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Freiheit, Wahrheit und Recht!

Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!

Wiesbaden, Samstag, den 19. August. 1848.

Neue Bestellungen auf dieNassauische Zeitung" nebstAllgemeines Kirchen- und Schulblatt," werden pro Juli bis September ferner noch angenommen bei allen Postanstalten des Herzogthums für fl. 2. 12 kr. incl. Postprovision. In Wiesbaden bei der Expedition am Friedrichsplatz für fl. 1. 45 kr. vierteljährlich.

Inserate, welche bei der großen Verbreitung derNassauischen Zeitung" im Lande den beabsichtigten Zweck erreichen, werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petitzeile over deren Raum berechnet.

Uebersichten , Erörterungen und Aktenstücke.

Entweder, Sbcr!

Unter diesem Titel ist in öffentlichen Blättern ein Artikel erschienen, der in einem Augenblick, wo der Verfasser als Präsident des Neichsmiuistcriums ernannt worden, in hohem Grad die Aufmerksamkeit erregen muß: Er lautet:Sowie es nur eine wahre Frei­heit gibt, welche auf Gesetz und Ordnung beruht, so gibt es auch nur eine Einheit, eine thatsächliche: Ver­einigung aller Theile eines Ganzen, und zwar auf eine solche Weise, daß ein Streit oder ein Kampf zwi­schen dem Ganzen und den Theilen nicht mehr statt­finden kann. Verfahrt man anders, so wird nichl Einheit und Einigkeit, sondern Trennung und Zwie­tracht begründet werden. Will also die deutsche Na­tion Einheit, dann muß sie nicht nur auch die Mittel hierzu wollen, sondern auch die Conseguenzen davon adoptiren. Von bayerischen, preußischen, sächsischen und anderen Interessen im Gegensatze zu deutschen, kann keine Rede mehr sein; denn erstere müßten in letzteren ihre Erledigung finden. Eifersucht zwischen einzelnen Staaten, oder gar Schmähungen des Sü­dens gegen den Norden, oder umgekehrt, sind alsdann frevelhafte Absurditäten, Widerspruch oder Ungehorsam gegen die Neichsgewalt oder die Nationalversammlung aber ein Verbrechen gegen die Würde der Nation selbst, Verrath am Vaierlanve, welchem die Strafe auf dem Fuße folgen müßte.' Die dynastischen Inte­ressen, soweit solche sich auf die Negierungogewalt be­ziehen, können, so die Nation Einigkeit will, nicht in Betracht kommen; denn die Fürsten haben diesem Willen sich ebensogut zu süg-n wie jeder andere Deut­sche. Will also Die Nation das Wort zur That wer­den lassen, so muß sie die Neichsgewalt, d. H. Natio­nalversammlung und Cenwalregierunz, anhalttu ohne Nebenrücksichten, rasch und entschieden alle jene Maß­regeln zu ergreifen, welche dem Zwecke ein freies und einiges Deutschland herzustellen entsprechen, und sie aber auch in dieser Arbeit kräftig unterstützen. Das Zusammenberufen von Bevollmächtigten der einzelnen Regierungen, wenn ihr Zweck ein anderer wäre als etwa den geschäftlichen Ncbergang vom Alten zum Neuen zu erleichtern, wäre Höch überflüssig und schädlich. Sol­len dieselben vielleicht mit der Reichsgewalt negoeiren? Dann müßte die Nationalversammlung ihre eigenen Beschlüsse wieder schlucken, und die Kraft und das Ansehen der Neichsregierung wäre in der, Geburt er­stickt. Fühlt jedoch die Nation, jetzt wo sie sich ent­

D i e Geige.

Uowlle von Friedrich Voigt.

(Fortsetzung).

Er trank mehrere Gläser, setzte sich, stützte den schwe­ren Kopf und starrte nach seinen schnell auf und niedcr- wippenden Füßen. Herr Günther war ein bedächtig überlegender Mann; als daher der Cellist so stumm da saß, sprach er ruhig:

Die Geige, lieber Herr Klapstcin, ist damit ja nicht verloren. Ich kann über Ihr Recht an dem Instrumente so wenig urtheilen, wie über seinen Werth. Können Sie aber Ihr Recht geltend machen, so thun Sie das. Spre­chen Sie mit Ihrem Anwalt, ob dann die Geige nicht wieder anögegraben werden muß. Man legt dem für die Ewigkeit Schlafenden, um doch seinen letzten Willen zu ehren, eine andre Geige in den Arm, denn eS ist ihm nun wohl gleichviel, was er darin hält, wenn'ö nur eine Geige ist. Was Sie aber thun wollen, muß rasch geschehn, sonst möchte das Instrument verderben. Leben Sie wohl! Ich muß nun auch nach dem Gerichte, um die kleine Weinrechnung von 127 Thalern zu liquidiren. Ich mochte den guten Mann bei Lebzeiten nicht drücken, er war mir eine schöne Kunde, die manchen Verdienst ins HauS brachte."

