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^affauif^r Zcilung.
Freiheit, Wahrheit und Recht!
Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes.'
Wiesbaden, 1«. Mai 18Ä8.
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Seutschland.
2 Noch ein Capitel über daS geheime Bundesprotokoll vom 4. Mai.
Wiesbaden, 14. Mai.
Es gibt Gegenstände, die man nicht genug beleuchte kann. Ein solcher ist das „Separatprotokoll der 47. Sitzung der deutschen Bundesversammlung." Nachdem wir bereits gestern unsere Meinung über dessen Gesammtrichtung unverholen an den Tag gelegt und heute die von hier aus gegen dasselbe gerichtete Protestadresse an den Fünfziger-Ausschuß (der wir übrigens eine schärfere und ausgeprägtere Fassung gewünscht hätten) mitgetheilt haben, kommen wir nochmals darauf zurück, um unsere Ansicht näher begründen zu können, als es in dem ersten Augenblick politischer Aufregung möglich war.
Wir fragen vor Allem: Was soll die constituirende Versammlung nach dem Willen derer, die sie eingesetzt, und nach dem Willen derer, die sie gewählt haben?
Die constituirende Versammlung ist eingesetzt von dem Vorparlament, welches am 30. März in Frankfurt zusammentrat. Das Vorparlament hat ihr ihre Ausgabe vorgezeichnet; und diese Aufgabe besteht darin, daß die constituirende Versammlung, einzig und allein, ohne irgend fremde Mitwirkung, die künftige Reichs- verfassung Deutschlands sestsetze. Zu dieser Aufgabe sind die Abgeordneten zur constituirenden Versammlung gewählt, und würden sie sich zu irgend einer andern Akt von Wirksamkeit verstehen und diese ihre Aufgabe bei Seite setzen, so wäre ihr Mandat erloschen, sie handelten dann als Privatmänner, yicht mehr als Abgeordnete des mündig gewordenen deutsch' n Volks.
' Sehen wir nun, in welchem Gegensatz hierzu das Separatprotokoll der Bundesversammlung steht. Wir müssen bei demselben unterscheiden zwischen
1) dem Promemoria des hessischen Bundestagsgesandten und
2) dem von der Bundestagsversammlung einstimmig genehmigten Antrag des Nevisionsausschusses.
Das erste Aktenstück führt handgreiflich nichts Geringeres im Schild, als die constituirende Versammlung um ihre Eigenschaft als constituirende zu bringen. Es tritt entschieden auf, gegen das der Versammlung „nun einmal ein- geräumte" (— es ist nur zu verwundern, daß es nicht geradezu heißt: „leider einmal eingeräumte" —) und fortwährend zu gefährlichen Consequenzen aus gebeutete Prädicat: „„ cou» ßituirende."" Offen und unverholen ist es hier ausgesprochen, daß dre als „constituirende" beschlossene und gewählte Versammlung als constituirende nicht aner
kannt werden soll, daß man ihr bloß das Recht einräumen will, zu berathen und zu unterhandeln, oder mit andern Worten: bloß.das Recht zu Worten, aber nicht das Recht zu Skaten. Sie soll Vorschläge machen und dann mit dem Bund über deren Durchführung markten und feilschen, und schon von vornherein erlaubt sich der hessische Gesandte Die Freiheit, zu bemerken, daß „man nicht in dem Bundesstaat auf- oder eigentlich untergehen wolle," daß (hört! hört!) „Deutschland seinem Particula- rismus die wohlthätigsten Folgen verdanke." Es ist also ganz dieselbe Melodie, welche tu Oefterr- reich das Ministerium Fiquelmom-Pillersdvrf gesungen, d. H. constiluirt so viel Ihr wollt, wenn Ihr aber statt eines Staatenbunds einen Bundesstaat macht, wenn Ihr unseren Particularinteressen nur ein Harlem antastet, dann erkennen wir Euere Beschlüsse nicht an. Also die künftige deutsche Reichsvcrfaffung soll auf dem Wege deS Vertrags zwischen dem Bund und der cvn- stituireuven Versammlung vereinbart werden.
Das nächste Mittel dazu wäre doch, einem schlichten und praktischen Menschenverstand nach, das, daß die Versammlung und der Bund in direkten Verkehr init einander treten. Allein diese Form ist für einen diplomatischen Verstand viel zu einfach und zu ehrlich. Wir erhalten die Antwort: „Das geht nicht an," „es genügt die Erwägung, daß die Bundes- Versammlung als Repräsentantin der Regierungen, der National-Bersammlung gewissermaßen gegenüber steht." Freilich ja, wenn sie einen solchen Weg einschläzt, wie ihn ihr der hessische Bundestagsgesandte vorschlägt, dann steht sie ihr nicht bloß „gewissermaßen," sondern ganz nackt und fract entgegen, wie sich nur überhaupt die feindlichsten Gegensetze gegenüber stehen können. Dann können diese beiden Versammlungen freilich nicht direkt mit einander verhandeln, aber auch eben jo wenig ~ indirekt, sondern gar nicht, weil sie sich so wenig verständigen können, als ein Isländer und ein Hottentotte, deren Muttersprachen sich zwei völlig fremde Damen sind.
