^^ 105.
Nassauischc Zcilung.
Freiheit, Wahrheit und Recht!
Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!
Wiesbaden,
Samstag, den L. JuLi.
IS^.
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2 Der Verein für Freiheit, Gesetz und Ordnung in Weisbaden. .
Wiesbaden, den 29. Juni.
Wir haben in der heute ausgegebenen Nummer unserer Zeitung einen frechen und maßlosen Angriff der „Nassauischen Allgemeinen" gegen unsere Person, der lediglich von der Leidenschaft des persönlichen Interesses dictirt war (nicht einmal von der Leidenschaft der Partei) und den man mit Fug und Recht einen schmutzigen Schlamm boshafter Verdächtigungen nennen kann, auf gebührende Weise zurückgewiesen, nach dem Grundsatz: „Auf groben Klotz ein grober Keil, auf Schelme an- dertdalbe."
Diese Zurückweisung galt der Person der Angrei- fenden. Ihnen ist dadurch ihr Recht geworden.
Wir wollten bei dieser Gelegenheit der „Gesellschaft für Freiheit, Gesetz und Ordnung" keine Erwähnung thun, weil wir dieselbe sehr wohl zu trennen wissen von solchen Erpectoration, wie sie die „Allgemeine" mittheilt, und weil wir die persönliche Entgegnung auf solche Persönlichkeiten nicht vermenget, wollten mit einer ruhigen, praktischen Erörterung der Sache selbst, die wir uns gleich vorbehielten, als wir den ersten Artikel, dessen Scherze bei Niemand böses Blut hcrvorriefen,I als bei der „Allgemeinen," in die Welt schickten.
Wir halten die Stiftung eines solchen Vereins I. für sehr bedenklich-
und zwar aus folgenden Gründen:
1) Vermerkt es das Land schon lange übel, derß sich Wiesbaden in dergleichen Dingen eine Art Dic- tauiroder Hegemonie aninaßen will. Schon der Umstand, daß das Wiesbadener Sicherheitseomite sich als Centralstelle für das ganze Land geriete, hat, wenigstens in den größern Orten des Landes, durchaus keinen Beifall gefunden, obgleich eine solche Stellung dem Sicherheitscomite damals durch die Macht der Ereignisse so zu sagen aufgedrungen wurde. Eine solche Nöthigung lieg! aber dermalen nicht vor und die Stiftung dieses Vereins, welcher „in der Provinz" ähnliche Gesellschaften Hervorrufen und ihnen sein Programm aufdringen will, wird dort durchaus keine große Aufnahme finden, sondern wahrscheinlich einen ganz entgegengesetzten Eindruck machen.
2) Ist das Programm so allgemein gehalten, daß es kein festes Band für irgend einen Verein abgeben kann. Ein solcher Verein muß auf der
Gleichheit der Gesinnung beruhen, diese aber läßt sich nicht Herstellen durch ein so allgemein gehaltenes Programm, welches eigentlich nichts ausschließt, als die „Anarchie" und die „Reaction." Wir sind gleich sehr gegen die eine, wie gegen die andere, aber man kann darüber einig fein, ohne doch über die wesentlichen Fragen des Tages sich vereinbaren zu können. Man wird mit uns einig sein, daß die große Mehrzahl der Mitglieder des Parlaments weder die „Anarchie noch die Reaction" will, dennoch aber sind sie über die wichtigsten Fragen entschieden entgegengesetzter Meinung. Eben so wird man uns zugestehen, daß die Mitglieder unserer Kammer weder „A archie" noch „Reaction" wollen, aber dennoch haben sich in derselben die widerstrebenden Parteien gebildet. Man wird also einsehen, daß man mit so allgemeinen Redensarten, wie diese, und unter einem so allgemeinen Panier, wie „Freiheit, Gesetz und Ordnung," keinen fest geschlossenen Verein zusammenbringen, viel weniger etwas Gemeinsames wirken könne, da cs an einem festen gemeinsamen Ziele fehlt.
