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H- ML.

Freiheit, Wahrheit und Recht!

Materielles und geistiges Wohl deS deutschen Volkes!

Wiesbaden, Samstag, den 3. Augnst. L8â8.

Neue Bestellungen auf dieNassauische Zeitung" nebstAllgemeines Kirchen- und Sch ul blatt," werden pro Juli bis September ferner noch angenommen bei allen Postanstalten des Herzogthums für fl. 2. 12 kr. inel. Postprovision. In Wiesbaden bei der Expedition am Friedrichsplatz für fl. 1.45 kr. vierteljährlich. Die bekannte Tendenz derNassauischen Zeitung": Durchführung der demokratischen Monarchie in den einzelnen Staaten, und Herstellung einer starken deutschen Centralgewalt, welche dieselbe seit ihrem Erscheinen und auch ferner konsequent festhält, hat unsern zahlreichen Leserkreis ansehnlich vermehrt, der sich noch täglich vergrößert. Nachbestellungen bitten wir daher schleunig^ bei dem nächsten Postamte zu machen, damit wir im Stande sind, überall complete Exemplare vom 1. Juli an abliefern zu können.

Inserate, welche bei der großen Verbreitung derNassauischen Zeitung" im Lande den beabsichtigten Zweck erreichen, werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet.

Ä

Uebersichten , Erörterungen und Aktenstücke.

A Wie sieht's aus?

IV.

Bom Abhang des Westerwaldes, 31. Juli.

Die anarchischen Bestrebungen haben zwar ein der schlechten Sache würdiges jämmerliches Ende genommen. Die letzten blutigen Ereignisse in Paris waren ein zu furchtbares Mene! Tekel! für Deutschland, als dass sich nicht einmal endlich alle Besserdenkenden erbeben mußten, um dem schamlosen Treiben einer wühlerischen Rotte kräftig entgegenzutreten, als daß nicht auch sol­chen, die es redlich meinen, denen aber der Verstand eine Zeit lang durchgegangen war und die aufrichtigen Herzens für eine in Deutschland nie zu verwirklichende Regierungsform schwärmten, die Augen mußten geöffnet werden. Sicherlich haben unsere braven Republikaner eingesehen, daß sich die Republik in Deutschland noch weniger ein führen laßt, als sie sich in Frankreich halten kann. Nein, wir wollen nicht regiert und despetifirl sein, weder von unreifen Turnern, noch von. laugst überreifen Professoren, Advokaten, Pfarrern und Schul­meistern, weder von saullcnzcndcn Arbeitervereinen, noch von tollen Handwerksgesellen, die auf ihrer Wanver- schaft in der Schweiz die Politik studirt und deren ver­rückte kommunistische Ideen das letzte Reftchen Gehör gänzlich unter Wasser gesetzt haben. Von Zehmpro- knratoren und andern: Gesindel, das mit dem Schunde des Auslandes verbunden uns die république rouge bringen wollte, halten wir es unter unserer Würde, nur ein Wort zu sagen. Der Abgrund der Anarchie droht nicht mehr.

Gleichwohl können wir auf die Frage: wie sieht's aus im lieben'Vaterlande? leider kaum die Antwon: so! so! leidlich! ziemlich! geben, müssen vielleicht sogar sagen: immer noch schlecht! .

Von der Furcht, in den Abgrund der Anarchie zu stürzen, sind wir zwar befreit; allein es rege sich zchon wieder ein neuer, oder eigentlich uralter Femd. der neü- gebornen Freiheit und die Besorgniß, wiederum über kurz oder lang in den Sumpf-der Reaktion zu gerathen, ist schon keine bloße Gespeusterfurcht mehr.

Es soll ein großes, einiges und freies Deutschland

Die Geige.

Aovcke von Friedrich Voigt.

(Fortsetzung).

Abends gab es wieder vollauf zu thun, und es blieb endlich kaum so viel Zeit übrig, beim Hahn im Korbe ein Beefsteak und eine halbe Barsac zu verzehren, weil Master Bywater schon wieder auf den Lehrer wartete. Nebenher verband Grinse! mit diesen ewigen L.eibeöab- Wesenheiten noch den unschuldigen Zweck, den einem Künstler höchst widerwärtigen und der Ausübung seiner Kunst sehr gefährlichen Anblick der. Gläubiger zu ver­meiden. Natürlich fielen diese geschwornen Feinde des Seelenfriedens und der häuslichen Glückseligkeit der Frau zur Last, und so waren denn auch heute Hebräer, Schuh­macher, Schneider, Laden- und Steuerdiener von ihr aus dem Felde zu schlagen gewesen.

