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Freiheit, Wahrheit und Recht!

Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!

Wiesbaden, Freitag, den 28. Juli. L8L8.

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Neue Bestellungen auf dieNassauische Zeitung" nebstAllgemeines Kirchen- und Schulblatt," werden pro Juli bis September ferner noch angenommen bei allen Postanstalten des Herzogtums für fl. 2. 12 kr. incl. Postprovision. In Wiesbaden bei der Expedition am Friedrichsplatz für fl. L 45 kr. vierteljährlich. Die bekannte Tendenz derNassauischen Zeitung": Durchführung der demokratischen Monarchie in den einzelnen Staaten, und Herstellung einer starken deutschen Centralgewalt, welche dieselbe seit ihrem Erscheinen und âuch ferner konsequent festhält, hat unfern zahlreichen Leserkreis ansehnlich vermehrt, der sich noch täglich vergrößert. Nach best el lungeu bitten wir daher schlemngEt bei dem nächsten Postamte zu machen, damit wir im Stande sind, überall complete Exemplare vom 1.'Juli an abliefern zu können.

Inserate, welche bei der großen Verbreitung derNassauischen Zeitung" im Lande den beabsichtigten Zweck erreichen, werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petitzeile oder deren Naum berechnet.

Uebersichten, Erörterungen und

Ärtenftüeke.

Rußlands Wollen und Können.

(Aus der Augsb. Allg. Zeitung.) (Fortsetzung).

Nun dann, so wird er nicht weiter vorgehen, als bis an die Oder, und dort wird er stehen bleiben. Und was wird er dort thun? Etwa warten, bis wir

len, im

in Deutschland Zeit gewonnen haben, uns zu einigen, zu ordnen und einige hunderttâuMv Mann wohlor- ganisirte. beherzte Freiheitskämpfer ihm enlgcgenzufüh- ren, mit denen wir ihn von Oesterreich aus tu den Funken und von Ungarn aus, secundirt von den Po- len, tm Rücken fassen? Das wird er wohl bleiben lassen. Und glaubt man die Türken und die Perser in ihrer jetzigen Schwäche haben die Schmach verges­sen, "sich ihre schönsten Provinzen von Rußland entrissen zu sehen, und werden, wenn sie dasselbe in einen schwe­ren Kampf verwickelt sehen, nicht auch des Momentes gewahr werden in der Moldau, in der Walachei, in Bessarabien, hinter dem Kaukasus das Verlorene wie­der an sich zu reißen, wenn es mit leichter Mühe zu haben iH Werden wir Deutschen säumen, diese Höse zur rechten Stunde ausmerksam zu machen; aus das, was ihnen und uns frommt V

Um über Rußlands Eingeweide urtheilen zu kön­nen, muß man die Elemente seiner Bevölkerungen wohl ins Auge fassen, insbesondere die polnischen. In Po- deli'en, Volhynien, Litthauen, in der Ukraine und der Krimm sind die Stände geglieoert in den Edelmann, den Beamten, den Popen, den Bauern und endlich

in noch einen, den Juden, der dort sehr zahlreich ist. Der Edelmann, darnledergedrückt, ist absolut polnisch, höchst russenfeindlich, und augenblicklich zu jedem Un- ternehmen gegen Russland bereit, sobald es nur irgend Hoffnung des Gelingens verspricht; der Beamte, ge- .waltthätig und bestechlich, halt es gänzlich mit der russischen Regierung, von der seine Macht ausfließt, und die ihm seine Erpressungen aller Art möglich macht; die ganze niedere Geistlichkeit ist gegen die, Re­gierung, weil sie ihr die Macht geraubt hat, aber wir­kungslos und verachtet wegen UujUüirykit. Der Bauer hat gar keine Gesinnung; das Wort Vaterland eriftirt nicht in seiner Sprache; er weist von Verfassung, von Gesetz nichts, er kennt nur den Willen uubBesehl des Beamten und seines Edelmannes, und betrachtet den Czar wie den Sohn Gottes. Er hat auf solche Weise keine Selbstbestimmung, aber es gibt doch jemand, dem er vertraut, dessen Rath er begehrt, dessen Lehre er horcht, und dieß ist der Jude. Diesen, den er gleich- gedrückt und gleichmißhandelt sieht vom Beamten, vom Edelmann und vom Popen wie sich selbst, betrachtet er einigermaßen wie seinen Schicksalsgenosseu, ja wie seinen Freund, denn der Jude borgt ihm Geld in der Noth und kaust ihm seine Erzeugnisse ab, mit denen er keinen Ausweg weiß, spricht freundlich mit ihm, bringt ihm seine Bedürfnisse, besucht ihn in seiner Hütte und nimmt Theil an seinem Wohl und Wehe. Nie­mand hat auf den gänzlich mißtrauisch gemachten Bauer Einfluß als bloß der Jude; er allein ift's, der seine Gesinnungen regiert, sobald es sich um eine auswär­tige Angelegenheit handelt. Wie der Jude gesinnt ist, so ist es dann auch der Bauer. Nun dieser Jude ist von der russischen, Regierung, wie bekannt, auf. eine wahrhaft gräßliche Weise mißhandelt, bis auf's Bart- abscheeren und Kleidcrwcchscln, unterliegt er maßloser Tyrannei. Er ist also im höchsten Grade gegen die russische Regierung erbittert. Dann sollte man glau- en, er |ei den polnischen Frciheirsbcstrebungen zuqe- â auch das ist er nicht. Er wei. recht gut, f ; om polnischtw Avelsrcgimcut zu erwarten hat, L S nod) ln Schauder der Zeiten, da Po- len selbstständig auf die Israeliten drückte, und befiM tausend Erinnerungen von jener Zeit, wo er und seine

