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Nassauische Reifung.

Freiheit, Wahrheit und Recht! Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!

Wiesbaden, Sonntag, den 13. August. 18L8.

Neue Bestellungen auf dieNassauische Zeitung" nebstAllgemeines Kirchen- und Schulblatt," werden pro Juli bis September ferner noch angenommen bei allen Postanstalten des Herzogtums für fL 2. 12 kr. incL Postprovision. In Wiesbaden bei der Expedition am Friedrichsplatz für fl. 1. 45 kr. vierteljährlich.

Inserate, welche bei der großen Verbreitung derNassauischen Zeitung" im Lande den beabstchtigten Zweck erreichen, werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet.

Uebersichten , Erörterungen und Aktenstücke.

A Wie sieht's aus?

Vom Abhang des Westerwaldes, 8. August.

V.

(Schluß.)

Bei uns in Nassau hat das Schullehrerseminar in Idstein, hauptsächlich unter dem wackeren Gruner,$< tige katholische Lehrer mit hellem Verstände und war­mem Herzen gebildet. Natürlich sind diese unserer römischen Klerisei ein Gräuel und Gegenstand der Verdächtigung. Sie müssen häuptsächlich herhalten in dem Nassauischen Zuschauer, der ein Hauptbannerträger des Ultramontanismus ist. Besagtes Blättchen, das zuschauen will, aber bis jetzt noch nichts Rechtes und Vernünftiges gesehen hat, und uns überhaupt an Kurz­sichtigkeit zu laboriren scheint, bringt in Nr. 19 einen Artikel aus dem Amte Wallmerod, der das mühsame Machwerk von mehreren katholischen Pfarrern sein soll. Zuerst kommen einige alte Einfältigkeiten (und wahr­scheinlich Unwahrheiten, jedenfalls Verdrehungen) von dem Gymnasium zu Weilburg und dann geht es über einige arme Schullehrer aus dem Amte her. Da sucht man namentlich einen zu verdächtigen, durch die an und für sich höchst lächerliche, aber bei dem ungebilde­ten römischen Volke nicht gleichgültige Beschuldigung: daß er die Kniee nicht tief genug beuge und daß er und sein Knabe dem Altare den Rücken zuwenden. Möge doch der betreffende Herr Pfarrer dem Lehrer einen Norinalknicks vormachen! möge er weiter beden­ken, daß das allenfallsige Abwenden von dem Altare noch in gar vielem anderen, als gerade in Mangel in Glauben, seinen Grund haben kann. Auch die Lektüre dieses Lehrers wird der hochwürdigen Censur unter­worfen; wir haben aber Grund zu glauben, daß sie besser sei als die des Herrn Pfarrers*). Die Ur­sache zu Anfeindungen der katholischen Lehrer von Seiten der Geistlichkeit ist die: trotz allen Riegeln und Schlös­sern haben die besseren katholischen Lehrer einige Licht­strahlen durch die Ritze eingelassen; und diese fürchtet

*) Zu einer Anmerkung bemerkt die Redaktion des Nass. Zuschauers: des Unraths wäre viel aufzutischen; wir bitten unsere verehrten Corresponten, daß derlei gröbliche Anfeindungen nicht ferner geduldet werden und vorkommende neue Fälle Der Art schonungslos durch unser Blatt zu veröffentlichen. Hierzu blos die Frage: Wenn alle katholischen Lehrer den gesammten Unrath ihrer Geistlichkeit auftischen wollte, wie groß müßte die Tafel sein? Uebrigens denken die Lehrer an Matth. VII., 35.

Die Geige.

Novelle von Friedrich Voigt. (Fortsetzung).

Grinsel fragte nach dem Bruder fast nichts, weil er ihm körperlich und in manchen Dingen auch geistig zu ähnlich war. Ueberdem sah der Bruder mehr verlangend als bringend aus; dazu machte die unerwartete Störung den Alten verdrießlich, und deswegen fiel sein Empfang des in so manchen Jahren nicht gesehnen Bruders ziemlch ins Barsche. Dieser aber ließ sich nicht irre machen, sondern forderte dringend Schutz und Hülfe vom Bruder, weil er sonst verloren sei. Er war nämlich seit un­denklichen Jahren Repetent gegenwärtig auf flüchtigem Fuße, weil er seinen staatswiffenschaftlichen Zuhörern verschiedne Grundsätze so oft repetirt hatte, daß die em­pfängliche Jugend endlich nahe daran war, eine General- Reformation der ganzen Welt mit Mund und Hand öf-

zu proclamiren. Indessen kam das geheime Rathscollcgmm der Residenz diesen romantischen Geheim- wssen auf die Spur: erschien Plötzlich Militär vor em Musensitze und scheuchte die meisten Reformatoren, den Repetenten an der Spitze, zum Thor hinaus.

