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Nassauische Zeilunl,
Freiheit, Wahrheit und Recht!
Materielles und geistiges Wohl des deutsche» Volkes!
Wiesbaden, Sonntag, den IS. Juni. L8L8.
Die „Nassauische Zeitung" (nicht zu verwechseln mit ter hier erscheinenden „Nassauischen Allgemeinen") verfolgt seit ihrem Erscheinen die Durchführung der demokratischen Monarchie in den einzelnen Staaten und die Herstellung einer starken deutschen Centralgewalt, als einzige Grundlage der Freiheit und Macht Deutschlands. Neben dieser politischen Tendenz widmet sie der socialen und kirchlichen Frage, sowie dem Unterrichtswesen besondere Aufmerksamkeit.
Sie hat für die nächste Zeit als besonderen Stoff sich die Verhandlungen des Parlaments und die der Nassauischen Ständekammer vorgesetzt. Die letzteren bringt sie am Abende desselben Tages, an welchem die Sitzung war, und begleitet sie mit fortlaufenden Kritiken und Erörterungen. Namentlich werden die neuen legislativen Arbeiten ihre gründliche juristische Würdigung finden.
Die Zeitung hat ein der Unterhaltung gewidmetes Feuilleton. Dasselbe wird vom 1. Juli an einen Cyklus „Dorfnovellen vom Westerwald" aus der Feder von Eduard Wißmann bringen, dessen treffliche Dorfgeschichte „Der Kirmeshut" bei unseren Lesern so viel freundlichen Beifall fand.
Aus die täglich erscheinende Nassauische Zeitung abonnirt man Vierteljährig, in Wiesbaden mit fl. 1. 43 kr. bei der Erpedilion am ^'riedrichsplatz. Auswärts, durch die Post bezogen, kostet das vierteljährige Abonnement vom 1. Juli bis 30. September inclusive Porto nur fl. 2 12 kr., lei allen Postanstalten im Umkreis des Herz'ogthums Nassau, der freien Stadt Frankfurt, des Großherzogthums Hessen, der Land- Grafschaft Hessen-Homburg, sowie des KurfürstenthumS Hessen. Im II. Rayon des Thurn- und Taris'schen PostbezirkS ist der vierteljäh- rige Preis fl. 2. 20 fr. In Preußen findet eine v erh ä l t n i ßm ä ß i g e Preiserhöhung statt. — Inserate werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petit-Zeile oder deren Raum berechnet. — Bestellungen aus die Nassauische Zeitung für Juli bis September wolle man recht zeitig machen, für Wiesbaden bei der Expedition (Wilhelm Friedrich) am Friedrichsplatz, für Auswärts bei der zunächst liegenden Po stan st alt, womöglich vor Ablauf der letzten 14 Tage dieses Monats.
Dienstnachricht.
Wiesbaden, den 17. Juni.
Der frühere Hauptmann und Auditeur Werren, welcher kürzlich erst zum Amtmann in Königstein ernannt worden war, ist von da als Regierungsrath hierher zurück versetzt worden. Dem Vernehmen nach soll er zum landesherrlichen Commiffarius bei den Ständen bestimmt sein.
Uebersichten , Erörterungen und Aktenstücke.
H Die Abschaffung deS Zehntens in dem Herzogthum Nassau.
Cm Wort an die Aasern.
i.
Darüber werden wir wahrscheinlich Alle, mögen wir Bauern fehl oder nicht, mögen wir Zehnten zu entrichten haben oder nicht, einig sein, daß das Wohl des Staates es erfordere, daß der Zehnten fort muß. Denn er paßt nicht mehr zu dem landwirth- schaftlichen Betrieb, wie er jetzt nöthig ist. Er war möglich zu einer Zeit, wo man nur die besten Lagen des Bodens anzudauen und noch nicht viel Arbeit und Capital darauf zu verwenden brauchte; aber heut zu Tage, wo jedes Fleckchen Erde schon bebaut ist, oder noch bebaut werden muß, wo es einer viel höhern Aufbietung aller Capitals- und Arbeilökräfte bedarf, um die verhältnißmäßig schlechter» und unergiebigen Lagen zur Ertragsfähigkeit zu bringen, da ist der Zehnte eine Unmöglichkeit. Denn er hält den Eigenthümer des Grundstücks ab, den Boden mit höherer Arbeits- und Capitalkraft zu bauen, weil er damit nicht sich hilft, sondern dem Zehntherr nützt, welcher keine Arbeit und kein Capital aufwendet. Dazu kommt noch, daß das Grundeigenthum in so Vieler Hände vertheilt und so zersplittert ist, daß man aus Rücksicht auf die Wohlfahrt des Ganzen und der Einzelnen eine möglichst freie und ungehemmte Bewirchschaft möglich machen muß, wenn der Boden die Leute ernähren soll, die auf ihm und von ihm leben und leben wollen. Wir müssen daher den Zehnten entfernen, weil er für die Volkswirthschaft schädlich ist. Aber wir dürfen ihn nicht auf solche Weise entfernen, daß wir der Gerechtigkeit in'S Angesicht schlagen und die Begriffe von Mein und Dein umwerfen.
