lVro' ISS.
Naffauischc Zcitiing.
Freiheit, Wahrheit und Recht!
Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!
Wiesbaden, Samstag, den 28. Juli. 18^8.
Neue Bestellungen auf die „Nassauische Zeitung" nebst „Allgemeines Kirchen- und Schulblatt," werden pro Juli bis September ferner noch angenommen bei allen Postanstalten des Herzogthums für fl 2. 12 kr. incl. Postprovision. In Wiesbaden bei der Expedition am Friedrichsplatz für fl. 1. 45 kr. vierteljährlich. Die bekannte Tendenz der „Nassauischen Zeitung": Durchführung der demokratischen Monarchie in den einzelnen Staaten, und Herstellung einer starken deutschen Centralgewalt, welche dieselbe seit ihrem Erscheinen und auch ferner konsequent festhält, hat unfern zahlreichen Leserkreis ansehnlich vermehrt, der fj$ noch täglich vergrößert. Nachbestellungen bitten wir daher schlemiigâ bei dem nächsten Postamte zu machen, damit wir im Stande sind, überall complete Exemplare vom 1. Juli an abliefern zu können.
Inserate, welche bei der großen Verbreitung der „Nassauischen Zeitung" im Lande den beabsichtigten Zweck erreichen, werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petitzeile oder deren Naum berechnet.
Uebersichten , Erörterungen und
Aktenstück.
NnsslandS Wollen und Können.
(Aus der Augsb. Allg. Zeitung.)
(Fortsetzung.)
Aber als wir Schweden die Pfpte herleihen sahen, um Rußland die Macronen aus dem Feuer zu langen, fiel uns wahrhaftig der Griffel aus der Hand. Gibt es denn etwas Handgreiflicheres, daß Rußland gerne den Occident seinen Grimm empfinden lassen und den Sund in die Tasche stecken, dabei aber seine Völker außer Berührung mit der konstitutionellen Pest halten möchte, als daß es Schweden und Dänemark voranschiebt ? Schweden bricht mit seinem natürlichsten ältesten Freunde, dem stammverwandten Deutschland, ohne allen Grund, und wirft sich selbst in den offenen Nachen seines Todfeindes? Es traut der Verlockung des Ungeheuers, das ihm fort und fort einen Flügel um den andern vom Leibe gebissen, und glaubt berückt an dessen Wohlmeincuhkit? Hat man je solche politische — Thorheit erlebt? Hofft Schweden bei den jetzigen Wirren etwa wieder ein Stück von Deutschland zu erha^ scheu, von Rußlands Spende? Dieß wäre eine maßlose Kurzsichtigkeit; wer Deutschland jetzt für wehrlos hält, weil es in Gährung ist, der irrt groß; denn in Einem sind wir alle einig, in der Gefahr zusammenzuhalten auf den letzten Mann. Deutschland ist, wenngleich noch ungeordnet, jetzt durch den geistigen Einklang seiner Völker mächtiger, denn je; es besitzt kein fertiges großes Heer, aber die fertigen Rahmen zur mächtigsten Armee im vollendetsten Zustande. Wenn Deutschland gereizt wird, so stellt es in vier Monaten eine halbe Million regelmäßige und unregelmäßige Wehrmannschaft schlagfertig ins Feld. Wagt es nur, uns jetzt ernst anzugreifen, ihr werdet erschrecken, wie schnell wir unsere innere Arbeit bei Seite werfen, wie thöricht ihr der gefürchteten Republik in die Hände gearbeitet habt, wie schnell der verwickelte Bau unseres künstlichen deutschen Hauses, den ihr gerne erhalten möchtet, um uns ewig uneins und machtlos zu haben, übereinanderstürzen, und wir in furchtbarer Einheit gegen euch wieder aufstehen werden! Das Ende des Krieges kann für Schweden, mögen die Dinge welche Richtnng immer nehmen, nur unglücklich mißfallen. Wo es auf deutsche Erde den Fuß zu setzen wagt, wird es hinausgepeitscht werden, und in Stockholm, wo Stoff der Unzufriedenheit mehr als genug ange- bauft ist, wird man in Balde über einen Krieg in Aerger ausbrechen, der den locker gezimmerten Thron über Nacht umstürzen kann. König Oskars Popularität ist ohnedieß meist dahin, er hat nicht den rechten Weg eingeschlagen, sie wieder zu gewinnen, und sein ganzes Dasein auf Eine Karte gesetzt, die fehlen wird.
