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Raffauische Zcitunq

Freiheit, Wahrheit und Recht'.

Materielles und geistiges Wohl de« deutschen Bölke«!

Wiesbaden, Dienstag, den 27. Juni. L8â.

Unsere verehrlichen Abonnenten und alle neuen Interessenten derNassauischen Zeitung" (nicht zu verwechseln mit der hier erscheinendenNgssaui- schen Allgemeinen Zeitung) bitten wir, ihre Bestellungen pro Juli bis September schleunigst bei dem ihnen zunächst gelegenen Postamt machen zu wollen.

Die täglich erscheinendeNassauische Zeitung" nebst einem vom 1. Juli ab ihr beigegebenen Gratisblatl:Allgemeines Kirchen- und Tchulblatt", wöchentlich zwei Nummern, kostet bei allen Postanstalten des Herzogthums inclusive Postprovision nur fl. 2. 12 kr. vierteljährlich.

In Wiesbaden abonnirt man bei der Expedition am Friedrichsplatz für nur fL 1. 43 kr. pro Juli bis September aus dieNassauische Zeitung nebst Allgem ei nes Kirchen- und Schulblatt.

Inserate werde» mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petit-Zeile oder deren Raum berechnet.

Uebersichten , Erörterungen und Aktenstücke.

Einleitung des Berichts deS Berfastungs? ausschnsses der constituirenden Natio­nalversammlung über die Grundrechte des deutschen Volkes.

Die erste Frage, mit welcher der von dieser hohen Versammlung bestellte Verfassungsausschuß sich zu beschäf­tigen hatte, war die: welcher Theil des Verfassungswer- keS von ihm zuerst in Angriff zu nehmen sei. Innere und äußere Gründe, auch in zahlreichen Anträgen von Abgeordneten hervorgehoben, führten zu dem bald gefaß­ten Beschluß, mit der Feststellung der allgemeinen Rechte, welche die Gesammtverfassung dem deutschen Volke ge­währleisten solle, den Anfang zu machen. Der Entwurf, welchen der Ausschuß sich gegenwärtig Ihnen vorzulegen beehrt, ist das Ergebniß der in demselben geführten Ver­handlungen. Er ist ein selbstständiges Werk, wenn auch die zum Theil sehr schätzbaren Vorarbeiten Anderer dank­bar dabei benutzt worden sind. Auf schon bestehende Ver- fassungsgesetze ist natürlich die gebührende Rücksicht ge­nommen, und namentlich aus der belgischen Verfassung, die sich in schweren Zeiten der Gefahr bewährt hat, Man­ches entlehnt worden. Ein Bericht des volkswirthschaftli- .chen Ausschusses über Verhältnisse, welche zum Theil auch vom BerfassungsauSschuffe behandelt worden sind, ist lei­der so spät eingegangen, daß er von dem letzteren und selbst von dem Berichterstatter, dem die möglichste Beei­lung zur Pflicht gemacht war, nicht mehr benutzt werden konnte.

Im Allgemeinen erkannte der Ausschuß es als seine Aufgabe, diejenigen Grundrechte klar und bestimmt auf­zustellen, deren verfassungsmäßige Anerkennung das deutsche Volk zu erwarten befugt ist. Auf leere Theorieen und willkürlich ersonnene Systeme durfte dabei fteilich keine Rücksicht genommen werden; es kam darauf an, nur das wirklich Erprobte zur Geltung zu bringen, und aus dem reichen Stoff des Möglichen und Wünschenswerthen das­jenige herauszufinden, welches unserer Volksthümlichkeit, unseren gegenwärtigen Bedürfnissen entspricht und unserer nationalen Entwickelung die beste Förderung und Siche­rung verheißt. Denn nicht bloß auf die nächste Zukunft durste unsere Sorge gerichtet sein; das Verfassungswerk, welches jetzt unternommen ist, soll ja die Einheit und Freiheit Deutschlands, das Wohl des Volkes für die Dauer begründen. Es soll einen großen Wendepunkt in der deutschen Geschichte bezeichnen und auch für späte Geschlechter sich noch segensreich erweisen. Das kann aber

Die Narrenburg.

