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Nassauische Reifung.
Freiheit, Wahrheit und NechtI
Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!
Wiesbaden, Sonntag, den 2. und Montag, den 3. Juli. 18L8.
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Zustände »»Preußen und Anforderungen an das neue Ministerium.
Berlin, 28. Juni. Das neue Ministerium findet das Land in einer weit schwierigern Lage, als das abgetretene, vor. Damals fdjaarte sich das ganze Volk um ein einziges, neues Banner, es fühlte sich als das erste Glied des mächtigen deutschen Volkes, im Westen freundlich begrüßt, im Osten Achtung gebietend. Ven dieser großen und schönen Zukunft hat sich wenig oder nichts für Preußen und Deutschland verwirklicht. Die Verhältnisse haben sich anders gestaltet, weder im Osten noch im Westen Bundesgenossen, eine zweideutige Freundschaft Englands, Krieg im Norden und Süden und im Innern: offene Feindseligkeit der Nationalitäten, Verschwörung und täglich weiter greifende Kämpfe des Parteienthums, gänzliche Mißachtung des Gesetzes, eint wenigstens höchst unfreundliche Stellung des Arbeiter- standes — das ist das wirkliche, gewiß nicht init zu grellen Farben geschilderte Bild der Zustände unseres Vaterlandes.
Ein starker Arm, ein kräftiger, seines Strebens sich völlig bewußter Wille kann hier allein helfen. Die gegenwärtige Ungunst drr Verhältnisse hat das Volt ebensowohl, wie die bisherige Negierung, verschuldet, jenes, indem es ein Parteiemhuin entwickelt hat, welches kein Gesetz, keine Macht, nicht einmal die frei gewählte, constituirende Gewalt achtet, diese, indem sie, ohne Rücksicht aus die öffentliche Meinung, bald hierhin, bald dorthin schwankend, nichts gethan hat, um einen deutlichen Einblick in ihr eigentliches Wollen und Str ben möglich werden zu lassen, und dabei die auswärtigen Verhältnisse auf unrühmliche Weise verwirrt hat. Die neue Regierung, deren Programm in Bezug auf Reformen der Verfassung und Verwaltung zwar im Ganzen unsern Beifall hat, scheint jener Verwirrung gleichfalls nicht die gehörige Aufmerksamkeit zu schenken und sie kann die ihr sich darbietende große und schwere Aufgabe nur dann glücklich und rasch lösen, wenn sie jiadj Außen hin vor Allem eine Achtung gebietende Stellung einnimmt. Das Parteienthum wird und muß vor einer kräftigen, nationalen Politik verstummen, das stete Schreien gegen die Reaction wird aufhören, wenn durch eine entschiedene That bewiesen werden wird, daß alle jene Gerüchte wegen eines heimlichen Einverständnisses mit Rußland Fabeln find. Wir wollen keine Kriegserklärung gegen dieses Land, aber wir hoffen, daß seinen Rüstungen um so weniger gleich
Die Narrenburg.
Von Avalbert Stifter.
.(Fortsetzung.)
„Im Winter gebe ich ihnen immer Stroh; Graf Christoph nahm ihnen noch Honig, denn er war ihr Herr; aber ich lasse sie fortbauen, und es sind schon manche Schwärme in die Fichtau hinauögeflogen, weil die Thoren meinten, es sei hier zn enge, oder weil sie thaten, wie die Jugend überhaupt zu thun pflegt. Die Frau Gräfin Hermengild, als ihr Herr, Ubaldus, im heiligen Kriege gefallen, hat diese Zellen eingerichtet, und Frauen berufen, die in Anbetung Gottes , mit ihr als Nonnen lebten, und kunstreiche Arbeiten machten, die im grünen Saale sind; aber weil sie nicht von dem heiligen Vater geweiht waren, so wurde es nach dem Tode der Frau Gräfin untersagt, daß sie weiter bestehen; und die letzte starb, da mein Urgroßvater ein Kind war. Er ist auch Kastellan gewesen."
Wir wollen unsere Leser, nicht ermüden mit den weiteren Reden deS Alten, der seine ganze frühere Scheu vergessen hatte, und ein lebendiges, redendes Buch wurde, als er sie so durch Zellen und Gemächer, durch Refec- orium und Sprechsaal führte; und als sie all das dumpfe es aubte Geräthe, die schwarzen Bilder, blinden Fenster, zersetzten Tapeten und dergleichen sahen: aber zwei Dinge muffen angeführt werden, da sie wesentlich zu unserer Sache gehören.