Es gibt zwar Leute, die sich ein Geschäft daraus machen, den Bauern zu sagen: „Der Zehnten ist eine Ungerechtigkeit, er muß weg, ohne alle Entschädigung, und wenn das Ministerium und die Landstände ihn nicht gutwillig abschaffen wollen, nun, dann wissen wir ja, wie wirS machen, wir sind die Mehrzahl, wir greifen zu Knüppel, Karst und Gewehr, rücken nach Wiesbaden und zwingen sie dazu."
DaS ist recht hübsch gesagt und hört sich ganz gut an, als wenn die Sache einfach und schnell gemacht wäre. Es ist daher auch gar kein Wunder, daß cs die Bauern und Grundbesitzer glauben. Denn es bedarf gerade nicht viel Gründe, um Jemand zu überzeugen, daß er etwas im Sack behalten soll. Wenn da so ein Jurist kommt und sagt ihnen: „Der Zehnten stammt theils ausRecht, theils aus Unrecht, größten- theils aber aus der grauen Vorzeit" (solauten etwa die Worte der Hadamarer „unterthänigen" Pe- tion an die Landstände), dann beschließen sie auch so
fort: „Wir bezahl'en also keinen mehr" und denken, wir können es auch durchsetzen, ihn ohne alle Entschädigung abzuschaffen, „denn wir sind die Mehrzahl.^ Sie bedenken aber dabei nicht, daß aus diesen Grundsätzen Folgerungen hergeleitet werden können, welche Niemand härter treffen, als gerade den vermögenden Bauernstand.
So gut wie man sagt: „Der Zehnten stammt theils aus Recht, theils aus Unrecht, großtentheils aber aus der grauen Vorzeit," kann es auch einmal Jemanden einfallen zu sagen: „Das Eigenthum stammt theils aus Unrescht, all miteinander aus der grauen Vorzeit." Denn daß manches Eigenthum auf un- rechtliche Weise erworben worden ist, das gibt gewiß Jedermann zu und eben so, dass da. Eigenthum überhaupt aus der grauen Vorzeit stamme; unsere alten Juristen leiten ja seinen Ursprung davon her, daß Gott dem Adam und der Eva das Paradies geschenkt habe, — und das ist gewiß in grauer Vorzeit gewesen. Wenn das aber feststeht, warum sind wir nicht berechtigt, so gut wie den Zehnten auch das Eigenthum ohne alle Entschädigung abzuschaffen, um, neu unter uns zu theilen, auf daß Gleichheit, Gerechtigkeit herrsche und Brüderlichkeit. Durchsetzen läßt sich das auch schon, denn die Besitzlosen und Wenigbesitzenden sind bei Weitem die Mehrzahl, und die sind es gewiß alle zufrieden. Sie werden es also auch machen wie Cie reichen Grundeigenthümer, welche nichts mehr bezahlen wollen, und werden sagen: „Wir wollen haben. Und wenn das Ministerium und die Lano- stande nicht geben wollen, nun, dann haben uns ja schon die Grundeigenthümer verrathen, wie wirs machen, wir greifen zu Knüppel, Karst und Gewehr" u. s. w. nach bekannter Melodie.
Wie gefiele das Euch aber, Ihr Grundeigenthümer? Gewiß schlecht. Aber was könntet Ihr dagegen sagen ? Gewiß Nichts. Denn es wäre nach denselben Grundsätzen gehandelt, nach welchen Ihr handelt, und wenn Ihr einmal zugebt, daß die Eptscheidüng der Mehrzahl über Recht und Gerechtigkeit geht, dann müßt Ihr auch zugeben, daß die Mehrzahl zu entscheiden hat, ob getheilt werden soll oder nicht. Denn wer A sagt, der muß auch B sagen.
Ihr werdet sehen, das Eigenthum ist eine so zarte Pflanze, daß, wenn Ihr nur ein Blättchen davon abbrecht, das ganze Gewächs kranket und abftirbt. Es ist ein so künstlicher Bau, daß er, wenn Ihr nur einen Stein herauszieht, ganz zusammenstürzt. Wenn Ihr den Sturmwind herausbeschworen habt, dann könnt Ihr nicht mehr sagen: „Bis hierher und nicht weiter." Dann braust er, so weit er will, nicht so weit Ihr wollet.