Abgesehen von der Undenkbarfeit, daß Rußland Deutschland irgend auf einige Dauer sollte zu meistern im Stande sein, läßt sich fragen, ob es nur irgend einige Wahrscheinlichkeit habe, daß Rußland, selbst wenn seine Macht hiezu zureichte, nur die Absicht oder den Gedanken haben könne Deutschland in Besitz zu nehmen. Was würde, was könnte es dadurch gewinnen? Hat es nicht schon der Würmer genug in den Eingeweiden , durch den Besitz von Polen? Und zu diesen wldcrrissigcn Polen sollte es das noch viel stärkere und noch viel widerstrebendere Deutschland mit seiner Begränzung an Frankreich fügen wollen? Dieß ist tm höchsten Grade unwahrscheinlich. Man müßte waynstnmg geworden sein im russischen Cabinet, ehe ^ermXp ^"^e gerathen könnte. Das ganze aekebrt '»üßte unterst zu Oberst « unD aöe Besonnenheit müßte in Petersburg abhanden gekommen sein , wenn man auf den Einfall gerathen sollte, nächst Polen, das man kaum zu bändigen vermag, auch noch 40 Millionen Deutsche aufnehmen zu wollen, die, selbst in offener FKo- schlacht unterworfen, für Rußland genau das werden
37. Sitzung der conftituirenden National- Versammlung.
(Schluß.)
Wie sehr es übrigens an einem Moment der Ab- gränzung des deutschen Elements vom polnischenfehle, das gehe aus dem im Bericht enthaltenen Widersprüche über die bestehenden Verhältnisse, die er mit Zahlen nachweist, hervor. Unmöglich aber sei es, eine Gränzlinie jetzt zu ziehen, darüber konnten nur selbstständige Völker sich einigen; ziehe man jetzt eine solche, so sei dies eine Gewaltthat, die desto empfindlicher sei, als andere Völker jetzt ihre heiligsten Rechte wieder zu erwerben im Begriff stehen und die Cabinette ausgehört hätten, die Völkerschicksale zu entscheiden; und zu einer Zeit, wo sich die politischen Verhältnisse der Völker Europa's neu gestalten, wolle man Polen Kopf und und Herz ausschneiden. Wenn er auf die Verträge von 1815 zurückkomme, so geschähe es mit dem tiefsten Schmerz getäuschter Hoffnungen; alles Unglück, was sie hervorgerufen, reiche nicht an das, was jetzt Polen zugefügt worden. (Beifall.) Jene Verträge zerstörten das, was materiell zerstört werden konnte, den polnischen Staat, aber sie. ließen die Nationalität der preußischen, russischen und österreichischen Polen bestehen, jetzt aber wolle man die Polen gewaltsam zu Deutschen machen! (Bravo.) Im Interesse der eigenen Freiheit beschwöre er Deutschland, sich der unterdrückten Polen und ihrer. Freiheit anzunehmen, das würde die klügste,
würden, was unsere teutonischen Vorväter für die rö-- mische Macht geworden sind, die klaffende, immer wieder aufgerissene Wunde zur sichern Verblutung. Eine Eroberung Deutschlands würde, ehe zwei Decennien abflößen, mit nicht anderm als einer vollständigen Unterjochung ganz Rußlands endigen. Rußland müßte unaufhörlich fieberhaft sich anstrengen, uns in Botmäßigkeit niederzuhalten; in unzählige Guerillas auf- gelöst, würde unsere wuthentbrannte Jugend an allen Enden unaufhörlich den Kampf und die Theilangriffe erneuern und Rußland allmâhlig so schwachen, daß es eigener innerer Auflösung zum Opfer fallen müßte, in der die Deutschen im Vereine mit Polen es geradezu zertrümmerten. Die Nothwendigkeit eines solchen Erfolges über Millionen Leichen und die Verwüstung von Europa hin liegt auf flacher Hand.
Was Napoleon gesagt hat, daß Deutschland entweder kosakirt oder französirt werden würde, sammt seinen Vorschlägen von Erfurt u. a. m., stammt aus einer Zeit, wo man noch gewohnt war, nur von Fürsten und Potentaten zu reden, und wo es noch keine Völker- und keine Nationalgefühle gab. Dieß ist antiquirt und eine andere Zeit ist da. Andere Elemente sind erwacht und andere Gewichte fallen in die Wagscha- len der Politik. Wenn Bonaparte heute wieder geboren würde, so würde er nicht mehr Napoleon werden. So lange Deutschland keinen Stolz hatte, konnte man es erobern! jetzt kann man es vielleicht mit Truppen überziehen, sie werden aber bei uns ihr Grab finden.
Man sieht uns jetzt im Kampfe mit Italien, und glaubt, uns dadurch getheilt und geschwächt. Aber möge sich Rußland nicht hierüber täuschen. Sowie es sich darum handelt, ob Europa Juchten tragen soll, so weiß Italien sehr wohl, daß seine und unsere Interessen gleich stark gefährdet sind, und wenn wir Italien nicht mehr halten können, weil Rußland uns tm Rücken anfällt, so werden wir es fahren lassen, und Italien wird wie Frankreich augenblicklich sich gegen den gemeinschaftlichen mächtigeren Feind mit uns vereinigen. In England wird wohl bald jemand anderer im Foreign Office Platz nehmen, als der verschrobene Palmerston, und Uebergriffe von Rußland werden dort ihren Meister finden. Die ganze germanische und romanische Welt wird sich vereint gegen Rußland kehren, und wehe dann dem verhaßten schwarzen Borne des Despotismus und der Menschenknechtung!
