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Naffmiischs Zatlniq
Freiheit, Wahrheit und Recht!
Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!
Wiesbaden, Mittwoch, den 23. August. I8L8.
Neue Bestellungen auf die „Nassauische Zeitung" nebst „Allgemeines Kirchen- und Schul blatt," werden pro Juli bis September ferner noch angenommen bei allen Postanstalten des Herzogthums für fl. 2. 12 kr. ind. Postprovision. In Wiesbaden bei der Expedition am Friedrichsplatz für fl. 1. 45 kr. vierteljährlich.
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Amtlicher Theil.
Se. kaiserliche Hoheit der Erzherzog-Reichsverweser hat an den königlich preußischen Generallieutenant und commandirenden General des achten Armeecorps, v. Hirschberg in Koblenz, folgendes Schreiben erlassen:
Bei der Parade der preußischen Garnison in Köln habe ich mich von der ausgezeichneten kriegerischen Haltung der Truppen überzeugt, die mir verbürgt, daß sie in den Tagen der Gefahr nur siegreiche Kämpfe zu bestehen haben würden.
Ich ersuche Sie daher, diesen meinen anerkennenden Ausspruch den Truppen, die am 15. August 1848 vor mir ausgerückt waren, bekannt zu machen.
Frankfurt a. M., den 18. August 1848. Der Reichsverweser
Erzherzog Johann.
Der Reichsminister des Innern Schmerling.
Se. kaiserl. Hoheit der Erzherzog -Rerchs- Mweser hat in Folge seiner Reise nach Köln an den Oberpräsidenten der preußischen Rheinprovinz, an den großherzogl. Hess. Präsidenten des Rheinkreises und an den herzogl. nassauischen Regierungspräsidenten zu Wiesbaden nachstehendes Schreiben erlassen. (Folgt das bereits in Nr. 149 der Nassauischen Zeitung mitgetheilte Schreiben.)
Uebersichten , Erörterungen und Aktenstücke.
Die Kriegsoperationen i» Äber- Italien von 1848 und 1786.
Die Ufer des Mincio und der Etsch, wo sich in den jüngsten Tagen das Schicksal der Lombardei entschieden, waren bekanntlich auch das große Kampftheater des Jahres 1796, des glorreichsten der französischen Kriegsgeschichte. Vergleiche man die damaligen Kriegsoperationen mit den heutigen, und man wird gestehen müssen, daß die österreichische Kriegskunst seit einem halben Jahrhundert nicht ungelehrig war, daß sie die blutigen Lectionen Beaulieu's, Wurmser's, Alvinzy's sich wohl zu Nutzen gezogen, während auf (Seite der Gegner von dem Kriegögenie eines Bonaparte, Mas- söna, Augereau kein Fünkchen leuchtete. Radetzky hat einmal ein höchst gewagtes Manövers ausgeführt. Es war seine Rückbewegung gegen Vicenza, wodurch sein Centrum an der Etsch so geschwächt wurde, daß es einem Angriff der Piemontesen mit deren ganzen Hauptmacht schwerlich widerstanden hätte. Französische Militärs haben den Marsch Radetzky's nach Vicenza als den günstigen Augenblick bezeichnet, wo das Pie- montesische Heer den Etschübergang ausführen mußte. Karl Albert ließ die Blöße ungenützt, und machte, keinen ernsten Versuch, die Etschlinie zu durchbrechen. Die Belagerung Mantua's beschäftigte ihn zu sehr, und er konnte vielleicht nicht schnell genug seine dort lagernden Truppen nach Villafrance ziehen, welches von Mantua gegen 20 Miglien entfernt ist. Der österreichische Marschall ließ ihm auch nicht lange Zeit, sondern kehrte nach Vicenza's Einnahme in Eilmärschen nach Verona zurück. Die österreichischen Heerführer des Jahrs 1796 haben nicht den geringsten strategischen Fehler begangen, den der Falkenblick ihres Gegners nicht alsogleich erkannt und benützt hätte.