Bon Adalbert Stifter.

(Fortsetzung.)

Hier standen die neueren Gebäude, ein noch wohl- erhaltener, moderner Flügel des letzten Besitzers, ein Gartenhaus, allerlei Lusthâuschen, Ruhesitze mit und ohne Geschmack; hier war auch, wo man die schönste Aussicht auf die Fichtau genoß, die grün und weich und und ruhig in der wollüstigen Sommcrvormiktagöluft un­ten lag noch einen andern Bau voll von Balkönen, Giebeln und Erkern sah man um einen Eichenbestand Herüberblicken; er lag am meisten ab und war gräßlich zerfallen, auch in der Umgegend standen lauter dachlose zerfallende Trümmer, eS war die Wohnung des al­ten Julian gewesen. Ein Gedränge uralter riesenarmi­ger Eichen schritt von da gegen den Neubau herüber, und man sah zwischen den Stämmen Dammhirsche wan­deln und grasen.

Heinrichs Herz klopfte hoch und seltsam, als er auf einer vorspringenden Platte stand, und deu Compler die­ser Bauwerke und Gärten und Wälder übersah, zum Theil frei daliegend, zum Theil durch Buschwerk, Wöl­bungen oder Vorsprünge gedeckt, daS ganze durch eine klasterdicke, hohe Granitmauer umfangen, an der, nach der Bauart zu schließen, viele Geschlechter gearbeitet hat­te«, und die er thörichter Weise bei seiner Entdeckung deS GchloffeS für die äußere Mauer desselben gehai-

nur dann mit Zuversicht erwartet werden, wenn auch jene Volksrechte dem festen Bau eines einheitlichen, nationa­len Staatswesens als dessen Bestandtheile eingefügt und jeder einseitigen Einwirkung des Partikularismus und der Sonderinteressen entzogen werden.

Bei dieser Höhe der Aufgabe war es aber unvermeid­lich, mit großen Prinzipien in eine Menge von Zustän­den und Verhältnissen resormirend einzugreifen, denen altes Recht und Gewöhnung zur Seite stehen, und denen unter gewissen Voraussetzungen und in beschränkten Krei­sen auch die innere Begründung nicht unbedingt abge­sprochen werden kann. In dieser Hinsicht galt es, mit Mäßigung zu verfahren und nur dasjenige unerbittlich zu entfernen, was sich dem großen Werke der nationalen und staatlichen Wiederherstellung feindlich entgegen stellt oder doch gefährlich erweist die besonderen Einrichtun­gen und Gebräuche aber, welche sich in ihrer beschränkten Geltung ftiedlich zum Ganzen fügen, ungefährdet bestehen zu lassen. Diese Mäßigung hat der Ausschuß in sei­nen Beschlüssen festzuhalten gesucht, und namentlich, wenn es sich von der Aufhebung rechtlich begründeter Befug­nisse der Privatpersonen handelte, hat er ernstlich erwo­gen, ob und in wie weit sich eine solche ohne Vorbehalt einer Entschädigung rechtfertigen lasse. Aber auch da, wo es auf die Aufstellung neuer Prinzipien ankam, hat er nicht unterlassen, sich die Frage vorzulegen, ob auch jeder daraus entspringende Folgesatz sicher übersehen werde und in einigen wichtigen Fällen hat er sich lieber begnügt, nur einzelne Satzungen aufzunehmen, als ein allgemeines Prinzip, dessen Wirkung nicht zu berechnen schien, aus­zusprechen.

