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Nassauische Reifung.
Freiheit, Wahrheit und Recht!
Materielles und geistiges Wohl deS deutschen Volkes!
Wiesbaden, S. Mai 1848.
Das vierteljährige Abonnement auf die Nassauische Zeitung beträgt in Wiesbaden fl. 1. 43 kr. — Ein Abonnement für Wiesbaden auf 14 Tage 24 fr. — Ein MonatS - Abonnement für Wiesbaden 40 fr. — Ein Abonnement für zwei Monate (Mai u. Juni) fl. 1. 12 fr. — Man abonnirt in Wiesbaden in der ©rpcblttan am Friedtüchsplatz; im Herzogthum, sowie in ganz Deutschland, nehmen alle Postanstalten Abonnements an mit verhält»ißmäßiger Preiserhöhung. Inserate werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petit-Zeile oder deren Raum berechnet.
Deutschland.
H Warum hat Hecker die Fahne der Empörung aufgepflanzt?
Von der Lahn, den 30. April.
Folgende Thatsachen möchten die Beantwortung dieser Frage erleichtern:
1. Vor den Februarereigiüssen war Heckerder tap'ere, fort und fort in der VolkSgunst steigende Streiter für Freiheit und Volksrechte in der Vorderreihe der Kämpfenden.
2. Durch dieselbe wurde der Sieg der Freiheit entschieden ; die Führer der Opposition standen nicht mehr allein, das ganze Volk stand an ihrer Seite; der Veteran Welcker wird Bundestagsgesandter, Bassermann Vertrauensmann, Hecker — Oberst der Bürgergarde. Er spricht in Offenburg und Heidelberg gegen Republik; aber auf bemalten Schlachtfelve sind keine Lorbeeren mehr zu pflücken; die heißblütigen Republikaner drohen den ruhm- gekrönten Freiheitshelden zu überflügeln.
3. Hecker spricht in Frankfurt für die Republik und wird besiegt.
4. Hecker kämpft für „bevor" gegen das Basser- mannsche „indem" und wird abermals entschieden geschlagen; er unterwirft sich der Majorität n i ch t, scheidet aus der Versammlung, läßt sich jedoch versöhnen und kehrt zurück.
5. Hecker, der Freiheitsvorkämpfer, wird in den Ausschuß der Fünfziger — nicht gewählt; er soll Sffatzmann, d. h. Lückenbüßer, stin.
zehi in den gut hEheittte« Ssskreisz ein ferräther wird verhaftet und „fremdes" d. h. deutsches Militär soll einmarschiren, um die Gränze zu decken. Da verlangt die Volksversammlung zu Eugen, daß Bekk binnen 3 Tagen sein Portefeuille an Hecker abgebe und der Ministerpräsident Hecker ein neues Ministerium bilde.
7. Bekk jedoch feiert in der Kammer einen glänzenden Triumph — und bleibt. Die Minister- stüble bleiben besetzt und Hecker findet — keinen Platz.
8. Hecker fordert zum Aufruhr auf.
Warum? War die Freiheit in Gefahr? Nein, denn nie stand fiesester; das Volk hielt die Wache, das ganze, große deutsche Volk. War es Liebe zu Volk und Vaterland? Nein, denn er ist die Ursache, daß Deutschlands Boden vom Blute seiner Söhne getränkt wird? War eS Begeisterung für die Republik? Nein, denn Begeisterung für die Republik ist nicht ohne republikanische Tugend, deren erstes Gebot ist, sich dem Volkswillen zu
unterwerfen. War es Ehrgeiz? Man möchte ja sagen, aber die Republikaner versichern uns ja hoch und lheuer, daß sie durch und durch vom Wirbel bis zur Sohle von Liebe zum Volke glühen und jeder Zoll an ihnen ein Votkösreunb sei. Ein Republikaner und Ehrgeiz!
X Hadamar. 1. Mai.
In dem 5. Bezirk zur Wahl Der Lanbesdeputirten wurden von 327 versammelten Wahlmanncrn
Joseph Sieben von hier mit 226 Stimmen, Professor Bellinger von hier mit 182 Summen, Schultheis Tripp aus Hundssangen mit 198 Stimmen,
Schultheis Bellinger aus Tellheim mit 183Stimmen gewählt.
Bei der Wahl deS zweiten Deputirten mußte zwei Mal gewählt werden, indem der Gewählte bei der ersten Abstimmung nur die relative Stimmenmehrheit mit 123 Stimmen erhalten haue.
Den Wahlmannern des 2. Bezirks, zur Wahl der Volkölreter in die deutsche Nationalversammlung wurde dieser Tage von dem in diesem Bezirke gewählten Mar v. Gagei n folgende Erklärung üherschickt.
