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W- 131.

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Freiheit, Wahrheit und Recht!

Materielles und geistiges Wohl deS deutschen Dolkes!

Wiesbaden, Dienstag, den 1. August. 18L8.

Neue Bestellungen auf dieNassauische Zeitung" nebstAllgemeines Kirchen- und Schulblatt," werden pro Juli Lis September ferner noch angenommen bei allen Postanstalten des Herzogthums für fl. 2. 12 kr. incl. Postprovision. In Wiesbaden bei der Expedition am Friedrichsplatz für fl. 1. 45 kr. vierteljährlich. Die bekannte Tendenz derNassauischen Zeitung": Durchführung der demokratischen Monarchie in den einzelnen Staaten, und Herstellung einer starken deutschen Centralgewalt, welche dieselbe seit ihrem Erscheinen und auch ferner consequent festhält, hat unsern zahlreichen Leserkreis ansehnlich vermehrt, der sich noch täglich vergrößert. Nachbestellungen bitten wir daher schleunigst bei dem nächsten Postamte zu machen, damit wir im Stande sind, überall complete Exemplare vom 1. Juli an abliefern zu können.

Inserate, welche bei der großen Verbreitung Der Nassauischen Zeitung" im Lande den beabsichtigten Zweck erreichen, werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet.

Uebersichten , Erörterungen und Aktenstücke.

Das Grundübel des deutschen Staatshaushaltes.

Pz Aus dem Tri er'scheu, 31. Juli.

Das Grundübel aller deutschen Staatshaushalte und auch des unsrigen, das ist Die Centralisation. Die Centralisation das ist der P o l i z ei st a a t, das ist die Krankheit, welche auf uns lastet, wie ein schwerer Alp. Wenn Ihr einige kleinliche Polizeiinstitute, welche Euch mißliebig waren, abgeschafft habt, wenn Ihr be­wirkt habt, daß die Polizeidiener, statt in Uniform mit einem großen Pallasch, in einem bürgerlichen Rock ein- hergehen und das Seitengewehr unter demselben tragen, dann glaubt Ihr Thoren und Leichtgläubigen, Ihr hättet denPolizeistaat" vernichtet, Ihr lebtet in einem freien Lande."

Ihr seht es nicht, daß in Deutschland der Staat einem überfressenen Gourmand gleicht, welchem der voll- gepropfte Magen Beschwerden macht und jede rasche und Trete Bewegung ausschließt. Der Staat hat bei uns Alles verschlungen, er hat das Gemeindeleben, die Corporationen und Innungen, die Vereine, die Schule und Kirche, Alles hat er verschlungen. Und nun sitzt er da, es rumpelt ihm im Leibe, wie dem Wolf im Kindermärchen, welchem die Ziegenmutter die Steine in den Leib genäht hatte. Er möchte wohl gerne den Ballast wieder los sein, aber er fürchtet, sich dabei zu compromittirën, und so behält er ihn denn bei sich und wird immer unbeholfener, immer unfähiger die schwierigen Aufgaben zu erfüllen, welche ihm die Gegenwart gestellt hat. Das öffentliche Leben in dem Polizeistaate gleicht einer großen Maschine, in welcher die wirkende Kraft von einem ganz kleinen Theile ausgeht, einem Spinnennetze, in welchem sich kein Fädchen und kein Seilchen bewegt, wenn nicht die in der Mitte thronende Spinne dasselbe angezogen oder losgelassen hat. Das wäre Alles recht schön. Aber kommt nun das kleinste Stäubchen in die Maschine, stößt der kleinste Windstoß, eine Masche zerreißend, in das künstliche Netz, dann stockt das Ganze, dann i|t der Organismus gelähmt, und der Maschinist rathloo.

Darum ist gar keine Zeit zu verlieren. Wenn wir endlich einmal nicht bloß mit dem Maul, sondern in der That über den Polizeistaat hinaus und aus demselben heraus kommen trollen, dann gilt es, den Staatshaushalt neu zu orga- nisiren, die Schreiber wirthschaft abzu­stellen, statt zu centralisiren förmlich zu decent ralisiren. Alles was nicht noth- wendig mit der obersten Staatsverwal­tung,'als solcher, zu thun hat, das muß ihr auch entzogen und auf seine eigenen Füße gestellt, seiner eigenen Bewegung überlassen werden, statt daß bisher alle Insti­tute bloß Marionetten waren, welche ihre hölzernen Glieder reckten nach dem Willen dessen, welcher den Faden in der Hand hält. Ohne eine solche Emancipi- rung aller einzelnen Lebenökreise im Kleinen und Oert- lichen ist die Freiheit oben, die sich nicht auf die Selbst­ständigkeit unten stützt, doch weiter nichts, als Täuschung und Flitterwerk, wie das eine achtzehnjährige Erfahrung während der Iulidynastie in Frankreich zur Genüge bewiesen hat.

