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Naffauische Zeitung.

Freiheit, Wahrheit und Recht!

/ Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!

Wiesbaden, M. Mai L8L8.

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Deutschland.

9 Die Stellung der constituirenden Ber- sammlnng zu den Negierungen.

Wiesbaden, den 19. Mai 1848.

Welches ist die Stellung der deutschen constituirenden Versammlung zu den deutschen Regierungen?

Das ist eine Frage, der man bisher mit großer Absichtlichleit aus dem Wege gegangen ist. Sie war einNoli me tangere, das heißt zu Deutsch:ein Kräutlein. Nühr-mich-nicht an." Wir wollen die Scheu der Presse, diese kontroverse zu erörtern, nicht unbe­dingt verdammen. Die Sache hätte sich vielleicht auf dem Weg der Thatsache besser geschlichtet, als auf dem Weg der principiellen Erörterung, bei welchem gar zu viele Klippen zu umschiffen waren. Allein damit ist es nun vorbei, seitdem die deutsche Bundesversamm'- lung den Beschluß vom 4. Mai gefaßt hat und der­selbe in die Oeffentlichkeit gekommen ist. Nun muß die Frage erörtert und zur möglichst baldigen princi­piellen Feststellung hinaufgetrieben werden, wenn sie nicht der Zankapfel werden soll, der die Zwietracht einführt in den Schooß der constituirenden Versamm­lung. Während man es früher entschuldigen, ja sogar rechtfertigen konnte, daß die Presse diese Frage um­ging, ist es jetzt, seit dem Bekanntwerden des Separac- protokolls ihre heilige Pflicht, dieselbe scharf auf's Korn zu nehmen und in ihre letzten Consequenzen zu treiben.

Herr v. Lepel meinte, die constituirende Ver- ^immlung und der Bundestag seien die beiden Faktoren zur Ausbildung der deutschen Reichsverfassuiig, und als vermittelndes Mittelglied will er zwischen beide einen dritten Factor, die BundeSerecutivdehörde (das Trium­virat) oder sonst eine Negierungscommission, einschieben.

Nicht bloß der Fünfziger-Ausschuß, mit seinen theil- weise retrospectiv coquetlirenden Mitgliedern (Wede- mayer, Wippermann u. s. w.), sondern auch ein Theil der deutschen Regierungen (H e r g e n h a h n für Nassau, Gag etn für Hessen) und endlich, was die Hauptsache ist, das deutsche Volk haben ihm geantwortet, daß er irr sei und daß sie es anders halten wollten.

Das Vorparlament hat es beschlossen, daßeinzig und allein" die ge äß seiner Beschlüsse aus ganz Deutschland zu erwählende constituirende Ver­sammlung die deutsche R e i ch s v e r f a s s u n g festste! len solle. Diesen Beschluß hat der deutsche Bund, haben die deutschen Regierungen anerkannt, sie haben sich demselben unterworfen, sie haben die Wahlen angeordnet, gewiß zu keinem andern Zweck, als zu dem, den das Vorparlament festgestellt hat. Die consti- t u i r e n d e Versammlung i st also von den Regierungen als dieconstituirende" aner­kannt, und wir hoffen von allen deutschen Regie­rungen, daß sie die ihnen zur g u tfi n d e nde n K e n n t n i ß n a h in e" ( lernten die Diplomaten doch einmal ein offen, ehrlich Deutsch schreiben!) mitgetheilten Ansichten des Herrn v. Lepel nicht zu den ihrigen machen werden, daß sie nicht düsteln und deuteln werden da, wo nichts zu düfteln und zu deu­teln mehr ist. Daß die constituirende Versammlung die Abgeordneten der Regierungen mit ihren Ausfüh­rungen und Anträgen zulassen, daß sie diese Anträge prüfen und berücksichtigen, daß sie überhaupt den Wün­schen der einzelnen Staaten, soweit sie mit der Einheit, Kraft und Freiheit des Ganzen vereinbar sind, volle Rechnung tragen wird, das ist eine Sache, die sich von selbst versteht; aber eben so versteht es sich auch von selbst, daß sie sich nicht bloß zu einer berathenden und vorbereitenden Stellung, zu der Stellung einer u nterthä nig sten Su p p lican tin am hohen deutschen Bund" wird herunterdrücken lassen. Diese Stellung würde nicht nur den Beschlüssen des Vorparlaments widersprechen, was noch weit mehr sagen will, dem drängenden Bedürfniß der stür­mischen Gegenwart, dem Geist der Zeit und dem Geist des Volks, welcher mit unwiderstehlicher Macht seinen strömenden Weg nimmt, ein Stroin, welchem ent- gegenzuschwimmen, ein Verbrechen und eine Thorheit zu gleicher Zeit wäre. Hegt nur keine Furcht, daß sich die constituirende Versammlung überstürzen werde! Ueberseht die Namen der Gewählten! Es sind die besten Herzen und die klarsten Köpfe aus allen Gauen

