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Nassauische grifung.

Freiheit, Wahrheit und Recht!

Materielles und geistiges Wohl deS deutschen Volkes!

Wiesbaden, Freitag, den 18. August. 18L8.

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Neue Bestellungen auf dieNassauische Zeitung" nebstAllgemeines Kirchen- und Schulblatt," werben pro Juli bis Septembev ferner noch angenommen bei allen Postanftalten des Herzogthums für fl. 2. 12 kr. incl. Postprovision. In Wiesbaden bei der Expedition am Friedrichsplatz für fl. 1. 45 kr. vierteljährlich.

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Uebersichten , Erörterungen und Aktenstücke.

$ Michel in der Paulskirche zu Frankfurt.

Neulich sagte Michel zu sich: Es ist doch die Schuldigkeit, daß Du einmal nach Frankfurt gehst und -eine gute Freunde besuchst und siehst, wie weit sie mit ihrem Berathungen sind. Dann kannst Du auch am Besten erfahren, was an den guten und bösen Gesprächen ist, die über sie geführt werden. Gesagt, gethan! Er setzte .sich auf die Eisenbahn und fuhr nach Frankfurt. Dort angekommcn ließ er sich die Paulskirche zeigen und ging hinein. Da seine Freunde noch nicht beisammen waren, besah er sich unterdessen die Kirche. Da er sah, daß dieselbe ganz rund war, dachte er: Gut, denn rund und gut und schön soll auch bas Werk werden, das meine Freunde für mich errichten sollen. Auch gefiel ihm gar gut, daß einige große, prächtige Fahnen von Schwarz-roch-gold so aufgehängt waren, daß seine Freunde dieselbe immer vor sich im Gesicht hatten. Diese Fahnen, sprach er zu sich, werden sie wohl erinnern, weßhalb sie hier sind. Das Gold wird ihnen wohl zurufen, daß so rein und edel, wie bas Gold ist, so auch der Geist, in dem sie hier berathen, rein und edel sein soll. Das Rothe muß ihnen eine Ermahnung sein, daß sie in Liebe zu einander und zu mir sich besprechen. Das Schwarz aber wird ihnen vorhalten, daß ihr Werk ein sehr ernstes sei, und Leben und Tod davon ab­hänge. Und daß diese drei Farben mit einander nur Eine schöne, große, prächtige Fahne bilden, das wird ihnen wohl ein Zeichen sein, daß nur Eintracht schön, groß und mächtig macht und -daß erst dann Alles wohl gerathe, wenn sie in Eintracht an meinem Hause arbeiten und es so groß und gut bauen, daß ich mit all meinem Kindern und Vormündern darin Platz finde, und keiner den andern hindere. Nach diesen Betrachtungen sah er sich weiter um und es gefiel ihm gar wohl, wie er oben auf der Gallerie und unten auf den Bänken, die rundum liefen, Kopf an Kopf erblickte: Aha, meinte er, den Leuten scheint doch die Geschichte zu gefallen. Da sah er denn auch in den ersten Bänken 70 Leute mit Papier, Feder und Dinte. Da er auf seine Frage hörte, daß dieß Zeitungsschrei­ber seien und darunter auch solche, die in französische und englische Zeitungen schrieben, so warf er sich in die Brust und meinte: Da könnten die Franzosen xind Engländer noch etwas lernen und würden vor

Die Geige.

Novelle von Friedrich Voigt.

(Fortsetzung).

Endlich war der dritte Morgen da: die Fenster ge­genüber wurden geöffnet, neugierige Köpfe zeigten sich darin, unten im Hause ging man hin und wieder, Kut­schen fuhren heran, und nach einer langen bangen Stunde langsam wieder ab. Ein unbeschreibliches Gefühl bemäch­tigte sich des alten Menschen; er vermochte gar nichts zu denken, als immer nur die Worte deö alten und be­kannten Kirchenliedes :

O Ewigkeit, du Donnerwort, Du Schwert, das durch die Seele bohrt!

Er hätte weinen, die Thür aufreißen, hinunter stür­zen und auörufen mögen:Kinder, ich bin ja nicht tobt!" Aber zu Allem war er -unfähig. Er durfte nicht ans Fenster, aber lebhaft stellte er sich vor, wie er sei­nem eignen Leichenzuge nachsehe, denn es fiel ihm ein Traum wieder ein, der ihn vor Jahren furchtbar geäng- siigt: Es bewegte sich ein Leichenzug schwankend und langsam durch die Gassen. Männer und Frauen gingen klagend und weinend hinter dem Sarge, während weiß­gekleidete Mädchen Blumen auf den Weg streueten und fangen. Da drängte sich der alte Grinsel in HarlekinS- facke mit seltsamen Sprüngen unter die Leidtragenden,

