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NâmM ZttliMg.
Freiheit, Wahrheit und Recht!
Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!
Wiesbaden , Sonntag, den 27. August. 1848.
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Uebersichten, Erörterungen und
Aktenstücke.
Die Vermehrung des deutschen Heeres.
A Vom Abhang des Westerwaldcs, 22. August. '
Große stehende Heere sind einer der bedeutendsten Krebsschaden am Wohle des Staates, sie verschlingen die Gelder, entziehen der Gesellschaft eine Menge der tüchtigsten Kräfte und haben (bis jetzt wenigstens) gar viel zur Demoralisation beigetragen. Die großen stehenden Heere, der s. g. 30jährige Frieden, haben Deutschlands Staatssäckel bis auf den Grund ausgefegt, wie es kaum ein langer blutiger Krieg vermocht hätte; haben einen furchtbaren Niß zwischen Vätern und Söhnen, Bürgern und Bürgersöhnen hervorgerufen, und nicht bloß zum theueren glänzenden Spiel —, sondern jii» gleich zum sichersten Bollwerke der absoluten Gewalt gedient. — Je eher sie darum abgeschafft, wenigstens vermindert werden können, um so besser wird es sein; und erst dann, wenn der letzte Soldat verschwunden ist, wird des Vaterlandes Wohl vollkommen sein. Das kann aber erst geschehen, wenn das gesummte Volk Schutz und Schirm seiner Grenzen und seines Herdes ist - durch eine Volksbewaffnung, die aber ganz anders sein muß, als die jetzige. Dazu gehören aber auch Jahre; das Volk muß wenigstens eine ganze Generation hindurch in den Waffen geübt worden sein und kriegerischen Geist eingesogen haben. Das kommt Erbastiq nicht so über Nacht; unt> Diejenigen, welche uns überreden wollen : wenn man die Bürgerwehr or- aanisirt und eincrcrcirt habe, so habe man sogleich and) tüchtige Krieger — haben sich entweder selbst getauscht, oder—wollen uns täuschen. Fürerst sind die meisten unserer Landleute und Handwerker, eben nur Handwerker und Landleute, denen die Erfüllung der Wehrmannspflicht eine drückende Last ist, und so wird es sicherlich noll- lange bleiben. , .. „
Q3ei den gegenwärtigen inneren und äußeren Verhältnissen Deutschlands kann also noch gar keine Rede sein, das stehende Heer abzuschaffen, oder auch nur zu vermindern; es ist ein großes aber ebenso nothwen-
diqcs Uebel. . . . ... ,
' Aber, sagt man, wozu nun gar in dieser gedruckten und gewannen Zeit eine Vermehrung desselben' Auch wir bedauern aufrichtig, daß Deutschlands Finanzen durch die Vermehrung des sichenden Heeres nne. neue, kaum erträgliche Last erwächst, allein wir erblicken darin zugleich eine durch die Verhältnisse bedingte traurige Nothwendigkeit. m ,
hat jemand einen unruhigen, händelsüchtigen Rachbarn und er ist schwächer als dieser, so wird er öfters nicht ohne Prügel davon kommen; fuhrt er aber selb tüchtige Fäuste, so wird er jenem Ruhestörer Respekt einflößen und sich ihn vom Leibe halten.— Nun aber hat das noch in den Windeln liegende Kind deutscher Freiheit und Selbstständigkeit nicht einen unruhigen Nachbarn, sondern eS hat deren auf allen Seiten. Wenn Frankreich, trotz seiner gänzlich leeren Kasse, fortwährend sein Hee.r vermehrt; England, trotz seiner kolosalen Schulden, seine Schiffe auf a^e Meere herumstöbern läßt; Rußland, trotz alles Wuthens der Cholera, auf je 1000 Seelen 7 Söldlinge aushebt — soll da der Michel wieder die Schlafmütze über die Ohren ziehen und ruhig duseln, bis seine Grenzen wieder — wie schon so oft geschehen — überfluthct sind, und er gar unsanft aus seinem so beliebten ..Mittagsschläfchen aufgeweckt wird? — Der französischen Regierung wird am Ende gar nichts übrig bleiben, als ihre Horden, denen nichts Menschliches mehr geblieben ist, hcrausstürmen zu lassen, gleich wilden Bestien:; denn sie kann unmöglich alle Vierteljahre 20,000 derselben im eigenen Lande mit Kartätschen niederschmettern. Und dafür ist Deutschland nid)t allein das nächitgele- gene, sondern auch das anlockendste Land, well sich ■ darin noch am meisten holen läßt. — Englands Stimmung kennen wir zu gut, um nicht zu wissen, daß es offen und heimlich gegen Deutschland agiren wird. Natürlich ; die deutschen Fürstenthümer waren sein bester Absatzmarkt; das einige große Deutschland wird ihm diesen verschließen. —' Von Rußland können und dürfen, wollen wir aber auch nichts hoffen und nichts mit