Wem es mit dem konstitutionellen Princip wirklich Ernst ist, der darf überhaupt sein Muster nicht aus Frankreich holen. Denn die konstitutionelle Verfassung 'n Frankreich war eine bittere Täuschung, bei et das Volk verloren hat, und nur die Klasse Der Privilegirten und Monopo­len gewonnen. Also weg mit diesem Muster! ". Zuag Sankt Veit, der Ritter, Wein sich holen, vlr holen ihn da nicht." Wollen wir ein ächt consti- rutlvneUeö Vorbild, dann müssen wir es in England

suchen. Und England kennt keine Centralisation. Da bewegen sich alle einzelnen Lebenökreise, alle Körper­schaften und Gemeinheiten im Staate, ohne sich im Geringsten um Den Staat zu kümmern und ohne daß dieser im Entferntesten Miene machte, auf sie einwirken zu wollen. Da steht AUeö in eigenen Schuhen und Alles verwaltet sich selbst. Die richterliche Gewalt ist von Der obersten Staatsverwaltung ganz getrennt, und die locale Verwaltung geschieht nrcht durch Staats­behörden, sondern durch die von dem Volk selbst erkorenen und besetzten Gewalten. Eigent­lich, vom Staat als solcher angestellte und bezahlte Verwaltungsbeamte hat das ganze ungeheure England (Die Armee, die Marine und Der Zoll abgerechnet) vielleicht nur achtmal so viel als unser klimperkleines Nassauer Ländchen.

Deßwegen ist auch England, trotz seiner schrecklichen socialen Mißstände, trotz seiner Ueberbleibsel mittelal­terlicher Privilegien, ein wahrhaft freies Land. Denn seine Freiheit beruht auf einer freien Grundlage. Der Staatsorganiömuö gleicht einem nach eigenem Willen und Belieben üppig sprossenden und blühenden Land, über welchem die oberste Verwaltung als bele­bende und anregende Sonne schwebt, während unser Staatsorganiömuö eine haspelnde, knarrende und schnarrende Maschine ist, in welcher sich nichts bewegen darf, o h n e D r u ck v o n O b e n.

Macht Ihr eine Volksvertretungauf breitester Grundlage," macht Ihr Einkammersystem, Directe Wah­len rc., schafft das Veto ab, es ist Alles eitele Kinderei und Flittertand, so lange Ihr nicht Den ganzen Staatshaushalt von Grund auf refor- mirt, Die Schreibermaschine zertrümmert und an die Stelle der Centralisation und der Bevormundung Die örtliche Selbstständigkeit und die Selbstregierung durch alle Sphären des öffentlichen Lebens von oben bis unten setzt.

Rußlands Wollen und Können.

(Aus der Augsb. Allg. Zeitung.)

Einigermaßen als Gegensatz zu dem Aufsatz nach der Allg. Zig.Rußlands Wollen und Können" ge­ben wir folgende Betrachtungen des Eraminer:Ruß­land hat keinen Grund über Die Februar- und März­revolutionen und ihre ergebnisse verdieglich zu sein. Man hat Den Czar fast allgemein so verstellt, als wüthe er vor Entrüstung und Ungeduld; bei einiger Aufmerksamkeil wirb man im Gegentheil einsehen, daß er sehr kaltblütig und gesammelten Gemüthes beschäf­tigt war, Die Früchte jener Revolutionen zu sammeln. Die Julius-Ereignisse von 1830 störten einen Der riefst und geduldigst angelegten Plan zu russischer Ver­größerung; jetzt sieht Rußland Den Weg vor sich ge­öffnet, denselben Plan zu verwirklichen, aber durch ganz andere Werkzeuge und Mittel. Die ersten offenbaren Ergebnisse Der letzten französischen und deutschen Um­wälzung für Rußland waren: es hat dadurch die Herr­schaft über den Sund und den Bosporus erlangt, diese zwei großen Ziele des russischen Ehrgeizes. Ja, diese beiden Ziele wurden erreicht, ohne die Wahrnehmung, geschweige denn die Empfindlichkeit Europa's zu er­regen. Der Czar hatte lange gewünscht, daß Die Kö­nige von Schweden und Dänemark volles Vertrauen in ihn setzen möchten. Aber beide, wie liebenswürdig und willfährig sie auch gegen ihn sich benahmen, be­hielten doch immer ein gewisses Maß von Mißtrauen bei, während sie sich auf russische Freundschaft stützten, waren sie doch darauf bedacht, derselben in englischen und selbst französischen Verbindungen ein Gegengewicht zu geben. Die russenfeinblichen Gesinnungen in Däne­mark waren stark, ja sie waren ibentisch mit ähnlichen Gesinnungen in Deutschland: der Teutone und Scan- dinave schienen gemeinsame Sache zu machen, gegen Den Tataren. Die Erhebung Schleswigs und der Ein­fall Der Preußen hat all dies verändert. Nach diesem Einfall war Der erste Impuls der Dänen zu England