Väter wie Hunde gehalten wurden. Dagegen weiß er, wie verhältnißmäßig freisinnig, gesetzlich und ordent­lich er unter dem österreichischen und preußischen Re­giment behandelt wird. Er ist also der, welcher dem Bauern aus allen Kräften abräth, sich mit dem pol­nischen Adel in Revolutionen , in Abschüttelung öster­reichischer und preußischer Herrschaft und Herstellung eines freien Polens einzulassen, und in seinem stillen, aber durchwirkenden Einfluß muß man den letzten Grund des Hasses gegen den Adel und der Anhänglichkeit an die österreichische Regierung in Galizien suchen ein Moment, das bisher viel zu wenig beachtet worden ist. Die Interessen der zahlreichen Judenschaft sind es, für welche der galizische Bauer, ohne cs zu wissen, sich herleiht. In Russisch - Polen nun ist dieser Jude in gleichem Maße gegen die russische Regierung, wie gegen die polnische Erhebung. Daher kam cs auch, daß 1830 die polnische Jnsurrection in Podolien und Volhynien zwar beim Adel einigen, aber beim Bauern gar keinen Anklang fand: der Jude fand keinen Vor- theil darin. Jetzt aber, wo in Galizien, Ungarn und Posen der Jude gar emancipirt, ja den Christen recht­lich gleichgesetzt ist, jetzt wird dem russischen Juden Sinn aufgehcn für europäische, für deutsche Freiheits- Ideen , und reicht dorthin ein Arm liberaler Propa­ganda von Ungarn, von der Moldau aus, so wird es nicht schwer werden, durch >cn Juden den russischen und polnischen Bauer in Bewegung zu bringen gegen russische Zwingherrschaft. Dieß ist ein neues Element der Fermentation in Rußland, und es wird nicht ver­fehlen, zu gelegener Zeit seine Wirkung auszuüben.

Wie gut man alle diese Dinge in dem feinen Pe­tersburg weiß, beweist am besten die ins wahrhaft Schauderhafte steigende Gewaltthätigkeit der russischen Gränzsperre gegenüber Europa. In Oesterreich, wo man das nämliche Princip befolgte, war man doch nicht im Stande, seine Consequenzen in der Einmaue­rung der Geister soweit zu treiben; es drangen mit Zeitungen, Büchern und Reisenden freie Ideen ein, und brachen sich am 13. März trotz aller Hindernisse endlich Bahn. Sie sind über Preußen, Galizien und Ungarn jetzt an die russische Gränze vorgerückt. Und weil ein hermetischer Verschluß unmöglich ist, so trans- pirirt von dem liberalen Spiritus immer Tropfen um Tropfen eine gewisse Menge nach Polen und Rußland hinüber, weckt und zündet die stille Gluth in den Ge­müthern, und Petersburg, Moskau, Odessa, Warschau bleiben nicht frei von der langsameren aber sicheren Bewegung der aufgeklärten Köpfe. Rußland muß seinen fürchterlichen Zwangsgürtel rings um seine Grenze mit einer zahlreichen Soldatenwache festhalten, und bedarf dazu auf der langen Linie einer nicht ge­ringen Armee. Kommt es in die Nothwendigkeit, da­mit ins Feld, ins Ausland zu rücken, so öffnet es dem Einbrüche von zweierlei Uebeln zugleich die Schleusen : dem Eindringen freisinniger und konstitutioneller Ideen nach Rußland, und der Ansteckung seiner ganzen Heere mit Phantasmen von Socialismus, Communis- mus und Republik in Deutschland. Nichts ärgeres kann es für das Czarenregiment irgend geben, und mehr als zweimal wird man es überlegen, ehe man sich dazu entschließt und ^ergibt. Die Russen sind Slaven, keck, beweglich, genußsüchtig, hartnäckig, im Aufruhr, wenn sie einmal der Taumel ergriffen, ver­wegen bis zur Tollkühnheit, und viel weniger bedacht als die selbst in der Leidenschaft immer noch mehr und minder berechnenden germanischen Völker. Wir wissen von den Tagen der Thronbesteigung Kaiser Nikolaus, daß schon seit lange Gahrstoff genug vorhanden war zu gewaltsamen Umsturz der jetzigen Verfassung; wäh­rend des darüber verflossenen Bieneljahrhunderts, in welchem alle Nationen Riesenschritte in den freisinnigen Ideen gemacht haben, hat die Sehnsucht nach liberalen Institutionen in Rußland nicht a genommen, wohl aber im Stillen in jeder Brust mächtig ^genommen. So­wie' der darauf lastende Druck weggenommen wird, so brechen sse los. Dieser Druck sind die 300,000 Sä­bel , über welche das Gouvernement gebietet; sowie