Darum wollen wir doch nicht so drüber hinausbeschließen, sondern erst einmal verständigen Rath hören von beiden Seiten und dann thun, was Rechtens ist. Ich glaube aber, daß es sich nachweisen läßt, daß die Abschaffung des Zehntens ohne alle Entschädigung
1. eine heillose Ungerechtigkeit sein würde, besonders auch nach den Rechtsverhältnissen, welche dem Zehnlwesen im Herzogthum Nassau zu Grund liegen, und
2. daß dieselbe bloß den reichen Grundbesitzern, namentlich aber reichen Adeligen und reichen Ausländern, zu gut käme, während alle andern, und namentlich auch etc kleinen Grundeigenthümer, Schaden dabei leiden.
Zum Schluß wollen wir dann eine Ablosungsart vorschlagen, die vor Allem den Vortheil und die Lr« leichterung des kleinen Grundeigenthümers bezweckt.
Für heute wollten wir bloß einmal zeigen, daß die Sache werth ist, wohl überlegt zu werden und die Gründe von beiden Seiten zu hören. Denn es gehört Heut zu Tage Muth dazu, gegen so wos zu reden, und Geschick, sich dabei Gehör zu verschaffen.
16. Sitzung der eonstituirenden Nativnal- Bersammtung.
(Schluß.)
Schlöffel aus Schlesien macht auf den Nothstand der untern Klaffen aufmerksam und schlägt vor, an die Großmuth der Privileairten zu appelliren , welche MB jetzt alles aus dem Volke gezogen hatte«, v. Reden aus Berlin bemerkt, daß die Steuer nicht den Darbenden, sondern den Bemittelten aufzulegen sei. Erweist auf die bereits bestehenden Anstalten für den Schiffbau hin, so wie auf die schon vorhandenen See- fräste in Deutschland. Dieses hat Schiffe zu 470,000 Lasten und an 50,000 tüchtige Matrosen. Der Redner ist der Ansicht, daß die Vertheilung der Steuer den einzelnen Staaten überlassen werde, und macht darauf aufmerksam, daß der in der Wiener Schlußakte angenommene, auf die (alte) Bundesmatrikel gegründete Verthtibigungsmodus jetzt, wo die Bevölkerung un= gleichhcitlich sich vermehrt habe, nicht mehr maßgebend sein könne. Wedekind sieht in der Bewilligung keine Slenerauflage, sondern nur das Zugestehen einer Aus- gäbe, indem den einzelnen Staaten überlassen sei, nach ihren Verhältnissen das Geld herbeizuschaffen. Bei der Popularität der Sache werde es keinen Anstand haben, daß auch der Mittelstand sich betheilige; man habe sich nicht besonnen, für Eisenbahnen Geld anzulegen; auch diese gegenwärtige Anlage werde Zinsen tragen. Der Redner nimmt keinen Anstand, das Vertrauensvotum zu geben, so lückenhaft auch auch im Einzelne» der Bericht sein möge. v. Bally aus Beuchen macht, unter Bezugnahme auf einen gestellten Antrag, darauf aufmerksam, daß vielleicht durch Gründung von Banken die nöthigen Mittel beschafft werden könnten. Osterrach von Danzig weist auf die bedrängten Verhältnisse der Schiffsbevölkerung von Danzig, dieser so bedeutenden Handelsstadt hin. Er verlangt, daß man Ost- und Westpreußen, den neu angenommenen Brüdern, die Hand reiche zu ihrer Unterstützung durch einen kräftigen Schluß. Ross ans Hamburg vertheidigt den Ausschußbericht und gibt die Gründe an, warum man nicht auf Einzelnheiten eingegangen sei. Man habe allerdings das amerikanische'System in Erwägung gezogen und dabei sich erinnert, daß dasselbe eine Streitfrage und ein großer Theil von Sachverständigen nicht mehr für dasselbe sei. Der Ausschuß habe es für erforderlich gehalten, zuerst für die Herbeischaffung des Geldes Sorge zu tragen; diese Geldbewilligung sei die erste deutsche Thal. Der Ausschuß habe gehofft, daß kein Mann bei der Abstimmung auf seinem Sitze bleiben werde. Beschließen Sie, endigte der Redner, einstimmig die erste große deutsche That! — Auf den lauten oft witderkehrenden Ruf nach Abstimmung bemerkte der Präsident, daß verschiedene Verbefferungsamräge vorlägen. Es wurde verlangt, daß noch Rednern gegen den Antrag das Wort gegeben werde. Gegen denselben trat nun Grubert auf, dem die Summe zu groß, die damit zu schaffende Flotte zu klein erscheint. Er ist ferner dagegen, daß die einzelnen Staaten und nicht die ganze Nationalversammlung direkt die Steuer ausschreibe. Endlich seien die Mittel in den einzelnen Ländern, wie sich z. B. bei Anleihen in Hessen-Darmstadt
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