Deutschlands; und wenn Ihr die vielen Elemente deutscher Gelehrsamkeit, deutscher Gründlichkeit überblickt, welche in der Versammlung vorherrschen, dann werdet Ihr, wenn Ihr etwas befürchten wollt, eher eine zu große Besonnenheit und Schwer älligkeit, als eine zu große Schnellkraft und Eilfertigkeit in ihren Bewegun­gen zu befürchten haben. Gebt Ihr ihnen möglichst freie Hand, so werden sie's gut machen. Beschränkt Ihr sie über Gebühr, so ruft Ihr das Mißtrauen wach, den gefährlichsten Feind unserer staatlichen Ent­wickelung, Ihr beschwört Elemente herauf, die keine menschliche Kraft zügeln kann, Ihr führt einen Zustand herbei, dessen Ende Niemand absehen kann.

Darum laßt die constituirende Ver­sammlung auch eine in Wahrheit consti­tuirende sein!

Ist denn die Neaction schon wieder thätig?

Vom Abhang des Westerwaldes, 14. Mai.

Was wir kaum zu fürchten wagten, wenigstens nicht so nahe, das ist leider geschehen, nämlich Reaction Sei­tens des Bundestags. Ehre der Nassauischen Zeitung, wovon mir so eben Nro. 59 zu Gesicht kommt und die den Ruf: Gefahr! Gefahr für das Vaterland! Habt Acht, ihr Patrioten! erschallen läßt. Sie hat die Aufgabe einer Zeitung unserer Zeit begriffen und steht wachsam und gewappnet da, um nach allen Seiten die Gefahren für deutsche Freiheit und Selbstständigkeit abzuwehren. Rich­tig hat sie auch in Beziehung auf daö Frankfurter Journal prophezeihr, oenn ein Artikel in Nro. 133 letztern Blattes sagt klar:der Bundestagsbeschluß sei so schlimm iilchi, wie er aussehe." Er ist allzu schlimm.

Dieses Aclenstück wäre ganz des alten Bundes­tages, von dem wir hofften, daß er gänzlich zu Grade getragen sei, aber nun erfahren, daß sein finsterer Geist noch gewaltig in Frankfurt fortspucke, würdig. Schon in der Form gehört es ganz der alten Diplomatie an; da finden wir wieder jene halbe, zweideutige, unbestimmte Redeweise, die sich stets ein Hinterpförtchen offen hält. Ader der Inhalt ist leider nur allzu klar und deutlich. Was Oesterreich schon früher erklärte: es werde die Bestimmungen des deutschen Parlaments nur insofern, als sie in seinen partikulariftlschen Kram laugten, an­erkennen, das spricht der ganze Bundestag, der Ver­treter der gesummten deutschen Regierungen, aus. Wir haben zu jener Erklärung Oesterreichs geschwiegen, weil wir glaubten, die Stimme des österreichischen Cabinets sei noch lange nicht die Volksstimme, und weil wir dafür hielten, die äußere Noth werde Oesterreich schon zwingen, endlich einmal deutsch zu werden. Allein wenn die Organe aller deutschen Regierungen unumwunden erklären: sie wollten kein rein konstitutionelles, kein einiges und starkes Deutschland, wenn sie die Scheide­wand zwischen Volk und Regierung ferner aufrecht er­halten wollen, indem sie RegierungS- und Volköintcr- essen trennen so bringt schon diese Erklärung die höchste Gefahr für Thron und Staal und ihre Ver­wirklichung würde beide in das Verderben stürzen.

Gibt es denn immer noch so viele Menschen, die die Zeit lenken wellen und dieselbe gänzlich mißver­stehen ? Muß denn stets von den Diplomaten gesagt werden: sie haben nichts gelernt und nichts vergessen? Nehmen wir selbst das Beste an, der Bundestag habe den Beschluß vom 4. Mai aus reiner, uneigennütziger Liebe zu den Fürsten und zur Wahrung ihrer einge­bildeten Rechte gefaßt, ja, nehmen wir selbst an, der Bundestag wolle damit auch das Volkswohl befördern, kann er denn da nicht einsehen, daß gerade durch solche Beschlüsse und Bestrebungen die Throne gestürzt werden, zugleich aber auch über das Vaterland der heil­loseste Gräuel des Bürgerkriegs und der Anarchie her aufbeschworen wird? Wer hat die erste französische Revolution auf den Gipfel alles Schreckens gebracht? Einzig und allein die Reaction. Und auch unsere Frank­furter Reactionäre geben sicherlich durch solche verkehrte Maßnahmen unseren Anarchisten die besten Waffen in die Hände, die auf diese Weise nur ein zu williges Ohr für ihre Einflüsterungen: man wolle nicht vor-, sondern rückwärts und das alte Regiment gänzlich wie­der Herstellen, sinken. Wie leicht wird dadurch der letzte Funken Vertrauen zu den Regierungen ausgelöscht?

