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V"- 143.

Mffauischc Zcitung

Freiheit, Wahrheit und Recht!

Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!

Wiesbaden, Dienstag, den 1». August. 18L8.

Neue Bestellungen auf dieNassauische Zeitung" nebstAllgeineines Kirchen- und Schulblatt," werden pro Juli bis September ferner noch angenommen bei allen Postanstalten des Herzogthums für fl. 2. 12 kr. incl. Postprovisio n. In Wiesbaden bei der Expedition am Friedrichsplatz für fL 1. 45 kr. vierteljährlich.

Inserate, welche bei der großen Verbreitung derNassauischen Zeitung" im Lande den beabsichtigten Zweck erreichen, werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet.

Uebersichten , Erörterungen und Aktenstücke.

Die Deutschen und die deutsche Einheit.

(Nach der Allgemeinen Zeitung.)

Wien im August. Wir sind glücklich bis zum Be­sitz eines deutschen Reichsoberhauptes gelangt. Es geschah, man möchte sagen, durch Wunder, durch viele Wunder. Das nächste von ihnen sind gewiß die mancherlei vortreff­lichen und ganz eigenthümlichen Eigenschaften in Charak­ter und Stellung, die sich in der Person des erkornen Prinzen so glücklich zusammenfanden. Ein zweites liegt in der patriotischen und seltenen Resignation, mit welcher die beiden Monarchen von Oesterreich und Preußen sich zu Opfern für Deutschlands Wohl und Größe" willfährig zeigten, wie sie in der Weltgeschichte wenig vorkommen. Und nicht geringere Großherzigkeit legen die Regenten von Baiern, von Württemberg, von Sachsen, von Nassau, von Baden an den Tag; andere noch sind ihnen an Hin­gebung zu folgen bereit; die wenigen, die vielleicht noch schwanken, werden nicht umhin können, sich den Zuge­ständnissen der großen Mehrzahl und Macht zu fügen. So müssen wir es denn eingestehen und rühmend von unsern Fürsten anerkennen: nicht die regierenden Dyna­sten sind es, welche die deutsche Einheit hindern, und nicht sie sind es, wenn sie nicht" glücklich zu Stande kom­men sollte, die sich ihr in den Weg gelegt hätten. Aber leider, gestehen wir es uns offen ein, noch ein ganz an­deres Wunder muß sich begeben, bis wir zu der heißer- sebnten deutschen Einheit gelangen: unsere eigenen Völker, unsere Landsmannschaften, unsere Stände, unsere Kasten, unsere Städte, unsere Gauen, unsere privilegirten Persön­lichkeiten, unsere Egoismen und unsere Kurzsichtigkeiten mit einem Wort, wir selbst sind es, unser eigener tausend- gliederiger Unverstand ist es, der die Erreichung unserer Einheit mit Hemmnissen bedroht. Was mußten wir nicht in Berlin für Dinge hören, bei den Verhandlungen über den Jacoby'schen Vorschlag! Was hat der unglückselige Stüve uns für kurzsichtige Dinge gesagt! Was hat das Ministerium Pillersdorf geseufzt! Wie haben süddeutsche Notabilitäten in der Wehrfrage abgestimmt! Was muß­ten wir aus Tyrol, von Luremburg, von Triest hören! Aber das ist alles noch nichts gegen das, was ganz nahe bevorsteht.

Jeder Dorfschulze spricht rüstig von der innigen Ver­einigung seines Landes mit Deutschland, fragt man ihn aber nach den Bedingungen derselben, so weiß er sie nicht und erwartet sie von der Weisheit der großen Führer. Zergliedert man ihm einige der unumgänglichsten, so macht er große Augen und verwirft jedes Wort. So hat er es

Die Geige.

Novelle von Friedrich Voigt.

(Fortsetzung).

So war Grinsel seine Gläubiger bald los, ihm aber war nicht geholfen. Von seinem Gehalte ward gewiß noch mehr gekürzt, die Habseligkeiten wurden verkauft, er mußte sein Haus verlassen und bei der gewiß über bie Hälfte rcducirten Einnahme sich ganz niederträchtig elend behelfen. Dabei durfte die schöne Geige und " konnte nicht leben ohne sie nimmer wieder in fei= nen Händen sichtbar werden, denn Klapstein erkannte sie im Augenblick, und mit Dem war nicht zu scherzen. Des- stn Anwalt hatte, wie er'ö nannte, zum Versuch der Güte, eigentlich aber, damit alles mögliche Unheil über ^» Geplagten zu gleicher Zeit hereinbreche, mitten in der Gläubigerattaque ein Billet an Grinset abgehen lassen, worin er ihm Kosten und Aerger aus der ganzen Justi- wana stricte deducirte, wenn er's wegen der Geige zum Proceß kommen lasse. Sein wohlgemeinter Nath sei da- hrr, die Sache in der Güte abzumachen und zwanzig Pistolen gegen Auslieferung der Geige von Klapstein an- zunehmen: im unverhofften Weigerungsfälle aber die so- fvrtige Eingabe der Klagschrift und alle daraus entsprin­genden unangenehmen Folgen zu gewärtigen.

