese beiden Formen von Staatsverfas- sung sich so nahe stehen, einander so ähnlich sind, daß es um ihren Unterschied kaum der Mühe lohnen möchte, viele Worte zu machen, geschweige sich zu erhitzen oder
Stolz iin b Liebe.
(Nach dem Englischen.)
(Fortsetzung.)
Im Uebermaß ihrer Freude schickten sie ihr in meinem Namen ein prächtiges Ständchen und begleiteten eâ. mit einer Uhr, Armbänder und andern Kostbarkeiten. Gegen Ende der Woche war der Heirathskontrakt aufgesetzt. Ich unterzeichnete meinen eigentlichen Namen; eine Vorsicht, die, wie sich'S nachher ergab, von großer Wichtigkeit für mich war. Daâ war nun Betrug; aber der Himmel weiß, daß ich ihn nicht ohne Gewissensbisse unternahm. In Gesellschaft meiner Freunde, durch ihre Scherze, durch die mich fesselnde Abhängigkeit, durch ihre Lehren, ihre Güte, durch alleâ dieses wurde ich verhindert, über die Gegenwart und Zukunft nachzudeukcn. War ich aber allein, der Stille und Einsamkeit überlas- sen, so floh vor dem schrecklichen Gemälde, daö ich mir machte, ihre Sophisterei und selbst die Liebe.
Tausend Mal war lch entschlossen, mich zu ihren Füßen zu werfen, Alles zu bekennen und sie um Verzeihung zu bitten. Aber meine Verpflichtungen, meine Liebe zu ihr und selbst meine Eigenliebe hielten mich vom entehrenden Geständnisse zu ück, und auch die Hoffnung uralte mir die Zukunft mit Hellern Farben. Aurora wird eine kurze Zeit unglücklich sein, sagte ich zu mir selbst, aber die Liebe wird ihr Unglück verscheuchen. Meine
im Wahne gar blutige Köpfe zu schlagen, so sieht man nicht gut ein, wozu alle die demokratischen und republikanischen Anstrengungen so vieler Klubs dienen sollen, wenn ihnen nicht ein selbstsüchtiger, bloß wühlerischer Hintergedanke unterliegt. Wir sind jetzt in der glücklichen Lage, uns in Frankfurt eine konstitutionell- monarchische Verfassung nach eigenem Gefallen von solcher Beschaffenheit ausmitteln zu können, daß sie allen Bedürfnissen entsprechen, alle nur irgend wünschenswerthen, unserm jetzigen Kulturzustande angemessenen Bedingungen enthalten und die oberste Fürstenfamilie unserer Wahl in ihrem regierenden Haupte so einschränken kann, daß es fast unfähig wird, übles zu thun, wenigstens gewiß genau eben so unfähig, ja noch unfähiger als irgend ein gewählter Präsident einer Republik, der doch immer durch die im Staate vorherrschende Partei, die ihn wählte, einigermaßen gefährlich wird.
