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Freiheit, Wahrheit und Necht!
Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes?
Wiesbaden, Donnerstag, den W. August. 18L8.
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Uebersichten, Erörterungen und Aktenstüche.
Wiener Zustände.
(Nach der Augsb. Allg. Ztg.)
Die Vorgänge der zwei letzten Tage scheinen mir so bedeutungsvoll und wichtig, daß ich hoffe, Sie werden wir erlauben, ihrer hier zu erwähnen, wenn Ihnen auch die Thatsachen ihren Umrissen nach bereits bekannt sein mögen. Täuschen mich meine Ahnungen nicht, so laufen von diesen Tagen zahlreiche Fäden aus, die man bis zu ihrem Ursprung verfolgen muß, wenn man späterhin ihre wirre Verschlingung verstehen will; darum halte ich es für besser selbst scheinbar überflüssige Details anzuführen, als ein wichtiges zu übergehen. Die Ankunft des Banus von Croatlen hatte alle Gemüther in Spannung versetzt; von Seiten seiner Anhänger, wie seiner Gegner konnten Demonstrationen nicht ausbleiben. Was sich aber nicht voranssehen fließ war, daß die Officiere der hiesigen Garnison, mit Ausnahme der Ungarn, sich dahin vereinigten dem Banus durch eine feierliche Aufwartung ihre Verehrung und Sympathie darzuthun. Der Banus empfing das Officiercorps und erwiederte, von der Bedeutsamkeit des Moments sichtlich ergriffen, ungefähr folgende Worte: „Der Ausdruck Ihrer Gefühle, der nach zu jeder Zeit gerührt und erfreut hätte, muß jetzt von doppeltem Werthe für mich sein, da ich mich von jenen, die ich retten wollte, verlassen und verläugnct sehe. Aber ich und mein Volk, wir halten fest M Oesterreich! Sind wir ihm treu geblieben in den bösen Tagen des Druckes, wie sollten wir nun von ihm weichen, da die Möglichkeit zur Herstellung besserer Zustände gegeben ist? Lassen Sie uns vor allem darauf bedacht sein, daß wir Soldaten sind; als solchen kommt es uns nicht zu, an Worten zu mäkeln, während das bedrohte Gesammtvaterland unseres Schutzes bedarf. Wir wollen, wir werden es beschützen!" So sprach der Banus, offen wie nur ein Stärker' zu sprechen weiß, jeden diplomatischen Hinterhalt stolz verschmähend. Seine Worte wurden mit Begeisterung ausgenommen; die Officiere kamen überein sich dem Fackelzug anzuschließen, den die hier lebenden Slaven dem Banus zu bringen beabsichtigten. Mittlerweile blieben die Ungarn, von der radicalen Partei unterstützt, nicht müßig; in den Kneipen der Vorstädte wurde das Volk zu dem Zweck bearbeitet, die slavische Demonstration zu stören. Wirklich wurden schon während des Fackelzuges verschiedene schüchterne Versuche ge
Die Geige.
Aoorlle von Friedrich Voigt. (Fortsetzung).
Kam der K — sie erröthete wieder und konnte das Wort nicht ausdenken. Kam er wirklich von Richard,- oder war's nur, wie schon oft, ein Ausdruck der Zärtlichkeit von dem mit zutraulicher Liebe an ihr hängenden Kinde? Und kam er nun von Richard — was sollte sie dann beginnen? Wie sich gegen ihn stellen? Es fiel ihrer Unschuld nicht èin, daß sie ganz unbefangen, als sei nichts geschehen, ihm gegenüber sich bewegen könne. Und zürnen? Warum denn zürnen? — Hätte sie sich sagen können, daß sie Richarden liebe, schon lange liebe, sie hätte sich geschämt, wieder vor ihm zu erscheinen, und vielleicht wäre das Traubengeschenk gar ein ewig scheidender Grenzstein geworden. Aber wiewo! sie das Wort Liebe so gut kannte, wie die übrigen Menschen, so wenig wußte sie doch, daß dieses kleine Wörtchen eben ein Gefühl ausspreche, wie es ihre ganze Socle durch- glühete, wenn sie den Namen N ichard hörte, wenn sie oen jungen Engländer sah, oder gar einige Worte mit 'hm sprach. Sie hatte stets geglaubt, dieses Beklommen- müsse sie bei jedem Ausländer ergreifen, und sei in Ungeläufigkeit begründet, welche sich überall hemmend 'N das Gespräch schiebe. Nun aber sollte sie sogleich "fahren, waS ihr wunderbarer Zustand alles zu bedeuten
