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^- 134.

Nassauische Reifung.

Freiheit, Wahrheit und Recht!

Materielles und geistiges Wohl deS deutschen DolkeS!

Wiesbaden, Freitag, den 4. August. L8L8.

Neue Bestellungen auf dieNassauische Zeitung" nebstAllgemeines Kirchen- und Schulblatt," werden pro Juli bis September ferner noch angenommen bei allen Postanstalten des Herzogthums für fl. 2. 12 kr. incl. Postprovision. In Wiesbaden bei der Expedition am Friedrichsplatz für fl. 1. 45 kr. vierteljährlich. Die bekannte Tendenz derRaMulschen Zeitung": Durchführung der demokratischen Monarchie in den einzelnen Staaten, und Herstellung einer starken deutschen Centralgewalt, welche dieselbe seit ihrem Erscheinen und auch ferner konsequent festhält, hat unfern zahlreichen Leserkreis ansehnlich vermehrt, der sich noch täglich vergrößert. Nachbestellungen bitten wir daher schleunig^ bei dem nächsten Postamte zu machen, damit wir im Stande sind, überall complete Exemplare vom 1. Juli an abliefern zu können.

Inserate, welche bei der großen Verbreitung derNassauischen Zeitung" im Lande den beabsichtigten Zweck erreichen, werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet.

Uebersichten , Erörterungen und Aktenstücke.

Wien und Frankfurt.

Unter dieser Rubrik bringt die Frankfurter Ober- Poftamts Zeitung folgenden Artikel:

Frankfurt, den 30. Juli. In Wien scheint das Verhältniß Oesterreichs zu Deutschland nicht minder verkannt zu werden, als es in Berlin der Fall ist. Das zur öffentlichen Kunde gelangte Programm der Germittelungspartei auf dem Wiener Reichstag, das dem Grafen Stadion beigeinessen wird, enthält Sätze, die von der deutschen Nationalversammlung auf das entschiedenste werden verworfen werden müssen. Es ist darin gesagt, daß zwar ein'inniger dauernder An­schluß an Deutschland stattfinden müsse und daß dieser Anschluß eine politische Vebenofrage für Oesterreich sei, daß aber keine, mithin auch keine deutsche Suprematie zugelaffen werden könne. Die Einheit Oesterreichs sei die erste, die Einheit Deutschlands die zweitnächste nicht minder wichtige Frage. Oesterreich solle durch den Anschluß an Deutschland Vortheil, nicht Nachtheil er­langen, stark, nicht schwach werden, und es liege in Deutjchlands Jnterresse, Oesterreich stark und groß zu sehen. Hieraus folge, daß 1) Oesterreich wohl ein­zelne materielle Rechte aufgeben könne, um den inni­gen Anschluß an Deutschland zu realisiren, daß es aber deßhalb seine Souveränetät um so weniger auf­zugeben brauche, als cs durch diesen Anschluß an Macht und politischer Bedeutung nur gewinnen solle; 2) daß nicht nur der deutsche Oesterreicher, sondern jeder Oesterreicher das Programm des Anschlusses an Deutschland freudig unterschreiben werde, weil die öster­reichische Gesammtheit dadurch stärker und mächtiger werde. Oesterreich werde fortan mit Deutschland nur eine Politik haben u. s. w. Solche Ansichten kön­nen in uns nur die peinlichsten Gefühle erregen. Also die deutsche Nation soll nach wie vor dazu gebraucht werden, andere Mächte groß und stark zu machen, sie selbst aber soll stets in die zweite Linie gestellt werden! Der Theil des Reichsgebiets, aus dessen Schooße der Reichsverweser hervorgegangen ist, soll als solcher sich nicht der Souveränetät Deutschlands, sondern der Souveränetät Oesterreichs unterordnen. Die Ver­bindung Oesterreichs mit Deutschland wird als eine

Die Geige.

Novelle von Friedrich Voigt. (Fortsetzung).

Nur die Erwähnung des Hundes, eines höchst widrigen Rattenfängers, heiterte den furchtsamen Junggesellen tvic= der etwas auf: er streichelte freundlich das rauhe Thier, und weil er döch irgend etwas sagen mußte, was zur Sache gehörte, so fragte er! »Wann könnte denn die Geige mein werden?» »Die Hochzeit, entgegnete Grin- sel in fröhlicher Eilfertigkeit, die Hochzeit, Herzenssohn, ist doch erst in sechs Wochen auszurichten. In vierzehn Tagen ist das Quartal um, da heben wir den Gehalt; Master Bywater zahlt seine Pension; wir haben Geld vollauf und können dann selbst den Teufel nach unserer Pfeife tanzen lassen. Doch, nun muß ich wahrhaftig auf­brechen! Der Master wird schon ungeduldig am Pulte vnch erwarten, also nur noch kurz und bündig mit dem etzten Glase ein lustiges Hoch! der Geige wie der Braut. Pas liebe Kind wird ordentlich erschrecken vor Freuden, wenn ich mit der gloriosen Nachricht in die Thüre trete.» ^r stieß mit dem ängstlichen Violoncellisten an, nahm, Hut und Geigenkasten und mit einem eiligen »Gute Nacht, gute Nacht, Schwiegersöhnchen!» war er zur Thür hinaus, und ließ Klapstein in der seltsamsten Verlegenheit sitzen.

