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Nassauische WMa.
Freiheit, Wahrheit und Recht!
Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!
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Wiesbaden, Donnerstag, den 3. August. L8L8.
Neue Bestellungen auf die „Nassauische Zeitung" nebst „Allgemeines Kirchen- und Schulblatt," werden pro Juli bis September ferner noch angenommen bei allen Postanstalten des Herzogthums für fl. 2. 12 kr. incl. Postprovision. In Wiesbaden bei der Expedition am Friedrichsplatz für fl. 1. 45 kr. vierteljährlich. Die bekannte Tendenz der „Nassauischen Zeitung": Durchführung der demokratischen Monarchie in den einzelnen Staaten, und Herstellung einer starken deutschen Centralgewalt, welche dieselbe seit ihrem Erscheinen und auch ferner konsequent festhält, hat unsern zahlreichen Leserkreis ansehnlich vermehrt, der sich noch täglich vergrößert. Nachbestellungen bitten wir daher schleunig^ bei dem nächsten Postamte zu machen, damit wir im Stande sind, überall complete Exemplare vom 1. Juli an abliefern zu können.
Inserate, welche bei der großen Verbreitung der „Nassauischen Zeitung" im Lande den beabsichtigten Zweck erreichen, werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet.
Uebersichten , Erörterungen und Aktenstücke.
Politisches Bild aus Wien.
(Aus der Augsb. Allg. Zeitung.)
Was haben wir nicht alles abgewartet, wovon wir eine fühlbare Krastäußerung hofften! Die Ernennung des Erzherzogs Johann zum österreichischen Reichsverweser: der Tag kam heran und nichts war geändert; der Erzherzog folgte einem höheren Beruf, und wir erwarteten die Constituirung eines neuen Ministeriums. Es kam, und statt sich als Ausdruck eines Gesammt- willens zu geriren, zeigte es sich als Reflex einer Co- terie. Da blieb uns nur noch übrig, auf die Thatkraft des Reichstages zu warten, und da stehen wir denn wieder hoffnungsvoll der Zukunft gegenüber. Welch ein Zustand, wo die Gegenwart nichts als Ver- wirrung bietet, und man sich einzig und allein mit der Hoffnung auf den kommenden Tag mästet! Lassen Sie sich von einem unparteiischen Mann ein Bild der heutigen politischen Lage Oesterreichs entwerfen, den Lesern bleibe dann das Urtheil überlassen. Der Kaiser befindet sich mit seiner Familie in Innsbruck, vielleicht unter dem Eindruck von Rathschlägen, die ihm der englische und russiche Botschafter, die beiden einzigen sich dort aufhaltenden fremden Diplomaten, geben. Die Dynastie hat keine andere Politik, als die des Temporifirens; wer vermag zu sagen, ob sie sogar die Entscheidung, wen sie nach Wien schicken soll, nicht allzulang hinausschiebt. Von Innsbruck aus wird durchaus keine Politik gemacht, und wer dem dortigen Hofe eine reaktionäre Thätigkeit vorwirst, der lügt oder ist getäuscht. Man ist vollständig consternirt in Innsbruck, aber man befindet sich dort wenigstens in Sicherheit — das ist alles. Auch in Wien selber besteht keine allumfassende Centralgewalt. Der SicherheitsAusschuß hat sich vielmehr durch Mangel an Intelligenz und Einsicht in die großen Staatsnothwendigkeiten , als durch seine Herrschsucht und seine Uebergnffe um seine Bedeutung gebracht. Hätte er alles gethan, aber mit Tüchtigkeit, Bewußtsein und Erfolg, so war er der allgemeinen Anerkennnng gewiß; da er aber vieles in die Hand nahm, ohne es zweckmäßig zu erledigen, alles verwirrte statt es ordnen, keine Compe-
