Nb- lOS.
Mffaulschc Zciliing.
Freiheit, Wahrheit und Rächt!
Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes T
Wèesbadeu , Mittwoch, yen SS. Juni. ISIS.
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T H ü r i n ff e n.
Die Frage wegen der nothwendigen Verschmelzung der thüringischen Landestheile in ein Ganzes, fängt an mit jenem Ungestüm, womit alle gesellschaftlichen Probleme oft so plötzlich und unversehens heute ihre Lösung verlangen, in den Vordergrund zu treten. Sie wird bereits nicht blos vielfach von der Presse erörtert, sondern die revolutionären Bewegungen in Altenburg und Reuß-Gera ebenen auch schon praktisch ihrer Lösung den Weg. Hier also kommt die Frage über die Fortdauer der territorialen Zersplitterung Deutschlands zuerst zur Sprache, weil hier die Zersplitterung am größten. Rechnet man Anhalt und die preußischen und kurhessischen Parzellen mit, so begegnen wir auf 210 Geviertnikileu mit etwa 250,000 Seelen, einem Königreich, einem Kurfürsten- und einem Großherzog- thum, 6 Herzogthümern und 4 Fürstenthümern, von welchen eins sich wieder in zwei Linien theilt, und diese Staatenmusterkarte ist wieder zerfetzt in etwa 45 kleinere Parzellen. Auch ohne die Märzrevolution wäre es da kein allzukühner Schritt gewesen, wenn die Machthaber diesen verkehrten Zustand durch ein muthiges, revolutionäres Dreingreifen geändert hätten. Heute wird dies zur gebieterischen Nothwendigfeil; sonst verfällt eine der schönsten deutschen Provinzen, das Her; des Vaterlandes, wo sich schon öfter sein Schickschal zur Freude und zur Trauer gewendet hat, der Anarchie und Zerrüttung. Freuen wir uns, daß diese Gefahr bevorsteht; denn sie wird die Männer, die berufen sind, Deutschlands Geschicke zu lenken, zwingen zu den ersten entscheidenden Schritten zur Herstellung der deutschen Einheit! Der Wiedervereinigungsund Kryftallisationsprozeß muß beginnen.
Die beiden extremen Parteien berühren sich in dieser Frage. Die Ultraradikalen wünschen kein Einschreiten in die inneren Landesangelegenheiten, denn sie wiederholen stets, den einzelnen Ländern müsse es überlassen werden, sich zu konstituiren. Die Zusammen- fügung Thüringens müßte aber mit einer Konststuirung Thüringens von Oben her beginnen; das aber kann dieser Partei nicht erwünscht sein. Es benimmt die herrliche Hoffnung einer Republik Altenburg oder einer Republik Reuß-Schleiz, da jedenfalls die Provinz selber durch die Nationalversammlung monarchisch kon- stituirt werden müßte, vorläufig sogar vielleicht auf dem Wege der Mediatisation. Die unverbesserlichen
Stabilitätsmänner scheuen sich gleichfalls der Frage über Fortdauer oder Beendigung der Zersplitterung zi Leibe zu gehen, indem, wenn dies geschieht, die Existenz gar mancher Dynastie mehr als blos gefährdet sein würde. Es ist also klar, daß Über die wichtigste Nationale Frage die beiden Extreme in einem gefährlicher ! Einverständnisse sind. Hoffen wir auf die Macht der Ereignisse! Die Konservativen werden wiederum bn ersten Revolutionäre sein müssen, indem sie die Macht und die Fähigkeit des Organifirens haben. Thüringens Beispiel muß dann über ganz Deutschland fortwirken, zu derjenigen territorialen Umgestaltung des Vaterlands, die fast wichtiger ist als die politische, indem sie die Letztere erleichtert und in vielfacher Beziehung sogar erst ermöglicht. Nur wer zur gehörigen Zeit und am richtigen Orte revolutionär zu sein versteht, ist der wahre Konservative, der diesen Namen verdient.
. (Rhein. Ztq.)
Kurhessische Zustände.
Kassel, 20. Juni.