3n meine IPahtmanner
in den naffauifchen Aemtern
Hadamar, Montabaur, Selters und W all in er od.
Liebe Mitbürger! Ihr habt mich zu Eurem Volksvertreter für die nahe große Nationalversammlung zu Frankfurt gewählt.
Da eo mir gerade in den Tagen der Vorwahlen und Wahlen durch die wichUHsten Arbeiten und zugleich durch den Tod eines Bruders, den Jpr alle nur mir betrauert, ganz unmöglich war, bei Euch zu erscheinen, so haben viele unter iLuch mir nur auf meinen Namen und auf die Bürgschaft meiner Freunde ihre Stimme gegeben..
Diese Bürgschaft will ich heute einlösen und meine politischen Gesinnungen so offen vor Euch auösprechen, wie Ihr bas Recht habt es zu verlangen.
Mein Geburtsort, bas Leben meines Vaters, sein Wirken für Die nassauische Sache, wie für bas große oeulsche Vaterland find Euch bekannt. In seinem Geiste bin ich auf deutschen Anstalten erzogen, ich zahle noch von der Weilburger Schule her, viele gute Freunde in unserer nächsten Landsmannschaft und wenn ich auch schon in jungen Jahren, 5 Jahre lang in oranisch- niederlandischen Diensten im Cabinet des Königs Wil Helms 1. und als freiwilliger Soldat in einer fremden Schule durchgemacht habe, |o habe ich mich nachher um >o entschiedener den Interessen des deutschen Vaterlandes zugcwendct.
Die Jahre 1833—1836 studirte ich, obgleich schon
‘ ....... ~~ I 'n "L.J.u 1! ii.nJiéSB verbeiratbet, aus dem Lande zu Hornau, um mich zur Stelle eines öffentlichen Lehrers an deutschen Hochschulen vorzubereiten. Ich trat an der Universität zu Bonn auf und hielt vom Herbste 1837 bis zum Herbste 1840 an dieser Hochschule Vorlesungen über deutsche Reichsgeschichte und über Politik.
Ich gab also schon damals offene Gelegenheit, meine Gesinnungen kennen zu lernen und kann mich auf lebendige Zeugen sowohl, als auf die noch vorhandenen nachgeschrtedenen Vorträge berufen, daß ich Recht, Freiheit und Nationalcinheit nicht erst seit gestern im Munde führe.
In jene Jahre fällt der Anfang der kirchlichen Streitigkeiten und in der preußischen Rheinprovinz erhielt der Kampf für die Freiheit vorherrschend die Gestalt und den Charakter der Vertheidigung der Kirche gegen die Willkür der Beamten. In diesem Kampfe habe ich mich offen gegen die preußische Regierung ausgesprochen und deshalb niemals irgend eine Anstellung nochGunst von ihr empfangen.
Im Jahre 1840 wurde ich in die nassauische Hei- mach berufen und am Staatsministerium vorzüglich für Die auswärtigen Angelegenheiten angestellt, später auch zum Gesandten bet Dem niederländischen, so wie beim belgischen Hofe ernannt, und hatte jährlich ein Mal im Haag und in Brüssel einen kurzen Aufenthalt zu nehmen.
Aus dieser ganzen Zeit von acht Jahren ist mir keine politische Handlung bekannt, wegen deren ich die Verantwortung nach irgend einer Seite hin zu fürchten hätte. Ich weiß auch sehr wohl, daß mich meine Gegner auf einem andern Gebiete, Dem kirchlichen, angrei- fen, weil ich in meinem 33. Lebensjahre noch meiner religiösen Ueberzeugung und der Kirche meiner Mutter gefolgt bin. Darüber bin ich Gott, aber auch nur Gott allein, Rechenschaft schuldig. Weit entfernt mich zu entschuldigen, spreche ich einfach die Ueberzeugung aus, daß zwischen Freiheit und Kirche kein Widerspruch ist und daß ich als treuer Katholik des Lebens höchstes Ziel, wie die höchsten Güter des Vaterlandes gleich pflichtgetreu zu erringen im Stande bin.
Zu allen Zeiten habe ich es mißbilligt, daß man religiöse Mittel zum Vorwand und Hebel politischer Bewegungen machte, von welcher Seite dieß auch geschehen mochte.
Meinen Gegnern von dieser Seite könnte ich mit demselben Rechte sagen, was so eben auf der entgegengesetzten Seite der berühmte Strauß in Württemberg den Seinigen zugerufen:
„Bringt jeden Mangel an Tüchtigkeit und an „Kenntnissen gegen mich vor, aber nur eineS „nicht, die Religion; denn wahrlich um eine „Kirch nversammlung handelt cS sich in Frank- „furt nicht."
Biographische Notizen
über
Friedrich von Nagern.
(Fortsetzung.)