ihm zu thun haben, als nöthigen Falles auf dem Schlachtfelde. Denn wie stimmet Christus mit Belial? Aber wir kennen seine bösen Gelüste nach dem Osten und ihnen muß Deutschland Zaum und Zügel anlegen. Oder sollen wir Frankreich das linke Rheinufer überlassen und seinen von aller Moralität entkleideten Communisten den Weg zu einem Räuber- und Mordbrenner- Znge freilassen? Soll uns England tu Beziehung auf Schleswig-Holstein wieder einmal übertölpeln? Dürfen wir zugeben , daß Rußland sich der Donaufürstenthü- mer und der Türkei bemächtige und uns im Osten den ganzen Lebensfaden abschneide? Nein, nun und nimmermehr ! Wenn unsere Nachbarn, von denen wir nichts Gutes zu hoffen, ihre Rüstungen nicht einstellen und ihre Heere vermindern, so darf das Baterland dieß au4) nicht. Es muß dem gesummten Auslande gegen» üoer eine achtungsgebieteude Stellung cinnchmen, damit nicht äußere Stürme den Dom deutscher Größe vor der Vollendung umstürzen und die Bauleute unter den Trümmern begraben. — Doch wir wollen nicht einmal das Aeußerste; direkte Angriffe auf Teutschland und ausländische Eroberungsgelüste in Beziehung solcher Länder, bei denen das Vaterland nicht gleichgültig sein kann, annehmen ; auch die früher so beliebten Vermittlungen deutscher Angelegenheiten, durch auswärtige Mächte dulden wir ferner nicht. Daß es bei dem schwachen Deutschland wieder dahin käme, daß seine Angelegenheiten wieder vom Auslande geordnet würden, bedarf keines weiteren Beweises. Wollte ja doch England gleich vom Anfänge, als das Vaterland auf Dem Wege war, es ju etwas zu bringen, den Mieden' mit diesem und Dänemark und sicher mcht zum Vortheile des ersteren, Dihiren ! Uno jetzt will nun auch Frankreich die Karten bei diesem Spiele mischen! Dars Den schlattd zugeben, daß dieses in Italien dem größ- tentheils und hoffentlich bald ganz deutschen Oesterreich die Friedensbedingungen festsetze, da des letzteren und Italiens Angelegenheiten so enge mit Deutschland verknüpft sind? Können wir dulden, daß Frankreich unser Verhältniß zu Polen bestimme? Nein, und abermals nein! Kein mächtiger Staat duldet, daß ein fremder sich in seine Angelegenheiten menge; da ginge ja das wesentliche Merkmal der Größe und Macht, die Selbstständigkeit, verloren. Kein Frankreich, kein England und kein Rußland soll es wagen, forthin seine Nase in unsere Angelegenheiten zu stecken? Weder des ersten Dünkel, noch des zweiten Solz, noch selbst des dritten Barbarei haben es je gelitten, daß ein anderes Volk feine Händel schlichte, seine Angelegenheiten ordne. Das arme Vaterland allein ist auch in dieser Beziehung, ach! nur allzulange, der «pott des Auslandes ge-
wesen.
Zu verwundern ist, daß bei den Verhandlungen des Reichstages über Die Vermehrung des Heeres Die äußerste Linke, die sich immmer für dem au o-ros Händler mit Patriotismus ausgibt , den Ton der reichen Bourgeoisie, die vor allem und ausschließlich um Die geliebten Thaler lamentirt; angeschlagen hat. Es sind bei dieser Gelegenheit viele blumenreiche Phra,en ge- drechsrlt worden, die aber auch eben weiter nichts wa- re» Wenn Hr. Robert Blum sagt: „Gehen Sie nach Frankreich hinüber, und bieten Sie die Hand, so entwaffnen sie die 300 Bataillone - so schreibt er aewiß dem biederen deutschen Händedruck zu viele Kraft zu Wenn Ar. Arnold Ruge behauptet: die Fe,tun- acn seien Dummheiten — so dürfte er schwerlich, trotz aller seiner kühnen Beredsamkeit und beredsamen Kuhn- heit, die Franzosen überreden, Straßburg und ähnliche Dummheiten zu schleifen. Da durfte man v-ellc-cht auch zu der kühnen Annahme berechtigt ,ein, der Czar habe nur deßwegen so große Schaaren seiner Söldlinge aufgestellt, um den Michel zu mottuen, heruberzukom. men und seine treue deutsche Rechte in Die. ru)|i|d)e Bärentatze zu legen zum gemeinsamen Bedürfnisse, Die Civilisation im Osten auszubrciten. . —.
Wenn die äußerste Linke aber befin dUet . Die Heere und besonders eine Vermehrung der-
nuD Die Wiedergeburt des Molutismus fet, so können wir diese Befürchtung nicht theilen.
