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V- 119.

Nassauische Zeitung.

Freiheit, Wahrheit und Recht!

Materielles und geistige« Wohl deS deutschen Volkes!

Wiesbaden , Samstag, den 15. Juli. L8â8.

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Neue Bestellungen auf dieNassauische Zeitung" nebstAllgemeines Kirchen- und Schulblatt," werden pro Juli bis September ferner noch angenommen bei allen Posta nstalten des Herzogthums für fl. 2. 12 kr. mel. Postprovision. In Wiesbaden bei der Expedition am Friedrichsplatz für fl. 1. 45 kr. vierteljährlich. Die bekannte Tendenz derNassauischen Zeitung": Durchführung der demokratischen Monarchie in den einzelnen Staaten, und Herstellung einer starken deutschen Eentralgewalt, welche dieselbe seit ihrem Erscheinen und auch ferner confequent festhält, hat unsern zahlreichen Leserkreis ansehnlich vermehrt, der stch noch täglich vergrößert. Nachbestellungen bitten wir daher schleunigst bei dem nächsten Postamte zu machen, damit wir im Stande sind, überall complete Exemplare voM 1. Juli an abliefern zu können.

Inserate, welche bei der großen Verbreitung derNassauischen Zeitung" im Lande den beabsichtigten Zweck erreichen, werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet:

Uebersichten, Erörterungen und Aktenstücke.

8^8 Zur Kritik der beiden Gesetzent­würfe über Einführung

I) einer neuen Einkommen - und 2) einer Capitalrenten -Steuer.

Wiesbaden, den 11. Juli.

(Schluß.)

Die neue Freiheit und die neuen Einrichtungen kosten mehr Geld. Dieses Mehr soll auf andere Schultern gelegt werden, als die bisher die Steuern getragen haben. Dieses wird mit dem Bemerken zu­gegeben, daß diese die Capitalrentenbesitzer theil­weise auf directem, mehr aber auf indireetem Wege auch bisher ihre Steuer getragen haben und daß, wenn nicht hinreichend, nicht sie, sondern die Gesetze, die es so (aus guten Gründen) bestimmt haben, die Schuld davon tragen. Jedenfalls haben diese Capitalrenten- besitzer und fremde Familien, die Jahre lang im Her- zogthuin wohnen, bisher steuerfrei waren und nun Steuern bezahlen sollen, vielen Geldumlauf bewirkt und die inländische Industrie belebt, sowie den darauf eingerichteten Häuservesitzern gute Einnahmen verschafft. Man sehe daher zu, was man zu thun unternimmt und sei vorsichtig, um diese nicht zu vertreiben und eine nicht unbedeutende Einnahmequelle nicht versiegen zu machen.

Doch zur Sache.

Wie kaun in dieser Sachlage geholfen werden, ohne anderen Interessen zu nahe zu treten und insbesondere das ^amilienverhältniß nicht so empfindlich zu berüh­ren, wie nach der neuen Verordnung in Aussicht ge­stellt ist.

Wir glauben auf folgende Weise und zwar in Harmonie mit unserem bisherigen Steuersystem.

1) Haben wir beide neue Gesetzentwürfe zusammen vor Augen; hiernach soll wie es uns scheint, durch Einführung einer Capitalrentensteuer unser Steuersystem vorerst zur Vollendung oder Ab­rundung dadurch gebracht werden, daß neben der Grundrente und dem Einkommen aus Gewerben auch die Capitalrente bei der Besteuerung zur Mitleidenheit beigezogen werde, und dann darü­

ber hinaus von allen 1. Grundrentenbesitzern, 2. Gewerbsteuerpflichtigen welche Renten aus den Gewerben, oder vom Arbeitslohn beziehen und von den 3. Capitalrentenbesitzern eine Einkommensteuer weiter erhoben werden. Letzte­res ist aber, wie er uns dünkt, nach dem Inhalt des Gesetzesentwurfes mehr zum Schein als in der' Wirklichkeit; denn der bei weitem größte Theil der erster», nämlich der Grundrentenbe- sitzer der Bauernstand und der Gewerb- treibenden, die Handwerker werden sich zum allergrößten Theil entweder ganz, oder bis auf einen geringen Beitrag durch die Nach­weise, daß ihr Einkommen unter dem am gering­sten besteuerten Betrag (bis zu 250 fl.) zurück­bleibt, oder den Betrag der nur ganz gering besteuerten 2 ersten Classen (bis zu 1000 fl.) nicht übersteigt, (die nur mit % oder % % angezogen sind), leicht entziehen können.

