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gabeln bewaffnet. Zwei Böller mit gehacktem Blei geladen, sind ebenfalls in ihrem Besitz. Die Hauptunterstützung wird indeß noch auf die Nacht von den sogenannten Holzbauern erwartet; dann soll cs „losgehen." An der Spitze der Tumultuanten, welchen sich auch ein Theil der Bürgerschaft angeschlossen, steht der Advocat Erbe, welcher sich bereits in den dortigen Volksversammlungen einen großen Anhang verghasf. hat. Eine provisorische städtische Behörde vertheilt unter die Barrikadenkämpfer Anweisungen an Schenk- Wirthe, welche dafür jene auf Kosten der Stadt mit Lebensmitteln versorgen. Von einer beabsichtigten Pro- clamirung der Republik, wie hier befürchtet wurde, soll keine Rede sein, vielmehr verlangt das Altenburger Volk, gestützt auf sein gutes Recht und auf seine Barrikaden" in einem Anschläge an den Straßenecken ausdrücklich von dem Herzoge sofortigen Ministerwechsel (es werden v. Braun und Pierer vorgeschlagen), baldige Einberufung der Stände und Entlassung des neu einbernfencu Militärs. Ilebrigens versicherten sdie Reisenden, herrscht unter dem Volke große Heiterkeit und die unzweifelhafte Gewißheit des Sieges.
Preußen. (Russisches Armeecorps.) Aus Königsberg, 15. Juni, geht dem „Nürub. Corresp." folgendes Schreiben zu: Die hier verbreitete Privatnachricht von dem Verrücken eines russischen Armeeecrpö auf die preußische Grenze (man schätzt es auf 50,000 Mann) gewinnt dadurch Bestand, daß gestern durch eine Staffelte an den Oberprasideuten und den kom- mandirenden General die Meldung gelangt sein soll, daß das Corps zwischen Polangen und Memel bi- vouakire. '
Schleswig - Holsteinische Angelegenheiten.
Apenrade, 15. Juni. Die preußischen Vorposten stehen eine halbe Stunde von hier. Hier hat man an einigen Stellen der Straßen das Pflaster aufgerissen und aus Bauholz, Steinen, Wagen re. Barrikaden gemacht; ebenso an den verschiedenen Aus- gängen der Stadt. Einige Zugänge hat man ganz versammelt. Es werden überhaupt alle Vorkehrungen zur Vertheidigung der Stadt gegen etwaige Angriffe der Dänen getroffen.
Altona, 15. Juni. Die Truppeuzügc nach dem Kriegsschauplätze dauern noch, mit theilweiser Unterbrechung, fast täglich fort. Heute sind einige Bataillone preußischer Infanterie gekommen. Auf der Wahlftan ist es still. Die deutschen Streitkräfte liegen in und um Flensburg; bis Bau und Niehuus werden Schanzen aufgeworfen. Daß die dänische Armee noch nicht vollständig nach den jütischen Grenzen übergeschifft, beweisen die dänischen Requisitionsstreifzüge an der Angeler Nordostküste, welche 1—2 Meilen von Alsen entfernt ist. Von deutschen Truppen bisher entblößt, haben die Dänen in den Kirchspielen Grundoft, Neukirchen u. f. w., als die Nordküste Angelus bildend, die dortigen Bewohner förmlich ausgeplündert. Um diese Ausfälle zu verhüten, hat der Bundesgencral schleswig-holsteinische Truppen und eine Batterie zur Bewachung der Küste hingeschickt; dieser wichtige strategische Punkt, den die Dänen vielleicht zu größeren Operationen benutzen konnten, wird noch dieser Tage von größern Trnppenmassen besetzt werden. Es ist augenblicklich noch nicht zu bestimmen, wann der von beiden Seiten stillschweigend eingegange Waffenstillstand auf- hören wird. Bei der Hartnäckigkeit Dänemarks â tout prix den Krieg fortzusetzen, kann man auf einen baldigen Frieden, wenn nicht besondere Umstände obwalten sollen, nicht rechnen. Das Gerücht von einer Jiiter- verm'on Englands ist aus der Luft gegriffen; man traut hier England eben so wenig wie Rußland, beide treiben verstecktes Spiel. Die hier im Arbeitshaus und Lazareth liegenden Leichtverwundeten und Fieberkranken erfreuen sich der liebevollsten Pflege. Unsere patriotischen Frauen und Jungfrauen haben zum Besten der in Schleswig-Holstein Verwundeten heute einen Verkauf diverser Gegenstände veranstaltet, der einen bedeutenden Erlös hatte.