macht, allein das Militär verhinderte jeden ernsteren Ausbruch. Der Banus zeigte sich den Versammelten und richtete einige Worte des Dankes und der Vermittlung an sie; ein weithin schallendes „Zivio!“ antwortete ihm, nebst slavischen Liedern wurde die österreichische Volkshyinne und „Was ist des Deutschen Vaterland?" gesungen, bis sich die Menge endlich zerstreute. Ungefähr eine Stunde später rotteten sich die Tumultuanten unter den Fenstern des Banus zusammen und nun begann wieder eine jener Scenen, wie sie uns seit den Maitagen geläufig geworden. Das Ganze endigte mit dem Einschreiten der Nationalgarde und der Verhaftung der ärgsten Schreier. Bedeutungsschwer war dann die Sitzung des Reichstags. Der Kriegsminister eröffnete sie mit der Nachricht des glänzenden Sieges, den die Unsern bei Goito erfochten mit einem dreimaligen Lebehoch, dem Feldmarschall und seinen tapfern Schaaren ausgebracht, ward diese Freudenpost ausgenommen. Darauf theilte der Minister des Innern ein Schreiben des Kaisers mit, worin dieser unumwunden seinen Entschluß ausspricht, vorläufig nicht nach Wien zurückzukehren. Indem ich diese Worte mederschrcibe, wallt zornige Entrüstung in meinem Herzen auf, nicht gegen den Kaiser, der die wahre Sachlage nicht kennt, wohl aber gegen jene die ihn durch Entstellungen und Lügen darüber täuschen. Diese Herren und Damen wissen sehr wohl, daß sie dem Kaiser nicht nach Wien folgen dürften, darum wenden sie nun alles an, um seine Rückkehr zu hintertreiben. Lieber mag der Thron in âfahr, das Larrd m den Jammer eines Bürgerkriegs gestürzt als ihre Stellung irgendwie verdorbeu-äVerdvn^ 22eNyr' HöffNchKn- dw Camarilla leiten, ist unschwer zu errathen; zum Glück laßt sich mit derselben Bestimmtheit voraussagen, daß sie sich in ihren Berechnungen getäuscht scheu wird. Nach Verlesung dieses Briefes ward von der Versammlung einmütig beschlossen, eine Deputation an den Kaiser abzuschicken, um ihn zu schleunigster Rückkehr aufzufordern. In der Absicht ist die Majestät der Krone zu wahren, wollte Stadion dieß Begehren in mildere Worte gekleidet wissen; er wurde überstimmt. Ohne Zweifel wird sich die Deputation sogleich nach Innsbruck begeben. Ich glaube nicht, daß sie dort das geringste erreichen wird und kann Nur mit dangen Sorgen mir die Folgen vergegenwärtigen, die eine neue Weigerung nach sich ziehen dürfte. Was mitzt es, daß in der ungleich größeren Mehrzahl der Bevölkerung keine Sympathie für die Republik herrscht? Durch den Unverstand ihrer erbitterften Gegner wird sie dennoch herbeigeführt werden! Möglich, daß ihr noch ein Intermezzo vorangeht, aber sie wird darum nicht weniger die Katastrophe dieses unseligen Drama's
habe, denn sie war noch lange nicht mit ihren Zweifeln zu Ende, als nach leisem Anklopfen Richard halb dreist, halb verlegen, hereintrat. Es war ihm schwer aufs Sperj gefallen, daß Mosette seine Kühnheit als Beleidigung betrachten müsse, gegen welche sie kaum andere Waffen in Händen hatte, als schmerzlich schweigende Duloun , und dieser Gedanke war dem Jüngling, dem Liebenden, dem grabsinnigcn Engländer so peinigend, daß er kam, ihre Verzeihung zu erbitten und Abschied zu nehmen, weil sein Anblick ihr kränkend sein müsse. Sie aber hatte nichts zu verzeihen, denn sie war nicht gekränkt, und Abschied?— Wenn ihr Vater erführe, warum Richard daL Haus verlassen, so werde sie's entgelten müssen! äußerte sie mit unschuldiger Naivetät, und Richard blieb, denn was sollte er anfangen, entfernt von ihr?
Er blieb, und schon nach wenigen Tagen scherzten sie über den gemeinschaftlich verzehrten Liebesbrief. Dann aber kamen ernstere Dinge zur Sprache: mit MosettenS Vater, der gestern erst den Schüler seine Absichten mit Tochter und Geige hatte merken lassen, glaubte man leicht einig werden zu können, denn Richard war wohlhabend. Dagegen gab cs mit dem Vormund in England noch 'Vieles zu beseitigen, und eben heute, und in derselben Stunde, wo Grinset seine Tochter an Klapstein verhandelte, beriethen sie unten im Garten sehr ernsthaft alle Mittefi und Wege zu ihrem einzigen Glück auf dieser Welt. Da zertrümmerte nun Derjenige das ganze beinahe vollendete GlückSgebäude, von dem sie schon morgen ohne Schwierigkeit die Erlaubniß zum Einzug erlangen wollten; und nun stand Richard vor der ver
bilden (?). Eine Republik bei uns! Bei uns wo die Achtung vor dem Gesetz bis auf den letzten Funken erloschen, wo die durch langen Druck verdunkelten Gemüther Zügellosigkeit und Freiheit für eines halten, wo nichts von dem vorhanden, was die Seele, den Geist der Republik ausmacht! Lassen Sie zu den Schrecken der Anarchie, die uns erwarten, nun noch das Entsetzen sich gesellen, womit die immer näherrückende asiatische Seuche bald alle Schichten der Gesellschaft durchdringen wird und entscheiden Sie dann selbst, ob es Schwache und Feigheit ist, über diese Stadt zu weinen, wie Christus einst über Jerusalem.
