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Naffauischc Htllmg
Freiheit, Wahrheit und Recht!
Materielles nnd geistiges Wohl de« deutschen Seife»!
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Wiesbaden, Sonntag, den â. Juni. 18â8.
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Uebersichten , Erörterungen und Aktenstücke.
§ Die rechtliche Stellung der stebeitden Heere in England, ein Muster für die deutsche Militärorganisation.
(Schluß.)
Wiesbaden, 2. Juni.
Es dürfte wohl schwer sein, Bestimmungen zu ersinnen, die besser geeignet wären , das Volk gegen jeden Mißbrauch der bewaffneten Macht zu schützen und zugleich das Selbstgefühl des Soldaten zu erheben, indem sie ihn, der bisher eine willenlose Maschine, ein blinder Knecht war, zugleich zum Diener und zum Schützer des Gesetzes berufen. Die Entbindung des Soldaten jeden Grades vom Gehorsam gegen seine Vorgesetzten bei ungesetzmäßig ertheilten Befehlen vernichtet seine bisherige Selaverei, gibt ihm seine Stellung als Staatsbürger zurück und macht einen Mißbrauch seiner Kraft unmöglich. Welcher Offizier würde es auch auf sich nehmen, seinen Untergebenen Gesetzwidriges zu befehlen, wenn er gewärtig sein muß, daß sie ihn sogleich gefangen nehmen uut) den Behörden ausliefern? Und welcher Soldat würde, wenn er auch seine Pflicht gegen das Vaterland vergäße, es wagen solchen Befehlen zu gehorchen, wenn er weiß, daß die Verantwortung und die Strafe dafür nicht allein seinen Vorgesetzten, sondern ihn selbst trifft?
Man befürchte nicht,.daß solche Bestimmungen die Nanve bevrsni||igeeg^^ lockern âuten. Die, Pflicht des Gehorsams ist für den englischen Soldaten eine eben so unbedingte, wie für den deutschen, jedoch erst von dem Augenblicke an, wo der Offizier wirklich in Besitz des Commandos tritt. Der englische Soldat hat ebenso wenig, wie der unsere, die Zweckmäßigkeit der ihm ertheilten Befehle in Frage zu ziehen, er hat sich nur zu überzeugen von der Berechtigung, ihm Befehle zu ertheilen, da ihm bekannt ist, daß über seinen Vorgesetzten noch eine höhere Macht waltet, deren Spruch in seiner Gegenwart die Offiziere erst berechtigen muß, seine Wirksamkeit in Anspruch zu nehmen nnd unbedingten Gehorsam von ihin zu fordern. Die Bestimmungen über diesen Punkt aber find so klar, so einfach, so rein äußerlich -ceremonieller, von Jedem wahrnehmbarer Art, daß dem englischen Soldaten nie ein Bedenken, nie ein Zweifel über seine Pflicht ankommen kann, daß ihn nie, wie wohl jetzt möglichenfalls den sächsischen, ein Mißtrauen über die Absichten seiner Vorgesetzten befallen, nie die Angst quälen kann, es-möchte wohl Dies oder Jenes, was ihm anbefod- len wird, eine Verletzung der von ihm beschwornen
* Der Kirineshut.
Ciut Dorsnovelle vom Westerwald,
von Eduard Wißmann.
(Schluß.)
„Nein, eS ist kein Blut — doch^^doch, es ist Blut, ich habe mich dort an der Hecke geritzt," sagte er verwirrt, und fuhr dann langsamer fort: „Du sagst, ich solle freundlich sein; aber nein, freundlich und froh werde ich wohl nie mehr werden. Ach Hannchen, ich muß fort von hier, ich darf nicht bleiben, und du darfst nicht meine Frau werden. Alles verachtet mich und nennt mich Dieb, und bald vielleicht noch — ja, ich muß (fort, daS Gewissen treibt mich, ich habe eS verdient."
„Ja Heinrich, fort wollen wir, weit, weit, wollen mnS eia stilles, einsam.S Plätzchen suchen, wo uns Niemand kennt und dort leben und glücklich sein, wir wollen fort nach Amerika."
„Nein, du darfst nicht mit, Hannchen, allein muß ich gehen, dich darf ich nicht beschimpfen. Gott, man muß das Schreckliche ja auf meiner Stirne lesen! — O , weine nicht, Kind, du wirst nicht verlassen sein, dafür ist gesorgt, mein Vater hat Dich auf meine Bitten And daS Zureden unseres Pfarrers an Kindesstatt ange» arymmen. Tröste und pflege ihn in seinem Alter, ich Fann nicht, daS Gewissen lässt mir keine Ruhe, ich muß fort — Dieb, Mörder!" ;
Verfassung, die ihm noch dazu unbekannt ist, zur Folge haben können.
