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H- 130.

Naffauische Stifung.

Freiheit, Wahrheit und Recht!

Materielles und geistiges Wohl deS deutschen Volkes.'

Wiesbaden, Sonntag, den «. August. 18L8.

Neue Bestellungen auf dieNassauische Zeitung" nebstAllgemeines Kirchen- und Schulblatt," werden pro Juli bis September ferner noch angenommen bei allen Postanstalten des Herzogtums für fl. 2. 12 kr. incl. Postprovision. In Wiesbaden bei der Expedition am Friedrichsplatz für fl. 1. 45 kr. vierteljährlich. Die bekannte Tendenz derNassauischen Zeitung": Durchführung der demokratischen Monarchie in den einzelnen Staaten, und Herstellung einer starken deutschen Centralgewalt, welche dieselbe seit ihrem Erscheinen und auch ferner consequent festhält, hat unsern zahlreichen Leserkreis ansehnlich vermehrt, der sich noch täglich vergrößert. Nachbestellungen bitten wir daher schieuttigst bei dem nächsten Poftamte zu machen, damit wir im Stande sind, überall complere Exemplare vom 1. Juli an abliefern zu können.

Inserate, welche bei der großen Verbreitung derNassauischen Zeitung" im Lande den beabsichtigten Zweck erreichen, werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet.

Uebersichten , Erörterungen und

Aktenstücke.

54. Sitzung der eonstituirenden National- Versammlung.

Frankfurt, 3. August. Herr v. Lassaulr will gegen das Protokoll reklamiren. Anstatt aber dieses zu thun, verlangt er, daß vor der Abstimmung über ein Minoritätsgutachten auch die Gegner desselben, wenig­stens einer, gehört werden sollen. Das ungeduldige Rufen nach dem Schluß habe gestern zur Folge gehabt, daß ein Antrag (das Waffenrechl" u. s. w.) ange­nommen worden, während die Mehrheit dagegen gewesen sei. Der Präsident ertheilt dem frommen Professor für solch kecke Behauptung den gebührenden Verweis.

Janiczewski zeigt seinen Austritt auöderReichs- versammlung an und zwar deßhalb, weil frühere Ver­pflichtungen es-ihm unmöglich machen, nach dem Be­schlusse in der Posener Frage in derselben zu verbleiben.

Wernher von Nierstein begründet seinen dringli­chen Antrag, einen besondern Ausschuß zu ernnenen, um die Urlaubsgesuche zu prüfen. (In der That ist die Paulskirche heut etwas leer und füllt sich erst all- mälkg und unvollständig.)

Schwetschke will, daß bei längerer Beurlaubung eines Abgeordneten dessen Stellvertreter inzwischen cin- zuberufen sei.

Frisch will die Sache an den Legitimationsausschuß verwiesen haben, wogegen Soiron sich erklärt.

Sommaruga macht aufmerksam, wie Stele ganz ohne Urlaub fehlen, und will den Ausschuß zum Wächter über den Präsenzstand machen.

Vogt spricht sich indessen gegen solche polizeiliche Aufsicht aus.

Römer beantragt, die ganze Sache demGesammt- vorstande zu überlassen. Die Versammlung tritt diesem Anträge bei.

Wielemann verliest den Bericht über die Wahl (Hecker's) zu Thiengen. Es waren von 142 Wahl­männern 134 erschienen: davon stimmten 77 für Hecker, 56 für Buhl. Der Berichterstatter theilt das bereits bekannte Schreiben der badischen Regierung mit, eben so ein Schreiben von Hecker an denBürger-Präsi- sidenten" der Reichsversammlung. In diesem Schreiben wird viel von der Volkssouveränetät gesprochen; die­

jenigen, welche diese vernichten wollten, möchten die Vertheidiger und Vorkämpfer dieser Volkssouveränetät aus der Reichsversammlung fern halten. Die Ver­sammlung habe die Volkssouveränetät beschlossen und wenn Andere die Beschlüsse mit Waffengewalt haben ausführen wollen, so mache dies keinen prinzipiellen Unterschied. Zwischen den Wiener und Berliner Bar­rikaden und dem badischen Aufstand sei kein Unterschied, als daß jene gesiegt. Hierauf werden mehrere Petionen zu Gunsten der Zulassung Hecker's mitgerheilt und die Hauptpunkte der Hccker'schcn Aufruhrsgeschichte vorge­tragen. Der Bericht hebt sodann hervor, daß Hecker seinen Aufstand begonnen, als schon die Wahlen zur Reichsversammlung angeordnet gewesen. Die Behaup­tung, daß die Mehrheit des badischen Volkes die Re­publik wolle, stützt sich nicht einmal auf faktische Be­weisgründe, da die Zahl der Aufständischen gering blieb und namentlich die große Masse des Volkes die Ein­führung der Republik auf gewaltsamem Wege nicht wollte. Hecker ist Hochverräther gegen Baden, aber auch gegen ganz Deutschland, in welchem er ebenfalls mit Gewalt die Republik einführen wollte. Wer den Willen der eben zur Wahl ausgeschriebenen Reichsver­sammlung zu tyrannisiren sucht, ist ein Verräther an Volk und Vaterland. Hecker's That war vorbedacht. Sein Verlangen der Aufnahme in die Nationalversamm­lung, während er derselben auf's Feindlichste täglich entgegentritt, erscheint wie Hohn, wenn nicht tiefere Pläne darunter lägen. Hecker ist des Eintritts in die Nationalversammlung unwürdig, die Wahl ungültig. Der Ausschuß beantragt, daß unverzüglich eine andere Wahl angeordnet werde.

