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Kein Zweifel mithin, daß die Deutschen die gebieterischste Aufforderung besitzen, dem russische« Autokraten die Ausführung der wohlwollenden Intentionen unmöglich zu machen, welche er, zumal seit den Ereignissen der letzten Wochen, gegen sie sicherlich hegt. Und dazu wird weiter nichts erforderlich sein, als daß Oesterreich und Preußen ihre Antheile am Raube Polens zurückgebe«, daS polnische Volk in die Reihe der selbstständigen Nationen wieder einführen. Denn die freigeworbenen Galizier und Posener werden natürlich nicht säumen, die Befreiung ihrer unter dem russischen Joche seufzenden Brüder mit äußerster Kraftanstrengung zu er» mühen, und da Nikolaus der Lange diese gewiß nicht so leichten Kaufes fahren läßt, so wird er in einen Kampf auf Leben und Tov mit den von Vaterlands- und Fre,- heitSliebe begeisterten Polen verwickelt werden, der ihm alle Fähigkeit benehmen muß, feine schlimmen Anschläge gegen Deutschland zu verwicklichen, der ihn für dieses wohl auf lange hinaus unschädlich machen dürfte.
Oesterreich und Preußen werden jetzt ohnehin schwerlich in der Lage sein, ihre Antheile am unglückseligen Raube Polens auf die Dauer zu behaupten, Friedrich m>klhetm IV. möchte nicht leicht ein wirksameres Mit- tel finden, den unaussprechliche» Eindruck zu mildern, den feine jüngsten groben Mißgriffe, den bekannte be- jammernSwerthe „Mißverständnisse" in allen deutschen Gauen hervorgebracht, alS den erwähnten Act gediegener Staatsweisheit. Gerechtigkeit und Großmuth sind sehr oft die beste Politik.
Wenn schon nur zur Genüge bekannt ist, daß die in Frankforts Mauern jetzt zusammenkommenbeu trefflichen Männer nicht dazu berufen sind, über Fragen der auswärtigen Politik ihr Votum abzugeden, so kann ich mich doch des Wunsches nicht entbrechen, daß sie zu dem be- regten Behufe die Initiative ergreifen, und etwa in einer an den preußischen vereinigten Landtag gerichteten Adresse daS Ansinnen niederlegen möchten, daß dieser an Fried- rch Wilhelm IV. den angedeuteten Antrag richte. Würdiger können die Abgeordnete» der deutschen Nation den gegenwärtigen großen Moment nicht feiern, als durch Erhebung ihrer Stimme zu Gunsten der Sühne eines frühern, des größten Unrechtes, welches die neuere Ge- chrchte kennt, zu Gunsten der Befreiung eines so lange, o entsetzlich mißhandelten Volkes. Der freudigsten Zu- limmung der Deutschen mögen sie sich versichert halten.
S. Sugenheim.
Wiesbaden, 5. April. Der 2. Kammer wurde in ihrer heutigen Sitzung die Genehmigung des Wahl- gesetzentwurfes verkündet. — Unser Bundescontigem vird mobil gemacht und hat Marschorbre nach der Grenze erhalten.
Wiesbaden, 6. Mai, 9 Uhr. Der deutsche Mann, der Turnvater Jahn zieht ein. Im Triumph- zuge geleiten ihn die bewaffneten Turner mit den deutschen Fahnen und Musik durch die Stadt, von Tausenden begleitet. Ueber eine Versammlung auf diesen Nachmittag um 2 Uhr im Hotel Pir vier Jahreszeiten werden wir morgen weiter berichten.
— Es ist an der Zeit der anargischen Gewalt mit der legalen Gewalt entgegen zu treten.
In Castel zerstört man die Eisenbahn, in Mainz demolirt man die Schleppdainpfbote, in Worms hält man die Postwagen an, zwingt die Passagiere auszusteigen, weil den Hauderern das Recht gehöre, Reisende zu fahren, — und so tritt leider das Sonder- intereffe des Einzelnen überall hervor und macht sich geltend durch brutale Gewalt.
Die zügellose Presse hat bereits schon lange das Feuer geschürt; es ist an der Zeit, auch ihr mit der blanken Wehre entgegenzutreten.
Vom Rhein, im März. Also wirklich? Es ist noch nicht lange her, als wir die Wiener Erklärung des Hrn. von Hurter und Consorten, welche ihr Heil in den Jesuiten fanden und alle Graul der Welt
Da Sulla den Römern die Freiheit wiedergeben wollte, konnten sie dieselbe nicht mehr vertragen; nur schwache Ueberbleibsel der alten Tugend waren noch vorhanden und da diese, weit entferht wieder aufzu- leben, seit Cäsar, Tiberius, Calligula, Claudius, Nero, Domitianus fortwährend abnahm, versanken sie immer tiefer in Sklaverei. Alle Streiche, die sie noch^sührten, waren gegen die Tyrannen, keiner gegen die Tyrannei gerichtet.
Die griechischen Staatsmänner, welche in der Demokratie lebten, erkannten die Tugend als |btc einzige Kraft, welche jene aufrecht palten könne. Die heutigen aber schwatzen uns von nichts, als von Manufakturen, Finanzen, Reichthümern, ja selbst vom Luxus.