37. Sitzung der constituirenden National' Versammlung.
Frankfurt, 8. August. Nach Verlesung und Genehmigung des Protokolls theilt der Vorsitzende v. Soiron drei auf den gestrigen Vorfall bezügliche Anträge mit. Der erste, durch v. Vincke und viele Mitglieder (im Ganzen 171) gestellte Antrag verlangt, daß die Nationalversammlung die Aeußerung des Abgeordneten Brentano, als gröbliche Beleidigung eines deutschen Volksstammes und der Nationalversammlung selbst, mißbilligen solle. Der zweite Antrag verlangt aus ähnlichem Motive, daß der Präsident den Abgeordneten Brentano zur Ordnung rufe. Nach dem dritten Antrag soll der Präsident wegen des ordnungswidrigen und. uuparlameutazischeu Betragens gegen Brentano cinschreiken. Der Vorsitzende erklärt, daß sich der Ab- -grvrdnrie Brentano durch de« gestern gebrauchten Ber« gleich eine Verletzung eines deutschen Volksstammes und damit der Nationalversammlung habe zu Schulden kommen lassen; das von der Nationalversammlung zu gründende Werk der Einheit wird gestört durch gegenseitige Anfeindungen. Als der Vorsitzende hierauf den Abgeordneten Brentano zur Ordnung ruft, erhebt sich von der linken Seite ein andauernd stürmischer Widerspruch, der den Vorsitzenden veranlaßt, die Sitzung bis 11 Uhr zu vertagen. Nach Wiedereröffnung der Sitzung erklärte der Vorsitzende, daß der Ordnungsruf erfolgt sei und wiederholt diesen bei erhobenem Widerspruch der Linken. Wegen Veranlassung der Unterbrechung der gestrigen Sitzung spricht der Vorsitzende die Erwartung aus, daß solche Scenen sich nicht wiederholen und daß auch der gerechte Zorn sich bemei'ftern werde. (Neuer Tumult.) H. v. Gagern besteigt die Red- ncrbühne, um zur Ruhe zu ermahnen, v. Soiron gibt dem Abgeordneten Brentano das Wort zur Fortsetzung der Diskussion in der Amnestiefrage. — Von der Linken wird Verhandlung des oben genannten drit«
schlossenen Kammerthür und drinnen schluchzte die Geliebte!
Unten im Hause war eS endlich ganz still geworden, da flüsterte Richard durch das Schlüsselloch: „Liebe Mosette, beruhige Dich doch endlich, weine nicht mehr. Vater und Mutter sind zu Bett gegangen, nun wollen wir ruhig zusammen überlegen, was wir thun müssen, um den Vater von seinem Irrthum zu überzeugen. Gehen muß ich und daö will ich auch gern thun, damit der Zorn deS VaterS schneller sich lege. Weit aber gehe ich nicht: in der Vorstadt find' ich leicht ein Stübchen, und dann wollen wir schon Gelegenheit finden zusammen zu kommen, nicht wahr?"
Aber die Gefangene schwieg länger alS der ungeduldige Richard ertragen konnte. „Mosette! fragte er endlich, Mosette, warum gibst Du mir denn so lange keine Antwort?"
Da weinte Mosette so laut, daß Richard ganz ängst, lich wurde. Er versuchte die Thür zu öffnen, aber nun rief Mosette: „Um Gotteswillen! Richard, laß das! Wcnn'ü der Vater hörte — ach! liebst Du mich denn wirklich, Richard?"
„Dein Zweifel, entgegnete dieser, ist mir Beweis für Deine liebende Zuneigung. Aber warum nur jetzt diese Frage. Eben ja sagt' ich Dir AlleS, waS ich nur weiß in dieser verzweifelten Lage."
„DaS ist, flüsterte Mosette zurück, daS ist wol gut! doch hast Du schon vergessen, waS der Vater sprach vom Strick und Markt? Das hat mir die ganze Zeit im Kopfe gelegen. Ich habe schreckliche Geschichten davon