Leider waren bisher unsere einzelnen deutschen Trup- penkorps allerdings Die Jure und Der schütz Der absoluten Monarchen und f— - ~^^
Jure und der Schutz der av- standen als erimirter Stands
den Bürgern oft feindlich gegenüber. Allein das Reichs- heer ist nicht mehr die Maschine eines Fürsten ; und wenn unsere kräftigen, wüthigen Vaterlandsvertheidiger Staatsbürger sind, wird es die Reaktion nie wagen, dieselben zur Erreichung ihrer unsauberen Zwecke zu mißbrauchen, so wenig die Regierungen Englands oder Norwegens es versuchen, die Truppen gegen die Ver- fassung zu kommaudiren.
Wenn wir darum auch mit dem Verfasser deS sehr gut geschriebenen Artikels (S. Wiesbaden , 16. August) in Nr. 148 der Nass. Zeitung hoffen, daß die Vermehrung des stehenden Heeres (nicht der stehenden Heere) nur vorübergehend sei — so dürfen wir doch nie zugeben, daß eine Verminderung eintrete, so lange daS Ausland dieselbe nicht zuerst eintreten läßt, oder sich gleichzeitig mit Deutschland darüber vereinigt. Für ted Vaterlandes Ehre und Macht wollen wir keine Geld- und Kraftopfer scheuen! — Tröste Dich also, alter Freund Michel, und opfere bereitwillig einige Thaler! Thaler sind zwar etwas Schönes; aber Deutschlands Ehre, Selbstständigkeit und Größe sind doch noch etwas viel Schöneres.
65. Sitzung der constituirenden National- Versamtnlung.
F r a nk fu r t, 24. August. Die Sitzung wird durch den Präsidenten v. Gagern eröffne». Die Abgeordneten Buraer . für Triest, Kurauda für Töplitz und äßmimvarter baten ibtett Stuetritt aus der Nationalversammlung ersinn. _MTaPvon Landau zeigt-Name ns des GeschäslsordnungSausschusseö an, daß der Bericht über den Antrag des Abgeordneten Dietsch von Annaberg, die Verkleinerung des für die Zuhörer in der Paülökirche bestimmten Raumes betreffend, zum Druck gegeben ist. Der Antrag deS Ausschusses lautet Darauf; daß der geschlossene Raum zwar wieder geöff-
net, jedoch für Zulassung einer geringeren Anzahl von Zuhörern gesorgt werden soll. Soiron zeigt Namens des Virfassungsauöschusses die Vollendung des Berichts über den Schoder'schen Antrag wegen Verringerung der Civillifteu an. Der Ausschußantrag geht auf Ueber- gang zur Tagesordnung. Leue zeigt einen Bericht über den Antrag Michelsen's auf Errichtung Deut* scher Konsulate an. Der Antrag Michelsen's soll der Centralgewalt im Sinne der Motlvirung des Aus- schußamrags überwiesen werden. Za cha riä von Göttingen berichtet Namens des völkerrechtlichen Ausschusses über den Antrag Schüler's aus Jena, die diplomatischen Beziehungen der einzelnen deutschen Staaten unter sich und mit dem Auslande betreffend. Der Ausschuß erkennt die Nichtigkeit der in dem Anträge ausgesprochenen Grundsätze an, ebenso, daß sie auch zur Ausführung konimen müssen. Allein er erachtetes für bedenklich, nach dem Anträge einen bestimmten Termin für Aufhebung jener Beziehungen vorzu, chrnben und schlägt vor, den Antrag der Eentralgewalt zur förderlichsten Berücksichtigung zu übergeben. — mirD hierauf zur Tagesordnung, Fortsetzung der allgemeinen Verhandlung über Art. III. der Grundrechte geschritten. Sepp von München für vollständige Trennung der Kirche vom Staate. Der Staat hat bei den seitherigen Conflicten mit der Kirche nie einen Bortheil vom Kampfe gehabt. Oesterreich steht jetzt am Vorabend eines solchen Kampfes; aber wenn es zur Besinnung kömint, wird es ihn bedauern. (Unterbrechung.) Zur Vermeidung von Conflicten lassen Sie vom deutschen Standpunkt aus die Kirche frei. Der Staat schwächt sein Ansehen, wenn er der Religion in bestimmter Weise sich annimmt. Wird die Kirche nicht frei gelassen, so kehrt der Polizeistaat wieder zurück. Wenn ein Staat auf so schwachen Füßen steht, daß er die Freiheit der Kirche nicht vertragen kann, so ist nicht Schade, daß er zu Grunde geht. Dasselbe ist bei einer
*) Der geehrte mir unbekannte Verfasser des oben angeführten Artikels, sagt mit allem Rechte: „je weiter ein Volk in ter Civilisation fortschreitet, um so weniger Menschen kann eS zum Militär verwenden." Daraus folgt: die höchste Civilisation duldet kein Militär; sie macht den Krieg ganz unmöglich. Unläugbar: wären alle Völker wahrhaft civilistrt, so wäre KantS ; ewiger Friede eine Wirklichkeit. Allein auch unsere Zeit und die nöthigen Rüstungen bezeugen, wie sehr eS noch mit der s wahren Civilisation hapert.