3) Wird der Verein, so rein auch seine Motive sein mögen, den vielfachsten Mißdeutungen unterliegen. Wir halten ihn für etwas ganz Unschuldiges, so sonderbar auch seine Beruhigungsphrasen in die aufgeregte Gegenwart hineinklingen. Wir fürchten aber, daß seine Beruhigungsmittel ganz entgegengesetzte Wirkungen thun werden, als er beabsichtigt. Wir haben sie daher in ein possir- liches Licht zu stellen gesucht, weil wir sie nicht in ein gehässiges stellen wollen. Wir haben aber schon vielfach äußern hören, daß dieser Verein auf persönlichen Motiven beruhe, daß er ein Feind jeder Bewegung sei, die Volksversammlungen unterdrücken wolle, ja man schreibt ihm allgemein die Agitation zu, welche in einem Westerwälder Wahlbezirk gemacht worden ist, um die Wahlmänner zur Rücknahme des Mandats ihres Abgeordneten zu bewegen, welcher zu den fünf Linken unserer Kammer gehört und dem man dort als einen Communisten, Republikaner und wer weiß was ausgeschrien hat. Ob diese Angaben über die Wirksamkeit des Vereins gegründet sind, das wissen wir nicht, wohl aber wissen wir, daß sie dort allgemein circuliren. Mehrere briefliche Mittheilungen vom Westerwald haben unS darüber Nachricht gegeben. Es wird also so kommen (—und wenige Wochen schon werden hinreichen, die Richtigkeit unserer Vorhersagungzu erweisen—), daß der Verein nicht mehr bloß für eine Beru-
Higungscommission, sondern für einen reactionären Club gilt, daß er die vorhandenen Differenzen erweitert und nicht vorhandene neu schafft, daß er endlich jenen bei uns, Gott sei Dank, bis jetzt unbekannten Gegensatz zwischen „Bürgerschaft" und „Volk" erst künstlich schafft, ein Gegensatz, der die Erstürmung des Zeughauses in Berlin veranlaßt und dieser Tage in Paris seine blutigen Früchte getragen hat. Wenn Ihr wirken wollt zur Aufklärung und Belehrung des „Vokks," dann geht unter das Volk, schließt aber nicht einen geheimen erclusiven Club, das ist nicht das Mittel dazu. Ihr glaubt zu beruhigen, aber Ihr werdet Ocl in das Feuer gießen. Der Erfolg wird's lehren.
Wir halten aber auch die Gründung eines solchen Vereins
2. für ganz unmöglich.
Denn entweder wird er Beifall und Anhang finden, dann wird er am Ende zu einer Bürgerversammlung, in welcher natürlich alle Schattirungen abweichender Meinungen vertreten sind, und die daher keine gemeinsame Mittel zu einem einheitlichen Ziel ergreifen kann, weil sie eben über beides ' sich wegen der Menge der Theilnehmer nicht vereinbaren kann. Oder er wird seinen Beifall finden, die Gesellschaft wird klein bleiben, dann artet sie in einen geheimen Clubb aus, dessen Handlungen immer einen gehässigen Charakter haben, weil sie das Publikum nicht hinreichend kennt und daher immer Schlimmeres dahinter vermuthet, als in Wirklichkeit dahinter steckt.
Das sind die Gründe, die uns veranlaßten, gegen die Bildung der Gesellschaft aufzutreten. . Wir theilen sie hier offen und ohne Rücksicht mit, damit sie die Mitglieder derselben in Erwägung ziehen. Auf den Heckenkrieg, den die „Nassauische Allgemeine" in ihrem '„Sprechsaal" gegen uns^eröffnet hat, werden wir uns nicht mehr weiter einlassen. Wir haben unser Vergnügen daran, wie dieses Blatt immer größere Fortschritte in seinem Handwerk, nämlich der Verdächtigung und Verleumdang, macht, aber es gibt dermalen wichtige Sachen zu thun, zu denken und zu schreiben, als daß wir uns noch fortwährend mit der Beleuchtung dieser Fortschritte befassen könnten. Wir versichern daher die Herrn im „Sprechsaal" der „Allgemeinen" unserer Huld und ihrer Straflosigkeit und hoffen, daß sie, von letzterer vollen Gebrauch machend, fortfahren werden, zu unserer und des Publikums Ergötzung zu schimpfen, zu toben und zu rasen und den wahren Charakter der „Allgemeinen" vollends an's Licht zu kehren.