Als sie nämlich aus der Clausur getreten waren,
gültig zugesehen wird, als die westliche Gränze gegen das durchaus nicht herausfordernde Frankreich in Kriegszustand versetzt ist. Wir haben Jütland nicht auf rühmliche Weise geräumt und gleichwohl dafür nicht einmal den Frieden erlangt, wir sind demnach — ohne dem Kriegsruhme unseres tapfern Heeres im entferntesten zu nahe treten zu wollen — politisch gcdchmü- thigt! Diesir Flecken muß getilgt werden, soust wird das Heer entmuthigt, sonst vermag keine Berichtigung und keine Erläuterung den allgemein verbreiteten Glauben zu zerstören, daß der Rückzug unseres Heeres in Folge einer diktatorischen Note Rußlands statt gefunden hat. Darum hat die neue Regierung zunächst die Aufgabe, die Anerkennung der Unabhängigkeit Schleswig- Holsteins , die Rückgabe des fequeftrtrteii preußischen Eigenthums und angemessene Entschädigung von Dänemark entschieden zu fordern und dieser Forderung durch Aufstellung eines Achtung gebietenden Heeres im Osten und durch eine Annäherung an Frankreich Nachdruck zu verleihen.
Wir wissen sehr wohl, daß, um letztere völlig zu verwirklichen, auch das gegenwärtige französische Ne- gierungospstem noch stärkere Bürgschaften für seine Fortdauer, als bisher, darbieten muß. Indessen dürfen wir doch der loyalen Haltung jener Regierung, der süddeutschen republikanischen Erhebung gegenüber, nicht ganz uncingebenk sein. Ein Bündniß unserer Regie- rung mit der französischen dürfte daher wohl eine ent- schicocne und entscheidende That gegen den äußern wie gegen den innern Feind sein. Der gegenwärtige Zustand ist ohnehin auf die Dauer eine Unmöglichkeit und alle Freunde der Ordnung und der Freiheit müssen bei dem Gedanken an Fortdauer desselben, auch nur auf einige Zeit, entmuthigt werden. Er muß der, jetzt allerdings noch kleinen, republikanischenZpartei mehr in die Hände arbeiten, als es selbst ein Sieg dèr Hecker- scheu Freischaaren gethan hätte. Ein Bünbmß mit Frankreich wird jener Partei die letzte Täuschung rauben, es wird andererseits aber auch ein kräftigeres Auftreten nach Außen schon an und für sich möglich werden lassen. Wir wollen, das wiederholen wir, keinen Krieg mit Rußland, aber wir wollen für das Land in größerem Maße, als es durch Worte der bisherigen und gegenwärtigen Minister möglich ist, die Beruhigung,'daß es einen Angriff von dorther nicht zu fürchten braucht. Bei einer chlchen Politik — dies sind wir gewiß — wird die neue Regierung einen kräftigen Anhang im Lande finden, wenigstens wird es der republikanischen Partei schwer werden, Propaganda zu machen. (Berl. Nachr.)
drang der Alte darauf., daß Robert hier ein wenig warten solle; er müsse dem Andern etwas zeigen. Anfangs zauderten die Männer, aber dann verstanden sie sich hierzu: Robert trat in die Vertiefung eines Fensters, und sah auf die Wolken hinaus, während Heinrich sei nem Begleiter folgte. Dieser gab in Miene und Bewegung alle Zeichen der höchsten Freude zu erkennen, führte ihn Trepp auf Trepp ab, sperrte Thüren und Pförtchen auf und zu, machte endlich am Ende eines beinahe verfallenen Ganges Licht, und stieg mit ihm eine Wendelstiege tief hinab ; dort öffnete er eine äußerst kleine Pforte, und führte Heinrich hinein: da lag weithin Faß an Faß, der Greiö in höchster Freude zeigte darauf, und sagte: „Ich habe euch alles aufgehoben, Graf, der große Eingang ist verfallen, und die Treppe durch die Nonnenclausur wußten sie nicht, da sie kamen, um all das Eigenthum unseres Hauses zu beschreiben, und versiegeln, ich pflege den Wein, und habe noch keinen Tropfen getrunken, gebt mir nur ein klein wenig, wenn ich einst alt und krank werde — ich habe ihn dem Andern nicht gezeigt, ich hätte ihn auch gar nicht in das Schloß gelassen, wenn nicht ihr mit ihm gewesen wäret, und bei diesen Worte« brach er in ein kindisches Schluchzen aus, und ehe es Heinrich hindern konnte, hatte er sich niedergebiickt nnd dessen rechte Hand geküßt, indem er lallend und bittend sprach: „Seid nur nicht mehr zormg, daß ich euch so ungehorsam war, nun ist ja Berlha langst gestorben — und sehet, ich habe für alles und alles gesorgt und es gehütet, wie mein eigenes Herz."
Heinrich konnte seine Erschütterung nicht bergen, und
28. Sitzung der constituirende» Nation»!- Versammlung.
Frankfurt, 30. Juni. Die Sitzung wurde um 9% Uhr von dem Präsidenten v. Gagern eröffnet.
