W- 148.
Freiheit, Wahrheit und Recht!
Materielles und geistiges Wohl des deutschen Dolkes!
Wiesbaden, Sonntag, den 20. August. L8L8.
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Neue Bestellungen auf die „Nassauische Zeitung" nebst „Allgemeines Kirchen- und Schulblatt," werden pro Juli bis September ferner noch angenommen bei allen Postanstalten des Herzogthums für fl. 2. 12 kr. incl. Postprovision. In Wiesbaden bei der Expedition am Friedrichsplatz für fl. 1. 45 kr. vierteljährlich.
Inserate, welche bei der großen Verbreitung der „Nassauischen Zeitung" im Lande den beabsichtigten Zweck erreichen, werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petitzeile oder deren Naum berechnet.
Uebersichten , Erörterungen und Aktenstücke.
60. Sitzung der constituirenden National- Bersammlung.
Frankfurt, 16. August. In der heutigen Sitzung wurde über § 9 und 10 des Entwurfs der Grundrechte diculirt, und beide Paragraphe in nachstehender Fassung angenommen:
§ 9. Das Briefgeheimniß ist gewährleistet. Die Beschlagnahme von Briefen und Papieren darf nur auf Grund eines richterlichen Befehls vor genommen werden.
§ 10. Jeder Deutsche hat das Recht, durch Wort, Schrift, Druck und bildliche Darstellung seine Meinung frei zu äußern. Die Preßfreiheit darf unter keinen Umstände» und in keiner Weise, namentlich weder durch Censur, noch durch Concessionen und Sicherheitsstellungen, oder dura) Staatsanflagen, noch durch Beschränkungen der Druckereien oder des Buchhandels, noch durch Postverbote oder andere Hemmungen des freien Verkehrs beschränkt, supeudirt .oder aufgehoben werden. Ueber Preßvergehen wird durch Schwurgerichte nach einem zu erlassenden ReichSgesetze geurtheilt.
Schluß der Sitzung 2% Uhr.
61. Sitzung der constttuirenden Natioual- .' Versammlung.
Frankfurt, 17. August. Nach einer Mittheilung des Präsidenten v. Gagcrn über die Theilnahme der Deputation der Nationalversammlung an dem Kölner Dombaufeste wurde zur Discussion über § 8 der Grundrechte geschritten, und derselbe nach Schluß der Debatte iy nachstehender Fassung angenommen: § 8. Die Wohnung ist unverletzlich. Eine Haussuchung darf außer im Falle der Verfolgung eines Verbrechers auf frischer That, nur auf Grund eines richterlichen Befehls vorgenommen werden und muß, wenn thunlich, unter Zuziehung von Hausgenossen erfolgen. Dieser Befehl muß sofort oder spätestens innerhalb der nächsten 24 Stunden dem Betheiligten vorgewiesen werden. Schluß der Sitzung 1 % Uhr. Tagesordnung der morgentlichen Sitzung Berathung über § 8 der Grundrechte.
Nassauisches.
D Kammer - Verhandlungen.
31. Sitzung.
Wiesbaden, den 18. August.
Ausführlicher Bericht.
Präsident: Wirth.
Negierungskommissäre: Ler, Bertram, Werren, Baurath Boos.
Präsident Wirth zeigt die neu eingelaufencn Petitionen an; darauf übergibt Wenckenbach 1. eine Bittschrift von den Ehefrauen fünf seit den letzten Unruhen verhafteter Wiesbadener Bürger, worin um deren baldige Entlassung aus dem Gefängniß gebeten wird.
Wenckenbach 2. liest hierauf eine Petition vieler Wahlmänner aus dem Amte Herborn und Dillenburg vor, worin über die Unzuverlässigkeit der lanbstän- dischen Protokolle geklagt wird. Sie hätten gehört — sagen die Petenten — daß in die stenographischen Protokolle Jeder hineinkorrigiren könne, was er wolle, ohne daß ihn Jemand hindern könnte. Diese Protokolle entbehrten also aller Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit dadurch könne das Volk nie über die Wirksamkeit seiner Vertreter in das Klare kommen.