aber diese von deutschen und französischen Armeen weg« gerufen und paralysirt werden, so ist um den Be­stand der jetzigen Ordnung der Dinge in Rußland geschehen, die sich dann keinen Tag mehr halten kann. Für die herrschende Classe gibt es also in Rußland nur Ein Mittel, den innern Sturm zu beschwören und ihn vielleicht noch ein halbes Jahrhundert von dannen zu halten, und dieß ist Abwehr aller Berüh­rung mit der Welt mit japanischer Strenge und Be­wachung jedes Schlupfloches seiner Gränzen mit Ar­gusaugen. Ein Krieg aber mit Europa, von Ruß­land selbst angefangen, wäre geradezu das Gegentheil hievon ; er erhöbe die Idee, die man bekämpfen wollte, an die Spitze der wichtigsten und geläufigsten Tages­neuigkeiten, brächte sie geradezu in den raschesten llm- laus, öffnete ihrem Eindringen alle Ohren, setzte sie in den Rang der ersten allgemeinen Angelegenheiten im Osten Europa's, und gäbe ihr volle Gewalt über alle die entzündlichen orientalen Gemüther. Ein Krieg von Rußland mit dem europäischen Westen würde ge­rade so auf jenes wirken, wie das Lafavette'scheHülfs- corps, das zur Unterstützung der nordamerikanischen Freiheitsmänner über das atlantische Meer gesendet worden, seiner Zeit auf Frankreich rückgewirkt hat, er würde nach ganz Rußland Freiheitsidcen zurückbrin­gen, und somit geradezu das Gegentheil von dem be­wirken, was mittelst eines solchen Einbruchs beabsich­tigt würde; er würde den vermeintlichen Schwindel nicht Niederschlagen , umgekehrt vielmehr würde er erst in Rußland davon die Saat ausstreuen, sie zum Auf- keimen bringen, und allcrwärts in seine unermeßlichen Gebiete für immer verbreiten.

(Schluß folgt.)

L7. Sitzung der constituirenden National-- Versammlung.

Frankfurt, 35. Juli. Nachdem die Sitzung Punkt halb 10 Uhr mit Verlesung und Genehmigung deS Protokolls begonnen, betritt v. Radowitz zur Fort­setzung der gestern abgebrochenen Diskussion die Red- nerbühe. Er warnt vor allen Dingen davor, die pol­nische Sache von dem Standpunkte der confessionellen Streitigkeiten aus zu betrachten, in deren Kreis man sie von verschiedenen Seiten zu ziehen versucht habe, und gibt sodann einen geschichtlichen Ueberblick über das von der preußischen Regierung beobachtete Verfahren. Auch er steht es als ein großes Unglück an, wenn eine halbe Million Deutsche unter polnische Regierung zu stehen kämen, und nennt die Ueberweisung dieser Deut­schen eine Theilung 'Deutschlands. Frankreich anbe­langend, so habe dieses kein Recht, der preußischen oder der deutschen Centralregierung Vorschriften über die Be­handlung einer preußischen Provinz zu machen. Es sei doch sicherer, die Gränze selbst zu bewachen, als sie Fremden zur Bewachung zu übergeben, und einer Un­sicherheit, wie sie in letzterm liege, dürfe man nimmer­mehr eine halbe Million deutscher Brüder preisgeben.

Schuselka erklärt seine aus tiefstem Herzen kom­mende Theilnahme am polnischen Volke. Bei den Heiden habe das Unglück etwas Heiligendes gehabt; der von schwerem Ungemach Betroffene habe ein Recht auf Milde und Theinahme erworben. (Beifall.) Wir sollten nicht schlimmer handeln; Worte, wie gestern ge­sprochen worden, seien Dolchstiche in die Herzen vieler edlen Polen gewesen.- (Großer Beifall.) Die Rettung Wiens von den Türken durch die Polen sei eine nocy nicht bezahlte Schuld Deutschlands. Es sei anmaßend, bei Beurtheilung eines einzelnen Menschen das Urtheil auszusprechen, er sei zur Selbstständigkeit unfähig, noch viel anmaßender aber sei es, dies Urtheil über ein Volk von Millionen auszusprechen. (Bravo!) Man solle übrigens bedenken, ob über das deutsche Volk nicht auch dasselbe Urtheil ausgesprochen worden, sei und noch ausgesprochen werde. Mit vieler Wärme folgt er der gestrigen Rede Jordans von Punkt zu Punkt, ihre Ein- zelnheiten, oft von rauschendem Beifall unterbrochen, widerlegend.