Anders, sehr viel anders stände die Sache, wenn unsere 33 deutsche» souveränen Fürsten, ihr Avelsan- hang, ihr Beamtenstand, ihr Offizierkörper sich beharrlich weigerten, die gewünschte Verfassung zuzulassen, wenn sie die Vereinigung Deutschlands zu hintreiben suchten, wenn sie den Frankfurter Beschlüssen Wider- spänstigkeit entgegensetzten, wenn sic der noch in Händen habenden Kräfte sich bedienten, offen oder heimlich in ihrem Privatinteresse das deutsche Volk um das Heiligste, was es jetzt aus voller Seele erstrebt, um die Erreichung seiner "Einheit und einer einheitlichen constitutionell-monarchischen Verfassung zu bringen. Wenn dieß der Fall wäre, wenn die Versuche in dieser Rich- tung in Berlin, in.Hannover, in Braunschweig und biircbfdjnnmmiD in Wien n. ä. ^- gemacht woroen sind, zum Durchbruch kommen und zur Oberhand gelangen könnten, dann stellte sich die Sache freilich anders; sie bekäme ein bedenkliches Gewand und der Himmel wolle dieß mit seinen schweren Folgen verhüten! Dann würde, was sich niemand verhehlt, das Gift, das ein Haufen Demagogen ausgestreut, allmälig in die Gemüther einziehcn, das Gift der Broschüren, die da behaupten, die Deutschen werden niemals, so lange sie ihre Fürsten dulden, zu einer redlichen, volksthümlichen Verfassung gelangen, und es gebe schlechterdings kein anderes als rein radikales Mittel hiezu, nämlich die vorläufige Entfernung aller deutschen Regenten; erst auf den vollständigen Trümmern ihrer Throne sei es denkbar und möglich, eine unangefochtene einheitliche Verfassung aufzubauen, und deßwegen solle man damit beginnen,'alles vorhandene Hohe zu allererst umzustürzen. Der Vorschlag schließt die ärgsten Rücksichtslosigkeiten und Gesetzlosigkeiten in sich, aber er darf als leuchtende Gefahr im Hintergründe der Begebenheiten nicht aus dem Auge verloren werden. Er ist ein Ge
Phantasie, meine verblendete Erbitterung ihrer Feinde überzeugten mich bald, daß sie glücklich sein werde; ich sollte ja so viel Geld bekommen, daß es uns eine Subsistenz verschaffen könnte. Durch Betriebsamkeit wäre ich im Stande, sie gemächlich zu erhalten. Ich würde mich augenscheinlich als einen elenden Wicht betrachtet haben, wäre ich nicht geneigt gewesen, für sie alle meine Kräfte und mein ganzes Leben aufzubicten. Ihr erster Zorn würde schrecklich sein, dachte ich; aber hat sie sich außer dem Bereich der Hülfe gefunden, so würde sie wahrscheinlich der Vernunft Gehör geben, und wir würden endlich, wir müßten glücklich sein.
Der Tag erschien endlich; aber nicht eher, als bis Aurora ihr heiliges Ja auüsprach, fühlte ich ganz die abscheuliche Rolle, die ich gespielt hatte. Ich starrte vor Entsetzen, ich saß fast besinnungslos im Wagen. Ein Thränenguß erleichterte mein Herz von der Last, von welcher cü gedrückt wurde. Die uns Umgebenden hielten diesen Kampf der ersterbenden Tugend für ein Uebermaß des Gefühls. Selbst Aurora verstand mich nicht; ich sah, ich fühlte cs durch die zärtlichen Liebkosungen, die sie bald darauf gegen mich verschwendete. Für die Gewandtheit, mit welcher ich den Plan der Kupferstecher ausgeführt hatte, wurde mir von ihnen erlaubt, Auroren noch einen Monat in der Täuschung zu erhalten. Trunken vom Uebermaß der Liebe in dieser Periode hatte ich nicht die mindeste Ahnung von dem baldigen schrecklichen Ende des Drama's. Nach einiger Berathung mit den unversöhnlichen Feinden meiner Aurora wurde beschloßen, daß ich mich mit ihr nach dem kleinen Dörfchen in der
witter, das drohend am tiefen Horizont steht: wir, dis Männer der constitutioncllen Monarchie, wir sind es nicht, die ihm den Zugwind zu uns ber öffnen, aber unsere Aristokraten selber könnten es sein, die es heraufbeschwören über unsere und mehr noch über ihre eigenen Scheitel, wenn sie selbstverblendet auf die Zeichen nicht achten und der constitutioncllen deutschen Einheit Fehde machen sollten. Es gibt in Deutschland, selbst in Oesterreich, eine große Menge Menschen, die zwar jetzt noch konstitutionell denken, deren Gesinnungen aber ganz nahe an die Republik streifen. Die Anzahl derselben wächst sicherlich von Tag zu Tag und es bedarf nur geringer äußerer Zuthat, um sie in das andere Lager herüberzuführen. Das sind die Zeichen der Zeit. Nicht nur Tausende, sondern Millionen Menschen würden übergehen aus dem Hoffnungslos geworbenen konstitutionellen Lager in bas rächrrischc republikanische. Sie würden die Destruktion fort und fort so verstärken, daß diese bald genug die Uebermacht erlangten und uns überwältigten. Inständigst möchte man alle diejenigen Hochstehenden, die indeß nicht cinsehen wollen, bitten, den Warnungen Gehör zu schenken, und jeden vaterlandsliebenden Deutschen muß man eindringlich auffordern, aus allen Kräften beizutragen zu Verbreitung von wohlgemeinten Ermahnungen und zu Erzeugung von klaren Einsichten im Umfang seines Wirkungskreises. Die tägliche Beobachtung zeigt, daß unsere Machthaber es überall nicht sehen, wie nahe die Vereinigung der Constitutionelle» mit den Republikanern liegt, sobald delp Erwartungen der ^ absolutistische .Hindernisse in ^u^i£a»^lefU werden, und welchen ^^fastren-dev-femge Waffenstillstand der Parteien ent- gcgengcht, wenn man sich nicht durch gegenseitige Zugeständnisse in Zeiten verständigt.