Lange Zeit starrte Dieser stumm und gedankenlos vor sich hin, die Beine weit ausgestreckt, die Stuhllehne mit

politische bezeichnet, die mithin auf dem Wege deö Vertrags herzustellen ist und der daher auch jede be­liebige Ausdehnung und Einschränkung gegeben werden kann. Wäre es möglich, daß solche Ansichten bei dem österreichischen Reichstag, der österreichischen Regierung und den Bewohnern der zu Deutschland gehörigen Staaten Oesterreichs Anklang fänden; müßte aus der Unterwerfung dieser Staaten unter das deutsche Neichs- gesetz eine Frage des Kriegs gemacht werden, so wür­den wir es vorziehen, einstweilen auf die Aufnahme Oesterreichs in das deutsche Reich zu verzichten und die deutsche Kaiserkrone ohne weiteres auf die Dynastie Preußens überzutragen. Wenn Deutschland dadurch an Volkszahl und Ausdehnung verlöre, so gewänne es an Uebereinstimmung und Gleichheit der Interessen seiner Theile und es könnte immer noch eine Achtung gebietende Stellung im Herzen von Europa einnehmen. Auch würde es alsdann der Sorge um Erhaltung der aus ihren Fugen gewichenen österreichischen Monarchie enthoben und könnte hoffen, die deutschen Provinzen Oesterreichs, die sich unter einer vorwiegend slavischen Herrschaft nicht wohl befinden können, mit der Zeil wieder zu gewinnen. Zu dem Behuf würde es eines Mehreren nicht bedürfen, als den traetatenmäßig zu Deutschland gehörigen Staaten Oesterreichs den Ein­tritt in den deutschen Reichsverbano vorbehalten. Für das Uebrige wurde durch den Kampf der Nationali­täten im Innern Oesterreichs und die daraus mit Nothwendigkeit hervorgehende Benachtheiligung der sich in der Minderheit befindenden Deutschen Rath geschafft werden. Wir wollen hoffen, daß es zu solchen äußersten Entschlüssen nicht kommen werde. In den zu Deutschland gehörigen österrerreichischen Landen wird man fühlen, was deren wahrer Vortheil erheischt und daher auch die Souveränetät des deutschen Reichs nicht verkennen. Haben doch österreichische Abgeord­nete vorzugsweise zu Aufbauung dieser Souveränetät mitgewirkt. Allerdings mag es seine Unbequemlichkei­ten haben, wenn ein Theil der österreichischen Gesammt- monarchie mit dem deutschen Reiche verbunden ist; allein etwas Unvereinbares vermögen wir nicht darin zu finden, besonders wenn ähnliche Bestimmungen, wie sie in dem Wiener Programm vorgeschlagen werden, für die Verbindung des deutschen Reichs mit den nicht zu diesem gehörigen österreichischen Staaten angenom­men werden sollten. Das deutsche Reich kann mit dem nicht deutschen Theile Oesterreichs in eine enge

dem Rücken gegen die Wand gestemmt, die Arme unter­geschlagen. Endlich ließ er den Stuhl auf die Vorder­beine, und Diese auf die Vorderbeine deS aufheulenden Rattenfängers sinken, hielt die leere Flasche gegen das Licht und brummte: »Dummes Zeug!» Nun stand er auf und schrie, als ob das Haus brenne: »Dietrich!» Zugleich trat er an das von dem Laden schon geschlossene Fenster, und meinte hinaus zu sehn. Dietrich war eiligst hcrbeigesprungcn und in seiner Verwuuderung, den Schreier stumm und gefahrlos am Fenster zu sehn, in der Thür stehn geblieben, ohne einen Laut von sich zu geben. Weil aber Klapstein sich durchaus nicht rührte, so meinte Diet­rich, es könne ihm doch wol ein Unglück zugestoßen sein, man habe Beispiele, daß Jemand versteinert sei. Um sich daher zu überzeugen, fragte er leise! »Was befehlen Sie?» Keine Antwort. Er trat einen Schritt näher und sagte einen halben Ton lauter: »Sie haben gerufen, Herr Klap­stein!« Dieser rührte sich nicht, und wie ein Blitz war Dietrich zur Thür hinaus, seinen Principal zu rufen.

Als Herr Günther in die Weiustvbe trat, fand er den Cellisten noch eben so unbeweglich am Fenster, wie ihn Dietrich verlassen hatte. »Sind Sie unwohl, Herr Klapstein?» fragte er; Dieser drehete sich um und erwie­derte ruhig: »Nicht im Geringsten, sondern nur toll. Hat Dsetrich Barsac schon gebracht?» »Nein.» »Aber mein Gott! zehnmal hab' ich ja dem Schlingel gerufen und Barsac gefordert. Ist er denn taub geworden?»