Du bist also, hub Grinsel an, nachdem der Bruder die Abenteuer seiner Flucht erzählt, Du bist also Deiner Ratur nach eigentlich ein Demagog, ein Umtreiber oder Liberaler? Ich muß heute ausnehmend empfänglich für

man. Das Gebähren eines großen Theiles des ka­tholischen Klerus auf der Kanzel zeugt durchaus noch nicht von christlicher Milde und Verlangen nach Ver­söhnung. Der ruch- und gottlose Protestantismus ist noch immer das Stichwort; und wenn Pfarrer G. in W. auf der Kanzel sagt: ihr glaubt, der Zehnte rc. trage soviel ein; er erträgt aber nur so viel; und wenn ihr mir dieses nicht alles gebt, so thue ich keinen Dienst mehr und ihr könnt nach M. und D. gehen, da habt ihr was Rechtes! so wollte er dadurch ge­wiß nicht bei seinen Pfarrkindern Achtung gegen den Protestantismus erzeugen. Za, an Aufhetzungen gegen alles, was Licht, Wahrheit und Freiheit, insbesondere was Protestantismus heißt, fehlt es weniger als je. Nimmt man nun noch die großartigen Machina­tionen dazu, die s. g. Riesenpetionen, das Bestreben, die gesammten s. g. ehemaligen Kirchengüter wieder an sich zu bringen rc so wären Aussichten da, daß die Jngnisilion wieder Boden und der Bann wieder Zündkraft gewinne. Daß es der Partei auch darum gehl, wieder eine starke politische Stütze zu gewinnen, entwickelte die liebenswürdige Base, Frau Rhein- und Mosel.eitung unlängst. Diese ehr- und tugendbelobte Dame, die feit Jahren in das löschpapierne Horn ge­stoßen hat, um die sinkenden Mauern Roms im Gegensatz zu Josuas Posaunen aufrecht zu erhalten, forderte ganz naiv: Preußen möge doch dem Erzher­zoge Johann seine Rheinlande, als reichsunmittelbares Land abtreten; dieses Opfer wäre nur klein, indem die Rheinländer doch gerade keine guten Preußen wären und dadurch die längst geführten Klagen über Veratio- nen des katholischen Glaubens von Seiten unprotestan­tischer Regierung mit einem Male aufhörten. Darauf ließe sich antworten:

Wohl ausgesonnen, liebe Mos'lerinn!

Wär der Gedanke nicht erbärmlich dumm,

Man wär' versucht, ihn sehr gescheut zu nennen.

Das Programm, welches die Nymphe des Rheines und der Mosel auf diesen naiven Vorschlag entwerfen könnte, dürfte allenfalls heißen:

1) bas katholische Reichsoberhaupt bekommt somit eine nicht unbedeutende politische Macht;

2) alle wichtigen Aemter gehen vor und nach wieder in die Hände ächter Katholiken, oder Papisten über;

3) die Zeit bringt wieder geistliche Kurfürsten­thümer rc.;

4) der Papismus bekommt das politische Ueber- gewucht und wir können schließlich den Protestantismus selbst durch Gewalt der Waffen vernichten.

Freilich, die edle Persönlichkeit des Erzherzogs Jo­hann gestattet keine solche ausschweifenden Hoffnungen; allein hat die Hierarchie einmal etwas Terrain gewon­

Revolutionen sein: Du bist schon der zweite Demagog, der mir aufstößt, und zugleich der gefährlichste. Indes­sen muß ich Dich wohl die Nacht beherbergen, morgen aber mit dem Frühesten setzt man seinen Stab weiter, ohne daß selbst die Frau von Dir etwas sieht, denn da ich eben jetzt wichtigere Dinge vorhabe, so kann ich Dich unmöglich nach der Festung begleiten, und mich Unschul­digen mit dem Schuldigen unnöthiger Weise untersuchen lassen. Komm!"

Der Bruder wollte Einwendungen machen: seine gänzliche Ermüdung, sein Mangel an Geld, an Kleidung, die überall und immer enger ihn umkreisende Gefahr, seine Verzweiflung selbst nichts half ihm. Er mußte sich vom Kammermusikuö auS dem Zimmer schieben, über den Hausflur zerren und in ein verstecktes dunkles Hin­terstübchen führen lassen, wo ihm nichts übrig blieb, als dem Felsenharten nachzurufen:Alles Unheil komme über Dich, Unmensch!"

In der ganzen fürstlichen Residenz gab es nicht eine denkende Seele, die sich nur entfernt Einfällen ließ, mit welchem Plane Grinselâ Gemüth schon längere Zeit sich unruhig umhertrug. Seine Frau und der Fagottist wa­ren nach manchen Aeußerungen deö Alten, vorzüglich durch sein auffallendes Benehmen im Garten zur blauen Schnecke wol am meisten auf unheimliche Ahnungen vorbereitet, aber sie glaubten Grinsels weltrcsignircnden Krankenreden nur so geradezu, und glaubten fehl, weil überhaupt kein

nen, so kann sie alles von der Zukunft hoffen. Ist doch auf einen aufgeklärten, edlen Ferdinand I. und Mar II. bald ein finsterer, fanatischer Ferdinand II. gefolgt und Deutschland hat die Gräuel des 30-jährigen Krieges gesehen.