Hört die Tugend auf, so zieht der Ehrgeiz in die Gemüther ein, die noch für ihn empfänglich sind, der ^^ ftfrfT in alle. Die Begierden wechseln ihren Gegenstand. Was man liebte, liebt man nicht mehr. Man war frei durch die Gesetze und will nun frei gegen sie sein. Jeder Bürger ist wie ein dem Hause seines Herrn entlaufener Sklave. Was Staatsregel war, nennt man Strenge, was Ordnung, Zwang, und was Achtsamkeit, Furcht. Die Sparsamkeit hält man für Geiz und nicht die Habsucht. Einst bildete das Vermögen der Privatleute den öffentlichen Schatz; jetzt aber wird der öffentliche Schatz zum Erbtheil und Eigenthum der Privatleute. Die Republik wird zur Beute und ihre Macht besteht nur noch in der Gewalt eimger Bürger und der Zügellosigkeit aller.
Wir wollen unsern Lesern für heute überlassen, sich die Anchendung dieser Grundsätze auf unsere heutige Zustände selbst zn machen. Morgen werden wir ihnen die unsrige geben.
Deutschland und Kaiser Nicolaus der Lange.
(Deutsche Volkszeitung.)
Man wird nicht in Abrede stellen können, daß der sechsfüßige, d. h. sechs Fuß lange Beherrscher deö Knu- tenstaateS, die nur zu gelungene, griechische Uebersetzung eines lateinsschen Original, nämlich König Philipps II. von Spanien ist. Dieselben Principien geistiger und bürgerlicher Knechtschaft, deren furchtbarster Verfechter dieser Monarch in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts war, werden in der Gegenwart mit gleicher Energie durch den russischen Autokraten vertreten. Wir EuropenS Dämon, der Freiheit Würger damals im Es- cvrial thront, so residirt er setzt im Winterpalaste; wie ,n jenen Tagen jede Nation die sich unterfing ein grösseres Maß bürgerlicher oder religiöser Freiheit zu besitzen, in Philipp II. ihren Todfeind erblicken mußte, so haben in unserer Zeit 'alle europäischen Nationen, die nicht nach russischem Modus sich regieren lassen, keinen geringern Gegner, als Nikolaus den Langen. Den unversöhnlichsten Haß trägt dieser aber schon seit lange ge»j gen Germaniens Stämme im Busen. Nicht nur, weil j die Länder, welche die Achillesferse des KnutenstaateS bilden, überall von deutschem Gebiete umgränzt werden, sondern mehr noch, weil der Czar den Einfluß des deutschen Geistes auf sein Zwittervolk, — halb Hund, hßlb Raubthier, — fürchtet, und zu fürchten allerdings auch große Ursache hat. Denn nur der germanische Geist, der Geist, dessen Einwirkung zwar nicht so augenfällig, aber tiefgreifend, der dem rastlos fallenden Was- sertropseu vergleichbar ist, der am Ende auch den Stein auShöhlt, möchte die Fähigkeit besitzender Champagner- geist der Franzosen e tbehrt dieser nachhaltigen Kraft, weßhalb der Selbstberrscher aller Reußen, Galliens Kinder, trotz ihrer Republik, sicherlich lange nicht so inbrünstig haßt, wie und), unter einem in Barbarei und Thier- heit so völlig versunkenen, geistig so verkrüppelten Volke, wie daS russische, fruchtbare Keime der Civilisation auS- zustreuen, ihm Begriffe von Menschenwürde und Menschenrechten einzufiößen.
von der Schweiz erwarteten, zurechtzuweisen für nöthig erachteten. Metternich ist nicht mehr am Ruder, aber die Convertiten, die er benutzt, führen noch das große Wort. Das Haus Habsburg wird gepriesen, das Haus Hohenzollern geschmäht. Wahrlich da hat Oesterreich nichts gewonnen, wenn es keine Wortführer hat als diese Menschen. Wir verweisen auf Galizien, wo noch im vorigen Jahre ein Preis auf die Köpfe qeseut war, auf die Lombardei, wo eigentlich nur noch das Mentholen erlaubt war, und fragen, wie kann man sich brüsten in Wien, wie können Hurter und Consorten sich erfrechen, unsern König, unser Land zu schmähen und jetzt unter den Deckmantel von unveräußerlichen Menschenrechten zu kriechen? Der Jesuitismus ist dort noch nicht tobt und beutet alles aus, Deutschland zu entzweien und den Ultramontanismns zu fördern, da man wohl einsieht, daß Preußen Bollwerk Deutschlands und der evangelischen Kirche, d. h. der deutschen Freiheit ist. Was das Haus Habsburg für Deutschlands Größe gethan, weiß man n i ch t; es hat nur eine Hausmacht vergrößert, welche jetzt auseinander- zusallen beginnt. Die Erzherzöge sind fort, sie haben in Wien genugsam schießen lassen, Metternich ist fort, nirgendwo in Oesterreich etwas anders, als die Aufgabe, das zu