Venedey und Andere beantragen: Das Reichs- Ministerium möge jetzt, wo der Ehre Oesterreichs genug gethan ist, darauf hinwirken, daß ein Friede mit Ita­lien geschlossen werde.

Der Vorsitzende bemerkt, daß eine ähnliche Inter­pellation von Wichmann vorliege, auf welche der Minister antworten werde.

Verhandlung über § 7 der Grundrechte. (Anl. 1.) Künßberg nimmt sein Amendement zurück.

Leue begründet sein Amendement. (Anl. 2.) Der Antrag des Ausschusses sei unlogisch, unvollständig. Der Satz: Ausnahmegesetze sollen nicht stattfinden," ge­höre in den Art. VIII. Der Mittermaier'sche Antrag gehöre nicht in die Grundrechte, sondern in ein Gesetz­buch. Der Redner geht sehr ausführlich in die Prin­

zipienfrage in Betreff der Verhaftung und Stellung vor den Richtern ein. Die Gefahr wegen willkürlicher Verhaftungen liege nicht in dem Staatsanwalt, son­dern in den Verwaltungsbehörden, besonders deßhalb, weil dieselben bisher nur mit Erlaubniß ihrer Vorge­setzten zur Verantwortung gezogen werden konnten. Man Müsse einen Civilanspruch wegen unrechtmäßiger Ver­haftung, wie in England, einführen; keine Verjährung, kein Gesetz könne dort gegen einen solchen Anspruch schützen. Das sei das einzige Mittel, einige Sicherheit zu gewähren in dieser Beziehung; Strafen seien nicht hinlänglich.

Reichensperger begründet seinen Antrag. (Anl. 3.) Es handle sich hier um die praktische Seite der Freiheit und diese Frage sei wichtiger, als politische Fragen. Der Redner spricht gegen die Vorschläge von Leue, welche unpraktisch und zu speziell seien, so wie gegen die von Mittermaier, welche, meist dem engli­schen Recht entnommen, nicht in die Grundrechte ge­hören.

Mittermaier nimmt für jetzt seinen Antrag (Anl. 4) zurück, wünscht jedoch, daß bald ein Gesetzbuch aus­geführt werde. In England sei die persönliche Frei­heit weit mehr geschützt als in Frankreich; der Anklage­prozeß sei dort weit besser verwirklicht. In Deutsch­land sei besonders die Voruntersuchung ungewöhnlich lang und schleppend, wenn auch nach 24 Stunden be­reits ein Verhör stattfinde. Der neue basn'^e Ge­setzentwurf sei der einzige, der eine Abhülfe biete. Je­denfalls müsse in die Grundrechte die Bestiminüng kom­men, daß der Verhaftete binnen 24 Stunden so verhört werde, daß ihm eine Rechtfertigung möglich sei. Der Richter muß wissen, warum Jemand verhaftet werde, oder er darf nicht verhaften. Sodann müsse jedenfalls die Freilassung gegen Caution möglich sein, außer in Fällen schwerer Verbrechen. Die Caution sei nicht bloß für Reiche, sondern auch für Arme, denn sobald der Arme redlich sei» finde er Bürgen, die dafür einstehen, daß er nicht entlaufe.

Nauwerk hat zwei Anträge (Anl. 5 und 6), die er in der bekannten Alltagsweise begründet. Er ist sehr langweilig, doch überbietet ihn noch Grävell, dem freilich bei der Entwicklung seines Antrages (Anl. 7) keine Seele Aufmerksamkeit schenkt. Dies scheint ihm aber ganz einerlei zu sein, denn mitten im Lärm spricht er unbekümmert weiter. (Schluß f.)

Die Geige.

Novelle von Friedrich Voigt.

(Fortsetzung).

Sie wird ja wol, antwortete Rose gleichgültig, auf ihrer Kammer beim Strickrahmen sitzen."