Die Last dieser neuen Einkommensteuer wird also ebenso wie die Capitalrentensteuer am Ende auf die größern Rentenbesitzer mit 1 bis zu 3 % fallen, durch beide Gesetze also ohngesähr dieselbe Einwoherclaffe, diese also in Wahrheit doppelt getroffen Werden. Dieses wäre nicht gerecht.

2) Die Regferungèverwaltung hat die Pflicht gegen alle Einwohnerclaffen gerecht zu sein, sonst wird ihr Werk nicht bestehen.

Keiner, der mit dem Vaterland es gut meint, wird sich dem nach Kräften zu bringenden Opfer entziehen, aber man sei gerecht gegen diese dem Staate und seinen Bewohnern, nützliche Einwoh­nerclasse und mische sich nicht in deren Privat- vermögeus- und Familienverhälltnisse.

Das könnte in der Art geschehen:

3) daß man aus den projectirten zwei Steuerar­ten, die am Ende in der Hauptsache denselben Beutel treffen, nur eine macht, so daß

a. Grundrente- (Grund) Steuer,

b. Gewerbe- (Arbeitsrente) Steuer und

c. Einkommen- (Capitalrente-) Steuer

in ein harmonisches Verhältniß in der Weise gebracht würden, daß das zu ermittelnde Steuer- simpel von allen drei Streuerarten von dem reinen Einkommen möglichst gleich gestellt würden, Unserem Steuersystem nach soll alle Steuer

vom reinen Einkommen, welcher Art es sei, erhoben werden. Das ist eine tadellose, richlige Basis, die verfolge man, das ist konse­quent und wissenschaftlich systematisch. Nicht aber, wie man bei den neuen Gesetzentwürfen zu Werke gehen will, daß man die eiuzuführende 1) Capitalrenten - 2) die Einkommensteuer nur einmal im Jahr, aber jedesmal ganz erheben, die andern Steuerarten aber per Simpel, je nachdem solche bewilligt werden, fallen oder stei­gen zu lassen in freier Hand behält.

Sodann bleiben, was der Haltptvorwurf ist, den man den neu einzuführenden . Steuerarlen machen kann, und der sie in Widerspruch setzt mit dem leitenden Princip unserer Steuerverfas- sung, überhaupt solche nicht in den Schranken der Capitalrentensteuer, welche von dem rei­nen Ertrag erhoben werden soll, sondern greifen das Capital selbst an. Dieses erhellt daraus, daß sie, anstatt wie jede andere Steuer z. B. Grund- und Gewerbsteuer rc. einfach im niedri- gen Ansatz per Simpel von der Rente rc. zu erheben, jene die Capilalrenten- und Einkommen­steuer zugleich mehrmalen die Capitalrente trifft und solche gewissermaßen verzehrt nämlich 1) einmal als Capitalrentensteuer mit 3'/, % beim Eigenthümer des Capitals (Darleiher); 2) bei deinselben als Einkommensteuer, denn die Capi­talrente bildet auch dessen Einkommen mit V4 3 %, 3) als erhöhte Gewerbsteuer beim Capi­talempfänger, der das Capital geliehen und da­durch sein Gewerbe gegründet oder mehr ausge­dehnt hat und dadurch in eine höhere Gcwcrd- steuerclasse classificirt worden ist, 4) sodann als Einkommensteuer bei demselben Capitale,npfänger, der das Einkommen seines Gewerbes dadurch erzeugt, oder doch erhöht hat.

Diese mehrmalige und verschiedenartige Be­lastung desselben Capitals, weil die Steuer so am leichsten zu erheben scheint, geht unseres Er­achtens nach den Grundsätzen des Rechts und der Billigkeit nicht an.

Will man diese, wie es sich gehört, zur Richt­schnur nehmen, und dabei wissenschaftlich syste­matisch und confequent mit dein Hauptgrundsatz unseres Steuersystems bei Einführung einer neuen

Die Aarrenburg.

Bon Avalbert Stifter.

(Fortsetzung.)