Wenn aber die gedachten Herrn uns „Halbheit"
»In der Spinnstnhe.
Dorfdilder vom Westerwald von Cd. Wißmann.
I. Die Kartenfrau.
Der Wintersturm ist draußen reg und wach, Und jagt das Schneegestöber an die Scheiben. Doch drin ist's wohnlich, gerne magst du bleiben: Der Ofen wärmt getreulich daö Gemach, Die Hängelampe leuchtet vom Gebühn, Und rings im Kreise sitzt die Mädchenschaar; Gesichter schön und frisch mit blondem Haar Und blauem Aug, den Blumen, die da blühn Im stillen dunkeln Walde zu vergleichen. Sie spinnen sorgsam an dem Flachs, dem weichen, Den Faden netzend mit des Mundes Naß; Bald leis und heimlich flüsternd in die Ohren, Bald lachend, wenn in Sinnen stumm verloren D»e Eine ihren Faden fast vergaß.
^tiefer in der Stube Hintergründe, u6 ^t nur matt und dämmrig scheint, Hat sich der warme Ofen eine Runde Von jungen Burschen aus dem Dorf vereint. Schlef auf das Ohr gerückt die Quastenmütze, Den blauen Kittel an mit rother Litze Im Mund die Pfeife mit der Silberkette,
So sitzen sie und rauchen um die Wette, Und plaudern und erzählen sich dabei, Wie'froh doch das Soldatentreiben fei. Vor Allen Jakoff*) rühmt und preist dies Leben, Der selbst Soldat noch, doch beurlaubt eben. Und seine Worte scheinen von dem Rocken Zwei Mädchenaugen heimlich zu verlocken.
Und in dem Ahnenstuhl aus alter Zeit, Der dicht am Ofen steht, und weich und weit, Sitzt still der Vater von dem Haus, ein Greis, Doch rüstig noch, wenn auch sein Haar schon weiß. Und Nachbarmänner sitzen ringö um ihn Und plaudern von der Ernte her und hin. Er hat sein Pfeifchen in dem Mund und raucht, Aus weißem Thon ist es, doch schwarz verbraucht, Und sieh, mit Garn umwand er seine Spitze, Damit eö fester ihm im Munde sitze, Denn seine Zähne hat die Zeit geerbt, Dieselbe, die das Haar ihm weiß gefärbt.
Der große Ofen in der Ecke summt, DaS Spinnrad und die kleine Spuhle brummt, Die Pfeife, blaue Wolken dampfend, glüht, Die Stube traulich —.traulich daö Gemüth. —
„Doch nun ein Lied, ihr Mädchen, laßt uns singen, So fängt am Ofen jetzt der Iakoff an,
. *) Jakob.
„Damit kein Schlaf in eure Augen dringen, Und euren Faden euch verwirren kann!" Sie sinds zufrieden alle und beginnen Der schwermuthsvollen Volkesweisen eine, Worin so sanft die Töne niederrinnen, Vergleichbar in der Nacht dem Mondenscheine,
Und während noch die langen Töne glitten DeS Liedes durchs Gemach in stiller Weise, Ist durch die Stubenthür hereingeschritten Ein altes Weib, geräuschlos, scheu und leise. Sie drückt sich an den Ofen dicht und hart, Vor Wintersturm und Kälte fast erstarrt. Ihr altes Kleid ist ärmlich und zerrissen, Ein Tuch hält ihr den greifen Kopf umwunden, Am Halse mit den Enden sestgebunden, Und durch einander von dem Sturm geschmissen, Dringt drunter das ergraute Haar hervor.
Und eins der Mädchen flüstert in das Ohr Dem andern furchtsam und erschreckt die Worte: „Ach Gott, die Kartenfrau vom nächsten Orte!" Bald ist jedoch daö Bangen überwunden, Und mächtig treibt'S die Mädchen, zu erkunden, WaS wohl der Zukunft Dunkel ihnen bringt, DaS kundig stets die Kartenfrau durchdringt. Und zu dem Tische winken sie der Alten, ES schweigt daS Rad, und and der Schürze Falten Nimmt sie hervor ein Spiel verbrauchter Karten, Indeß die Spinnerinnen lauschend warten.