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Naffauischc Zciluiiq

Freiheit, Wahrheit und Recht!

Materielles und geistiges Wohl deS deutschen Volkes!

Wiesbaden, 25. April 18L8.

Das bisherige Abonnement aus die Nassauische Zeitung, in Wiesbaden vierteljährig sl. 1. 43 kr., wird nicht erhöht. Abonnenten, welche mit dem 1. April eintreten, erhalten, soweit der Vorrath reicht, unentgeldlich die Nummern 1 17. Man abonnirt in Wiesbaden in der Expedition am ^riedeichsplatz; im Herzogthum, sowie in ganz Deutschland, nehmen alle Postanstalten Abonnements an mit v erh ä ltn ißm ä ß I g er Preis­erhöhung. Inserate werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petit-Zeile berechnet.

Deutschland.

9 Die Insurgenten im Seekreis.

Wiesbaden, den 24. April.

Wenn wir von Hecker und Struve sprechen, dann sprechen wir in Zukunft nicht mehr vonRep ublika- nern," sondern vonInsurgenten." Denn Re­publikaner sind sie nicht.

Wir beginnen hiernach diesen Artikel mit dem Be­kenntnisse eines Irrthums. Es sind kaum 14 Tage, daß wir unsere Ueberzeugung dahin aussprachen, baß die Republikaner wohl eben so sehr das Wohl des Vater­landes wollten, wie wir Anhänger der demokratischen Monarchie, daß wir ihre Ueberzeugung achteten, wie wir von ihnen verlangten, daß sie die unsrigen achteten, daß wir sie endlich unablässig bekämpfen wollten, aber nicht mit der Faust und dem Knüppel, sondern mit überzeugenden Gründen und geistigen Waffen.

Heute stehen die Sachen anders, und wir gestehen, daß unsere Voraussetzung, so weit sie wenigstens die Hecker- Struve - Weißhaarische Coalition betrifft, eine irrige war. Diese will nicht das Wohl des Vater­landes ; wir können nicht ihre Ueberzeugung achten, denn sie hat keine; jene Männer sind keine Republika­ner, sondern Vaterlandsverrâcher.

Jetzt heißt die Frage nicht mehr:

Monarchie oder Republik?"

Sie heißt:

Gesetzlichkeit oder Gesetz- und Zügel­losigkeit;

O r d n it n g o d kL U m ft u r^ ;

Staatlicher Verband oder Auflösung aller staatlichen Verhältnisse;

Menschliche Gesellschaft oder Auflö­sung der menschlichen Gesellschaft und Krieg Aller gegen Alle.

Das sind die Fragen, um welche cs sich handelt, in einem Kampfe, wie er jetzt in dem oberen Theile von Baden geführt wird.

Hecker und Struve haben aufgchört Republikaner zu sein, um damit anzufangen, Anarchisten und Terro­risten zu werden; und wenn sie zur Herrschaft gelang­ten, -wenn sie im Kampfe siegten, (wozu bis jetzt freilich wenig Aussicht ist), dann würden sie wohl von der französischen Republik von anno 1793 die Guillotine entlehnen, nicht aber jene großartigen Ideen, welche damals sogar der entsetzlichsten Grausamkeit eine Art von Glorienschein gaben, sie würden den Terroris­mus üben, ohne irgend ein erhabenes Motiv.

Wir haben schon am 1. April gesagt:Wenn Ihr uns jetzt die Republik gebt, dann werden wir eine Republik haben ohne Republikaner." Dieser Satz hat eine traurige Bestätigung gefunden. Was

Vom Kriegsschauplatz in Schleswig.

Rendsburg, 8. April. Ich sende Ihnen mei­nen Gruß aus dem Lager des edlen Prinzen Friedrich! Rendsburg ist in diesem Augenblick einer der interessan­testen Orte der Welt. In einem sehr niedlichen Ge­bäude, welches durch einen glücklichen Zufall ein wohl­habender Bürger gerade in dem letzten Jahr mit viel Aufwand und Geschmack ausgerichtet hat, wohnt der Prinz. Zwei große preußische Grenadiere stehen Schildwache, und ein ewiges Ab- und Zulaufen der verschiedensten Krieger und Kriegslustigen gewährt einen höchst interes­santen Aublick; noch mehr, da eine schöne Allee von ehr­würdigen alten Bäumen beim Hause vorbeiführt und ein Arm der Eider mit niedlichen grün eingefaßten Ufern bis dicht an das Haus reicht. In Köln fand ich schon eine Schaar bewaffneter Studenten aus Heidelberg, die ihrer Heimath zueilten, um ihre Rechte wahren zu helfen. Aus der ganzen Dampfstraße vom Rhein nach Hamburg fan- den sich in jedem Orte Jung und Alt an der Eisenbahn ein, um sich zu weiden an dem Anblicke junger thaten- lustiger Männer. In Hannover schloß sich eine Schaar polytechnischer Schüler an, und eine bedeutende Menge von Kriegöreserven und Offizieren eilte den Grenzstädten zu, wo die Zusammenziehungen der Truppen stattsinden sollten. So kam man mehr und mehr in eine Stimmung wie sie noch vor wenigen Monaten jeder junge Mann nur aus den schönen Erzählungen seines Vaters kannte,