Zustand.
Republik Frankreich.
Paris, den 16. Juni. Man zweifelt, daß Louis Napoleon seinen Entsagungsbrief von London ans geschrieben, indem man versicherte, daß er schon hier eingetroffen sei. Jedenfalls war es aber das Klügste, was er bei bewandien Verhältnissen tbun konnte.
Paris, 17. Juni. Die Ruhe ist in der Stadt nicht mehr gestört worden. Die Aufläufe haben auf- »u _____ . ............— । .
gehört. Gestern versicherte man Barbes und Blanqui wären in der Nacht von Vincennes nach der Citadelle von Blap abgeführt worden. Ob es begründet, weiß man nicht. —Noch immer heißt es, daß Lamartine ernstlich abtreten wolle. Er erklärte wiederholt seinen Freunden, daß er binnen acht Tagen zurücktreten wolle. Ohne den Einfluß seiner Frau hätte er es schon ge- lhan. — Louis Napoleon hält sich wirklich seit einigen Tagen h,er verborgen auf, obschon seine Briefe von London aus datirt sind.
Italien.
Rom, 8. Juni. Der Papst hat Mons. Muzza- relli zum Präsidenten, den Fürsten D. Pietro Ooes- calchi und Grasen Pasolini zu Vicepräsidenlen der Pairökammcr ernannt. Unter den Mitgliedern dieses hohen Raths welche nicht acceplin haben, befindet sich auch der Fürst D. Aless. Torlonia, welcher durch die auf dem Wege der Gnade erfolgte Freilassung Para- disi's aufs neue verletzt worden zu sein scheint. Letzterer ist übrigens mit seiner Jncidenzklage zurückgewiesen worden und befindet sich somit unter Criminalpro- ceß. Der Depuurtenraih hat seine Sitzungen vertagt, da viele Deputirten noch gar nicht eingetroffen sind. Man spricht hier laut und allgemein davon, daß der König von Neapel nächstens werde ermordet werden. Wetten sollen sogar darauf gemacht worden sein. Der gemeine Mann meint, die hiesigen Clubs wollten sich ein solches Verdienst erwerben. (A. Z.)
Vermischtes.
Dorfgeschichten.
Von der Lahn, den IG. Juni.
Motto: Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt, Graf Zsolan;
Der weite Weg enrsqmloigt Euer Säumen.
Jsol. Wir kommen auch mit lee» reu Hanven nicht.
Aus meinem ehemaligen Horaze, den mir ein guter Freund abgeliehen, und nicht wieder gegeben hat, erinnere ich mich einer wunderschönen Stelle des Inhalts: ohne Homer würden Agamemnon und Achilles unbekannt zu Grabe gegangen sein. Schade, daß ich die lateüii|$en Verse nicht mehr auswendig weiß, da einem großen Theile unseres Freundes Michel unverständliche lateinische Verse viel gelehrter aussehe» und lauten, als verständliche schlichte deutsche Prosa. Der Sinn von Horazens Versen ist also kurz: Ohne Homer keinen Achilles ! So dachte ich, als mir zufällig eine alte Nr. des zu Weilburg erscheinenden Lahnboten zu Gesicht kam, enthaltend:
Herzensergüsse
des
Vrisvorstandpo zu Schupbach bei der Dicnst - Nemotion des Schultheißen Eller und der provisorischen Uebergabe des bürgerlichen Schultheißendienstes an Heinrich
Kuhn am 7. März 1848.