tenz erkannte und doch die seinige nicht nützlich geltend zu machen wußte, so fiel er auseinander. Hätte sich der Sicherheitsauöschuß zu einem gewaltigen Institut erhoben, welches daS Vertrauen und den Credit erweckte, welches nach sicheren Principien handelte und Herr seiner Thaten war, so würde ihm kein Mensch seinen revolutionären Taufschein vorgeworfen haben: in einem Jahrhunderte, wo man leider den Traditionen alle Geltung versagt, ist der revolutionäre Ursprung kein Vorwurf. Wie der Ausschuß heute besteht, ist er nur ein Knäuel von Conflicten — der Stadtrath hat seine Fäden bereits daraus zurückgezogen; entwirren sich die übrigen Bänder nicht von selber, so kann man mit Gewißheit voraussehen, daß er zerhauen wird. Der Ausschuß hat sich an den Reichstag und zugleich ans Ministerium gewendet, um von beiden Gewalten die Versicherung der Vollziehung seiner Beschlüsse zu erbitten; hat der Reichstag Initiative und Vertrauen zu sich selbst, so kann er den Nebenbuhler nicht dulden; ist das Ministerium die erecutive Hand des Reichstages, so wird es die Atiributionen des Ausschusses den betreffenden Behörden überweisen, den Mitgliedern für ihre Thätigkeit in den Tagen der Aufregung danken und sie ihrem Privatbernse zurückgeben. Eine andere Lösung der Frage scheint uns unmöglich. Wir kommen zum Reichstag. Auch in ihm erkennen wir leider bis setzt keine gewaltige, der Schwierigkeit der Aufgabe gewachsene Körperschaft. Was sollen die Täuschungen? Was meine Augen sehen, was mein Ohr berührt, ist jedenfalls Wahrheit, die ich allerdings richtig oder falsch beurtheilen kann! Die nationalen Grundsätze, verwechselt mit Fortschritts- oder Rück- schrittöfragcn, das Heil des Staates auf die Majorität der Kopfzahl und nicht auf deren Fähigkeit basirt, Entscheidungen, die vielleicht von dem Ausstehen und Sitzenbleiben einiger Duzend complet unwissender galizischer Bauern abhängen. Auf Seiten der Gebildeten ein unbegreiflicher Ideologismus, vor dem die Nothwendigkeit dahin schmelzen, 'wie der Schnee von der Frühllngssonne; alle Fehler junger Versammlungen: als Gesprächigkeit, Amendementsucht u. s. w. und kaum eine Hoffnung auf die Rührigkeit und Springfederkraft jugendlicher Staatskörper — in allem, ich kann es nicht läugnen, eine unverkennbare Dürftigkeit. Bleibt unS die Wiener Bevölkerung übrig — Leute von denen so gewaltsame Ausbrüche, wie in andern Haupt- Städten Europa's nicht zu befürchten sind, deren Cha
rakter aber kaum zu fassen ist seit er durch eine wüste, verstand- und seelenlose Presse verwildert wurde. Heute wüthend gegen jede Reakiton, bietet sie morgen die Hand zur Auflösung des demokratischen Clubs; heute begeistert für alle Pointen des conftitutionellen Staatslebens , läßt sie sich morgen gegen die Juden in den wildesten Harnisch bringen. Dabei läuft neben der schleichenden Anarchie der Kövfe und der Herzen die schleichende Schwindsucht aller Geldbeutel und Cassen einher:
Herr, die Noth ist groß; Die ich rief, die Geister, Werd' ich nicht mehr los!
Ununterbrochen fort erhält sich dazu der gewohnte Sy- baritismus, doch sind die öffentlichen Locale bei weitem nicht mehr so überfüllt wie früher — die Wirthe borgen nicht, das Geld ist zu Ende! O erkennte man doch ebenso die großen Nothwendigkeiten, wie sich diese kleine unabweisbar geltend macht! In den Taschen ist kein Geld mehr, aber in den Patrontaschen ist leider noch Pulver; gestern erst zogen die Studenten nach Dornbach führten dort einen kleinen Krieg und die Halbstudenten, die Techniker wurden gegen die Vollblutstudenten so erbittert, daß sie auf ihre Feinde mit gekautem Papier schossen und zahlreiche Verwundungen statthatten; nur mit Mühe brachte man die Jungen auseinander. Glauben Sie mir, für ernsthafte Men- scheu sind solche Vorgänge schwer verdaulich! Doch gibt es Punkte in diesem Chaos, welche ihm eine Organisation ahnen lassen, wo sich wirkliche Kräfte äußern und von welchen oder vorher Zweifel dem Reste deS Staates der Ernst eingehaucht wird, der italienische und der ungarisch - slavische Kampf. Während man hier schwatzt, erfüllen sie dort die Geschicke ... ich urtheile nicht über das Ende des Kampfes; aber wie er auch ausschlage, auf die eine oder die andere Weise, er wird auf eine Stunde das Schicksal Oesterreichs mit dem man hier spielt und über das man hier faselt, kategorisch entscheiden. Nach zwei Schlachten in Italien wollen wir uns wieder sprechen!