Beim Einzuge in Paris waren beide Brüder wie» der hergestellt und umgaben dort den Vater zugleich mit einem dritten Bruder (Karl), der sich unter baicrischen Reitern bei Arciö für Aube ausgezeichnet hatte. Als der Friede zurückgekehrt, besuchten die beiden Brüder die Universität Heidelberg. Es war eine bewegte Zeit auf den deutschen Universitäten und Heinrich wie Friedrich nahmen mit voller Srele Antbeil daran. Jener war einer der Stifter der Burschenschaft in Heidelberg; als er in Jena studirte, zeichnete er sich unter den De- putirten, welche dort die allgemeine Burschenschaft zu gründen beabsichtigten, auö, und er war eS, der die Statuten dieser Verbindung entwarf, wie er selbst 1833 als Mitglied der hessischen Ständekammer erklärte. Friedrich von Gagern aber kehrte nach zwei Jahren wieder in seine holländischen Dienst-Verhältnisse zurück, blieb jedoch seinen Studien, seiner Liebe für die classischen Genien deö Alterthums getreu, — so viel eâ die Pflichten seines Standes, die ihn zu mathemathischen Auf- nahmen nach Luxemburg, 1824 und 1825 in die Bun- des» Militär - Commission nach Frankfurt führte», immer erlaubten.
In dem Herbste 1830, gleich nach dem Verluste von Brüssel, wurde er Chef des Stabs bei dem Corps des tapfern Herzogs Bernhard von Weimar. Er nahm an den meisten wichtigen Gefechten bis zu dem entschlossenen Bombardement der Stadt Antwerpen Theil. Im März 1831 wurde er, während Herzog Bernhard General - Gouverneur in Luxemburg war, mit den Verhandlungen am Bundestage wegen schützender Besetzung dieses Theils des Bundesgebiets beauftragt; die Ersolg- losigkeit dieser Bemühung, die sich noch jetzt so schwer rächt, machte ihm großen Kummer. Es war ihm daher sehr willkommen, alS er sehr bald darauf mit seinem DivisionS - Chef von Luxemburg in das Lager von Nord-Brabant abberufen wurde, von wo auS er und sein Bruder Max an dem kurzen, aber ausgezeichneten Feldzuge von 1831 Theil nahmen. Der edle Herzog bat den König, für dasjenige, was besonders in dem bedeutender» Treffen bei Hasselt und Löwen die zweite Division alS Vorhut geleistet, daS Haupt-Verdienst rem Chef des Stabes, Major von Gagern zuzuerkennen. In den folgenden Jahren stand die niederländische Armee fortwährend in den Cantonnirungen und Lagern von Nord-Brabant. Drese Jahre waren ihm die schwersten sei eS Lebens. Unter einem Zelte, unweit Breda, dichtete er damals die erste Strophe eines schönen Liedes an den Bruder Heinrich:
O Nacht, sei auf der Hafte mir willkommen,
Wo sich des Lagers lange Linie dehnt.
Die Trommel schweigt, die Feuer find verglommen, Der Lärm verstummt und durch die Stille dröhnt.
Der Wache abgemessnes Schreiten.
Ich lieg' im staubbedeckten Zelt,
Wo thäteniose Pflicht mich hält.
Doch die Gedanken sind im Weiten.
Bald steiget die Vergangenheit herauf,
Bald hebt die Zukunft ihren Schleier auf,
Und auf des Traumes vrclverschwieg'nen Wegen
Kommt stets Dein Bild, o Bruder mir entgegen.
DaS lange thatenlose Meilen im fremden Lager ließ ihn den Zustand seines deutschen Vaterlandes, das mit jedem Jahre tiefer sank, mehr als je empfinden. Sein gerechter Unwille, im Leben meist verstummend, bricht wiederholt in seiner Dichtung hervor!
Indem Ihr Ketten schmiedet, Kerker baut
Und Euer Wort bald deutelt und bald brecht,
Rüstet der Frauke sich, und lüstern schaut
Er nach dem Rhein. Als wär's sein gutes Recht
Erbaut der Russe seine Festen
Dort an d r Donaumündung Strand,
Hier in der Weichsel blut'gen Sand,
Es droht der Feind von Ost und Westen--!
Das Einzige, was ihn aufrichten mochte in solcher Betrachtung, war der erweiterte Bund der Brüder, zu denen nun auch der vierte, Moritz, in nassauisch. M Civildienste, gehört, und deren Lebenöschicksale er n it unigster Theilnahme verfolgte Hören wir die Worte, sie er an Heinrich richtete:
Wenn Alle auch schon muthloS zagen, Den Besten itlbst die Hoffnung schwand, Dann sollst Du noch mit fester Hand Des Rechtes fiiegend Banner tragen;