Alle Einsichtsvollen und Rechtschaffenen stimmen

darin überein, daß nur die rein konstitutionelle Regie- rungsfo.m das Mittel sei, um an der gefahrvollen Klippe der Anarchie vorbeizukommen, und daß nur ein einiges, rein konstitutionelles Deutschland groß zu wer­den vermag. Wer dagegen ist, ist Feind und Verräther des Vaterlandes. Das Volk muß die ganze gesetzge­bende Kraft und nicht bloß die Erlaubniß haben, in Frankfurt oder anderswo zu petitioniren, daß ihm dieß ober jenes willfahrt werde. Wer ihm dieß zu verküm­mern sucht, bringt das Vaterland in Gefahr, ja um seine große herrliche Zukunft. Das mögen jene Bun- beetagsmitglieder bedenken; bedenken mögen sie die un­geheure Verantwortung, die sie an si > laden. Noch einmal: wir wollen zu ihrer Ehre hoffen, daß sie mehr aus Unv.rstanb gesündigt und nicht daran gedacht ha­ben, was sie durch solche verkehrte Schritte nicht allein über die Throne, sondern über das ganze Vaterland heraufbeschwören, denn: quiquid delirant reges plec- tuntur Achivi.

Wir hoffen weiter zur Ebre unserer Fürsten, daß ihnen ihr Wort heilig sein wird; wir hoffen, daß sie zur Einsicht gekommen sind, daß nur in dem Vertrauen des Volkes Sicherheit für sie sei; daß sie erkannt haben, daß ter Grundsatz: alles für das Volk, aber nichts durch das Volk für die Zukunft eine Unmöglichkeit sei. Wir können darum fest erwarten, daß sie den Bun- Vesbeschluß entschieden verwerfen, eh es auch hier heißt: zu spät!

Wie sehr das Mißtrauen jetzt rege ist und wie leicht auch das Unschuldigste mißdeutet wird, davon hat der Einsender dieses in den letzten Tagen eine eklatante 'probe erhalten. Wie bekannt, ist ei: e Sammlung der nassauischen Verordnungen von 18241845 erschienen, deren Druck schon lange vor dieser Zeit eingeleitet war. Nun glaubten unsere Landleute, das sei die neue Ver­fassung, und Unwille regte sich überall dagegen; aller- wärts sagte man: da hätten wir ja gar nichts gewonnen. Ich führe dieses Beispiel hier um so lieber an, um alle Redlichen, die auf das Volk wirken können, aufmerksam zu machen und ihnen Gelegenheit zu geben, diese irrigen Vorstellungen, wenn sie ihnen vielleicht auch anderwärts vorkommen sollten, zu berichtigen. Wie vortheilhaft ein Böswilliger dieselben hätte ausbeuren können, ist klar. Und nun solche verkehrte Beschlüsse wie der Frankfurter. Was ließe sich daraus nicht alles schmieden! Möge er der letzte der Art, das letzte Ueberbleibsel einer trüben Vergangenheit sein! Keine Anarchie! Aber eben sowenig Reaction. Fort mit aller Heuchelei, Zweideutigkeit und Heimlichkeit! Fest, entschieden, wahr und treu sei der Wahlspruch der Regierungen und des Volkes! L. H,

X Bon der Lahn, 13. Mai 1848.

Da das, glücklicher Weise nunmehr ausgestorbene republikanische Comite in Wiesbaden viel dummes beug in's Leben gebracht hat, da in manchen kleinen Städtchen, wovon der Einsender dieses die genaueste Ueberzeugung gewonnen bat, sich noch eine überspannte republikanische Partei befindet, welche auch viele Land­geistliche und Lehrer in ihren Bereich gezogen hat, und wodurch nur allzu viele nicht historisch Gebildete zu corrupten Gedanken und Handlungen verleidet wer­den; so ist vielleicht nicht überflüssig, wenn Nachstehen­des gedruckt wird, mag auch schon vieles und viel Besseres der Art in allen Tageblättern erschienen sein.

Antirepublikanische Fragen sammt Antworten. Zur Beherzigung der nassauischen Republikaner.

1. Frage. Ist die republikanische Regrerungssorm die allein volkSbcglückende? ,

Antwort. Nein! eben so wenig als die metter- nichisch - büffellcderne Staatöform eine fürstbeglückende war, wie die neue Zeit die Fürsten zur Genüge be­lehrt hat.

2. Frage. Hat Griechenland selbst in seiner Glanz­periode (zur Zeit der persischen Kriege) durch seine republikanischen Formen seine Bürger beglückt?

Antwort. Nein, niemals! Sogar die besten Bür­ger wurden fast immer von schlechten verdrängt, wofür namentlich die Verbannung des edeln Aristides von Athen den Beweis liefert. Außerdem hat dort ein Freistaat den andern gänzlich ruinirt, bis sie endlich unter die milde Herrschaft der maeedonischen Könige Philipp und Alerander kamen, später aber das eiserne Zoch der Römer sich auflegen lassen mußten.

3. Frage. Ist die römische Republik vielleicht «n Muster von Staatsform?