zu flüchten und mit Berufung auf Verträge dessen Hülfe anzusprechen. Die englische Regierung räumte das Dasein Der Verträge ein, Beistand zu leisten lag aber nicht in ihrer Macht; wenigstens konnte sie kein bewaffnetes Einschreiten versprechen. Der dänische Hof wandte sich sofort an Rußland, und Rußland gewährte was England versagen mußte: allfällige Intervention um Die Eroberung einer dänischen Provinz durch die Deutschen zu verhindern. Diese Interventionsdrohung hat ihre Wirkung gethan. Die Deutschen haben sich zurückgezogen, einen Waffenstillstand geschlossen; über einen definitiven Frieden wird unterhandelt. Dafür mag Dänemark Rußland danken, und es dankt Ruß­land dadurch, daß es dasselbe an Die Spitze scandi- navischen Bundes stellt. Der Sund ist in russischen Händen oder unter russischem Einfluß; der Petersbur­ger Hof kann ihn, und Die ganze Ostsee dazu, morgen schließen. Nachdem wir so Die erfolgreiche Thätigkeit Der russischen Politik im Norden betrachtet, wollen wir uns nach Süden wenden. Was war Die erste Folge der französieren Februarrevolution in Konstantinopel? Der Sturz Reschid Pascha's. Dieser Minister wurde gehalten durch Englands und Frankreichs Einfluß und durch das Vertrauen, welches der Sultan in Die Macht dieser beiden freien constitutionellen Staaten gesetzt. Aber die Katastrophe in Frankreich und in Folge die­ser die Suspension seines großen auswärtigen Ein­flusses ließen Dem Sultan nur England als Stütze übrig, und England in seiner jetzigen überfriedfertigen Laune (in her present ultra - pacific humour) zählt für nichts. Der Sultan unterzeichnete daher, auf Ruß­lands Wunsch, ohne allen Grund oder auch nur Vor­wand die Entlassung Reschids und ernannte auf seinen Posten in Riza Pascha's Person zwar einen fähigen Mann , Der aber notorisch ein Werkzeug Rußlands ist. Sir Stratford Canning war abwesend; aber wär' er auch in Konstantinopel gewesen, was hätt' er thun können? Nichts. Die Zeitungen haben Den nachhe- rigen Empfang des französischen Gesandten, General Aupick, in Konstantinopel geschildert. Einen Lakaien hätten die Türken nicht unceremoniöser empfangen können. Und das Spaßhafte dabei ist: Die Russen sind geschickt genug, dies als Die Wirkung englischer Eifer­sucht darzustellen. Während aber dieß in Konstanti­nopel gezettelt wird, bereiten die Russen die Invasion der Donaufürstenthümer vor. So lange Die jetzige deutsche und slavonische Gährung dauert und wie sollte sie aufhören? wird Rußland einen militäri­schen Cordon aufgestellt lassen um Den Liberalismus, angeblich im Interesse der Pforte, in Den Donaupro­vinzen darnieder zu halten.

Dieser Vorwand, in Verbindung mit dem zerrüt­teten Zustand Oesterreichs, Der Isolirung Ungarns und der Unterwürfigkeit Der Türkei, mag völlig hinreichen, den Russen Die bleibende Herrschaft über jene Provinzen zu geben und so einen seiner weltlichen Schritte (neben den geistlichen) zur Herrschaft über den Orient zu voll­enden. Dennoch hegen wir annoch Die stärksten Hoff­nungen , daß diese Entwürfe Rußlands zu Schanden werden. Die Cholera ist in St. Petersburg. Wenn sie Dem Autokratvr daheim zu schaffen gibt und seine Macht und böse Lust Die Angelegenheiten Westeuropas zu verwirren beschränkt, so wird sie für die Lerden, die sie verursacht, eine Vergütung leisten. Aber wehe uns, wenn diese schreckliche Seuche, von der empfänglichen russischen Schweinenatur fortgepflanzt, mit russischen Heerhaufen nochmals bis an die Gränze des civilisirten Europas rückte!"

Die deutsche Centralgewalt und die preußische Armee.

Berlin. Die bei Decker in diesen Tagen erschie­nene Broschüredie deutsche Central-Gewalt und die preußische Armee" trägt in allen ihren Einzelnheilen, so wie in der ganzen Fassung zu sehr das Gepräge des Officiellen, als daß dieß selbst dem mit den Verhältnis­sen nur unvollkommen bekannter Leser entgehen könnte.