Aber der hessische Bundestagsgesandte meint, das ginge doch schon, nur schon indirekt, nur hübsch „vorsichtig." Er stellt die schlaue Frage auf: „Handelten die Regierungen nicht vorsichtiger, wenn sie zu bewirken suchten, daß die Männer ihres Vertrauens in die Nationalversammlung gewählt würden, oder wenn sie diese Männer in den Reihen der gewählten Abgeordneten selbst suchten, und — ohne ihnen offiziel- len Charakter beizulegen — mit ihnen sich verständigen rc.?" Allein dieser Plan ist durch die Veröffentlichung des Separatprotokolls schon unmöglich gemacht. Es ist durch diese Thorheit des Hessischen Gesandten ein gefährlicher Stoff des Miß
trauens und der gegenseitigen Bcargwohnung in die eonstilnirende Versammlung hineingewörfen. Diese Drachensaat wird aufgeben. Mag ein Abgeordneter, von den redlichsten Absichten ausgehend, ter Sache der Regierungen das Wort reden, man wird sogleich sagen, „Ah das ist einer mit heimlich-offiziellem Charakter, es ist einer, mit welchem „„man sich verständigt"" hat." Der Vorschlag ist aber nicht bloß eine Thorheit, er ist auch eine Unredlichkeit. Er setzt eine Einwirkung der Regierungen auf die Wahlen voraus, der strafbar sein würde, und nimmt an, daß ein Abgeordneter, der sein Mandat vom Volk hat, sich seine Instruction von einer Regierung geben ließe, was eine Schlechtigkeit wäre.
Wir fragen den hessischen Gesanden:
Wenn die Regierungen mit der constituirenden Versammlung in Verkehr treten wollen, warum schicken sie nicht offen und ehrlich Gesandte an dieselbe, warum bilden sie nicht eine Ministerbank, eine RegierungS- bank? Als Antwort wird uns:
„Weil es für die Regierungen äußerst schwierig sein würde, unter ihren Beamten eine genügende Anzahl von Männern zu finden, welche die erforderlichen physischen, geistigen und moralischen Eigenschaften besitzen, um mit Erfolg von einer Regierungsbank aus auf eine so zahlreiche Versammlung zu wirken."
Bei Gott, ein schönes Compliment für den deutschen Beamtenstand und ein trefflicher Grnnd, an die Stelle der Offenheit und der Redlichkeit die Heimlichkeit und die Schleichwege zu setzen!
Zuletzt aber läuft der Vorschlag dahin hinaus, daß die Bundes - Erekutivbchörde die Vermittlerin zwischeu dem Bundestag und der constituirenden Versammlung bilden solle. Das wäre also eine Vermittlerin mit Ba- jonneten hinter sich, welche allzeit geneigt sein wird, den gordischen Knoten, statt ihn zu lösen, mit dem Schwert zu zerhauen und hinter deren breitem Rücken der Bundestag sein altes Wesen treiben könnte.
Das ist der wesentliche Inhalt des Promeria.
Wir können uns, trotz aller Deduktionen seiner Vertheidiger, nicht lossagen von unserer ersten Ueberzeugung, daß dasselbe die ganze Stellung der consti- tuirenden Versammlung in Frage stellt, baß es überhaupt ein Actenstück ist, welches uns im Zweifel läßt, ob wir mehr seine Unredlichkeit oder seine Taktlosigkeit anstaunen sollen.
Die Bundesversammlung hat darauf beschlossen, daß sie dieses Promemoria, „weil dasselbe, theilweise wenigstens, Bemerkungen und Andeutungen enthält, deren Berücksichtigung sich empfehlen dürfte, den Regierungen zur gutfindenden Kenntnißnahme einsenden wolle, mit dem Anträge jedoch, nicht nur ihre Gesandten bezüglich des Verfassungsentwurfs der Sieb-
6 Bericht eines Freischärlers über seine
eigenen Heldenthaten.