Wirth: An dieser Adresse sei wahrscheinlich ein ganz unwahrer Artikel in der Nassauischen Zeitung schuld; es würde darin gesagt, daß ganze Sätze und Gedanken in die Protolle gesetzt würden, die nie gesprochen worden wären; das müsse er ganz und gar bestreiten; die Korrekturen beschrankten sich bloß auf einzelne veränderte Worte (?).
Lang: Das sei nicht wahr. Er wisse genau, daß Gedanken und Sätze in die Protokolle hinclnkorrigirt worden seinen, die niemand in der Kammer gehört habe.
Wenckenbach 2.: Das Zutrauen zu den Protokollen sei im Lande eben verloren, und deßwegen müsse man auf eine Art denken, dieselben zu prüfen. Die Petition klage ferner über die zu späte Veröffentlichung der Protokolle. Oft würden dieselben einen ganzen Monat später als die Sitzung und dabei in zu wenigen Eremplaren ausgegeben.
$&10 aber besonders Erstaunen erregt habe, sei ein außerordentlicher Auszug aus der 19. Sitzung vom 18. Juli gewesen, worin die Beistimmüng der Kammer zu den Maßregeln der Regierung dargestellt worden sei. Dieser Auszug sei viel früher als die noch zurück stehenden Protokolle von der Regierung an die Aemter zur recht zahlreichen Verbreitung geschickt worden. Wer gäbe aber der Regierung das Recht, aus einem Kain-
merprvtokoll ganz aus der Reihe einen Auszug zu milchen, ohne daß die Kammer davon das Geringste erfahren hätte?
Werren: Der Druck dieses Auszugs sei auf Kosten des Ministerpräsidenten Hergenhahn geschehen, damit sei also der Kostenpunkt beseitigt. In Bezug auf den Rechlspunkt brauche er nur das zu sagen, daß jedes Kammermitglied sowohl, wie die Regierung und alle Zuhörer das Recht hätten, wie und wann sie wollten einen AuSzug aus den Kammcrverhanvlungen zu machen.
Wenckenbach 1.: Das Recht habe der Minister» Präsident nicht und er könne es nur beklagen, daß der Ministerpräsident Hergenhahn sich herausgenommcn habe, einen solchen Auszug, also eine Verstümmelung der Kamlnerprotokolle, ausgeben zu lassen.
Werren: Er appellire an das Gefühl der Abgeordneten. Jeder habe das Recht, aus den Kammer- verhandlungen drucken zu lassen, was er wolle, also auch der Minister.
Lang: Er könne ein solches Recht nicht anerkennen. Dieser Auszug habe einen offiziellen Charakter gehabt, weil er von den Aemtern auSgegeben und nicht dabei bemerkt worden sei, daß es bloß eine Privat- mittheikung sei. Diesen Auszug habe man also unbedingt für wahr halten müssen.
Werren: Ein solcher Auszug sei zur Beruhigung des Landes damals sehr nöthig gewesen, und habe sich auch wirklich als sehr zweckmäßig bewiesen.
Naht geht zur Prüfung der Protokolle über, und ist auch der Ansicht, daß eine andere Art, dieselben von der Kammer zu korrigiren und zu beglaubigen, nöthig sei.
W i in p f: Es sei eigentlich die Angelegenheit der Herren Sekretäre, sich um die richtige Korrektur zu bekümmern und nichts Falsches unterlaufen zu lassen; diese Herren müßten sich mehr Mühe darum geben.
Wenckenbach 2. verliest eine weitere Petition vor mit cirka 1000 Unterschriften von Wahlmännern des Bezirks Dillenburg Herborn, worin gegen die Ablösung in 12-fachem Betrag feierlich protestirt und auf mehrere Mängel, z. B. auf den Mangel einer genauen Bestimmung was der Zehnte eigentlich sei, wie er sich zu dem Dritten, Elsten, Dreizehnten u. s. w. verhalte.