Grinset rief zur Thür hinaus;Mosette!" aber nur sein schallender Ruf kam aus dem dunkeln Hause zurück. Er ging auf den Vorplatz und rief abermals :Mosette!" Alles still. Er stieg die Treppe hinauf, öffnete die Kam­merthür und drinnen brannte wirklich ein Licht neben dem Stickrahmen, nur Mosette saß nicht dahinter. Ver­dammte Verschwendung! sprach Grinsel. Den Conccrt- lichtrestcn haben die traurigen Zeitläufte längst ein trau­riges Ende gemacht daran aber denkt solch junges Volk nicht." Er trat ans Fenster, da schien's ihm, als bewege sich etwas neben der Jaeminhecke im Garten. Deutlich erkenneu ließ sich nichts, aber ein Busch war'S picht, was sich da bewegte und Mosette war nicht in der Kammer! Grinsel wollte zum Fenster hinausrufen, da glaubte er zwei Gestalten unterscheiden zu können.Das wär der Teufel !" ries er, trat hastig zurück, verließ eben so hastig die Kammer und stieg noch eine Treppe höher, wo sein Schüler Bywater ein Erkerstübchen bewohnte.

Master Bywater, sind Sie drinnen?" rief Grinsel zur Thür hinein, aber auch hier war kein Mensch, viel- weniger ein Master zu finden, obgleich auch hier ein

Licht neben dem Notenpulte brannte. Der Kammermu­sikus warf einen Blick in das aufgeschlagene Rondeau brillant, nahm die Geige undder Porterwanst hat wahrhaftig Ohren wie ein Maulwurf!" schalt Grinsel, drehete mit verzognem Mundwinkel an den knarrenden Wirbeln, schwang die Geige unter'S Kinn, ergriff den Bogen und versuchte die Stimmung. Er blickte noch­mals in das Heft, begann das Rondeau brillant und spielte immer weiter. Die Augen leuchteten, der Kopf wiegte sich dann und wann hinüber, ein eigenthümliches Lächeln strich durch alle Falten des gelben, Hartauöge- prägten Gesichtes, so daß Nase und Kinn sich gegen einander neigten, als sollten sie eine Nuß aufknacken. Da mußte ihm eben auf dem Culminationöpunkte der Begeisterung die Quinte mit jenem bekannten Tone springen, der jedem Musiker ein Entsetzen durch alle Glieder schüttet, und auch Grinsel sprang drei Schritte vom Pulte zurück. Unbeweglich stand er da, starrte nach dem Rondeau brillant, als könne er nicht begreifen, warum nun kein Ton desselben mehr aufklinge. Dann aber fuhr er plötzlich aus seiner Betäubung empor, warf Instrument und Bogen auf den Stuhl und rief:Zum Henker! was steh ich denn hier, und geige auf der nie­derträchtigen Hechel und reiße Quinten? Man hat Bei­spiele, daß während der grandiosesten Kirchenmusik Leute verliebt geworden sind, von denen so etwas gar nicht verlangt wurde, und Mosette ist wahrhaftig im Gar­ten."

Er stieg hinunter, wirbelte mit seinen Spinnenbeinen durch den Garten, und erschrack selber vor der Richtig­

keit seiner Vermuthung. Da saß der groß britannische Master Bywater von überwölbendem Jasmin halb ver­steckt; auf seinen Knien, an seiner Brust, in seinen Ar- men Mosette, die achtzehnjährige Tochter des Kammer­musikus Grinsel, eines Mannes, der vor einer Stunde noch mit der reinsten Ueberzeugung ihre Tugend und Sittsamkeit dem Cellisten und Bräutigam Klapstein an­preisen konnte da saßen sie, und Grinsel hätte ver­zweifeln mögen, daß daö Volk in seiner Glückseligkeit blind und taub war, sich nichts auf der weiten GotteS- welt träumen ließ, als unendliche Liebe, nichts von der Geige, von Klapstein, Hochzeit und abzutragenden Schulden.

Master! schrie er den liebenden Schüler an, Master Bywater, Sie schlafen diese Nacht zum letzten Mal nn- ter meinem Dache. Mosette, scher' Dich auf Deine Kammer, abgeschmacktes Geschöpf!" Er ergriff Mosette'S Arm und zerrte die Sträubende unsanft mit sich fort, während der Schüler sich vergebens bemühete, den zorni­gen Alten zu besänftigen und Mosette von ihm loözu- machen.

Nehmen Sie doch Vernunft an, Herr Grinsel, sprach er. Ich habe ja die redlichsten Absichten, und eben besprachen wir uns, ob ich wohl morgen schon bei Ihnen um Mosette'S Hand bitten dürfte."

Naseweis! entgegnete Grinsel, wie kann sich ein Schüler dergleichen Verwegenheiten erlauben? Und glau­ben Sie denn, daß die deutschen Mädchen Kühe sind, wie Ihre englischen Weiber? Sie haben wohl schon den Strick in der Tasche, woran Sie mein einziges Kind zu Markte führen und für drei Schillinge ansbieten