ist die Hccker'sche Republik? Sie ist eine reine terroristische Despotie, mit Gewalt der Waffen aufge­richtet, aufgerichtet auf den Trümmern aller staatlichen, bürgerlichen und socialen Ordnung. Ihre Anhänger sind nur zum geringen Theil Freiwillige, zum größeren Theil Erzwungene und Erpreßte. Der von ihr ein­gesetzte Statthalter in Konstanz erklärt, daß er dies Amtphysisch und moralisch gezwungen" übernehme, und ergreift die erste Gelegenheit, um sich desselben durch die Flucht zu entledigen. Die Bürger der ein­zelnen Städte und Ortschaften verstehen sich nur durch Zwang und Drohung übermäßiger Brandschatzung dazu, sich der republikanischen Schaaren anzuschließen, und das ist einFreistaat! ?"

Wir wenden uns an die Männer in Deutschland, welche der Ueberzeugung sind, der redlichen und wohl­meinenden Ueberzeugung, daß die Republik sowohl an sich die beste, als auch die unseren Verhältnissen am meisten zusagende Staatsform sei; wir fragen sie, ob sie, Angesichts dieser Erfahrungen, nicht wanken werden in ihrer Ueberzeugung. Wir fragen sie, ob sie, wenn sie die Republik auch an sich wollen, dieselbe wollen auf solchem Wege, ob sie wollen, daß wir durch Ströme von Blut, über tausende von Leichen unserer Mit­bürger, über die Trümmer unseres Nationalreichthums und unserer leiblichen und geistigen Wohlfahrt einem Ziele zuschreiten, das so ferne liegt und am Ende so höchst zweifelhaft und ungewiß ist; ob sie, um es mit einem Worte zu sagen wollen, daß wir alle zuerst um einen Kopf kürzer machen, um sie dann mit der Seeligkeit des goldenen Zeitalters zu beglückâ Wir glauben, sie verneinen diese Frage. Denn wir glauben, daß sie nicht in gleichen Schuhen stecken, wie Hecker, Struve und Weiß­haar, daß sie nicht mit einer fremden Regierung landes- verrätherische Verbindungen angeknüpft, daß sie nicht Geldmittel von einer ausländischen Propaganda bezogen haben, daß sie endlich noch eine andere Zukunft vor sich haben, als den letzten verzweiflungsvollen Schritt zu der Anarchie, zum Raub und der Plünderung, zur Auflösung der menschlichen Gesellschaft. Wir appelliren also an die wahren Republikaner gegen die Umtriebe der Anarchisten und Insurgenten; und wenn erstere es mit dem Wohle unseres Vaterlandes redlich meinen, dann werden sie uns recht geben.

Wir wenden uns sodann an die Anhänger der de­mokratischen Monarchie, zu der wir uns selbst bekennen. Wie wollen auf der einen Seite unser Prinzip sowohl in Organisation der einzelnen Staatsverfassungen, als auch in Organisation der deutschen Centralgewalt bis in seine äußersten Consequenzen durchführen. Aber wir wollen auf der andern Seite auch den Be­strebungen der Anarchisten und Insurgenten, welche unseren Fortschritt nur hemmen, unsere Entwicklung

in eine kriegerische Begeisterung, auf die wir Alle schon in dem Maaße verzichtet hatten, daß wir uns sogar vor- logen, Krieg wäre etwas veraltetes, unzeitgemäßes. Dem ist aber gewiß nicht so, davon kann man sich jetzt über­zeugen. Sonderbare Erscheinung! Von dem Tage an, wo der Mensch einmal den Entschluß gefaßt hat, alle geistigen Bestrebungen und Beziehungen aufzugeben, die Waffe in die Hand zu nehmen, und sich mit ihr sein Recht zu verschaffen, von dem Tage an treten alle jene hundert lieblichen Göttinnen, die den Thron der Frie­densgöttin umlagern, Trägheit, Schlaffheit, Eitelkeit, Eifersucht, Stehlerei und Hehlerei, Prahlerei und Völ- lerei und die andern Alle von dec Bühne des Lebens. Die Spiegel und Pomadetöpfe, Folianten und Glace­handschuhe, Rosenkränze und Retorten, alle diese Em­bleme des Friedens werden von den Wänden genommen, die Scene verändert sich, ein freier klarer Himmel wölbt sich über einem kriegerisch bewegten Feldlager, der Gott des Krieges besteigt den Thron, Fahnen und Standar­ten, Schwerter und Lanzen decoriren die Scene und ein voller Chor kräftiger Männer singt:

Im Felde da ist doch der Mann noch was werth,

Da wird der Muth nob gewogen,

Da tritt kein Anderer für ihn ein,

Für sich selber steht er da ganz allein.