Und wie der römische Klerus seine schmutzige Wäsche fortwäschl, so der protestantische Pietismus, Obskuran­tismus, Jesuitismus, die protestantische Staatskirche. Weil er nicht gerade die Macht und die Hülfsmittel jenes hat, so sucht er theilweise gemeinschaftliche Sache mit ihm zu machen. Erröthen muß jeder Protestant vor Scham und Grimm, wenn der protestantische Jesuit Gfrörer die Aufbauung der alten deutschen Kirche als eine nothwendige Folge der Wiederherstellung des deut­schen Reiches proklamirt; erröthen muß er ob der Schamlosigkeit womit dieser Mensch die Bedingungen aufstellt, unter welchen jeder Protestant mit Ehren zurücktreten könne. Nein, Hr. Gfrörer, die Ehre ist etwas Relatives und was sich mit der Ihrigen zu vertragen scheint, thut es noch lange nicht mit der eines rechtschaffenen Mannes. Treten Sie mit Ihrer hin, wohin Jarcke, Hurter und Konsorten getreten sind; unser Verlust ist nicht groß. Daß es die protestan­tische Staatskirche mit der römischen Hierarchie nicht verderben will, zeigt auch das armselige Verhalten des bayerischen Oberkonsistoriums. Wie durfte eS sonst dulden, daß die berüchtigte Kniebeugung protestantischer Soldaten nur in eine andere Form gebracht worden ist? Und im Württembergischen schwimmt der Pietis­mus noch oben auf; im Preußischen verbietet man- dlscheu Geistlichen das TxgLkg von LèAMAn, .die, Aehnlichkeit mit denen der protestantischen Geistlichkeit haben; noch nirgends fast haben die Deutschkatholiken 2C. alle Rechte erhalten, find die Juden emanzipirt. Bei diesem und gar manchem anderen Häßlichen und mit den Forderungen unserer Zeit im Widerspruch Stehenden hat jedenfalls die Geistlichkeit die Hand im Spiele. Schließlich warnen wir alle Regierungen und das ganze deutsche Volk vor allem pfäffischen Einfluß und allen pfäffischen Uebergriffen I Der wahre Geistliche ist eine Stütze des Lichtes, der Freiheit, der Staaten; der Pfaffe ist ihr Todtfeiud und sucht die­selben auf jede Weise zu untergraben. Besonders hätten alle Protestant. und kathol. Fürsten längst auS der Geschichte lernen können, daß die römische Hierarchie stets ihr gefährlichster Feind war und ihrer Macht immer den Untergang zu bereiten suchte. Mögen sie dies jetzt besonders beherzigen! Mögest aber auch du, deutsches Volk, ganz besonders wachen, damit nicht eine Despotie, schlimmer als eine politische, dir die Errungenschaften der Neuzeit entreiße! Diese heißt: Priesterdespotie!

Mensch Grinsels tollen Einfall sich im geringsten denken konnte.

Der heutige Tag war der verhängnißvollste für den Alten und führte ihn raschen Schrittes zur Entscheidung. Er war, seinen geheimen Plan klüglich berechnend, in der letzten Zeit fast gar nicht aus dem Hause gegangen, hatte die meiste Zeit deâ Tages auf dem Canapee ver- lebt und viel gestöhnt. Da mußte der Hinwelkende nun eben heute sich einer Rolle hingeben, die ihm fast fremd war, weil er sie früher zu den weiblichen gerechnet, und daher gern seiner Frau überlassen hatte. Heute nämlich war ein fast unabsehbares Gläubigerheer in sein Zimmer gedrungen. Die Hartherzigen hatten nicht sobald erfah­ren, daß der Hauptgläubiger einen Abzug von Grinsels Gehalt erwirkt, als sie auch schon begriffen, wie unsicher nun ihre Ansprüche bei Grinselâ geschmälertem Einkommen werden mußten. Daher versuchte Jeder für sich zuerst einen Generalsturm aus den zähen Schuldner, um beim Miâlingen desselben sofort das Gericht ebenfalls wegen Gehaltabzuges anzusprechcn. Jeder hielt seinen Anschlag geheim, damit ihm kein Andrer zuvorkomme.

Wie es aber in der Welt geht: sie kamen sich Alle zuvor, denn sie hatten einen und denselben Tag zu dem Generalsturm festgesetzt, und erschienen fast sogar gleich­zeitig in der Morgenstunde bei dem auf den Canapee hingelagerten Kammermusikuâ. Sie erschracken heftig vor einander, denn wie leicht konnte nun dieser Privat- concurö zu einem gerichtlichen umschlagen! Dann aber ging Jeder so ziemlich leer auâ. Indeß war ihr Schre­cken, sich gegenseitig augeführt zu haben, nur von kurzer