Der unverzüglichen Aufnahme dieser Gesetze durch den deutschen Bund, als verpflichtend für das gejammte Reich, steht durchaus nichts im Wege. Sie würden von allen deutschen Heeren, die sich gewiß aufrichtig sehnen , aus ihrer zweideutigen Stellung den Völkern gegenüber erlöst zu. sein, Mit lautem Jubel begrüßt werden, als das wirksamste Mittel, das kränkende Mißtrauen des Volkes gegen sie zu vernichten, indem sie ihnen zugleich die Stellung im Staate «»weisen, die ihnen gebührt, auf die sie gerechten Anspruch haben. Mit Stolz wird sich der deutsche Soldat dann sagen können, daß er in Wahrheit nur dem ASterlandc und nicht der Willkür dient, llun weiht er sein Blut; seinem Dienste, seinem Wohle, und nicht als Sclave einer verbrecherischen Herrschsucht opfert er sein Vcben."
Gedanken eines Nassauers über die flucht des Kaisers von Oesterreich aus Wien.
Don der Labn, den 29. Mai.
Angeblich seiner Gesundheit wegen zieht der österreichische Kaiser bei Nacht und Nebel aus Wien. Wir haben bis jetzt noch, den ganzen Monat Mai hindurch, kalte Nächte gehabt und wer nicht gesund ist, reiötdeß- halb nicht bei Nacht, besonders ein seit seiner Kindheit schwächlicher, verzärtelter und jetzt kranker Kaiser.
Laßt Euch nichts weis machen, ihr Leute! ich bin überzeugt, der Kaiser selbst, ein willenloses Werkzeug in den Händen seiner Umgebung, gibt seine, vielleicht ja nicht ganz gut eonstitutionelle Gesundheit nicht als Grund seiner Flucht (Reise darf man gar nicht sagen) an.
Die gute schwarzgelbe Wiener Zeitung inag immer die Vergleichung der Flucht des österreichischen Kaisers mit der des Königs Ludwig XVI. von Frankreich etwas zu ängstlich gemalt haben, Aehnlichkeit bleibt doch immer, nur gut für den Kaiser, daß Wien kein Paris ist.
Zwischen dem Hofe und der Stadt Wien war bisher ein rein patriarchalisches Verhältniß — Metternich verdarb freilich auch vieles daran — der Kaiser und der Prater, nebenbei das Theater, waren dem Wiener Alles. Die geheime Polizei war für den dortigen gewöhnlichen Menschen nicht drückend, woh! gerade weil sie eine geheime war. Plötzlich sprüht die Intelligenz Funken, man sieht sich nach Wasserspritzen (nicht Feuerspritzen um); aber die Löschmannschaft ist betäubt, das Ding ist ihr zu plötzlich gekommen. Die Löschmannschaft mußte sich mit dem Oberst-Pompier zurückziehen, denn die Wiener sahen ein, daß durch die geistigen Funken ihr St. Stephan und auch sonst nichts ver
Während er so sprach, war Hannchen blässer und blässer geworden, und endlich ganz zusammengesunken. Heinrich bedeckte ihre bleichen Wangen mit heftigen Küssen, legte sie sanft an den Fuß deS Birnbaums nieder, unb stürzte sinnlos davon.
Der Nachtwind zog durch die Zweige, der Birnbaum schüttelte leise seine Aeste und schüttelte ein paar kleine Blättchen auf die bleichen Wangen der Ohnmächtigen herab. Da erwachte sie, sprang auf und rief tausendmal den theuersten Namen halb wahnsinnig in die Nacht hinein, aber umsonst, der Gerufene kam nicht wieder zurück. —
6.
Der Winter war gekommen und hatte tausende von zarten, silberweißen Schneeflocken auS seinen greisen Locken auf die Erde herabgestreut. Die Dorsbuben zogen schaarenweise mit ihren kleinen eisenbeschlagenen Schlitten hinauf auf den Ziegenberg, und fuhren dann von dort pfeilgeschwinde auf der fest gefrornen Schneebabn wieder in's Dorf hinunter, indem sie mit Kunst und Sicherheit ihre kleinen Schlitten zu lenken wußten.