, Nun saß denn endlich am Abend Frau Rose, ver- drießlich den Kopf auf die Hand gestützt, in dem einsa­men Zimmer und dachte mancherlei. Sie war die Tochter eines Cantors, hatte Französisch gelernt, sang, und ver- stand sich auf das Fortepiano. Dieser Verein vouKennt- "sssen hatte sie zur Erzieherin und fähig gemacht, den Kindern eines Kammerherrn, welche nichts lernen sollten, "'chts zu lehren, als den ersten Theil des SchnsuchtS- vder Trauerwalzers, eine Cavatine von Rossini und an­derthalb Seiten in der Ourica. Daneben hatte sie. der

geschaffen werden und allerdings ist dazu ein Haupt- schritt durch die Wahl eines Reichsverwesers gethan : der erwählte Mann ist ehrenwerth, ein ächter deutscher, ein wahrhafter Volksmavn ! Allein welche. Stellung­werden die einzelnen Fürsten gegen ihn einnehmen wol­len? Werden sie hochherzig oder auch nur klug genüg sein, ihre meistentheils eingebildeten Partikularintereffen den allgemeinen aufzuopfepn ? Werden sie in und mit Deutschland selbst groß oder werden sie vereinzelt auch ferner schwach sein wollen? werden sie dem Wünsche aller Bessern, ein wahres Deutschland zu bilden, Rech­nung tragen, oder werden sie auch ferner Preußen, Baiern rc. sein wollen ? Werden endlich die längst gestellten und in den Äärztagen bewilligten Forderungen in allen einzelnen deutschen Ländern eine Wahrheit werden, oder werden nicht bald wieder Diplomatenkniffe versuchen, das Fürstenwort zu drehen und zu deuteln und noch einmal'deutsche Geduld und Leichtgläubigkeit auf eine furchtbare Probe zu stellen? Wer sich diese Fragen .genügend beantworten könnte? Mögen solche Wagestücke unterbleiben!. S ie wären das frevelhafteste Spiel mit dein deutschen Volke, das jedenfalls furchtbar auf die Köpfe seiner Urheber zurückfallen, die ganze Erlstenz der-Fürsten vernichum, zugleich aber auch ote Ruhe und das. Glück .Deutschmms m.^;.4'.. z-er stören würde!

Wir, die wir stets der monarchischen Staatsform das Wort geredet haben und allen schäbigen republi- kanisch-anarchiftisch-n Bestrebungen entschieden entgegen getreten sind, würden dieß aufs Tiefste beklagen, um des gesammlen Vaterlandes, wie um unserer Fürsten selbst willen! Wir können uns indessen nicht ganz frei machen von der trüben Ansicht, die einzelnen veut- ichen Fürsten seien denn doch nicht so ganz ernstlich gewilligt, sich zum Heile des Vaterlandes der Central-, gewail mucrzuordneu. Von Hannover wollen wir gar nicht sprechen, denn daß sein jetziger König, dessen erste Regieruugohandlung bekanntlich ein unerhörter Gewalt- um nicht zu sagen Schurkenstreich war, sich von den ihm von Gott verliehenen Rechten, i. e. seinen Zopf­ansichten, nicht trennen mag, ist nicht zu verwundern; aber zu loben ist, daß er kein verborgenes Spiel treibt, vielmehr mit seinen verkehrten Ansichten offen hcrvor- rückt. Indessen kann Ernst August jederzeit seine Dro­hung ausführen und nach England, das ihm aber auch feine Rosen streut, gehen : durch seinen Weggang wird Deutschland nicht in Betrübniß und Verwirrung ver­

Kammerherrin während der Morgenbesuchspausen ein Ka­pitel aus den Stunden der Andacht, und Abends eine Erzählung von Clauren vorgelesen. Sie war also ein sehr gebildetes Frauenzimmer, und wußte das zu schätzen. Aber während ihres irdischen Daseins waren schon dreißig Kalender zu Makulatur geworden, ohne daß ihre Bildung ihre schwarzleuchtenden Augen, ein kleiner Fuß und zwei wunderschöne Händchen ihr etwas anderes, als wenige scheue Zärtlichkeitsuranfänge/des philvfophircnden theologischen Hauslehrers zugezogen hätten. Der Mensch kannte die Welt so genau, wie seine Nachtmütze, viel­leicht noch besser; er war der raffinirteste Kaffeekocher und sein Scharfblick hatte die Gouvernante durch und durch geschaut; er wußte auf ein Haar vorher, was sie antworten. werde, wenn er ihr von seiner Liebe sagen wollte, nur sagte der Mann eben deshalb nichts und sie fand das ennüyakt. Da kam ihr denn der Kammermu- sikus und Wittwer Grinsel äußerordentlich gelegen mit seinem feierlichen Anträge. Sie heirathete ihn, um end­lich auch einmal Frau zu werden: aber seine Nomaden- wirthschaft, sein Alter, seine Schulden, sein herrisches Betragen mußten ein Frauenzimmer von Rose's Bildung, von Rose'S zartem Gefühl bald mit Schmerz und Ab­neigung erfüllen. Sie ergab sich wieder ihren roman­tischen Jugendträumen voll Sehnsucht und Ferne und Wehmuth, und bei dieser aus Erdennoth cmporgeschossenen Himmelöseligkeit fand sie in der zarten Freundschaft deS Fagottisten eine Stütze, die ihr unendlich theuer war.