Der Günthersche Rath fiel auf dankbaren Boden, denn es kam dem Cellisten, während er ihn gespannt mit

scheiden muß, daß ihre bayerischen, oder hannover­schen, oder preußischen, oder andere Reminiscenzen und Sympathien, so wie manche damit zusammenhängende Interessen, zu vorwiegend sind, um dieselben deutscher Einheit zum Opfer zu bringen; regt sich der alte Geist der Zwietracht und der Absonderung noch zu lebhaft; fühlt sich die Eifersucht zwischen den Stämmen, zwi- sche Norden und Süden noch zu kräftig wohlan, dann üherzeuge die Nation sich selbst davon, kehre zu­rück zum Staaienbunde, überlasse es den einzelnen Staaten sich zu coustituiren, rufe die allgemeine con- stituirende Versammlung zurück, und verabschiede ebenso Reichsverweser als Reichsregierung. Ein solcher Slaa- teubund an und für sich schließt die Möglichkeit nicht aus, wenn auch nicht ein freies und einiges Deutsch­land, doch freie in ihrem Bunde nach außen Ansehen gebietende deutsche Länder herzustellen. Allein ein neues Reich zu construiren, und gleichzeitig unvermeid­lichen Kampf um die Herrschaft mit den Einzelstaaten, Uneinigkeit statt Einigkeit, Schwäche statt Macht förm­lich zu organisircn; ein Reich zu gründen, welches alle die Mängel des Alten in erhöhtem Maaß in sich schlösse, weil nun nicht nur wie ehedem Fürsten mit dem Kaiser und Fürsten unter sich streiten und kämpfen würden, sondern auch Ständeversammlungen mit dem Reichsparlament, Ständeversammlungen mit Stände- versaminlungen, Associationen mit Associationen, Volks­versammlungen mit Volksversammlungen, Clubs mit Cluchs: das wäre denn doch ein zu unerhörtes Resul­tat einer Revolution, welche mit großen Opfern und Gefahren unternommen worden in, um ein f r eres und einiges Deutschland herzustellen! Die Nation muß um so erustlicher die Frage erwägen, weil sie sonst leicht in den Fall kommen könnte, sich für immer lächerlich zu machen, indem sie deutsche Einheit und Macht in die Welt posaunt, und in der That bald das Gegentheil darstellen würde. Es ist eine Pflicht der Nation, sich bestimmt darüber klar zu werden, was sie will. Sie allein hat zu entscheiden! Da indeß heutzutage jedermann, berufen oder unberufen, seine Ansicht 'aussprechen zu dürfen glaubt, so wird dieß wohl auch dem Verfasser dieser Zeilen vergönnt sein. Derselbe ist der Ueberzeugung, daß die deutsche Na­tion nunmehr auf dem betretenen Wege voranschreiten muß, um ein einiges, starkes Deutschland im vollsten Gegensatze zu einem uneinigen, schwachen Bundesstaate herzustellen. Es ist Pflicht und Ehrensache; Interesse und Klugheit erheischen es. Der Rückschritt zum Staatenbllnde oder die Gründung eines schwachen Bundesstaats durch starke ausgeprägte Selbstständig­keit der Einzelstaaten würde nur eine traurige Ueber- gangsperiode zu neuen Katastrophen und neuen Nevo­

gefülltem Glase am Munde , und mit starr auf den Sprecher gerichteten Blicken anhörte, zwar nach und nach, aber immer heller ein Gedanke, der mit Günthers letzten Worten zum Entschluß reifte. Schnell leerte daher Klap- stein jetzt sein GlaS, sprang auf, und rief dem Scheiden­den nach:Günther! ich hab's schon einmal gesagt und sollt' ich die Geige vom Galgen holen, mein muß sie werden, denkt, Klapstcin har's gesagt! Finis coronal opus!

Er ließ ein Gabelfrühstück und noch eine halbe Saint Julien bringen und verlor sich bei diesem Genusse, dann und wann mit der Gabel auf dem Teller trommelnd, in allerlei Grübeleien. Endlich flüsterte der Nachdenkende in sich hinein:Nichtig so gcht's! Da müßt' ich doch von meinen-fünf Sinnen verlassen sein, wenn ich Anwalt und Gericht offenbar ganz überflüssiger Weise incommodiren und ihnen mein schönes Geld für eine Geige in den Hals werfen wollte, die ich nnr so hin- nehmen kann, daß weder Hund noch Hahn darnach kräht. Und das köstliche Sümmchen sechzig Friedrichöd'or unter Brüdern! Wer wird die Geige denn hier wie­der erkennen, wenn sie mein geschickter Instrumentenma­cher zehn Meilen von hier acht Wochen lang unter den Händen gehabt hat? Kein Mensch! Und, fuhr er, sich selbst belügend fort, um seinen Entschluß noch sichrer zu begründe», und ich bringe sic hier in der Stadt noch nicht einmal zum Verkauf. Ist da nicht, in Brühlberg an der Grenze der Herr von Veilchenpelz? Der Mann hat Geld, versteht weder von der Geige noch vom Spiel etwas, ist eben deßwegen ein Kenne, und aus drei Qua-