Von Altona aus fuhr ich mit einem der unermeßlich langen Züge, die seit einiger Zeit täglich mehrere male herüberkommen, beladen mit großen Haufen von Krie- gern und VolkSmännern, die ihr Beruf nach Rendsburg

nur zurückstoßen und nur die Reaktion herbeirufen können, mit aller Energie und Entschiedenheit entgegen­treten. Hier heißt esEntweder Oder." 'Wer nicht für uns ist, der ist wider uns. Eine Neu­tralitäts-Erklärung (a la Freiburg) den Insurgenten gegenüber, ist ein Zeichen der politischen Versumpfung, der Kraftlosigkeit, der Feigheit. Wehe dem, der den Bürgerkrieg in unsere Marken getragen hat! Aber da es gethehen ist, nun auch Krieg bis zur letzten Ent­scheidung !

Die Wahlen in Wiesbaden,

A Wiesbaden den 23. April.

Veranlaßt durch eine in der Freien Zeitung von mehreren Wahlmännern ausgegangene Einladung fand am Samstag Abend eine beralhendr Wahlmänner­versammlung in dem Saale derVier Jahreszeiten" Statt. Der Vorsitzende Dr. Großmann bemerkte in seiner Einleitung, daß Mißverständnisse hinsichtlich des von Hergenhahn in einer früheren Versammlung ab­gegebenen Glaubensbekenntnisses stattgefunden hätten; er wolle so viel wie möglich dasselbe hier wiedergeben, um solche aufzuklären. Hr. Kratz jun. von Erbach behauptete dagegen in mehreren Vorträgen, daß, wenn Hergenhahn als Candidat für die constituirenbe Ver­sammlung in Frankfurt auftreten wolle, solches durch Ablegung eines politischen Glaubensbekenntnisses allen Wählern des sechsten Wahlbezirks persönlich gegenüber geschehen müsse, und daß ein, wenn auch noch so ge­treues Wiedergeben eines früher ausgesprochenen hier nicht genügen könnte. Es wurde dann von einem Herrn der gewiß sehr zweckmäßige Wunsch ausgesprochen, daß der Hr. Candidat dieses schriftlich thun, solches durch die Presse veröffentlichen und in die Hände der Wahl­männer gelangen lassen solle.

Es ist nur zu bedauern, daß dies nicht früher ge« schah, und dadurch allen Gerüchten über die mißliebige politische Meinung des sehr ehrenwerthen Candidaten zum Voraus vorgebeugt würde.

Nachdem dieser Gegenstand erledigt war, ging die Besprechung auf die Landständewahl über. Der Vor­sitzende schlug mehre Candidaten vor, unter denen Franz Bertram und Amtmann Werren (früher Hauptmann und Regimentsauditeur) jedenfalls die meisten Wähler für sich haben werden. Zum größten Erstaunen der Anwesenden suchte der pensionirte Regierungs-Direktor v. Malapert-Neufville in mehreren sehr langen und unverständlichen Vorträgen nachzuweisen, daß die Wäh­ler nichts Unklugeres thun könnten, als wenn sie Staatsdiener in die Kammer wählten, und stellte sich mit Hinweisung auf seine Thätigkeit in der Her­renbank so ziemlich deutlich als Wahlcandidat auf.

ruft, um ihre ganze Kraft, ihr Gut und Blut der Sache des Vaterlandes zu opfern. So wie man hier ankommt, ist man mitten in der kriegerischen Bewegung drin. Bunte Schaaren durchziehen die Straßen, lagern vor den Thü­ren, große Züge von Wagen kommen und gehen, um aus allen Theilen des Landes die freiwilligen Beiträge von Mehl und Brod und Leinwand und allem Mögli­chen hcrbeiznbringen. Vor dem Generalkommando ist der Mittelpunkt des Treibens, denn unten ist bad Bureau der Freiwilligen, zu dem Alt und Jung sich hinandräpgt um sich aufnehmen zu lassen. So entstehen in wenige» Tagen große wohlbewaffnete Freischaaren, die muthig und keck nordwärts ziehen. Eine solche Freischaar ist ein wahrhaft imposanter Anblick. Haufen von 10 bis 20 Mann sind zusammen angekommen und sind kenntlich an irgend einer improvisirten Uniform. Da sieht man eine Schaar mit graugrünen Röcken, schönen neuen Torni­stern, gutem Lederzeug, trefflichen Büchsen und Hirsch­fängern, alles mffgebracht, alles ans eigene Kosten an­geschafft. Andere wieder haben graue Turnerhüte mit einem weißen blau-weiß-rothen (schleöwig-holsteiuscheu) Band, einer schwarzen Feder, leichten grünen Blousen, einer schwarz-roth-goldnen Schärpe und einer guten Stutz­büchse. Dazwischen einfache Bürgerkleidung mit umge- bängtem Seitengewehr und einer Flinte mit Bajonnet. Das Alles tritt auf dem Paradeplatz zum Apell zusam­men. Die Commission, bestehend aus dem Anführerund jungen Holsteinern, welche die Bureaugeschäfte übernom­men haben, und auS einem Studiosus medicinae, prüft jeden ob er tauglich; vom Zeughaus werden die fehlen-