Motto:
„Veni, vidi et — non vici.“
Wir theilen nachstehend einen Bericht mit, den ein Theilnehmer deS französischen FreischaareneinfallS in Baden an die Augsburger Allgemeine Zeitung über diese „entreprise héroi'que“ brieflich erstattet hat. Wer sich einen Begriff über die Rath- und Planlosigkeit dieser Partei, über die Confusion, die in ihren Köpfen, und die Confusion, die in ihren strategischen Planen herrschte, über die Mittel der Lüge und Verleumdung, deren Gebrauch sie nicht scheuen, machen will, der greife zu diesem Aktenstück, daS nicht etwa ton* einem bloßen Subalternen , sondern von Herwegh's bestem Freund und Waffencameraden herrührt. Es ist wahrhaft unbegreiflich, wie ein Mann von HeckerS Redlichkeit und Verstand solche Leute, welchen mehr oder weniger beide Eigenschaften abgingen, und die zudem nochZnicht einmal daS Gewicht der geringsten materiellen Kraft in die Wag- schale werfen konnten, zu Bundesgenossen annehmen konnte. Doch wir wollen dem Urtheil unserer Leser nicht vergreisen, sondern überlassen ihnen, sich ihre Randglossen selbst zu machen, indem wir das Aktenstück einfach folgen lassen.
Vlhkipselden, 28. April. Lieber, guter Freund!
Beim Scheiden versprach ich Ihnen treue Berichte. Ich will mein Wort halten, obschon die Erlebnisse der letzten Tage mir daS Schreiben fast unmöglich machen. Sie wissen durch Börnsteiu, daß wir Samstag früh Straßburg verließen, nach Banzenheim marschirten, wo wir gegen Mittag eintrafen. Hecker hatte uns diesen Punkt bestimmt, um, falls Alles glücklich ginge, uns den Ueber- gang über den Rhein bei Neuenburg leicht zu machen und mit dem Corpö aus Freibarg am jenseitigen Ufer zu empfangen; im entgegengesetzten Fall sollten Depeschen und den Vereinigungspunkt angeben. Nach einem halben Tag Wartens erfuhren wir die Niederlage in Freiburg, die Auflösung des Struve -Hecker'schen Corps, und endlich kam ein Bericht vom Oberst Siegel, der uns nach Todtnau berief, dem Hauptquartier der noch vereinigten Mannschaft.
Um sicher über den Rhein zu schiffen, wurde Sonntag Nacht ein Scheinangriff auf Neuenburg gemacht, der auch den gewünschten Erfolg hatte. Bei Klein-KemS überschritten wir nun den Rhein, marschirten den ganzen Tag ungesehen zwischen den Badener und Würtemberger Truppen hindurch und quartirten und ein Theil in Marzell, der andere in Viegelbach ein, beide Dörfer in der Höhe des Schwarzwaldes gelegen. Die istim- mung der Bauern war noch erträglich, da siesich auf Mordbrenner vorbereitet hatten, und jetzt Menschen kommen sahen, die ihre Freigebigkeit nicht einmal m Anspruch nahmen. Den ander» Morgen um 5 Uhr ging d weiter. In Mutten (ich weiß nicht, wie der Ort sich schreibt) hieß ed mit einem mal: „Die Hessen rücken
an". Ein Moment, und von allen Seiten standen Bar- ricaben. Unsere Mannschaft war so kampflustig, daß ihr Alleâ erwünscht war, nur nicht der friedliche Durch- marsch. Es war eine Freude, die Menschen zu sehen! Dießmal war's aber nur blinder Lärm, und die Bauernweiber, die sich schon vor Angst mit ihren Bettüchern über bad Gebirge geflüchtet, kamen aber allmählig wieder zurück. In Wiesen meldeten und Depescken, daß Siegel Todtnau verlassen habe, Hecker in Rheinfelden sei, und es mithin am besten wäre, wenn wir uns ebenfalls dorthin zurückzögen, um auf neutralem Gebiet alle Trümmer der verschiedenen Legionen zu sammeln, pnd dann vereint von dort aud einen entscheidenden Schlag thun zu können.
Ganz in der Frühe verließen wir Wieden, um am andern Morgen Rheinfelden zu erreichen, kamen ober nur bis Zell. Die Lage dieser Stadt ist zwar ganz ungünstig, sie liegt tief im Kessel; anderthalb Stunden davon, in Schopfheim, lauerten schon 1500 Würtemberger Infanteristen , 100 LancierS und zwei SechSpfünder auf und. Doch hatten unsere Leute in fünf Minuten eine Barricade gegen Schopfheim zu errichtet, die so est und hoch war, daß der ganze Abzug eine volle »albe Stunde bloß durch das Niederreißen verzögert wurde. So ging’d durch Schnee und Wasser die ganze Nacht hindurch über die Berge, bis wir halb erstarrt in Niederdossenbach ankamen. Hier lauerte Verrath in Speck und Schinken, die, ganz gegen Bauernart, in Menge herbeigetchafft, bereit lagen um den Würtembergern durch diese Verzögerung den Borsprung in den