So lebhaft bei uns die Zugeständnisse des t 1. März erstürmt worden sind, so langsam bilden sich unsere fac- tischen Zustände zu gesetzlichen aus. Die schwüle und wirklich beängstigende Stimmung, die unter der Bevöl- kening unserer Residenz dermal herrscht, rührt aus höherer Atmosphäre her, aus welcher alle verzögernden, hemmenden, passiv-widerwär'igcn Influenzen kommen. Die Person dessen, der unsere Stadt eben zu einer Residenz macht, ist in leidenschaftlicher Frage. Niemand zweifelt an einer bevorstehenden Veränderung. Aber wenn die Einen von einer Wiedervereinigung der nach Philipp dem Großmüthigen getheilten Hessischen Lande träumen, so bangen die Andern vor einer Katastrophe, die eine. schwere und blutige Verwirrung herbeiführen könnte; während die Wohldenkenven bei der dermaligen Anwesenheit des Landgrafen Wilhelm die beste Lösung in einer baldigen vertragsmäßigen Uebereinkunft des Regenten mit seinem gesetzlichen Nachfolger erblicken. Diesen bangen Räthseln sieht die republikanische Partei, die sich bei der lahmen Nachsicht der öffentlichen Gewalt frei genug gebärdet, mit schadenfroher Erwartung und keineswegs müßig zu. In dieser Lage der Dinge erscheint der in der Sitzung vom 17. d. gestellte und durch den Druck schnell verbreitete Antrag des Abgeordneten Henkel sehr bedenklich. Der Antrag geht dahin, „unsern Regenten zu ersuchen, einen Zusatz zu unserer Verfassung zugenehmigen, wodurch die gestimmte Ausübung der ihm anvertrauten öffentlichen Gewalt auf seine Minister übertragen wird, soweit nicht sein persönliches Verhältniß zur bürgerlichen Gesellschaft
berührt werde; einstweilen aber schon alle diejenigen Geschäfte wozu nicht ausdrücklich verfassungsmäßig seine unmittelbare Mitwirkung erfordert werde, durch eine im landständischen Archiv niederzulegende Vollmacht ein- für allemal auf Ote Minister zu übertragen." Dieser Antrag setze die Minister in Verlegenheit und regt die böse Stimmung der Stadt auf. Man bat gestern Abend diesem Deputirten einen Fackelzug mit bezüglichen Fahnen gebracht, und bereitet so einem dafür sehr empfänglichen Mann Triumphe, statt ihn über die Beweggründe zur Rede zu stellen, die ihn veranlaßt haben, als Abgeordneter zur Nationalversammlung in Frankfurt im wichtigsten Augenblick seinen Posten zu verlassen um hier aufzuregen, was er selbst für eine größere Wirksamkeit erklärte Allerdings mag es für einen Mann von mäßiger Begabung schwerer sein, sich in der Nationalversammlung so bemerklich zu machen als in der kurhessischen Ständevcrsammlung. Mit einer so unbedeutenden Flugschrift wie seine „Ansichten über die Aufgaben der deutschen Nanonalver- sammlung" sind, konnte es diesem soast recht ehrlichen Advokaten freilich nicht gelingen einige Auszeichnung zu erlangen. Diese findet er nun in der Ständever- sammlung, wo man von den Tribunen seine ziemlich populären Declainationen mit Bravo's und Lebehoch begrüßt. Diese von einzelnen Deputirten gerügte Unordnung erkennt es auch au, daß der Präsident der Ständeversammlung sehr nachsichtig ist, und man hat daher auch ihm gestern Abend einen kleinen Abhub der Fackeldemoilstration zu Theil werden lassen. Wir sehen nicht ohne Besorgniß der Entwicklung der Dinge ent- gegen. ' '
Die Russen.
Die Breslauer Zeitung enthält ein Schreiben von der polnischen Grenze vom 19. Juni, in welchem ein glaubwürdiger Kaufmann aus Gollub (3 Meilen von Thorn) berichtet: Ueber den Fluß Drcwenz bei Gollub führt bekanntlich eine halb zu Preußen, halb zu Rußland gehörende Brücke, welche auch die Farben beider Staaten führt. Bei dieser unmittelbaren Nähe cer Gränze findet daher auch, trotz der seit mehrer» Wochen von Rußlands Seite eingetretenen strengen Absperrungsmaßregeln, dennoch ein reger Verkehr nach und von Russisch-Polen statt; namentlich kommen alle Sonn- und Feiertage eine Menge russisch-polnischer Landleute herüber, um unsere Kirche und sodann unsere Schnapsläden zu besuchen. Ebenso ist es nichts Ungewöhnliches, russisches Militär, welches die seichte Drèwenz durchwatete, in unsern Schenken tapfer zechen zu sehen. Bei einer solchen Gelegenheit erfuhr der
Die Rarrenburg.
Von Adalbert Stifter.
(Fortsetzung.)