(Schluß folgt.)
die gesundeste Politik sein. (Allgemeiner lang anhaltender Beifall.) — Der Grundsatz, daß Deutschland die Deutschen in Posen schützen müsse, sei richtig, wahr und human und werde auch von Fremden anerkannt. Aber auch wahre und humane Grundsätze könnten falsch angewendet werden. Es frage sich, sei dieser Schutz nothwendig, und dann, ob er nur durch die Theilung gewährt werden könne? Das deutsche Element sei nicht gefährdet; nur absichtlich habe man die falsche Behauptung aufgestellt, es würde Posen durch die beabsichtigte Reorganisation von Preußen loSgerissen. Die Zusammensetzung der Behörden u. s. w., Alles sei so eingerichtet gewesen, daß man an eine Beeinträchtigung der Deutschen nicht im entferntesten habe denken können, wohl aber eine Beeinträchtigung der Polen sehr nahe gelegen habe, man müßte denn unter dem deutschen Element die Beämtenhcrrschaft und die süße Gewohnheit des Herrschens verstehen. (Lautes Bravo.) Deutschland schütze seine Söhne in Frankreich, England und Amerika, ohne an ihre Einverleibung zu denken (Bravo), nur an den wehrlosen Polen wolle man diese Einverleibung vollziehen. Jedem Unparteiischen müsse es auffallen, daß es sich hier um etwas Anderes handle, als um den Schutz der deutschen Nationalität, etwas Anderes, was er nicht nennen wolle, um Niemand damit zu verletzen. Schutzen könne Demichlaud ne Deutschen in Posen, aber es könne sie ohne Theilung des Landes schützen, durch welche es die Rechte des Nachbarvolkes schreiend verletze. Die Wahlen anlangenv, so habe zur Zeit derselben das Martialgesetz geherrscht, das lediglich gegen die polnische Nationalität gerichtet gewesen; wie hätten freie Wahlen stattfinden'können, wo Hunderte.von Polen auf die Festung geschleppt und nach den Wahlen ohne Verhör wieder entlassen wurden (hört! hört! sehr gut!), wo nach den Worten eines deutschen Augenzeugen kein Pole sich auf den Straßen PosenS sehen lassen durfte, wo der Pole in Posen so zu sagen vogelfrei war? (hört! hört!) Hätten die Wahlen in Deutschland unter diesen Verhältnissen statt gefunden, würden Sie dieselben für gültig erklären? (nein! nein!)
Sympathien, die er wohl erwarten dürfe, rufe er nicht an, denn er komme nicht als Bettler, er verlange sein gutes Recht. (Großer Beifall.) Nicht darum handle cs sich, Großmuth gegen die Polen zu üben, oder ihnen etwas zu geben, sondern nur darum, ihnen nichts zu nehmen, nicht das anzutasten, was selbst die Fürsten unangetastet gelassen hätten. (Großer Beifall.) Deutschland gewinne nichts durch die Aufnahme von 5—600,000 Deutschen, als die Todtfeindschaft von eben so viel polnischen Unterdrückten. (Bravo.) Man habe die Polen verschluckt, verdauen werde man sie bei Gott nicht. (Beifall.) Wollen Sie jetzt den Vernichtungskampf gegen Polen übernehmen und den Kampf für Deutschlands Befreiung auf die blutige Bahn hinlenken ? (Nein! nein!) Sie kennen ja auch das Gefühl der Vaterlandsliebe und werden es mir zugeben, daß die Entscheidung eine schwierige ist, aber ich verzweifle nicht, denn ich baue auf Ihre Gerechtigkeitsliebe. (Anhaltentender, ungestümer Beifall.)
Kerst versucht ihn zu widerlegen. Erst müsse man daran denken, deutsches Land an sich zu ziehen, ehe man polnisches aufgeben könne, denn sonst „könne es sich ereignen," daß Deutschland zum Gespött der andern Völker würde. — Seine Rede erwirbt ihm einen vollständigen Triumph, denn sie schlägt die Majoritäten aller Parteien aus dem Felde und aus — der Paulskirche, die Emer nach dem Andern, bis auf einige Fanatiker der Geduld, verläßt.
Clemens spricht lange über Gesetzlichkeit, Ehre und Wohlfahrt Deutschlands, hingeworfenen Handschuh der konfessionellen Zerwürfnisse und kommt dann auf däs Preußenthum, dessen Maßregeln er zum Verdruß eines Theils der Versammlung, der ihn durch Lärmen und Mißbilligung wiederholt unterbricht, während die Linke ihm beistimmt, scharf geißelt.
Ostendorf. Herr Jordan hat die vorliegende europäische Frage so gründlich beleuchtet, daß alle Red-