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W- 64.

Naffamschc Reifung.

Freiheit, Wahrheit und Recht!

Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volke»!

Wiesbaden, 20. Mai 18L8.

Das vierteljährige Abonnement auf die Nassauische Zeitung beträgt in Wiesbaden fl. 1. 45 kr. Ein Abonnement für Wiesbaden auf 14 Trtz, 84 kr. Ein Monats-Abonnement für Wiesbaden 40 kr. Ein Abonnement für zwei Monate (Mai u. Ium) fl. 1. 12 kr. Man abonnirt in Wies- baden in der Erpeditio« am ^riedrichoplatz ; im Herzogthum,' sowie in ganz Deutschland, nehmen alle Postanstalten Abonnement» an mit verhältnißmäßiger Preiserhöhung. Inserate werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petit-Zeile oder deren Raum berechnet.

Deutschland.

9 Die constituirende Versammlung in Frankfurt wird heute eröffnet!

Wiesbaden, den 18. Mai 1848.

Endlich! endlich! Gestern Abend haben die bis jetzt in Frankfurt anwesenden Abgeordneten des deut­schen Volkes beschlossen, heute Morgen die constituirende Versammlung zu eröffnen. Während wir diese Worte schreiben, tritt sie zusammen. Dieser Augenblick ist so wichtig, so erhaben, daß der Moment als Kaiser Franz die alte ehrwürdige deutsche Kaiserkrone vom Haupt nahm, dagegen gehalten, eine Farce ist. Wenn jetzt der rechte Augenblick versäumt wird, die deutsche Na, tion auf einer breiten und festen Grundlage zu verei­nigen, ihr Staatsformen zu geben, welche gleichsehr ihre Einheit und Macht, wie ihre Freiheit und Beweg­lichkeit begründen, dann kehrt er vielleicht in Jahrhun­derten nicht wieder. In diesem Augenblick liegt der Keim einer tausendjährigen Zukunft. An den Männern der Frankfurter Versammlung liegt es, ob er Sprossen treiben oder verkümmern wird. In einem solchen Au­genblick ist es nicht möglich, einen Journalartikel zu schreiben. Die Gefühle und Gedanken drängen zu mächtig, als daß sie sich durch den engen Canal der Feder auf das Papier leiten ließen. Und wenn auch, so würden wir es in diesem Moment für Vermessen­heit halten, der constituirenden Versammlung für ihre Verhandlungen und Beschlüsse eine maßgebende Marsch­route vorzuschreiben.

Wir begnügen uns damit ihr für die formelle Seite ihrer Wirksamkeit einige Eigenschaften anzuwünschen, nämlich:

1) Viel Muth, aber wenig Renommage!

2) Viel Sinn, aber wenig Worte!

3) Viel Beredsamkeit, aber wenig Redseligkeit!

4) Viel Gründlichkeit, aber wenig gelehrte Schwerfälligkeit!

5) Viel Thatkraft, aber wenig Unbesonnenheit!

6) Viel Eile, aber wenig Uebereilung!

7) Viel Eifer, aber wenig Verdächtigungslust!

8) Viel Vaterlandsliebe und Ehre im Herzen, aber wenig---im Mund ! Quod donum, selbe, faustum fortunatum que sit!

Anarchisten und Reactionäre.

Vom Abhang des Westerwaldes, 15. Mai.

Sobald jemand ein Gut errungen hat, finden sich Neider, die ihm dasselbe auf alle Weise zu verküm­mern, ja zu rauben suchen. So geht auch mit den Gütern eines ganzen Volkes, so insbesondere mit dessen höchstem Gute, der Freiheit. Kaum hat denn auch unser deutsches Volk durch seine Kraft auf eine rühmliche Weise diese erkämpft, so erheben «ich auch schon mäch­tige Feinde, um dieselbe zu verkümmern und zu zer­stören. Wie es von jeher war, so haben sich auch jetzt zwei Feldlager gegen dieselbe gebildet. In dem einen Hause lichtscheu, aber im Verborgenen sehr thätig die Reactivuäre; in dem andern brüllen und toben die Anar­chisten. Beide Namen liest unser gutes Volk, das sich leicht durch glatte, verführerische Worte täuschen und verlocken läßt und schließlich immer die Rechnung be­zahlen muß, jetzt täglich in den Zeitungen, so daß es zu seinem Nutzen und Frommen gereichen wird, ihm * einmal eine deutlichere Vorstellung von diesen Unthie- ren zu geben.