Da meines Wissens der Lahnbote eben keine weite Verbreitung hat, so mögen diese aus einem durchaus nicht poetischen Herzen entsprungenen Ergießungen zur Vermehrung allgemeiner Heiterkeit hier vollständig wieder abgedruckt erscheinen.
Es ist geschehen, gesieget hat der Muth, Die Sclavenketten sind gebrochen;
Jetzt nicht mehr herrschet Willkür, Uebermuth — Das Unrecht bleibt nicht ungerochen.
2.
Die Gemeinde mochte seufzen, klagen, — Immer blieb das alte Regiment;
Als sie lang genug vao Joch getragen, Nimmt Tyrannenyerrschaft balv ein End!
3.
Wie frei und froh nun athmet unsre Brust!
Für Gott, Freiheit und das Vaterland Schlägt jedes bied're Herz mit wahrer Lust, Und uns All' umschlingt der Liebe Band.
Die Herzensergüsse nehmen einen Anlauf, als gälte es dem Sturze des Julithrones, das mag mir wohl ein gewaltiger Muth sein, wenn 80—100 Bauern, deren Muth jedenfalls noch durch den beliebten Schnapps verstärkt worden ist, einem Schultheißen den Schrank holen! — Der abgesetzte Schultheiß Eller möge sich bei dem Verfasser der Herzensergüsse bedanken, indem dieser versucht hat, seinen Namen auf die Nachwelt zu bringen. Der provisorische Uebernehmer des bür
gerlichen Schultheißendienstes möge ein Gleiches thun, da wahrscheinlich auf ihn allein unter den zahlreichen neuen Schultheißereiverwaltern ein Vers gemacht worden 'ist. Die Reime — nicht Verse — offenbaren übrigens deutlich, daß Schupbach zur Zeit noch keinen Achilles, viel weniger aber noch einen Homer hat. Sprachfehler und dergleichen Sünden in den Herzensergüssen aufzusucheu, überlassen wir den Schupbacher Schulkindern, wie ihrem und manchem anderen nass. Schulmeister, die in solchen Dingen einen unvergleichlichen Scharfsinn besitzen. — Aus allem aber muß man die praktischen Gesichtspunkte entwickeln. Es ist eine traurige Thatsache, daß eine gänzliche Stockung aller Geschäfte jetzt herrscht. Nun eröffnet uns der geehrte Verfertiger der Herzensergüsse die Aussicht, zu einem neuen und sehr lukrativen Geschäfte, nämlich zur Besingung aller Absetzungen Nass. Schulteißen. Deren sind so viele geschehen, daß wenigstens ein ganzes Jahr erforderlich wäre, um schlechte Reime darauf zu machen. Sollte Jemand Lust dazu haben, aber die Waare nicht selbst produziren können, so würde ihm der geehrte Verfertiger der Herzensergüsse gerne wöchentlich etwelche Ellen derselben liefern. Bei den Herzensergüssen fehlt übrigens ein Haupt- und Kernschluß. Ich kann mir daher nicht versagen, zu dem Ende auch wieder einmal einige holpernde und stolpernde Reime zu machen, die ich übrigens durchaus nicht als Herzensergüsse, sondern lieber als Produkte eines unglücklichen Stuhlganges angesehen haben will. Die Schlußreime dürften etwa folgende Fassung haben:
Geschehen ist's, gesieget hat ter Muth;
Der alte Schutheeß hat nun seinen TapS; Nun lasset uns mit leichtem, heitern Blut, Zusainnien trinken einen brüderlichen Schnapps*).