Nun gar nur zwanzig Pistolen! Das war schuftig!

Grinset daher schon seit einigen Wochen der Idee

! nicht gemeint. Alle seine kleinen Kantönligewohnheiten will er festgehalten wissen, keinen Zollbreit seiner wahren oder vermeintlichen Sondervortheile will er aus den Hän­den lassen; von dem unermeßlichen Nutzen, den ihm die Eröffnung und Freigebung des großen Ganzen aufschließt, versteht er nichts, und was er nicht versteht, begehrt der Jdiote nicht. So gehts durch ganz Deutschland, bei Hoch und Nieder, sobald man vom Abstracten ins Concrete geht. Beschränkte Selbstsucht, viel weniger aus Uebel- wollen, als aus Mangel an Durchblick und Voraussicht, verblendet die bei weitem größte Mehrzahl selbst sonst er­träglich verständiger Leute. Es ist damit wie mit der Christlichkeit, jedermann bekennt und beschwört sie hoch und theuer, aber von ihrer schönsten Seite, von der Fein­desliebe, will niemand etwas wissen. Wo sind die guten Götter, die uns aus diesem Drangsal helfen sollen!

Vor allem thut es un:er solchen Umständen noth, daß man sich klar mache, was man will, und daß man die Mittel dazu sammt ihren Schwierigkeiten sich deutlich, unverholen und bis ins Einzelne zergliedert vor Augen halte. Das aber ist es, was man überall nicht thut. Man fühlt die Schwierigkeiten, Lösung weiß man keine, und dann hofft und wartet man auf die Erfindungen, die da in Frankfurt gemacht werden sollen. Unsere Ab­gesandten sollen einen Ausweg aus dem Dickicht brechen, wo niemand einen weiß, oder einen Vorschlag auszuspre­chen keiner wagt.

Wer die deutsche Einheit will, wer die Kraft und die Ehre will, die für die Nation daraus hervorgeht, muß etwas Mögliches wollen, und muß sofort die Mittel dazu einräumen. Unmöglich aber ist sie, wenn jeder, wenn viele, ja wenn nur einer der 38 Staaten seine Souverä­nität gewahrt wissen, unmöglich, wenn jeder die Frank­furter Beschlüsse seiner Genehmigung unterwerfen, lächer­lich endlich ist sie, wenn eine Achtunddreißigeinigkeit mit Wahrung achtnnddrcißigfacher Particularinteressen begehrt wird. Wer in der Art seine Forderung und Erwartung stellt, begehrt geradezu den Widerspruch in sich selbst, die Unmöglichkeit. Sagen wir es also unverblümt und rund heraus: unsere deutschen Höfe und Sonderstände müssen sich bescheiden', ihre Souveränetäten auf den Altar des Gesammtvaterlandes niederzulegen niederzulegen ohne Vorbehalt, zu opfern der großen allgemeinen Erhebung Deutschlands, welches sie dann unter das unverantwort­liche Reichsoberhaupt mit verantwortlichem Ministerium und sein gewähltes Reichsparlament in einen Gesammt- körper vereinigen wird. Es hilft nichts, es läßt sich län­ger nicht umgehen, nicht verbergen, es muß heraus, frei von der Brust muß das Unabwendbare ausgesprochen werden, wir find da angekommen, wo es eine Nothwen­digkeit wird, die schlechterdings nicht umgangen' werden kann. (Schluß folgt.)

nachhing, sich durch scheinbares Sterben und wirkliches Davongehen kurz und gut allen Verwickelungen und Ver­pflichtungen zu entziehn, und zu diesem Zwecke schon längere Zeit seiner Frau verstohlne Winke zugeworfen hatte, die am deutlichsten im Schneckengarten gegen sie und Mandelschaf hervortraten; so sollte, da nach dem heute Vorgefallenen nicht länger zu zaudern war, nun rasch die Ausführung begonnen werden.

Früher hatte Grinse! bei Freunden manchmal den Scherz gemacht, sein Herz plötzlich zum Stillstehen zu bringen, denn wie man hin und wieder Menschen findet, welche diese Kunst verstehen, so war auch Grinsel darin geübt. Die Erschreckten glaubten dann, der im Sessel starr Hingcsuukene, an welchem kein Pulsschlag, kein Athemholen zu entdecken war, sei an einem apoplek­tischen Zufall dahingeschieden, und er lachte ihnen dann ins Gesicht. Auch den Aerger, wie Klapstein schon ein­mal gegen den Fagottisten geäußert, konnte der Kammer- musikuü, wenn er wollte, leicht zum bürgerlichen Tode be­nutzen. Es waren ihm aber verschiedne Skrupel gekom­men. Die erste Todesart war kaum eine Minute zu fixiren, und wenn auch die zweite mehre Stunden anhal­ten konnte, so war diese Zeit doch viel zu kurz, als daß alles neugierige Volk, welches auö dem von der dürrsten aller Kämpferfäuste unwiderstehlich dahingestreckten Men- scheukinde seinen pecuniärcn Nutzen gesetzlich und obser- vanzmätzig ziehen muß, mit den Vorbereitungen zu dieser, die letzte Bekleidung genannten Plünderung fertig sein konnte.. Und so lange, biâ der Sarg für die Abfahrt am nächst folgenden Morgen geschlossen war, mußte der

Die Staatsdiener in der Kammer.