dem Michel etwas mehr Respekt bekommen. Endlich setzten sich denn seine Freunde. Da er sie nun näher betrachtete, fand er doch viele darunter, die er nicht recht erkennen konnte. Viele waren ganz haarig im Gesichte, so groß waren ihre Bärte. Wetter, sagte er da, wenn die so viel Grütz im Kopfe, so viel Herz in der Brust und so viel Haar auf den Zähnen haben, wie über und unter den Zähnen, dann sind das Pracht- leute. Endlich fingen sie nun an zu reden, immer Einer nach dem Ändern. Die einen nannten sie die Rechten, und davon waren Manche, die wollten es so ziemlich beim Alten lassen und meinten, das Meiste sei gut gewesen. Da sagte aber Michel: Nein, das sind die rechten Leute nicht; wenn es denen nachging, dann behielte ich am Ende die alte Wirthschaft. Da kamen Andere sie nannten sie die Linken, und dazu gehörten die Meisten mit den haarigen Gesichtern, wie es Michel schien davon wollten die Meisten Alles verwerfen, nichts sollte bleiben; Alles sei bisher ver­kehrt gewesen und alles müßte nun Anders werden; dabei sprachen sie oft so wunderlich, daß Michel das Zeug gar nicht begreifen konnte. Nein, sagte Michel da, das sind meine Leute auch keine; die kennen mich auch nicht und wissen nicht, waS mir lieb ist und wie ich es gern haben will. Die kommen mir vor, wie Einer, der den Kopf zwischen die Beine steckt und so die Welt beguckt und alles verkehrt sieht. Aber die von der Mitte, wie sie genannt wurden, die gefielen dem Michel; die, meinte er, wüßten es doch am be­sten, und es war ihm gar lieb, wie er merkte, daß die Linken und Rechten denen meisten theils auch Recht gaben und zustüninten. Da geschah es, daß einer von den Linken die Rechten beleidigte; da fingen die Rech­ten einen mörderlichen Lärm an, so daß keiner den andern verstehen konnte und deßhalb Alle nach Haus gehen mußten. Als des andern Tages nun die Sache wieder in Ordnung gebracht werden sollte, da machten die Linken einen so abscheulichen Spektakel,daß Mi- chel abermals kein Wort verstehen konnte. Sie waren ganz unbändig, schrieen, fuhren aus mit den Händen, als ob sie schlagen wollten, sprangeu auf und liefen hin und her. Dabei fingen die Leute auf den Galle­rten auch an, so mörderlich zu toben mit Schreien und Fußstampfen, daß Michel ganz angst wurde und end- lich alle Leute aus der Kirche hinausgehen mußten. DaS ging dem Michel zu Herzen, und er ging ganz traurig aus der Paulskirche. Die Leute auf den Gal­lerten, meinte er, benehmen sich nicht, wie ordentliche verständige Leute, sondern wie ungebärdige Bursche und hiitdern meine Freunde, und diese lieber Gott, die kenne ich fast nicht mehr da ich noch studirte, I machten es die Studenten bet einem Bierconvent noch!

und schnitt den ernst und unwillig auf ihn blickenden Leuten lächerliche Gesichter. Und als endlich Einer ihn fortdrängen wollte, da schrie er: seht ihr denn nicht, daß ich meine Seele bin! was wollt ihr? Dürft ihr mir das Recht nehmen, zu sehn, wohin ihr meinen Leib verscharrt? Und mit einem gewaltigen Sprunge schwang er sich auf den Sarg, erhob gerade auf­recht stehend, ein widerliches Gelächter und schrie nach dem Sarge hinunter: Heda! alter Grinset! wie liegst Du nun so still da, und hast so viel gekreiselt auf Er­den und gegeigt dazu. Nun wenn auch Keiner dafür Dank sagt, ich danke Dir! Fahr' wohl!

Daraus war der Kammermusikuö am ganzen Leibe zitternd erwacht, und jetzt konnte er diesen schweren Traum nicht wieder von dem Auge der wankenden Seele verja­gen. Er drückte sein Gesicht tief in die Sesselkissen und heftig schlug ihm die Brust.Ist es nicht Sünde, mit dem Tode zu spielen? sprach er beinahe schluchzend. So lange schon die Welten um das Haupt Gottes dahinrol­len, hat der Tod täglich, stündlich, in jedem Augenblicke an die Thüren geklopft; sie haben ihn Alle gesehen und dennoch kennt ihn Keiner, denn nur Der könnte von ihm erzählen, dem er die Augen geschloffen hat, aber auch die Lippen. Ein schauerliches Schweigen ruht unter dem Mantel des Nasen, und droben die Lebendigen sagen mit allen ihren Grundsätzen, Trost- und Stärkungsreden doch nichts weiter, alö die kahlen Worte: sterben müssen mit Alle! Warum hab' ich nicht bis dahin gewartet? In meinen alten Tagen wäre der Tod doch wohl bald gekommen. Warum den Gehcimnißvollen herausgefordert

