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Nassauische GIM

Freiheit, Wahrheit und Recht!

Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!

Wiesbaden, M. April 1S48.

Das bisherige Abonnement auf die Nassauische Zeitung, in Wiesbaden vierteljährig fl. 1. 48 kr., wird nicht erhöht. Abonnenten, welche mit dem 1. April eintreten, erhalten, soweit der Vorrath reicht, unentgeldlich die Nummern 117. Man abonnirt in Wiesbaden in der E^ptdilioN am /rtrbrtdjsplo^ ; im Herzogthum, sowie in ganz Deutschland, nehmen alle Postanstalten Abonnements an mit Verhältniß, -täßiger Preis­erhöhung. Inserate werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petit-Zeile berechnet.

S e « r s ch L a N d.

9 Die Zukunft Frankreichs.

Wiesbaden, den 12. April.

Was wird die Zukunft Frankreichs'sein oder wird es überhaupt noch eine Zukunft haben, d. h. eine große, freudige ^Zukunft? Die Dinge gestalten sich immer trostloser. Wer kennt nicht Göthc's Ballade von dem Zauberlehrling, der die Beschwörungsformel erlauscht hat, wodurch er den Besen in einen Wasser­träger' verwandelte, aber die nicht wußte, wodurch er die Verwandlung rückgängig machen und den durch seine Rastlosigkeit gefährlichen Wasserträger wieder in die Besenform zurückbannen sollte? In der Übeln Lage dieses Zauberlehrlings befindet sich die proviso­rische Negierung, sie hat die Macht der Arbeiter herauf­beschworen, um sich ihrer zu bedienen, aber sie kann dieselbe, nachdem sie sich ihrer bedient hat, nicht wieder zurückbtschwören. Man hat Versprechungen gemacht, es wird auf Erfüllung dieser Versprechungen gedrungen, aber diese Erfüllung ist eine Unmöglichkeit. Wir sprechen Louis Blank und den übrigen Mitgliedern der provi­sorischen Regierung die wohlmeinendsten und redlichsten Absichten nicht ab. Sic sowohl als ihre theoretischen Vorgänger im Socialismus und Communismus, ein Saint -Simon, Fourier, Proudhon u. s. w., gingen von Voraussetzungen aus, die an sich richtig sind, sie erkannten die Uebel unserer heutigen socialen Ordnung mit aller Schärfe einer unbefangenen freien Auffassung. MWWMM^âUMEWnruölver^ der zersetzende und trü.jche Then lMr Systeme ist,, so durchaus ungenügend, phan­tastisch und faselhaft sind ihre Ausführungen, wo es sich um Vorschläge zur productiven Neugestaltung, zur Organisation" der Arbeit und desgl. handelt. Sie gehen von der Voraussetzung aus, daß die Welt eine andere sei oder werde, als sie in Wirklichkeit ist oder jemals werden wird. Sie stellen den Grundsatz auf, daßdie Arbeit Genuß und der Genuß Arbeit" sei, daß einer jeden Kraft nach ihrer Fähigkeit Arbeit zu­getheilt und einer jeden Fähigkeit nach ihrer Arbeit Belohnung zugemessen werden müsse, oder sie gehen sogar so weit, zu behaupten, daß die Antheile an den Gütern und Genüssen für alle absolut gleich zu setzen seien, und daß für die größere Kraft in der ihr zu Theil werdenden größeren Arbeit allein schon die Be­lohnung liegen müsse, weil ja die Arbeit Genuß sei. Diese Grundsätze wären alle ganz richtig, wenn die Menschen vollkommen wären, wenn es wirklich jedem einzelnen darauf ankäme, die ihm innewohnenden Kräfte in gemeinnützige Wirksamkeit zu setzen, statt sic durch Genüsse zu vergeuden. Die Erfahrung ist aber gerade die umgekehrte, nämlich die, daß besonders in unserer Gegenwart kein Mensch mehr arbeiten, sondern jeder

Deutschland und die Donaumündungen.

Ein Beitrag zur Beleuchtung der äußern Verhältnisse des Vaterlandes und der europäischen Civilisation. Von einem Offizier. Siegen und Wiesbaden bei Wilh. Friedrich. 78 Seiten. Preis: 36 Kreuzer.

(Fortsetzung.)

Damit wir aber dieses für unsere künftige Wohlfahrt so wichtigen Punktes für alle Zeiten versichert sein mö­gen, müssen wir darnach trachten, von ©eiten der Pforte die Abtretung des nördlichen Theils der Landschaft Da- b ru dschda, welcher zwischen der Donau nach West und Nord, dem schwarzen Meere nach Osten und der gera­den Linie von Rassowa nach dem Vorgebirge Hadidscha in südlicher Richtung liegt, so wie die Anerkennung des gemeinschaftlichen Eigenthums des Stromes entlang sei­nem Laufe durch daS türkische Reich bis zur russischen Grenze gegen ein Aeguivalent an Geld und die Gewähr­leistung des Schutzes gegen fremde Angriffe zu erhalten. Bei unsern Verhandlungen über diesen Gegenstand, welche nicht geheim bleiben werden, selbst wenn die Großbeam­ten der Pforte ganz und gar in unserem Interesse wä­ren, werden wir an Rußland, welches im Geiste schon die ganze Türkei verschlingt, zwar einen gewichtigen Gegner finden, aber möchte wohl darauf ankommen, wessen Einfluß stärker sei, derjenige von Oesterreich, Preu­ßen und ganz Deutschland, mit denen die türkische Re­gierung seit mehreren Menschenaltern in ungestörtem