An eine systematische Vollständigkeit ist aber bei der Ausarbeitung des Entwurfs natürlich nicht gedacht wor­den; es kam nur darauf an, das Nothwendige aufzuneh­men. Im Einzelnen konnte es fteilich in dieser Hinsicht an einer Verschiedenheit der Meinungen nicht fehlen, und manche der eingebrachten Minoritätsgutachten sind nicht deßwegen nothwendig geworden, weil die Mehrheit ver­schiedener Ansicht war, sondern nur weil sie dafür hielt, die betreffende Vorschrift gehöre nicht unter die Grund­rechte des Volkes. Einzelnes ward der Landes- u. Reichs­gesetzgebung, Anderes wieder späteren Theilen der Ge­sammtverfassung vorbehalten; zuweilen freilich schien der Gegenstand weniger der Gesetzgebung, als der Thätigkeit der Regierungsgewalt, welche zum unmittelbaren Handeln berufen ist, anzugehören.

In diesem Sinne die ihm gestellte Aufgabe fassend, ist der Ausschuß stets bemüht gewesen, diejenigen Nor­men aufzufinden, welche geeignet sind, der freien und kräftigen Entwickelung unseres Volkes ihren Weg zu ebnen und zu sichern. Es wäre in mancher Hinsicht wünschenSwerth gewesen, wenn der Ausschuß sich dabei

ten hatte, weil er unten und dicht an ihr herumgeklet­tert war.

Alles daâ ist vielleicht in wenigen Tagen sein, und ein unabsehlicheS Feld von Wirken und Schaffen that sich ihm auf, und von Genießen und Schwärmen für seine arbeitende närrische Phantasie, der ein solches Dich- tungschaoö, wie dieser Berg gerade willkommen war. Er mußte von der Platte weggehen; denn ein Wirrsaal und ein Getümmel von Plänen und Gedanken kam schon in sein Haupt, die sich schoben und drehten und noch keine Gestalt hatten. Wie viel tausendmal, wenn er so durch die Welt ging, in der kein handgroßes Fleck­chen sein war, hatte er gedacht: wenn ich nur so viel vor mich bringen kann, daß »ch nicht muß nach Hause gehen, das magere Feld meiner Mutter, wenn sie ein­mal die Augen zuthut, nehmen, und darauf mir im Schweiße meines Antlitzes harte Schwielen und schwar­zes Brod erarbeiten; sondern daß ich mir kann ein Stückchen dieser Erde erwerben, wie und wo mir ge­fällt, und dort graben und wirken, und es so schön und so närrisch einrichten, als ich immer will, und als die Menschen nicht wollen und daß ich dort kann denken und ausbrüten und freilich wäre cs gut, wenn ich von diesem Reste zuweilen auch ausfliegen, und ein gut Stück dieser Welt durchschwärmen könnte, um mir ihre Schönheiten nach Hause zu tragen, und sie dort im Herzen zu verarbeiten, dies hatte er gedacht: und nun ist dieß alles auf einmal wahr, und noch mehr dazu; das Nest liegt vor ihm, viel überschwenglicher, alö er es sich je gedacht hatte, und seine romantischen Vor,

auf die mehr vorschauende Thätigkeit der Gesetzgebung hätte beschränken, sich nur mit dem, waS gelten soll, hätte beschäftigen können, ohne so oft genöthigt zu sein, auch dasjenige zu beachten und mit seinen Verfügungen ,;u erfassen, was nicht mehr gelten soll. Allein in dieser freien Weise durfte nicht immer verfahren werden; dazu ist der deutsche RechtSboden noch zu wenig geebnet. Zu­weilen war es unerläßlich, einzig und allein die Auf­hebung einer Einrichtung oder eines Rechtsverhältnisses auSzusprcchen, ohne daß clwaS Neues an die Stelle zu kommen brauchte; manche Satzung wiederum ist dadurch, daß sie vom Gesetzgeber ausgesprochen worden, noch nicht verwirklicht. Es devars der Vorbereitung, der Vermit- telung zwischen dem neuen Rechte und dem, was früher gegolten hat. Durch diese Einflüsse 'ist der Borgelegte Entwurf in seiner Fassung mannigfach bestimmt und do dingt worden; er ist weniger kur; und klar, als eS zu wünschen gewesen wäre. Aber die Bedeutung der Sache mußte den formellen Anforderuügen Vorgehen.