Unter den fünf Operationslinien, welche in Ober- Italien der Lauf der nach Süden oder Südosten strömenden Hauptflüsse bildet, hat Bonaparte die Etschlinie für die vortheilhafteste gehalten, weil dieselbe als
Defensivbasis weniger ausgedehnt ist, als die des Po, nicht so leicht umgangen werden kann, als die der Adda, und des Oglio, die in den Po fließen, und viel schwieriger zu durchbrechen ist die Linie des Mincio, dessen Bett, weniger tief und breit als das der Etsch, an vielen seichten Stellen auch ohne Brücke zu passi- ren ist. Radetzky aus Mailand vertrieben, hatte also wohl gethan, weder an der Adda noch am Oglio Halt zu machen, auch zur Vertheidigung der Minciolinie nicht seine stärksten Kräfte aufzubicten, sondern den Feind an der Etsch zu erwarten, wo der Besitz von Verona ihm eine solide Position bot, von wo er beide Stromufer beherrschen und die. versprochenen Verstärkungen abwarten konnte. Im Jahre 1796 fehlte den Oesterreichern der so wichtige Besitz Verona's. Wären die Oesterreicher dort mir ihrem überlegenen Heer gestanden, eö würde Bonaparte ungleich schwerer geworden sein, jene von der Welt, angestaunten Wunderthaten zu verrichten und mit höchstens 60,000 Mann vier Armeen von zusammen nahe an 200,000 Mann zu überwältigen. Der österreichische General Beaulieu verwandte damals seine größte Anstrengung, die schwierigen Linien am Po, an der Adda, am Mincio zu behaupten, und war thöricht genug, die Etschufer ohne Widerstand preiszugeben. Er hatte leider nicht die Keckheit, oder besser gesagt Gewissenlosigkeit, sich des wichtigen Verona zu bemächtigen, auf dessen Wällen die neutrale Fahne des St. Marcuslöwen wehte. Bo-
naparce machte sich weniger Scrupel, besetzte Verona, â 179ü über feie kluge Taktik des französischen Ober- trotz der Protestation VenedigS, und konnte aus dieser ^tfi4*rf?Rlâ|®»*-*«*w4«»*M---*M**M^
trefflichen Possition durch die überlegenen Heere Wnrm-
ser's und Alvinzy's nicht mehr vertrieben werden.
Karl Albert überschritt mit seinem Heere, das an Zahl den Oesterreichern mindestens gleich war, den Tessin, die Adda, den Oglio ungehindert, und bemächtigte sich der Minciolinie nach geringem Widerstand. Er hatte vor Bonaparte den bedeutenden Vortheil voraus, daß er den Krieg in einem Lande führte, dessen Bevölkerung ihn als ihren Befreier mit Begeisterung empfing, und bereits vor seiner Ankunft gegen die Oesterreicher mit Erfolg sich erhoben hatte.-Im Jahre 1796 war, mit Ausnahme von Mailand, die Stimmung des lombardischen Volks keineswegs feindlich gegen Oesterreich. Die Priesterschaft, welche heute die Insurection begünstigt, predigte damals gegen die französischen Republikaner. Das Landvolk erhob sich auf mehreren Punkten gegen die Franzosen, und selbst einzelne Städte, wie Pavia, waren damals noch gut österreichisch gesinnt. Der Sardenkönig hatte ein ihm enthusiastisch huldigendes Volk im Rücken, als er den Oesterreichern bis an die Etsch folgte. Letztere halten den Feind auf der Fronte und den Feind im Rücken, als sie an der Elsch Halt machten. Im Jahre 1796 war das venezianische Gebiet neutral, und Regierung und Volk der St. Marcusrepublik begünstigte die Oesterreicher wenigstens heimlich mit ihren frommen Wünschen, denn beide haßten die Franzosen.
Man wirft den piemontesischcn Generalen wohl mit Recht vor, daß sie in ihrer Stellung aus dem rechten Etschufer einen ungeheuren strategischen Fehler begangen, einen Fehler, der um so unverzeihlicher war, als sie die Taktik der französischen Generale wohl kennen mußten, die in derselben Stellung 1796 diesen Fehler vermieden. Indem Karl Albert auf dem rechten Flügel Mantua belagerte, schob er den linken bis Rivoli vor, besetzte dieses berühmte Plateau, und dehnte dabei seine Stellung so übermäßig aus, daß sie selbst von einem numerisch schwächern Gegner leicht durchbrochen werden konnte. Die Entfernung von Mantua bis Rivoli beträgt 34 italienische Miglien. Wer mit der Karte in der Hand die Stellung der Piemontesen und der Oesterreichcr verglich, dem mußte sich die Ueberzeugung aufdringen, daß jene bei so übermäßiger Zcr- splltterung ihrer Streitkräfte auf allen Punkten, wo der Gegner einen Hauptangriff versuchen wollte, schwach erscheinen würden, während eö dem österreichischen Feldherrn. welcher seine Truppen concentrirt hielt, und dieselben auf einen beliebigen Punkt werfen konnte, möglich war, die feindliche Linie zu durchbrechen und den Gegner zu schlagen, bevor derselbe Zeit hatte, seine zerstreute» Corps auf dem bedrohten Punkt zu sammeln. Der kundige Verfasser der militärischen Artikel im Journal de Debatö hat den strategischen Fehler