genießen, Niemand mehr erwerben, sondern jeder gleich besitzen will. Wir sind weiter entfernt als jemals von jenem glücklichen Urzustand des socialistischen goldenen Zeitalters, wo der Genuß Arbeit und die Arbeit Genuß ist, wo beide mit einander identisch sind. Eine Ver­wirklichung der sozialistischem Grundsätze ist daher auch unter den dermaligen Verhältnissen Frankreichs und Europa's nicht anders möglich, als wenn sie von einer absolut despotischen Gewalt von unwiderstehlicher Stärke durchgeführt wird. Nur dieser wird es möglich sein die Arbeit nach der Fähigkeit" unddie Belohnung nach dem Wirken" zu v ertheilen. Und auf dem noth­wendigen und unvermeidlichen Wege zu einer solchen socialen Despotie einer ganz neuen aber furchtbaren Erscheinung für Europa ist Frankreich dermalen begriffen, wenn es sich folgerichtig in der ursprünglich eingeschlagenen Richtung weiter bewegt.

Die provisorische Regierung ist nur deshalb noch am Ruder, weil sich Namen unter ihr befinden, welche das Volk mit Achtung zu nennen gewohnt ist. Nur diese Ehrfurcht vor dem Geiste und dem Charakter der Regierungsglieder, nicht aber der Erfolg ihrer Maß­regeln erhält ihr ihre Stellung. Sie haben allerdings wie Emil de Girardin sagt Alles aufgerührt aber nichts gelöst, alles angefangen, aber nichts er­ledigt, den Verbrauch und den Absatz desorganisirt, ohne die Arbeit zu organisiren, die Reichen arm gemacht, ohne die Armen reich zu machen. Das sind ihre Re­sultate. Es fehlt ihnen gleich sehr an Kraft, die bis­herige sociale Ordnung aufrecht zu erhalten, wie an Kraft, mitVcMirkltchL.ug wer pHantastische^ jpciahM scheu Probleme zu beginnen.

Ihr Nachfolger wird also der Dictator sein.

Eine andere Möglichkeit liegt indessen auch nahe, und das wäre die:

Am 24. Februar waren die Republikaner die Min­derheit, allein ihr Princip siegte, weil sie die muthig- sten und entschlossensten waren. Die ganze Bourgeoisie wollte keine Republik, sie wollte das Königthum be­halten, aber dasselbe einer neuen und nachhaltigeren Revision unterwerfen, als dieselbe im July 1830 er­folgt war. So sehr der Plan der Bourgeoisie die Geschichte und d»'e Vernunft für sich hatte, so unterlag dieselbe doch, weil die Bourgeoisie sich scheute, diesel­ben mit ihrem Blute zu besiegeln. Sie war unter dem demoralisirenden Einfluß der July-Dynastie feig ge­worden. Aber es wäre möglich, ja sogar wahrschein­lich, daß sie die Begeisterung und Thatkraft, welche ihr der Much nicht einzuflößen wußte, aus der Ver­zweiflung entnähme, daß sie, im Begriff Alles zu ver­lieren, noch einen letzten Handstreich versuchte und das Königthum wiederherstellte. Briefliche Nachrichten, die uns zugekommen sind, versichern, daß Heinrich V. einen bis jetzt noch verborgenen, aber sehr zahlreichen An­

Frieden lebt, unterstützt von den andern Großmächten, die, wenn auch entfernter, bei dieser Angelegenheit eben so gut betheiligt sind, wie Deutschland, oder der Ein­fluß Rußlands, an welches sie in neuerer Zeit so oft­mals wiederholte Abtretungen und Konzessionen machen mußte, und das gleichwohl ungesättigt und mit derselben schlauen Politik, wie es Polen zerstörte, daS hinfällige Reich der OSmanen seinem Interesse und einer drücken­den Hoheit dienstbar zu machen weiß; ja wir sind ge­neigt zu glauben, daß die Pforte gegen eine verhältniß- mäßig noch weit billigere Entschädigung uns auch die Moldau, die alS ein weit vorliegendes Land mehr unter russischer, als unter türkischer Herrschaft steht, so wie zur bessern Abrundung der beiderseitigen Gränzen die zur Wallachei gehörige Stadt Brailaw oder Jbrahil mit Umgegend abtreten würde, um wenigstens in Europa mit Rußland nicht zusammen zu gränzen und dadurch des größten Theils deS russischen Einflusses enthoben zu sein. '

Wir wollen indessen, um den Russen auch jeden nur scheinbaren Nechtsgruiid zur thätigen Einmischung in viele Angelegenheit abzuschneiden, unsre friedliche Erwerbung auf den erwähnten Theil der Dabrudscha und daS ge­meinschaftliche Eigenthumsrecht der Donau innerhalb des türkische» Gebietes beschränken, welche der russischen Re­gierung zwar höchst unangenehm sein dürfte, wogegen sie aber nichts einwenden kann, da sie kein Recht auf dieselben hat.