Schließlich möchten wir dem Verfertiger der Herzensergüsse noch den guten Rath geben, seine Feder würdigeren Gegenständen, als der Absetzung eines Nass. Schultheißen zu leihen. Unsere Zeit ist zu ernst und ihr thut zu vieles noth, als daß der, welcher ihr wahrhaft nutzen will, sich mit lächerlichen, ja oft rachsüchtigen Spielereien beschäftigen dürfte. —
19. Sitzung der eonstituirenden National- Versammlung.
Frankfurt, 20. Juni. In der heutigen Sitzung der deutschen Nationalversammlung wurde auf Kohl- tz arz er's Antrag fast einstimmig beschlossen: daß jeder Angriff gegen Sneft als einen Angriff gegen Deutschland zu betrachten sei. (Stürmischer Beifall.) In Fortsetzung der Discussion über die Tagesordnung sprach zuerst Braun von Köslin, welcher vorschlägt, die provisorische Centralgewalt der Krone Preußen zu übergeben. (Andauerndes Gelächter.) Reh gegen den Auoschußainrag; von Würth aus Wien dafür; Wedekind von Hannover für ein eignes Amendement, nach welchem fünf Personen, drei von den Regierungen unter Zustimmung der Nationalversammlung, zwei von dieser Ickern allein, ernannt werden. Diese sollen ihre Gewalt durch ein der Nationalversammlung verantwortliches Ministerium ausüben. Blum für seinen Antrag; Lette von Berlin für den Ausschußantrag; Hensel für den Blum'schen Antrag; Simon von Trier gegen den Ausschußantrag; Welcker dafür — So weit bis 1 Uhr.
*) Um nicht verklagt zu werden, ich habe dem Verfasser der Herzensergüsse seine besten Gedanken gestohlen, wie Frau Birchpfeiffer Bertholv Auerbach verklagte, habe ich statt: „Es ist gescheh'n" die bedeutende Veränderung vorgenommen: „Geschehen ist's." — Kunstrichtern must ich übrigens die Entscheidung überlassen, ob meine Reime nicht eben so schofel sind, als die Herzensergüsse. So viel weiß ich, daß sie beide ter strengen Kritik weder Wolfg. Menzels, noch Gervinus in die Hände fallen werden. Am Passendsten würden sie sich ausnehmen, auf dem litterar. Trödelmarkte — i. e. den Ankündigungen — der Freien Zeitung, die stets wohlversorgt ist mit dergl. saubern Handelsartikeln.
D ru mtc I) kr-Zk ri d)! i t} trug.
Im Artikel: „Ueber die zukünftige Stellung der Staatsdiener" Nr. 94 unserer Zeitung lies: Seite 382 Sp. 3 Z. 8 winzig kleinen Geistes statt winzigen Geistes, Zeile 42 Maschine statt Maschiene. Nr. 95 S. 386 Sp. 2 Z. 20 ergänze: Ortsschultheißen von dem politischen Glaubensbekenntniß des Chefs :c., Z. 52 ergänze: dermalen noch das bei uns bestehende Besoldungsedict; Sp. 3 Z. 17 lies: Examinand statt Eraminant; Seite 387 Sp. 2 Z. 29 lies: röthlichen statt nöthigen.
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(450)
Für Curfremde.
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bei deren Expedition am Friedrichsplatz.
Höchst a. M., 20. Juni 1848.
Nächsten Sonntag, den 25. d. M. Nachmittags 3 Uhr wird dahier eine
allgemeine o°)
Volksversammlung abgehalten, wozu sich alle Freunde des Volkes aus der Nähe und Ferne einsinden wollen.
Als Redner werden viele Mitglieder von der linken Seite der eonstituirenden National-Versammlung und andere tüchtige Volksmänner auftreten.
Gegenstand der Besprechung wird die politische und soziale Besprechung des deutschen Volkes sein.
Druck und Verlag von '2f*ifhrlm Friedrich am Friedrichsplatz. — Redacteur: Kati Braun. — Verantwortlicher Herausgeber: Wilhelm Friedrich.