Liebe Landleute! Wenn ihr von Reactionären Höret, so übersetzt euch dieß in Krebsritter, Rückwärtsmänner, die gern den alten Zustand wieder herbeiführen möchten. Lest ihr dagegen von Anarchisten, so denkt euch darunter Umsturzmänner, Volkszenreter, die weder etwas Staat­liches noch Gesellschaftliches bestehen lassen, euch ihren Ehrgeiz und' Eigennutz als oberstes Gesetz aufdrängen, mit'euch euere Werfer und Häuser theilen wollen, um ihrem Hange zur Faulheit und zur Schwelgerei zu fröh- nen. Freilich wirb euch keiner von beiden sagen, was er will; vielmehr werden sie beide euch mit Honigsüßen Worten vorlügen: sie seien die wahren Volksfreunde; wahres Volksglück sei ihr einziges Streben, wobei sie auf jeden eigenen Vortheil Verzicht leisteten. Allein ihr wißt ja,' daß die Lüge sich stets in das schönste Gewand hüllt. Beide wollen euch bloß als Mittel ge­

brauchen; ihre Selbstsucht will die Frucht von euerer Kraft, euerer Arbeit, euerem Vermögen ziehen. Im sehet also, daß die einen rückwärts, Die andern vor­wärts auf ihre Ziele, die sich geradezu entgegengesetzt sind, von denen ihr nicht wißt, welches das beste, son­dern das weniger nichtswürdige sei, lossteuern; baß beide das Grab der Freiheit sind: ihr könnet weder den alten Zustand, noch den der Gesetzlosigkeit wollen.

Ihr fraget aber: mit welchen Waffen kämpfen denn diese Menschen V auf welche Weise suchen sie ihren Zweck zu erreichen? Darin sind sie nicht ängstlich; sie streiten mit allen, nur nicht mit offenen, ehrlichen Waffen; jedes Mittel, nur kein redliches, ist ihnen recht. Täuschung, Verleumdung, Lüge sind ihre Hauptwaffen. Sie suchen euch alles, auch was zu euerem wahren Wohle bient, zu verdächtigen, um euch unzufrieden zu machen, euch dagegen aufzureizen, spiegeln euch Hoffnungen vor, Die nie in Erfüllung gehen können, um euch aus euere Seue zu ziehen. Glauben sie, daß die Zeit günstig sei, so scheuen sie auch nicht die offene Gewaltthat. Dabei lügt eine jede dieser Parteien und sucht unsere Zeit zu ver­dächtigen auf Kosten der andern. Die Anarchisten be- haupleu nämlich: man suche von Seiten der Regie­rungen' die alle Regierungswelse schon wider herbeizu- führen; die Reactionäre dagegen suchen euch durch die Behauptung zu schrecken: Die Neuzeit führe zum Um­sturz aller sittlichen und bürgerlichen Verhältnisse, somit zum Ruin der Menschheit. Beide belügen euch; berve haben Schlimmes mit euch vor.