Die Dabrudscha ist daS Küstenland Bulgariens von dem Fuße des Balkan bis zu den Mündungen der

Donau, und der nördliche, hier in Frage stehende Theil derselben bildet gleichsam eine zwischen der Donau und dem schwarzen Meere gelegene Halbinsel, welche auf der Nordseite durch den Mündungsarm Sulina von der russischen Provinz Bessarabien getrennt ist, im Süden durch einen sich verengenden Hals mit dem übrigen Lande zusammenhängt. Nehmen wir als südliche Scheidung,die bereits erwähnte Linie von Rassowa an der Donau bis zum Vorgebirge Hadidsche, südlich von Kostendsche, an^ so enthält der angesprochene Theil eineu Flächenraum von 210 bis 240 Quadratmeilen mit etwa 300,000 Einwohnern, von welchen ein Drittheil Tataren, die übrigen Türken, christliche Bulgaren, Wallachen, Grie­chen und Armenier, sodann Juden und Zigeuner sind. Ein flacher Landrücken, dessen höchster Punkt kaum 1000 Fuß über der MeereSfläche betragen, und von welchem unzählige kleine Flüsse und Bäche, theilweise zur Donau wie z. B. der Karasu, theils zum Meere abfließen, zieht in nördlicher Richtung bis zu den Mündungsarmen deâ Stromes, von denen vier mit den dazwischen liegende« Inseln hieher gehören, der fünfte oder die Sulina Bo- gassi die Gränze gegen die russische Provinz Bessarabien macht, und der nördliche sich auf russischem Gebiete inS Meer wirft. Eine Menge von dem Hauptrücken zu bei­ten Seiten sich verbreitender Hügelreihen machen de« größten Theil des Landes wellenförmig, doch sind längs der Donau auch völlig ebene Striche, so wie neben und zwischen den Mündungsarmen niedrige, bei hohem Was- serstande überschwemmte Sumpfgegenden vorhanden, und die Mündungen sind verschlcmmt oder versandet und für

hang habe. Die nächste Zukunft wird hierüber ent­scheiden.

Eine Republik unter solchen Verhältnissen, wie sie in Frankreich überhaupt und namentlich in dem der­maligen Frankreich sind, ist auf die Dauer eine Un­möglichkeit. Sie wird bald einen König aus altem Holze Platz machen oder einem usurpirenden Dictator aus neuem.

Wir wollen sehen, ob uns die Zukunft falscher Prophezeiungen straft.

© Spaßhafte Seiten ernsthafter Sachen.

Aus der Chronik Wiesbadens.

Wiesbaden den 13. April.

Da bei uns das öffemliche Leben so rasch und un­vorbereitet hereingebrochen ist, so wird es nicht zu ver­wundern sein, daß sich in Benutzung und Ausübung desselben manchmal noch ungelenkte Bewegungen und Auftritte spaßhafter Natur zeigen. Unsere Volksver­sammlungen waren Anfangs ernst, würdig und prak­tisch. Sie besprachen unsere nächsten Interessen, die Wahlreformen, die neue Gemeindeordnung, das deut­sche Parlament u. s. w. Das hat sich geändert. Es sind Spaltungen eingetreten und die Versuche, diese Spaltungen auszugleichen, haben nur wieder neue her­vorgerufen. Wir haben nun Comitës und Versamm­lungen die Masse. Wir haben

1. ein Sicherheits-Comite,

2. ein Wahl-Comi^, .

3. ein monarchisches Comftch -

4. ein republikanisches Comite,

5. ein Frauen-Comito für die Fahnen,

6. ein Frauen - Comite für Beschränkung des Ver­brauchs auf innländisch-nassauische Produkte,

7. ein Bürger-Vereins-Comite, das aber spaßhafter Weise nicht aus Bürgern, sondern aus eiiwm Zeitungsredakteur und verschiedenartigen Jugend­lehrern bestehen soll,

und Gott weiß was sonst noch Alles für Comits's, Vereine und Versammlungen. Man hat mir gesagt, es gebe Leute in unserer Stadt, welche vierfältige Co- mitä-Mitglieder seien und wieder andere, welche ihren Namen nicht nur unter das Programm der-monarchi­schen Gesellschaft, sondern (wahrscheinlich der mehreren Vollständigkeit halber) -auch unter das der republika­nischen geschrieben haben. Wteder andere gibt es, welche, nachdem sie in der Gesellschaft der Männer mit ihren Plänen und Anträgen entschieden durchge­fallen sind, sich nun an das als mitleidig, bekannte schöne Geschlecht wenden und dort, in dem Damen- Comito sitzend, gleich einem jungen Herkules am Spinn­rocken, Trost für erlittene Schlappen unter dem Schutze des Pantoffels suchen.