lutionen bilden. Große Ideen, wie jetzt sich der Deut- n^iK bemächtigt haben, können wohl für einige Zeit wieder schlummern, kommen aber dessenungeachtet wie­der von neuem und mit erneuter Kraft zum Durch­bruch. Die Gefahr, revolutionäre Zustände oder viel­leicht den Bürgerkrieg in Deutschland für eine Reihe von Jahren einheimisch zu machen ist für dieses, für ganz Europa, ja selbst für die Cimlation zu groß, als daß nicht alles aufgeboten werden müßte um sie ab« zuwenden. Für die Reichsgewalt, d. h. Reichöregie- rung und Nationalversammlung, wird es, getragen von dem Willen der Nation, zur ersten Pflicht, inil Muth und Entschiedenheit die große Aufgabe zu lösen. Die Neichsgewalt muß, soweit es hierzu nöthig ist, die Souveranetät der einzelnen Staaten an sich zie­hen; sie muß die hierzu nöthige Organisation Deutsch­lands ungesäumt vornehmen; sie muß, indem sie den NeichsregterungS-Organismus einrichtet, jenen der einzelnen Staaten reduciren. Ein vollständig einge­richteter Centralstaat, in welchem wiederum ebenso voll­ständig eingerichtete größere und kleinere Staaten ein­geschachtelt werden, wäre wirklich ein Unding, dabei so kostspielig, das die Nation es nicht ertragen würde. Auch dürfte die Erfahrung bald lehren, daß die Sou­veränetat sich nicht theilen läßt. Die Reichsgewalt muß namentlich den diplomatischen Verkehr der Einzel­staaten nach außen und im Innern alsbald aufhebeu und in ihren Händen concenlriren. Es ist dieß eine Lebensfrage! Sie wird und muß die In­teressen eines jeden Theils von Deutschland gleich wür­digen w vertreten. Sie muß. Ich., die unbedingte Disposition der Streitkräfte aneignen und nach Gut­dünken darüber verfügen. Sie muß die Zollinie an Deutschlands Gränze rücken. Sie darf nicht dulden, daß neben ihr Regierungen oder constituirende Stände« Versammlungen in einzelnen Staaten sich mit dem be­schäftigen, was der Nationalversammlung allein ob­liegt. Wird aber der Neichsgewalt der Gehorsam ver­sagt, dann müßte sie die Strafe auf dem Fuße folgen lassen. Sie müßte ungehorsame Minister, Generale oder sonstige Beamte vor ihre Schranken fordern und zur Rechenschaft ziehen. Sie müßte Ständeversamm­lungen und Truppencorps auflösen, so sich dieselben ihren Befehlen widersetzten. Nur f0 allein wird die Neichsgewalt den Willen der Nation, ein freies und einiges Deutschland herzustellen, vollziehen, vorausge­setzt^ daß dieses wirklich der Wille der letzter» auch ist Nur so wird sie die Kraft erlangen, um im In­nern Ordnung und Ruhe und damit den Wohlstand wieder einzuführen; nur so und hierdurch die Mög­lichkeit finden, jener socialen Fragen befriedigend zu lösen, welche weder Worte, noch der Donner der Ka-

dratmeilen, richtig abgemessen, der berühmteste Violin­spieler in den ländlichen Winterclubconcerten. Wie ge­sagt der edle Herr hat Geld und fährt sicher aus der Haut vor Freuden, wenn ihm daâ Ding unter die Finger kommt. Sie ist wahrhaftig schon so gut wie ver­kauft, ich habe daher gar keine Zeit mehr unnütz zu ver­lieren."

Darum wanderte der Violoncellist Klapstein, der we­der Furcht noch Tadel kannte, gehüllt in einen langen, dunkelfarbigen Obcrrock, versehn mit einem Spaden, ei­nem großen Bohrer und. feiner Säge, bei finstrer, stiller Nacht, nur von seinem Rattenfänger begleitet, nach dem Kirchhofe und gerade auf das frische Grab des vermein« ten College» zu. Hier stehen bleibend, blickte und horchte der Herzhafte überall vorsichtig in die Dunkelheit hinein, und als nirgend ein lebendiges Wesen sich regte, weder in nahen noch entfernteren Läufern ein Lichtschimmer za entdecken war, stach er langsam, damit Geräusch möglich vermieden werde, den Spaden in den lockern ^ügel und legte die Erde vorsichtig zur Seite nieder. Er fuhr da­mit so besonnen fort, daß nun der nächste Spadenstich halbtönend auf den Sarg traf. In diesem Augenblick trat der Mond über der fernen Hügelreihe hervor, und der musikalische Schatzgräber, durch den anschlagenden Rattenfänger, der treulich und eifrig schnaubend mitge­wühlt hatte, aufmerksam gemacht, glaubte Fußtritte zu vernehmen. Mit halbem Leibe in der Erde war's ihm leicht möglich, sich zu verbergen: aber ihn beschlich ein fröstelndes Zittern, als wirklich Fußtritte näher kamen. Er hielt den Hund an sich, gebot ihm Stitt! und