»Sie haben vielleicht, entgegnete Herr Günther, nach der Anstrengung des ersten Rufes für Ihre Wünsche kei­nen Ton mehr finden können, wenigstens sind Sie be-

politische Verbindung treten; wollte dasselbe aber unter seinen eigenen Theilen eine bloße politische Verbindung zulassen, so müßte Deutschland bei seiner Reorganisa­tion sogar noch hinter dem alten Staatenbunv zurück­bleiben, der doch noch wenigstens einen immerwähren-' den völkerrechtlichen Verein bildete. Es ist wenig er­freulich, auf solche Ideen und Vorschläge zu stoßen. Während in Wien zwischen dem deutschen Oesterreich und den übrigen Theilen Deutschlands eine bloß poli­tische Verbindung statuirt wird, spuckt in Berlin die Restauration des alten Staatenbunds und um die Ver­wirrung vollständig zu machen, erläßt selbst das Reichs­ministerium die Aufforderung zu Ernennung von Be­vollmächtigten der Bundesstaaten bei dem Reichsver­weser, zu welchen Bevollmächtigten fast ohne Ausnahme die früheren Bundestagsgesandten wieder ernannt wer­den. Den Bundestag hat man zur Thüre hinausge­wiesen, er steigt aber schon nach wenigen Tagen wie­der zum Fenster herein und nun wundert man sich noch, daß man in London, Petersburg und Paris über die Wiedergeburt Deutschlands lächelt und in dem Reichsverweser ein böses Omen erblickt. Wahrlich, es ist Zeit, solchem Gespötie ein Ziel zu stecken und den Beweis zu liefern, daß, wenn Deutschlands Völ­ker ein wirkliches Reich gründen wollen, sie auch die Macht dazu besitzen. Zum Scherze werden sie doch wohl die letzte Revolution nicht gemacht haben.'

52. Sitzung der constituirenden National«

Versammlung.

Frankfurt, den 1. August. Die Sitzung wurde um 9'/, durch den Präsidenten v. Gagern eröffnet. Das Protokoll wird verlesen und nach Erledigung einer Reklamation genehmigt.

Die Abgeordneten v. Scheuchenstuel aus Steher­mark und Pretis zeigen ihren Austritt aus der Na­tionalversammlung an. Namens des Prioriâtsaus- schnsses wird über mehrere Eingaben (Behandlung der Gefangenen in Bruchsal, Ausweisung des Dr. Die­tzel aus Nürnberg re. betreffend) Bericht erstattet. Die Verhandlung über die Anträge, meist auf Tagesord­nung gehend, wird in einer der nächsten Sitzungen stattfinden.

Die Tagesordnung führt zur Berathung über Art. II.

§ 6 der Grundrechte. Der Antrag des Verfassungs- Ausschusses lautet:

trächtlich stumm gewesen Dietrich eine Flasche Barsac für Herrn Klapstein, und künftig höre besser.«

Der Cellist setzte sich, schenkte zwei Gläser ein, nöthigte Herrn Günther zum Sitzen und sprach, mit Diesem an- klingend : »Sie thun mir wohl den Gefallen, Günterchen, und trinken auf mein Wohlsein. Ich sehe mich nämlich genöthigt zu heirathen und bin daher natürlich sehr miß- vergnügt. Aber ich will mich lieber mit der miserabel­sten Quintsaite strangulieren stellen Sie sich vor Herr Günther, wie man ein Esel sein kann, wenn man glaubt, im Fuchspelze zu stecken bis über die Ohren.» Er erzählte nun dem aufhorchenden Gastwirthe den Geigenhandel sammt der Verlobung mit Mosette Grinsel, und fuhr dann fort! »Sehn Sie, Gastgeber, so kann's einem ehr­lichen Menschen gehn, der Künstler und Enthusiast zu­gleich ist. Eigenstich empörte mich nur die ungeheure Barbarei, daß der Mensch dies Wunderinstrument mit ins Grab zunehmen droht, wenn man das Mädchen nicht dazu nehmen will. Was soll ich aber mit dem Weibe? Warum sollen mit der Geige meine felsenfesten Grundsätze vor die Hunde gehn? Donner und das Wetter, ich thu's nicht! ich will's nicht! Es wird doch irgend einen Rechtsverdreher in der Stadt geben, der mir die Geige an den Hals processirt ohne das Weib Günther! Ich Schafskopf! Ich Stiefelgehirn! Ich personificirter Nasen­stüber für meine eigne Dummheit! Ich hetze dem Alten alle Juden der Stadt auf den Hals er soll zu Kreuze kriechen er soll mir die Geige für ein Lumpengeld auf den Knien überreichen er soll *

Klapstein hatte die Flasche ergriffen, den Arm hoch