Ihr fraget weiter: sind dieser Menschen viele? und wo haben wir sie zu suchen? Bewer ist eine große Zahl unter allen Schichten der Gesellschgft. Jedoch findet ihr die Reaktionäre mehr in der frühern Umge­bung unserer Fürsten, welche sie so wie bas ganze Volk stets getäuscht und welch letzter», sie ihre ehr­geizigen, selbstsüchtigen Zwecke zu Gesetzen und Ver­ordnungen erhoben haben. Die Anarchisten dagegen müßt ihr vorzugsweise in der großen Masse der Stadie, in jenen arbensscheuen, am Herzen und Beutel banke­rotten Tagedieben, die ohne Arbeit gut leben wollen, suchen. An ihrer Spitze stehen stets einige gewandte, abgefeimte Führer, die die rohe, zügellose Masse geschickt lenken, um sich die Herrschaft zum Verderben aller Recht­schaffenen und Ehrenhaften in die Hände zu spielen. Ihr dürft die meisten, die sich jetzt Republikaner nennen, die recht gut wissen, daß ihr ihre Republik nicht wollt und brauchen könnet, dazu zählen.

Ihr fraget noch weiter: da beide so schlimm für uns sind, wer sinb denn unsere gefährlichsten Fembe? Erwägt ihr, daß die Reacliouäre mehr im Finstern schleichen und ein gar feines Spiel spielen, so sollte man wohl diese dafür halten. Allein bedenkt ihr, daß, wenn sich auch die Anarchisten mehr durch Toben und Schreien verrathen, sie euch auch mehr Hoffnungen vor­zuspiegeln und Wünschenswerlhes vorzulügen wissen, wie z. B. Steuerfreiheit, sofortige Abschaffung aller Gerechtsame, von denen euch freilich manche gedrückt haben, und dergleichen mehr; daß ihre schamlose- genferiigkeit euch vormacht: Die Regierungen suchten wieder Den alten Zustand, ja noch größern Druck her­beizuführen, so ist es augenscheinlich, daß diese we­nigstens euch gefährlicher sind. Das Geschrei: Rückschritt! ertönt unaufhörlich aus den Rechen Der Anarchisten oder Republikaner (nämlich Der selbstsüch­tigen, am Herzen verdorbenen). Lasset euch nicht täu­schen! verschließt euer Ohr vor diesem Unkenruf, wo­durch sie euch für ihre unsaubern, euch selbst verderb­lichsten Plane gewinnen wollen! Denn, wenn die Rück­schrittsmänner auch noch da sind dieses Geschlecht wird nie aussterben wenn sie Plane auf Plane schmieden sie können den Schmerz über die verlorne Herrschaft nicht verwinden ihr Reich hat ein Ende, sie liegen in Ohnmacht. Die meisten unserer Fürsten, worunter vor allen unser Herzog, wollen keine Rück­schritte; sie wissen, daß diese ihr eigener Untergang jein würden, sind aber auch dieß hoffen wir! zu ehr­lich, um ihr Wort zu brechen. Aber sie lind auch nichi einmal im Stande, solche herbeizuführen, Da ja Die Männer und Freunde des Volkes,^ Denen dieses Icm Vertrauen geschenkt hat, überall, zu Frankfurt, tm Rathe

*) Wir erkennen stets an, daß auch unter den modernen Republikanern ehrenhafte , uneigennützigeManner, Männer von hoher Tugend sind, bei denen nur der Verstand Fehler begeht. Deren sind indeß nur wenige, bei weitem tie meisten sündigen aus verdorbenem Herzen.

der Fürsten und in den Kammern, für das wahre Volks- wohl eifrigst wachen. Wie ihr aber euer» Ohren und Herzen verschließen müsset gegen das Brüllen der Anarchisten, eben so gebet nie Gehör der flüsternden und Heisern Stimme der Reactionäre. Sie suchen euch die neue Zeit durch grausige Bilder zu verleiden und die Morgenröthe Der Freiheit durch den Nebel des Schreckens zu trüben. Hinweg auch mit ihnen, die euch vorlügen, unsere Zeit wolle nur durch Den Umsturz alles dessen, was uns lieb und theuer ist, ihre Aufgabe lösen! Hinweg also mit beiden, die euch zu einem Ziele hinführen wollen, nämlich zum blutigen Bürger­kriege und wenn ihr Darin ermattet seid zur drückendsten Knechtschaft! Folgen wir der Stimme des Rechts und der Pflicht, bleiben wir ihnen stets getreu, so wird unser deutsches Vaterland so groß und herrlich werden, daß es sich ein jeder zum Glücke rechnen muß. ihm als Bürger anzugeh^ren.