feiner und manierlicher, als diese. Was soll das für ein Wesen geben, wenn sie so uneinig und zänkisch sind? Nun, lieber Michel, laß Dir nicht bange werden; Du hattest es freilich schlecht getroffen und es sind auch ungebärdige und widerhaarige Leute bei Dei­nen Freunden, aber so geht's nicht immer und dazu wissen die in der Mitte, die Herren wieder ins rechte Geleise zu bringen. Uebrigens kann es nichts schaden, wenn Du den Ungebärdigen von den Rechten und Linken mal tüchtig den Marsch bläsest und den Musi­kanten auf der Gallerie das Handwerk legest.

Centralgewalt und Einzelstaaten.

Die provisorische Centralgewalt für Deutschland hat in ihrer ersten Mittheilung an die Regierungen aller deutschen Staaten ausgesprochen, daß sie bei der Aus­übung ihrer gesetzlichen Gewalten auf die thätige ver­trauensvolle Mitwirkung aller deutschen Regierungen rechne, die mit ihr in dem Wunsch sich vereinigen, dem deutschen Volk die Segnungen der Freiheit, der Unab­hängigkeit und des Friedens zu verschaffen und den Wunsch ausgedrückt, daß nach dem Gesetz vom 28. Juni 1848 bald von den Landesregierungen Bevollmächtigte ernannt werden, um mit ihnen in Verbindung zu treten. Die provisorische Centralgewalt hat ferner erklärt, sie wünsche, mit den Bedürfnissen der deutschen Regierun­gen und der deutschen Volksstämme, soweit sie den nach dem Gesetz vom 28. Juni 1848 ihr bestimmten Wir­kungskreis berühren, aufs umfassendste sich bekannt zu machen und sie zähle hierbei auf freimüthige unum­wundene Mittheilungen, welche sie mit gleicher Offen­heit erwiedern werde. Der Inhalt dieser Mittheilung scheint im Widerspruch mit jenem Beschluß der Na­tionalversammlung zu stehen, nach welchem sie auf Wp- denbrugks Antrag erklärte, daß die Einzelfürsten den Verfügungen der Nationalversammlung unbedingte Folge zu leisten hätten, ein Beschluß, der besonders auch durch das Votum Bassermanns gefördert wurde, welches die Unumgänglichkeit einer solchen Folgeleistung in den kräf­tigsten Ausdrücken nachwies. Der Widerspruch ist in der That nur scheinbar; der Beschluß der National­versammlung und die erwähnte Mittheilung der pro­visorischen Centralgewalt haben ganz denselben Zweck, sie unterstützen sich gegenseitig, denn es kann weder in Frage gestellt werden, daß die allgemeinen Verhältnisse Deutschlands weder geordnet noch für die Dauer ge­sichert werden können, wenn in Bezug auf sie nicht eine höchste Instanz unbedingt gebietet, noch daß diese Ord­nung und Sicherung möglich und nachhaltig sein könne, wenn nicht die Einzelstaaten mit ihrer Kraft freiwillig

mit einer Lüge vor den Lebendigen. Der Mensch, den sie da hinaustragen, ist mein Bruder und manches herbe Wort fällt auf seinen Hügel, daâ mich nun doppelt schwer treffen muß. Und leh' ich denn nun? O ich bin todt, todt todt für Weib und Kind und Freund und Stadt und Land, für alle Welt, für nud) selbst am mei­sten todt! Denk' ich an mech, so muß ich erschrecken, denn ich darf nicht denken, daß ich lebe. Nur als Leiche muß ich unter den Menschen wandeln, und Leiner darf in mir den alten Kammermusikus Grinsel erblicken, oder ich bin verloren. Wenn doch dieser Tag erst vorüber wäre!"

Solche Gewalt übt die Einsamkeit selbst über einen Menschen von Grinsels Natur. Er konnte mit völliger Seelenklarheit den Todcsplan fassen und verfolgen, dabei sogar mit kalter Ruhe in einer Weise geschäftig sein, deren Gedanke schon tausend Andre mit Grausen erfüllt hätte. Jetzt aber, ganz auf sich selbst zurückgewieseu, war er weich, zerschlagen.

Er mochte den entsetzlichen Zustand seines Innern, diese grauenhafte Leere, die gleichwohl seine Brust zu sprengen drohete, als eine Strafe für den frevelhaften Vorwitz betrachten, und er that es auch. Nur gegen Abend kehrte die Besonnenheit bei der Hoffnung, bald aus seinem einsamen Kerker befreit zu sein, nach und nach wieder.

Wirklich hatte der Cellist Ktapstem mehre Tage nach seiner glückliche« Schneckeokegelei sich auf die Reife ge-