Karl Alberts gerügt, noch bevor ihm das Resultat der Schlacht bei Custozza bekannt war. Nus drängte sich derselbe Gedanke auf, da wir die treffliche militärische Schilderung der Feldzüge von 1796 noch treu im Gedächtniß hatten, und uns erinnerten, wie der Verfasser als Beweis von Bonaparte's Feldherrngenie mit Nachdruck hervörhob, daß derselbe kein Bedenken getragen, die Belagerung Mantua's aufzugeben, als Wurmser mit 60,000 Mann von Tyrol gegen Rivoli anrückte. So wichtig damals für Bonaparte der Besitz Mantuas, das bereits seit zwei Monaten belagert und fast ausgehungert war, so besann er sich doch keinen Augenblick, die schöne Beute fahren zu lassen, und die Divisionen (Beniner und Augereau an sich zu ziehen, mit deren Hülfe er die glänzenden Siege bei Lonato und Castiglione erkämpfte. Als Beaulieu nach der Niederlage bei Lodi sich gegen den Gardasee zurückzog, ließ Bonaparte gleichfalls Mantua auf der Seite liegen, concentrirte aber seine Streitmacht gegen Pes- chiera und Borghetto, schlug die Oesterreichs und erzwang mit Leichtigkeit die Passage des Mincio. Bonaparte berechnete richtig, daß Mantua am Ende von selbst fallen müsse, sobald die Oestcrreicher, von der Etsch verdrängt und nach Tyrol zurückgeworfen, nicht mehr im Stande sein würden, die Minciolinie zu bedrohen. Der Erfolg rechtfertigte seine Voraussicht. Nach Alvinzy's Niederlage ergab sich Mantua. Hr.
Thicrs bemerkt in seiner Beschreibung des Feldzuges
I’armée fran^aisc eüt étc percée, car on ne pouvait
pas tenir une lig-ne aussi étendue.“
Alle uns bekannten militärischen Urtheile stimmen darin überein, daß die große Kunst Bonaparte's im Jahre 1796 darin bestand, daß er seine Streitkräfte rasch an jenem Punkte concentrirte, der für den Augenblick der wichtigste war, und durch diese rasch und energisch geführte Manöver ersetzten die Franzosen daS numerische Mißverhältniß und erschienen überall den Oesterreichern überlegen. Der Fehler der legern war, daß sie ihre Operationsbasis immer zu weit ausdehnten, daß sie ihre Massen zu sehr zersplitterten und ihre Corps einzeln von den Franzosen überwältigen ließen. So machte es Wurmser, als er nach Einnahme des Plateau von Rivoli seine schöne Armee schwächte durch Absendung eines Corps von 20,000 Mann nach dem westlichen User des Gardasee's, das ihm dort nichts nützte, und ihm am Schlachtage bei Lonaty wahrscheinlich zum Sieg verhelfen hätte. So machte es später Alvinzy zuerst bei Arcole, dann bei Rivoli, wo die Division Lusignan, vom Hauptcorps sich absondernd, um die Franzosen von Verona abzuschneiden, überwältigt und gefangen wurde.
Karl Albert und seine Generale haben in diesem ganzen Feldzuge nicht einen einzigen Erfolg errungen, den wir von militärischen Beurtheilern als das Rechl- tat eines genialen Gedankens oder kluger taktischer Berechnung rühmen hörten. Nicht eine einzige ihrer Thaten am Mincio erinnert an die wunderbaren Manöver jener republikanischen Armee Frankreichs und ihres jungen Feldherrn, der dort in Wahrheit ungleich rühmlichere Lorbeeren gepflückt, als später auf großarti- geren Schlachtfeldern mit ungeheuren Mitteln. Erwägt man die verzweifelte Lage Radetzky's im Monat April, mit einer geschwächten, fast entmutigten Armee, inmitten eines insurgirten Landes, nur auf drei feste Plätze beschränkt, von einem wohl disciplinirten, zahl- reichen und durch Freischaaren aus allen Winkeln Italiens verstärkten Heer in der Fronte bedroht; im Rücken Vicenza, Padua, Palma, Venedig, alle Städte, alle Festungen in der Gewalt der Insurgenten, die ihn mit den Banden ihrer Crociati umschwärmten; aus Oesterreich, wo die Regierung, in der revolutionären Hauptstadt gelähmt, mit den furchtbarsten Verlegenheiten kämpfte, nur schwach unterstützt, so wird der unparteiische Historiker diesen Feldzug, dem die Schlacht bei Custozza eine so überraschende Wendung gegeben, zu den schönsten Blättern der österreichischen Kriegsgeschichte zählen. Mit dieser einzigen Niederlage war der Muth der Piemontesen total gebrochen. Der Mincio, der Oglio, die Adda wurden rasch nacheinander ohne Wiederstand preisgegeben. Das verbarrica- dirte Mailand wagte trotz aller wälschen Rodomonta-