Die Männer in Weilburg.
(Weilburger Wochenblatt.)
1.
Wer sagt mir an, wo Weilburg liegt, Voll Freiheitsmonarchisten, Wo Ritter St. Georg kühn besiegt Die Lumpencommunisten. Wohl uns, daß solche Sympathie Und solches Polizeigenie In Nassau nicht erkaltet, Und deutsche Ruhe waltet.
2.
Glück auf, wo Ruhe überwiegt, Die Freiheit im Canzleistyl, Wo jede Meinung sich verkriecht, Die nicht in Wilhelm Riehl Styl. *) ist es doch in Weilburg hell: Monarchisch constitutionell arf jeder frei sich nennen, 2um Ordnungsclubb bekennen.
3.
Für Freiheit, Ordnung und Gesetz: lärmen wir beim Humpen!
WaS kümmert uns das dumm' Geschwätz Der Demokraten - Lumpen ? Hoch lebe Riehl, der OrdnungSmann, Der wie ein Waschweib schimpfen kann! Es schreie laut, wer schreien kann: Hoch lebe Riehl, der Orvnungsmann!
4.
Bei Görz der Lieutenant und Soldat Sich nah zusammensetzen;
Es trennen Bürger und Hofrath Sich kaum noch nach den Plätzen. Verschwunden ist der Kastengeist, Weil treu der Bürger sich erweist, Schweigt von den Stadtrathswahlen, Schimpft auf die Radicalen.
5.
Wer sagt mir an, wo Weilbnrg liegt, Der deutschen Ruhe Retter.
Soll haben viel und gut gewiegt
Viel Polizeivertreter, , Schutzherrn der Constitution, Der Legitimität am Thron, Des Rechtsstaats Seifenblasen, Gesetz- und Ordnungsphrasen.
Die Geige.
Novelle tunt Friedrich Voigt.
(Fortsetzung).
Der schlaue Klapstein hatte gegen sein inneres Entzücken, welches jeden Augenblick hervorbrechen wollte, einen wahrhaft schweren Kampf zu bestehen. Er kannte die Geige schon lange: wie oft hatte er sie nicht gehört — aber stets wurde sein Verlangen nach ihrem Besitze noch gesteigert, denn jedes Mal lernte er eine neue vorzügliche Eigenschaft derselben kennen, und er würde, wenn sein Vermögen eben so weit gereicht hätte, wie seine Wünsche, jeden hohen Preis nicht geachtet haben, ihren Besitz zu erlangen. In der Junggesellenlangweile, die sein Hund so wenig, als ein Detailhandel mit römischen Saiten, Sourdinen, Geigenharz, Tactmessern, aber auch mit Ju. strumenten aller Art, auszufüllen vermochte, war ihm der Einfall gekommen, er sei für das Violoncell nicht gebo- ren; seine Bestimmung sei verfehlt, wenn er nicht trachte, zu möglichster Virtuosität aus der Geige zu gelangen. Wiewohl eS nun damit eben nicht von statten gehen wollte, w schob er die Schuld doch nur auf das Instrument, kaufte stets andre Geigen und verhandelte sie dann wieder an mittelmäßige, aber bemittelte Dilettanten mit bedeutendem Vortheil. So krankte Klapstein beständig zwischen Schachergeist und geheimer Künstlersehnsucht, die er allein durch Grinsels Geige zu stillen glaubte. Nicht ohne