Des Abends versammelte sich Alles in den traulichen warmen Spinnstuben. Lustig schnurrten dort die Spinnräder der Mädchen, und die Pfeifen der Bursche dampften dazu. Da wurde dann geschwatzt und gesungen und mancher derbe Scherz loSgelaffen, so dass ein schallendes Gelächter die kleine Stube erfüllte, und manche schaurige Sage auS vergangenen Zeiten erzählt, so daß
brannte, sondern daß alles dadurch gcreiniget und sauber verpaßt nach Außen, inwendig aber Funken des Lichts bleiben könnten. Der kaiserliche Hof traute aber den Funken nicht, in der Meinung, seine Schwarzgelben möchten zu sehr angegriffen werden. Durch so eine Art Kitt suchte man nun die Funken aufHolzspänchen und in gedrechselte Büchsen zu bringen, um beide so gele-- geutlich, gerade nach Zeit und Umständen, als Streich- feuerzeng zu benutzen. Die neuen Pompiers (der alte Oberst - Pompier durfte nämlich nicht mehr an die Spritzen, selbst der Weinschlauch auf dem Johannisberg wurde ihm entzogen) suchten das Loschwesen umznqr- stakten, z. B. durch Modifikationen an den Beschlüssen des deutschen Reichstages zu Frankfurt, durch Beschränkungen der Preßfreiheit u. dergl. Dadurch geriethen die Leute aber doch auf den Holzweg, denn die noch freien Funken sprühten ärger als zuvor. Die Folge hiervon war die kaiserliche Flucht. Armer, schlecht berathener Kaiser! WaS wird nun Wien, was wird Oesterreich thun? Hierüber läßt sich unten noch etwas sagen.
Salzburg, 19. Mai. Die kaiserliche Familie ist durchgereist. Was mag Salzburg gedacht haben? Die Fragen: „woher? wohin? warum? drängten sich den ächt deutschen Salzburgern zunächst auf. Erstaunen war die nächste Folge. Daö Artikelchen von Salzburg ist kur; und gut.
Innsbruck, 19. Mai, 9*/, und 10'/^ Uhr Abends. Der Kaiser zieht also in Innsbruck ein und nun tritt ein Lobhudler auf, der nicht in Tprol zu Hause ist, sondern gedungen, vielleicht uns ziemlich nahe wohnt. Nun geht's los! Ein Gaspuff (etwas prosaischer als Zanbelschlag) und die Stadt ist in Feuer, d. h. in Lichtern. Der 3tt,q beginnt in der gehörigen Ordnung, wobei der Oberhofmeister, der uns mit allerunterthä- nigsten Kratzfüßen oberhofmeistern will und muß, durchaus nicht fehlen darf. Die Menschen verthieren sich, spannen sich vor die Wägen, vermenschen die Pferde, welche leider nicht lachen, sondern nur wiehern können. Vivats, Musik, gehöriger Staat in allerlei Uniformen verstehen sich von selbst. Armer gedungener Schwätzer! wir alle wissen seit Jahren, was es mit den friedlichen und feurigen (Illuminationen, Kunstfeuerwerken ic.) Willkommen auf sich hat, ohne jedoch dem braven Ty- roler Volke oder der Stadt Innsbruck, welcher die Gelder der kaiserlichen Hofhaltung wohl zu vergönne« sind, zu nabe treten zu wollen. Nochmals aber auch gesagt: armer, kranker, betrogener Kaiser, der sich vermuthlich bald wieder in sein gemüthliches Wien zurücksehnet, der aber dem Willen seiner Umgebung gehorchen muß. — Und nun, Herr Hudler! was haben die Wiener denn verbrochen? Sie sind bei ihren ersten Forderungen geblieben, welche man ihnen verkümmern wollte. Haben Sie so viel Verstand, dies einzusehen? Wegen
die Mädchen ängstlich zusammenrückten und die Bursche», vor Aufmerksamkeit ihre Pfeifen auSgehen ließen. So gings im Dorfe zu.
Am südlichen Ende deS Dorfes aber war s ganz ru hig und stille; dort schliefen dicht neben einander im schmalen Bettchen unter weißen, frisch gedeckten Decke« die glücklichsten Schläfer, befreit von den Freuden, be» freit von den Leiden deS Wachens — dort lag der Fried» Hof des Dorfes.
Wellenförmig reihten sich die weißen, schneebedecktes Gräber an einander, aber daS letzte von ihnen war noch nicht weiss, noch nicht mit Schnee bedeckt, denn eâ war erst heute aufgeworfen. Ein schwarzes Kreuz war der einzige Schmuck desselben, nnd darauf standen die einfachen Worte:
„Hier ruht im Frieden
Johanna N.,
ihres AlterS 19 Jahre."
Keine Trauerweide beugte weinend ihre lange» dür» ren Aeste darüber herab, wie bei vielen der anderen Gräber, und frei und ungehindert zogen die Winterlüfte darüber hin, und flüsterten lfife: „Schlaf wohl, schlaf wohl!"