Wirth: Viele Hunderte dieser Proteste, die gedruckt und in alle Theile des Landes geschickt worden seien, würden wahrscheinlich im Laufe dieser Tage ein* laufen. Er stelle die Frage an die Kammer, was damit zu machen sei; er halte dafür, allen zusammen eine Antwort zu geben.
Lang: Das seien Proteste aber keine Petionen, deßhalb brauche sie die Kammer nicht zu beantworten.
Bilder von E. Stahl.
II..
Der Goralle.
Abend wird's; die hohen Fichten Schauckeln hin und her der Wind, Daß der Schnee in wirren, dichten Strahlen von den Zweigen rinnt.
Drunten ruhet ein Goralle, Achtet nicht auf Wind und Schnee; Doch bei meines Fußes Schalle Fährt er träumend in die Höh':
AuS dem leichten grauen Hute Ouillt hervor sein langes Haar; Drunter vor in wildem Muthe Blitzt ein schwarzes Augenpaar.
So hat er im Vaterlande Manche Nächte wohl durchwacht, Wenn des Stammes freie Bande Raubend zog durch Sturm und Nacht.
So hat er von jäher Warte Nieder in das Thal geschaut;
Wenn er auf die Stimme harrte Und der Abend schon gegraut!
Heute zieht er durch die Auen Ohne Wehre in der Hand;
Ohne froh umherzuschauen: Fern ist ja sein Vaterland.
Lang' hab' ich ihm nachgesehen, Lange seinem Lied gelauscht; Konnt' ich gleich auch nicht verstehe», WaS der Wind mir zugerauscht.
Aber doch war mir von diesen Lauten wohl der Sinn bekannt; Ihre trüben Klänge prießen Ein verlornes Vaterland;
Die Geige.
llouille von Friedrich Voigt.
(Fortsetzung).
Die Beine hinter Grinset mußten wohl länger und jünger sein, als die seinigen, denn nun waren Sie mit weiten Sätzen dicht hinter ihm, und nun ergriff eine Hand so kräftig seinen Rockschooß, daß an weitere Flucht
nicht zu denken war, vielmehr dem Erschrockenen der Geigenkasten unter dem Arme wegglitt und nur ein glücklicher Griff des Versvlgers den Schatz vor Zertrümmerung rettete.
„Lieber Herr Grinsel, sprach jetzt eine bekannte Stimme, theuerster Meister, warum fliehen Sie denn?" und Grinset stand vor seinem Schüler Richard Bywater und wußte nicht, was er sagen sollte. Mosette kam ebenfalls schnell herbei und sank dem Vater mit thränen- aber auch frcudeglänzendcm Blick an die Brust.
„Kinder, stammelte der Alte verwirrt, was wollt Ihr? Und Sie, Master Bywater — Sie haben schon einmal, denken Sie nur an Ihren letzten Brief, unedel an mir gehandelt — ich fürchte, Ihnen wiederum zürnen zu müssen. WaS haben Sie mit meinem Kinde?"
„Vater! ries Mosette, beruhigen Sie sich, Kommen Sie zum Wagen. Sie sollen Alles erfahren."
Der Alte bemerkte kein Zeichen der Trauer an seiner Tochter, daher folgte er halbberuhigt den Beiden und machte nur die Bedingung, daß der Wagen nicht weiter fahren, sondern nach dem nicht fern an der Heerstraße liegenden Gasthose wieder zurücklenken solle. Bald war man hier angelangt, hatte ein eignes Zimmer eingenommen, nnd nun bestürmte der Alte Tochter und Begleiter mit so mannigfachen Fragen, daß Beide gar nicht erst zu Worte kommen konnten, und als ihnen endlich dieses gelang, da unterbrachen Sie sich wechselseitig so oft und hastig, oder sprachen zugleich und so verwirrt durch einander, daß der Kammermusikus sich die Ohren zuhiclt und mit dem Fuße stampfend Schweigen gebot.