Ihr fraget endlich noch: welche Waffen haben wir Denn gegen diese gefährlichen Feinde? wie schützen wir uns gegen ihre verrätherischen Angriffe? Ihr habt, liebe Landleule, kräftige und hinreichende Waffen und in euch selbst hinreichenden Schutz dagegen. Euer ge­sunder Verstand, das euch innewohnende Rechtlichkeits­gefühl schlagen jene Feinde aus Dem Felde. Prüfet die Menschen genau, die euch zu etwas bestimmen wollen, und ihr werdet finden, daß sie seit Jahren nicht- ge­taugt haben. Sagt euch da euer Verstand nicht: die Bösen können uns nie zu etwas Gutem, zum wahren Vortheile führen? Sehet dagegen auf die meisten Män­ner, die euer Vertrauen zu Schützern euerer Rechte gewählt bar: hrmertMeNttegt eiN^rëm-S^LSWèö- nütziges Lehen. Zieht euch euer Herz nicht zu ihneä? sagt es euch nicht: sie meinen es redlich und werde« es wohl machen mit uns?

Gott schütze dich, braves Landvolk, vor Verführung? ________ L. H.

Der deutsche Michel in Roth im Jahre 1848.

g Von btr Lahn, 16. Mäi.

Der deutsche Michel war bekanntlich seit langer Zeit unzufrieden mit seinen Vormündern und sehr nach­denklich. Da hörte er im Anfang des JahreS einen mörderlichen Lärm vor seinem Hause. Er lief an die Thüre und hörte da, wie der Franzmann jubelte: Vive la République ! Da stieg dem Michel alles Blut in den Kopf und rief: Was der Tanzmeister da drü­ben hat schon wieder seinen König fortgejagt, und du, einfältiger Michel, trägst den Maulkorb noch immer und bist doch ein anderer Bursche, als dein Nachbar da drüben? Michel, das kannst du nicht länger lei­den. Jetzt oder nie, sprach er, ging hin und nah» sich einen tüchtigen Knüppel, ging damit zu feint* Vormündern und legte ihnen seineForderungen" vor. Sie sollten ihm sogleich den Maulkorb abnehmen und statt des Knüppels wollte er Säbel und Flinte haben; er will in Zukunft nicht mehr von 33 sich kujoniren lassen und deshalb einen Obervormund haben, der den andern bischen auf die Finger sehen soll, und dem will er denn noch einen Kreis von guten Freunden zur Seite geben. Die Vormünder sahen gleich, daß mit dem Michel dies Mal nicht zu spaßen sei, denn so hitzig und trotzig hatten sie ihn noch nie gesehen und eine* Knüppel hat er noch nie mitgebracht, wenn er zu ih­nen gekommen war.

Nun wollten Einige versuchen, ob sie den Michel nicht zur Ruhe reden könnten, da er aber zorniger wurde und anfing, mit dem Knüppel drein zu schlage«, sagten fie schnell allesammt:Nun lieber Michel, wenn du nicht anders willst, so wollen wir dir von Her­zen gerne geben, was du verlangst und für dein Glück nöthig hältst, Dein Wille ist ja unser Wille. Da wurde Michel froh und rief in seiner Herzensfreude : Meiste Vormünder leben hoch, hoch, hoch! Weil er aber im­mer gar gutmüthig war, so fing er auch sogleich an zu singen: Noch ist Polen nicht verloren, ging strack» zu den Vormündern und sagte, sie möchten ihm nhn auch die Freude machen und Polen frei geben ulld Den Nickel zum Teufel jagen.

Da sich Michel nun ein großes neues Häü» bau»«, in welchem er mit seinen Vormündern leben wollte, mit denen er nun wieder ausgesöhnt war, so schrieb er gleich an verschiedene tüchtige Baumeister und güte Freunde, die früher schön berseinen Vormündern manch