Es ist erklärlich und natürlich, daß sie die Verse von der todten Marie, welche Mandelschaf ihr jedesmal rich-

setzt. Etwas ganz anderes ist es mit Preußen, das jedenfalls am gewichtigsten in die Waagschaale Deutsch­lands fällt. Nach seinen Worten ist nun zwar sein König begeistert für deutsche Größe und Einheit; allein von diesen: Manne haben wir früher zu oft schöne Reden und Redensarten gehört, die eben weiter nichts waren, als Redensarten und Reden, als daß wir jetzt seinen Worten so ohne Weiteres unbedingten Glauben schenken dürften. Doch, wir glauben selbst, daß die Worte des .Königs aufrichtig und ehrlich sind; wird er aber von dem Einflüsse jener verderblichen Camarilla, die, wie an allen Höfen, so auch hauptsächlich in Potsdam, ihr Unwesen treibt und Feind und Verräther der Fürsten, wie Völker, von jeher gewesen ist, sich gänzlich frei halten können. Die Unterhandlungen mit Dänemark zeigen, daß Preußen noch nicht ganz entschlossen ist, aus seiner partikularen Stellung herauszutreten, und nur sein braver General Wrangel scheint seine Stellung Deutschland gegenüber begriffen zu haben. Von Oesterreich, dem so zerrütteten und in seiner Auflösung begriffenen, können wir vorerst nur sagen, daß frühere Vorgänge nur zu . sehr fürchten lassen, däß dort in den obern Regionen keine Sympathie für deutsche Einheit herrsche. Auch das muß endlich noch jeden Patrioten >.;nq^pq^ tzir^mittleren und tleiuereii

Fürsten Deutschlands noch fast gar nicht ihre gänzliche Hingabe an das gemeinsame Vaterland erklärt haben.

Sehen wir nun aus das Innere der einzelnen Staa­ten, so begegnen wir auch da so Manchem: was die Furcht vor Reaktion nicht ganz verschwinden läßt. In Jnnsbruckt beherrsch die verderblichste Camarilla den eben nicht sehr scharfsichtigen Ferdinand und sucht den Staatswagen wieder rückwärts zu lenken. In Preußen hören wir schon viele Anklagen wegen Majestätsbelei­digungen uud frechen, unehrerbietigen Tadels der Lan­desgesetze je. Das kann doch wahrlich das nicht mehr sein, was das vertruste preußische Landrecht dafür er­klärte. In Baiern gibt es Verbote an die Offiziere, gewisse Versammlungen zu besuchen, und ängstliche Ueber- wachung der Presse.. In Württemberg und Baden wer­den die demokratifchen Vereine geschlossen re. Dieß und manches Andere ist durchaus nicht zeitgemäß. Besser, man läßt sich die Meinung ganz frei äußern, als daß man wegen jeder allzu freien Meinungsäußerung gleich in Furcht und Zittern geräth: gerade dieß hat Deutsch­land an den Rand des Verderbens gebracht.

Verweilen wir noch schließlich etwas bei unserem

tig nach der Geburt überreichte, nur allegorisch auf sich selber beziehen konnte. Das that sie denn auch, und dachte dabei eben jetzt an Vieles: an Trost und Ersatz für den unglücklichen Freund , an unvermuthete Sterb­fälle, verlaßncn Wittwenstand, hauSfreundlichcs Mitge­fühl und Hochzeit, und eben jetzt trat Mandelschaf her­ein.

Sanft erröthend, aus zierlicher Verwirrung hervor- lächelnd, ging ihm Rose entgegen und lispelte:Wie so spät?"Spät? fragte Mandelschaf zurück, nach der Uhr sehend. Wahrlich, schon zehn Uhr! So geht das Leben mit seinen Erbärmlichkeiten und Dornen an uns vorüber, und nichts genossen haben wir vom Leben. Wer eS zuerst wohl einen Traum genennt haben mag? Das furchtbarste Wachen ist daS Dasein und dabei so lä­cherlich."

Sie sind, entgegnete Rose, lieber Mandelschaf, Sie sind wieder in einer gefährlichen Stimmung, und richten sich gewiß damit einmal- zu Grunde! Warum sollen wir uns den Kopf darüber zerbrechen, ob wir wachen, ob wir träumen? Wenn uns wohlgeht, lassen Sie unS wachen, und schwingt daS Schicksal seine grauen Flügel verdüsternd über unserm Haupte, so wollen wir schlafen und in einen glücklichern Zustand unS hinüberträumen. Ach, muß ich denn nicht immer und immer träumen zwischen einer lieblichen Vergangenheit und einer Zukunft, die so nahe sein könnte? Und glauben Sie mir, wer­ther Freund, ich träume nicht auf weichem Lager!

Weib! fuhr Mandelschaf pathetisch auf, Weib, waS ist Dir noch Alles geblieben? Du hast eine Vergangen-