Ein Sendschreiben

an den Heransgeoer derNassauischen Zeituug."

Verehrter Herr! Es hat mich gewundert, in Ihrem sehr geschätzten Blatte einen solchen Vorschlag auftan- chen zu zehen, wie den in Nr. 141 über dieBesol­dung de r S t aats di en e r in d er Ka in m er." Ich will mich weiter unten darüber verbreiten, daß dieser Vorschlag keineswegs das Recht und die Billig­keit auf seiner Seite hat, von vorne herein aber erlaube ich mir, ehe ich jenes thue, Ihnen einige Andeutungen über die g e h e i in e n Motive" j-nes Vorschlages zu machen, von welchen ich voraussetzen muß, daß'sie Ihnen völlig unbekannt sind, da Sie wohl anderem Falles den in Rede stehenden Artikel nicht in Ihr Blatt ausgenommen haben würden.

Es wird Ihnen nicht unbekannt sein, daß ein gro­ßer Theil der oppositionellen Partei in unserer Kam­mer, (welche, beiläufig gesagt, keineswegs ausKom- muuislen, Anarchisten, Wühlern," und wie die sonstigen officiellen Benennungen lauten mögen, besteht, sondern einfach aus Freunden des Volks und des Landes und Gegner der WiesbadenerHepopopeyo - Sippschaft") aus öffentlichen Beamten zusammengesetzt ist; wir nen­nen Rahl, Hehn er, Jung, Wenckenbach 1., Müller 2., Gödecke, Creutz. Es wird Ihnen ferner bekannt lein, daß man bisher unablässig von heyopopeyonischer Seite her bemüht war, die einzelnen Persönlichkeiten der oppositionellen Seite vor den Augen des Publikums mit dem Kothe einer die privaten und privatesten Angelegenheiten ausbeutenden Politik zu bewerfen, daß man, an einem jeden Erfolge, die Prin­cipien der Linken (Volkssouveränetät und Selbstregie­rung) zu bekämpfen, verzweifelnd, sich mit aller Wuth einer von jeder höheren Idee verlassenen, individuellen Leidenschaftlichkeit über die Persönlichkeiten der einzel­nen Avgeoeoueten von derLinken" her warf, indem man von der irrigen Voraussetzung ausging, daß man diese im Vertrauen des Volkes unerschütterlich fest stehenden Charaktere durch knabenhafte Schimpfreden und hämische Denunciationen über ibr Privatleben und ihre Antezedentien untergraben könne, und indem man l'luiD genug war, zu glauben, wenn man die Personen vernichtet hade, seien damit auch die ewigen und un­vergängliche n Ideen vernichtet, deren damalige Werk­zeuge und Träger jene sind. Man scheint nun endlich das Vergebliche dieses Kampfes eiligeschen zu haben, und die Knaben, die ihn geführt, legen die Steine und den Koth, damit sie geworfen, verdrossen aus den Hän­den. Statt dessen haben sie nun auf ein neues Mittel gesonnen, dieLinke" empfindlich zu kränken. Sie haben es gefunden. Der Artikel überdie Besoldung

bedrückte KammermusikuS nothgedrungen offenbar todt scheinen.

Beide Verscheidungöproceduren waren also nicht zu gebrauchen. Wenn wir aber einmal von einer Idee ganz beherrscht werden, so wächst sie mit den Hindernissen, welche sich ihrer Ausführung entgegenstellen, und bekannt­lich tragen eben die tollsten Ideen einen fast unzerstör­baren und so fruchtreichen Keim des Wachsthums in sich, daß sie oft mit Riesengewalt emporschießen, wuchernd sich auöbreiten, und mit ihren knorrigen Aesten schonungloS alles, was ihnen Hinderniß scheint, niederdrücken. So ging es auch dem KammermusikuS. Sein Aerger über die Unzulänglichkeit der beiden ihm leicht zu Gebote ste­henden Sterbemittel steigerte das Verlangen dahin zu fahren, bis zur Peinlichkeit; besonders, da er sich immer sagen mußte:ich habe wahrhaftig keinen Augenblick Zeit zu verlieren!"

Es ist Alles eins; rief er endlich mit Heftigkeit vom Kanapee aufspringend und in die Mitte der Stube rennend. Es ist all Eins! Gibt nicht Kohlendampf in der Welt? Läßt er nicht, nach dem Urtheil aller Sachverständigen, das lebende Wesen, also hier meine Wenigkeit, in einer unbeschreiblich angenehmen Betäubung dahinsinken? Man hat gar nicht einmal Lust und Nei­gung, dem Zauberkrcise zu entfliehn. Also Kohlendampf! Ich nehme davon eine hinreichende Mahlzeit zu mir, die Frau öffnet vermittelst einer Schnur daS Fenster nach etwa sieben oder zehn Minuten, entfernt dadurch den Kohlendampf und ich liege dann richtig so lange todt, bis der Tischler bei diesem heißen Wetter muß er