Um jene Zeit fiel dieses Schloß an mich, und ich mußte die Rollen lesen, aber sie machten mich nicht weiser, nur noch verwirrter; ich verachtete und ver­fluchtere unsere Civilisation, dieses Modergraben, nach materiellem, rohem Trug unsres Fleisches; ich verachtete unsäglich diese Menschlein, die ihr Leben und Herz an einen Stuhl hängen, an gewirkte Lappen, an rollende Wägen, und an Kram, den sie ausbreiten, daß Andere Neid empfinden mögen, und sie armselige Befriedigung. Ich wollte das Weltmeer umarmen, ich wollte die rie­senhaften, unschuldigen Pflanzen Gottes in fremden Zo­pe» sehen; die Natur, die keusche Tochter Gottes, wollte >ch anblicken in der Gestalt, ehe die Menschen mit ihr buhlen und sie schänden; darum ging ich nach Hi- malaia und Kaschemir. Dort lernte ich die Hindusprache, und sah daö Bramanenleben, ein anderes als unsers, d. h. nur anders thöricht und dort ging auch die Pa- zwischen Riesenpalmen nach dem Flusse, um Wasser für den Vater zu schöpfen. Sie hatte, seit sie lebte, sonst nichts gethan, als durch die Palmen zu gehen, um Was­ser zu holen, und für den Vater Datteln nnd Kräuter tu pflücken.Rühre mich nicht an, und rede nicht mit mir," hatte sie zu dem fremden Manne gesagt, als sie ihn plötzlich vor sich stehen sah,daß du nicht unrein

werdest," und dann stellte sie den Wasserkrug auf ihre Schultern neben den glänzenden unsäglich reinen Nacken und ging zwischen den schlanken Stämmen fort. Und so ging sie Tage und Monden kein Mensch war in dem Walde als ich; denn sie würden unheilig durch Rede und Berührung mi ihr geworden sein. Der Va­ter saß unter Feigenbäumen, und sah blöd nnd leer ge­gen die Welt, und alâ er eines Tages todt war, und sie nicht zu dem Flusse kam, so ging ich zu ihr, berührte sie doch; ich nahm ihre Hand, daß sie erschrack und zit­terte, und mich ansah, wie ein verwundertes Reh-- Du mußt dich nun waschen," sagte sie,daß du nun wieder rein seist."

Ich werde mich nicht waschen," sagte ich,denn ich will eiu Paria sein, wie du; ich werde kommen zu dir, ich werde dir Früchte und Speise bringen, und du reichst mir den Krug mit Wasser."

Und ich kam auch, und kam wieder, und oft ich redete mit ihr, ich erzählte ihr von unserm Brama, wie er sanft und gut sei gegen die Kinder seines Volkes, und wie er nicht den Tod des WeibeS begehre, wenn ihr Gatte starb, sondern daß sie lebe und sich des Lich­tes wieder freue.

Wenn sie aber freiwillig geht, so nimmt er sie doch mit Wohlgefallen auf?" fragte sie unschuldig, und hef­tete die Gazellenaugen auf mich.

Er nimmt sie auf," sagte ich,weil sie es gut ge­meint hat, aber er bedauert sie, daß sie sich ihr schönes Erdenleben geraubt hat, und nicht Ueber geharret, bis

der Tod selber komme, und sie zu ihrem Manne führe, der auch ihrer harrte."

Siehst du, wie du im Irrthum bist^ sagte sie rasch.CS ist ja kein schönes Erdenleben, weil er schon roartetc. Wenn du auch wieder in dein Land gehst, bad etwa gar jenseits der hohen, weißen Berge ist, so werde ich traurig sein, und meinen, daß ich dir folgen solle."

Und hier war eS, wo ich zum ersten Male schlecht war. Ihr Wort entzückte mich, uud «ch beredete sie, mir zu folgen. Sie kannte kein anderes Glück, als im Walde zu leben, Früchte zu genießen, Blumen zu pflücken und die Pflanzenspeisen zu bereiten, die chr sanfter, rein- licher Glaube vorschrieb: ich aber kannte ein anderes Glück, unser europäisches, und hielt es in Verblendung eben für eines. Ich der starke Mann konnte nicht le­ben in dem fremden Laude unter der fremden Sonne, ich sehnte mich nach Hause und sie, das weiche Blumen­blatt, war ich hart genug aus Selbstsucht mit mir fort zu nehmen) sie folgte willig und liebend, nur blaß war sie sehr, als wir über das breite und endlose Salz- wasser fuhren, wenn sie sich mit dem schmutzigen Schiffs­wasser waschen oder eS trinken mußte, statt der klaren Quellen in Kaschmir. Sie liebte mich unaussprechlich und mit gänzlicher Hingabe ihres Willens, und grade darum liebte ich sie wieder, und mehr, als eS eine Zunge sagen kann, und ich that ihrem Willen nie Gewalt an aber sie hatte auch keinen andern, als meinen; denn sie war ja mein Geschöpf, und mischte reizend mein Herz, das sie eingesogen, und ihren Hinduglauben durcheinander.