An die Verlesung des Protokolls knüpfte Rößler von Oels unter Bezug auf die gestrige Abstimmung die Bemerkung, daß nach § 43 der Geschäftsordnung der Vorsitzende niemals abstimmen könne. Auf diese, daS Protokoll selbst nicht betreffende Erinnerung äußerte der Präsident, daß er bei einer neulichen Abstimmung diese Ansicht ausgesprochen, die Versammlung jedoch dieselbe nicht getheilt babe.
Es wurde als Einlauf ein Schreiben des Abgeordneten Herrn Kapp von Neuenheim (Baden) verlesen, in welchem derselbe seinen durch die letzten Abstimmungen motivirten Austritt aus der Versammlung anzeigt.
Werner von Koblenz war der Ansicht. die Entlassung nicht zu ertheilen und zur Tagesordnung überzugehen. Die Versammlung beschloß auf Anfrage des Präsidenten, den Austritt anzunehmen und die badische Regierung zur Vornahme einer Wahl in dem betreffenden Bezirke aufzufordern.
Kolb von Speier begründete die Dringlichkeit eines bereits früher übergebenen Antrags, Aufhebung des von der österreichischen Regierung erlassenen Geldausfuhrverbot in Bezug auf das übrige Deutschland. Bereits der Filnfzigerausschuß hat durch die Bundesversammlung ein beßfallsiges Ersuchen vermittelt; alsdann beruhte die Sache auf sich, da man ohnehin eine baldige Aufhebung erwartete. Diese fand aber nicht statt. Der Redner stützte seinen Antrag, dem volkswirthschaftlichen Ausschuß beschleunigte Berichterstattung zu empfehlen, auf die von ihm hervorgehobenen Nachtheile für Handeltreibende, Fabrikanten ic., von denen manche ihre Zahlungen deßhalb einstellen mußten.
Ku ra uva wollte Erläuterungen über die der österreichischen Regierung durch die Nothwendigkeit gebotene Maßregel geben; der Präsident schnitt dieselben, als auf die Sache selbst eingehend, ab. Dem Antrag Kolbs wurde entsprochen.
Es wurde nunmehr zur Wahl des Präsidenten geschritten. Bei dieser erhielt bei 487 Stimmenden Heinrich v. Gagern 399 Stimmen, Heinrich Simon von Breslau 86, Robert Blum 12 Stimmen, Dahlmann, Gritzner, Heckscher, Fürst Lichnowsky, v. Radowitz, v. Vincke je 1 Stimme, v. Soiron 2 Stimmen, v. Soiron, der den Vorsitz während der Abstimmung führte, verkündigte H. v. Gagern als Präsidenten. (Stürmischer Beifall.) v. Gagern: Es wird mein Bestreben sein, das Vertrauen, das Sie mir wiederholt bewiesen haben, stets zu rechtsertigen; ich danke Ihne«
wenn der Mann auch wahnwitzig ist, so müßte doch w ihm, den er nie zuvor gesehen, ein Grund vorhanden sein, der eben den Wahnsinn des alten Herzens so sehr aufzuregen im Stande war, jedoch Heinrich vermochte es nicht über sich, zu forschen; denn die Verrückung jener Gesetze, auf deren Dasein im Haupte deS andern man mit Zuversicht baut, als deS Einzigen, was er untrüglich mit uns gemein hat. — Diese Verrückung trägt etwas so unheimliches an sich, daß man sich nicht getraut, daS fremdartige Uhrwerk zu berühren, daß eS nicht etwa noch grellere Töne gebe, und uns irre an dem eigenen mache. Daher ließ Heinrich zurückhaltend den Alten gewähren, was und wie er wollte, auch war eS merkwürdig, daß derselbe nie objective Zeichen und Antworten von Heinrich, als Sirtuö oder Julius, oder wofür er ihn hielt, verlangte; sondern sich selber Rede und Antwort gab, weil er durch Wahnsinn oder die Hilflosigkeit des Alters in seine eigene Subjektivität untergesunken war, und nun ihren Bildern außer sich Gestalt und Wesenheit lieh.
Mit haushälterischer Geschäftigkeit führte er ihn von Faß zu Faß, zeigte die Neunziger, die Eilfer, den vom Rhein, die Ausländer, die Spanier die Portugiesen — er zeigte ihm die Apparate, mit denen er nachfüllte, die Fässer rein halte, die Luft wechsle--in allem diesen zeigte sich wieder die bewundernswertheste Zweckmäßigkeit, wie überhaupt in Theilen die untadelichste Klarheit war, nur nicht im Ganzen, in der Gegenständlichkeit der Dinger über diese schwebte und webte der geheimnißvolle Fittig deS Irrsinns.