Ist aber jene Vereinigung der beiden liberalen Schal- tirungen einmal bewirkt, so ist Deutschland nicht mehr in drei Parteien, sondern bestimmt und klar in zwei große Lager gespalten, in ein unitarisches und ein absolutistisches, oder, wenn man will, der Kampf zwischen Bundesstaat und Staatenbund ist zum blutigen Ausbruche reif.
Wie dieser Kampf vermieden werden soll, der, dem Reformationskrieg ganz ähnlich, zwischen Volk und Volk, zwischen Stadt und Stadt, Familie und Familie, zwischen Vater und Sohn ausbräche und mit der gräßlichsten Verheerung uns bedrohte, ist schwer abzusehen, wenn unsere Herrscher und ihr Anhang sich weigern sollten, die unerläßlichen Opfer zur deutschen Einheit zu leisten. Die unitarische Partei ist-stark, entschlossen, von Vaterlandsliebe durchglüht, zählt unter dem gereiften Alter die ausgezeichnetsten Talente und unter der Jugend die wärmsten schwärmerischen Herzen in
Nähe von Montelimar zurückbegeben, und sie nicht eher, als dort angekommen, über ihre Lage unterrichtet werden sollte.
Als ich meiner Frau den Vorschlag machte, eine Reise zu unternehmen, die nach meinem Sinne sich nicht in dem Schlosse meines Vaters, des Marquis in dem Dauphins, sondern in der Hütte meines Vaterö, des Blasebalg-Flickers in dem kleinen Dörfchen bei Montelimar endigen sollte, konnte ich einen schweren Seufzer nicht unterdrücken, den jedoch die Leichtgläubigkeit Aurorenö sich nicht erklären konnte. Mächtiger wurde ihre lebhafte Imagination gehoben bei dem Gedanken an eine glänzende Equipage, an die Kammerfrauen, Lakaien, alle in meiner Livree, die man unterwegs anstaunen würde, was so schmeichelhaft für ihre Liebe wie für ihren Stolz war, und bei all' dem doch so verzeihlich bei ihrem Alter und ihrer Erziehung. Sie war ja so vergnügt bei den Vorbereitungen, die mir so unendlich schrecklich waren! Dringend bat ich die Kupferstecher, mich zu schonen ; sie brauchten mich nur an meine Verpflichtungen und an meine Lage zu erinnern, und ich konnte nichts vorbringen.
Zwei von meinen zehn Freunden sollten die Vorrei- tcr abgeben, und der eine, dem Aurora den Korb gegeben hatte, war so frech, den Kutscher vorzustellen. Und wirklich war er durch die Kleidung, durch eine alte Pcr- rücke so sehr entstellt, daß ihn selbst einer von uns kaum erkennen konnte. Drei andere bestiegen fröhlich als Lakaien den Hintertheil deâ Wagens. Die übrigen vier blieben der Geschäfte wegen in Lyon zurück, trösteten sich aber mit dem Versprechen ihrer Kameraden, über die