Noch auS einem andern Grunde ist es nothwendig, auf die so eben berührten Umstände besonders aufmerk­sam zu machen. Mag nämlich später beschlossen werden, die hier zusammengesaßten Volksrechte nur als Theil der Gesammtverfassung erscheinen oder sie für sich allein so­fort in Wirksamkeit treten zu lassen stets wird die Frage sich aufdrängen, in welcher Weise für ihre Voll­ziehung, zu sorgen sei. Dabei wird sich denn die ver- schledene Natur der einzelnen Gesetzvorschriften bemerk lich machen: einzelne können sofort ins Leben treten, andere bedürfen dazu einer weitere» Vorbereitung, die wieder, je nachdem die Thätigkeit der Centralgewatt oder der Regierungen der Einzelstaaten dafür in Anspruch zu nehmen ist, eine verschiedene sein wird. Der Ausschuß hat sich mit dieser Frage beschäftigt, sie aber vorläufig auf sich beruhen lassen. Denn ehe diese hohe Versamm­lung über den ganzen Entwurf verhandelt hat und der Inhalt deS künftigen Gesetzes fest steht, läßt sich über vaâ, waS zur Vollziehung nöthig ist, noch Nichts be­stimmen.

Dieses glaubte der Ausschuß einer hohen National­versammlung bei der Uebergabe dcâ Entwurfs zur Ver­ständigung vortragen zu müssen. In der (bereits mitge- theilten) Erörterung wird nun der Inhalt desselben naher erwogen werden, und zwar in der Art, daß die einzelnen Vor­schriften nach der Reihenfolge der Artikel, soweit für daâ richtige Verständniß und zur Vorbereitung der De­batte nützlich erscheint, und die Gründe, welche zu ihrer Fassung bestimmt haben, angegeben werden. Abweichende Ansichten einzelner Mitglieder werden theils in den Ver­handlungen hervortreten, theils ergeben sie sich au6 den mitgetheilten MinoritatSgutachten.

fahren hatten ihm bereits trefflich in die Hand gearbet* tet, und hinwieder so viel liegen gelassen, daß ein kör­niger Geist hier noch lebelang zu schaffen hat -- und außer diesem Neste: die ganze schöne, ihm so lieb ge­wordene Fichtau ist unmittelbar sein mit allem, waâ da­rin athmet und lebt eS ist seinem Schutze, seiner Förderung anvertraut ungeduldig, wie er war, kam ihm schon vor, alS müsse er nun dreihundert Jahre le­ben, um all das Geziemende ins Werk zu setzen ja manches bereits Bestehende sah ihn so bekannt an, al» hätte er es selbst vor hundert Jahren begonnen.

Neben ihm stand der klare, milde, praktische Mann, Robert, und sah mit Wohlgefallen auf den Freund und auf die Sache, und die beide» Männer sahen, gegen einander gehalten, auS, wie der Nutzen, und wie die Dichtung ---und können sie sich vereinigen, so kaun der eine von dem andern gewinnen.

Die Sage, der alte Ruprecht, stand mährchenhaft und mythisch hinter ihnen.

Daâ ist ja ganz auserlesen herrlich," rief Heinrich, ich weiß gar nicht mehr, wie mir ist. Der ganze Berg erscheint mir wie eine Tradition, davon ich selbst ein Glied bin, und von der schönen Fichtau mein' ich, sie liege gar nicht mehr unten komm, lasse und gar auf die Landspitze dort vorwärts gehen, ehe wir in all das Mauerwerk kriechen, und laß uns schauen, ob denn daâ Land unten noch so aussieht wie gestern."

Und sie gingen vorwärts auf die Spitze der Land­zunge bis an den äußersten Punkt, wo die Waw schwrn- delsteil abstürzt, und man über die Ringmauer hinaus