Dann ließ er die grünen Vorhänge nieder, siegelte alle Thore zu und ritt davon, weil er auch trotzig war, wie Graf Julius, der auch fort ging und nicht wieder gekommen ist. ' Das Drehthor hatte er noch machen lassen und das große daneben zugcmauert — und alle Diener und Jäger und die Hunde und die Pferde, Al- les flog des TageS davon, nnd er sagte: Hüte das Werk, wie den Stern deiner Augen, und halte die Brut fern von meinem Horste, bis ich komme, zu sagen, daß ich nun mehr gethan, als sie alle, und daß ich nun auch leben wolle nach dem Schlage meines Herzens. — Und ich hab' es auch gehütet; sehet, Graf Sixtus, nur die Vögel des Himmels mochten hereinfliegen, und eine solche plötzliche Stille war eS im Sonnen- und Mondscheine, nur daß die Todtengeige des Propokus zuweilen tönte und läutete; denn er hatte sie wieder richten lassen, ehe er fortging — und es waren fünf, sechs, acht Jahre, bis ihr mit dem großen Pergamente kämet, und viele Herren mit euch, und ihr alles untersuchtet, auch daS Papier, so er mir gegeben — ■— und da sagtet ihr ja selber, wie eö in eurem Pergamente geschrieben stehe, daß sie ihn in der heidnischen Stadt so schön begraben haben.
Die Narciffa liegt in der Schloßkapelle, der Dechant war selbst herübergekommen und hatte gesagt: ich will sie gesegnen. — — Denn, seht, sie konnte nicht mehr
dem Auscheine nach ein Maschen; denn eâ wallte eine Fülle der schönsten gelben Ringellocken um den Nacken und daS glühende Gesichtchen, sie mochte zehn bis eilf Jahre alt sein, oder auch noch jünger — am äußersten Ende ritt sie und jauchzte, und wie ihr Ruprecht hinauf zugerufen hatte, so wurde sie erst recht freudig, daß Jemand ihre Heldenthat sehe, und sowie sieihrSlimm- chen hatte erklingen lassen, so stand sie gar auf und stand oder schwebte auf dem unsichtbar schmalen Stege deâ Geländers, und ging vorwärts und rückwärts und neigte sich, und beugte sich über, daß den Männern unten ein Schwindel und Grauen ankam, und ihnen die Augen vergingen.
Und sie rief dem Hunde zu: „Hüon, Huon, komm herauf." Und da dieser sich wälzte und plump in die Lust sprang, und abenteuerliche Freudentöne gab, so wußte sic sich nicht zu helfen vor Lachen.
„Es ist meine Enkelin," sagte Ruprecht, „ich werde mir noch die Haare ausraufen müssen, wenn mir einmal der Hund ihre zerschmetterten Glieder nach Hause chleppen wird; denn er hat sie lieb und sie folgt ihm auch am meisten."
Und da die drei noch immer gebannt standen, und jinaufsahen, warf sie die Arme empor, und zeigte hierhin und dorthin, und rief: „Ich sehe alle Mauern und alle Baume, und die ganze Welt, o, das ist »errlich!"
Und so trieb sie eü noch einige Augenblick«, daß es oft schien, als Hänge ihr lichtrâ Kleid, wie eine weiße Sommerwolke im Himmelsblau draußen — die Männer
warten, und das Herz war ihr stehen geblieben. — — Aber trauert nur nicht, Graf Julius, er kommt doch noch wieder, so wie ihr gekommen seid. — —"
Die zwei Männer sahen sich verständigend an und schritten weiter. Keiner mochte dringen und forschen, keiner aber war mehr unbefangen. Man war mittlerweile durch den Eichenhag bis nahe an die Ruinen des Grafen Iulian gekommen, und wie man aus den dunkeln Waldeöschatten auf den glänzenden Rasenplatz hinaus getreten war, wo mit einem Male die mächtigen Trümmer in die Augen springen — denn sie stehen und liegen auf dem reinlichen, weichen Rasen herum — so sprang der große Hund Ruprechts plötzlich gegen den Anger vor, und wedelte und scharrte und trieb ein Freudengebelle in die Lüft--und Ruprecht schrie empor: „Daß du stürzest, Pia, du fürchterliches Kind,— Pia, Pia, — — siehe, mein Herz, komme eilig herunter — — ich habe dir gesagt, du sollst bei den Ringelblumen sitzen bleiben, und sollest zählen, wie oft die Schwalbe zugeflogen kömmt —--."
Und ein feines, klingendes Silberstimmchen- ertönte in der Luft: „Sie flog fünf mal und zwanzig mal, und immer — und von den Ringelblumen ist die erste gelb und die zweite — und sie waren alle gelb. Ich falle nicht, sieh nur, Vater, ich falle nicht."
Die Freunde blickten empor und auf einem der höchsten Balköne des zerfallenden Schlosses, auf einem Balköne, der so tu der Luft draußen hing, als klebe er nur an einem einzigen Steine — nein nicht auf dem Balköne, sondern auf dem Geländer desselben ritt ein Kind,