stiften, was wir seit 20 Jahren hatten. ' Denn wo sind Litteratur, Wissenschaft, Presse, Verwaltungsordnung in Oesterreich? Aber daß die Jesuiten wieder die alt-ultramontane Macht, die eigentlich jetzt nicht mehr Habsburg, sondern Lothringen ist, an Deutschlands spitze stellen wollen, ist Wahnsinn. Deutschland denkt nicht daran. Es hat Hormayrs Anemonen gelesen. Gut, daß der Jesuitismus so sans- culottilch sich gegen Preußen äußert, in dcmselber Tone, den er vor wenigen Monaten an den Schweizer Blättern so heftig zu tadeln sich beeiferte: er hat sich jetzt entlarvt. Die Wahl eines deutschen Oberhauptes ist eine Sache, die erst entschieden werden soll, unser König -at nichts gethan, als in der Stunde der Gefahr sich zuerst an die Spitze zu stellen. Ferdinandus hat, nachdem er in Wien hatte auf die Studenten schießen lassen, daran nicht gedacht. Unser König mußte das, denn wo sollte Polen Hülfe finden, wer sollte Holstein-Schleswig unterstützen? Hätte die königliche Proklamation anders gelautet, es wäre dasselbe gewesen. Alle Punkte, wo Gefahr droht, an der Eider, an der Weichsel, hat Preußen zu vertheidigen, der Russe greift nicht Ferdlnanbum an, dessen Galizien sich vor ihm bedanken wird, aber er rückt.auf Preußen los, welches jetzt die Avantgarde gegen russische Willkürherrschaft bietet. Wer in dieser Noth den einen beklagenswerthen Tag in Berlin, der doch auch zugleich so hoch bewundert wird, immer wieder hervorholt, indeß das Preußenland noch immer festhält an seinem Herrscherhause, überzeugt, daß sonst Anarchie einträte, ist ein Berräther Deutsche taiidö. Die Jesuiten in Wien, Jarke, HMpr, Pilat, >er österreichische Beobachter, das politische Wochen- rlatt, die historisch-politischen Blätter, dürfen nicht wieder oben auf kommen, schon deshalb müssen wir unS fest an Preußen klammern, wo wir Garantien erblicken. (Elb. 3.)
Berlin, den 29. März. Es liegen Briefe aus Rußland vor uns, die uns einen tieferen Jn- blick in die Ansichten und Aussichten hinsichtlich des vielfach, ja fast allgemein als wahrscheinlich angenommen Falls eines Friedensbruchs mit Rußland eröffnen. Verkennen wir es nicht, daß alle nur möglichen Mittel von den Polen in Bewegung gesetzt werden, um einen Krieg mit Rußland so bald wie möglich herbei- zuführen, daß es aber in Preußen noch eine sehr große Partei giebt, die, so sehr sie auch jedwedem Bündnisse mit Rußland abgeneigt ist, doch auch entschieden gegen einen Krieg mit diesem Reiche gestimmt ist, weil sie durch einen solchen möglicher Weise die Errungenschaft der letzten Zeit wieder gefährdet sieht. Aldann aber — und hierfür erhalten wir durch die durchaus zuverlässigen Briefe genaue Belege — unterschätzt
- „3$ wollte" — fuhr Letzterer fort — „alS in Be- resow die Nachricht Deiner Befreiung ankam, einen Au- genbtid feiern helfen, der mir niemals erblühen wird. Bis dahin wußte ich nicht mit Genauigkeit Deinen Aufenthalt; jetzt finde ich mit Erstaunen, daß der alte Alexei Stepanow, von dem mir Fedor so oft erzählte, und her Bojar TschcrkaSki nur Eine Person sein könnten. Ich eilte her und meine Ahnung betrog mich nicht."
„Und Fedor, — ist er gleichfalls Verbannter?" — fragte Alexei.
"Er ist es nicht!" — erwiederte der Fürst. „Mein thenrer Sohn begleitete mich freiwillig ins Elend. Er letzt gesonnen, nach Petersburg zu eilen, um za ver- fuchen, ob meine Feinde sich nicht so viel erweichen las» entfernt von der Hauptstadt ein Sterbe- stundlein in Freiheit zu vergönnen."
„Wir reisen zusammen, Fedor!" — rief Alexei — ^' alS bis ich in dem kleinen Miüni /nn? Eiligen Alexei eine Kerze an-
gezündet und einer Handlung beigewohnt habe, die hoffe tch, meine letzten Lebenâtage mir versüßen soll."
& war es auch. Wenige Tage nachher wur- ben Fedor und Marie in dem kleinen GotteShause r» Beresow feierlich verbunden. Die kleine Hütte am Ob schenkte der Bojar einer armen sibirischen Fischersamilie. Nachkommen bauten sich rings herum an, und uvch heute zeigt man die Stätte zu Worksarski am Eismeere,
Deutschland und die Donaumündungen.
Ein Antrag zur Beleuchtung der äußern Verhältnisse deö Vaterlandes und der europäischen Civilisation. Von einem Offizier. Siegen und Wiesbaden bei Wilh. Friedrich. 78 Seiten. Preis: 36 Kreuzer.
(Fortsetzung.)
Von diesem Gefühle der Nothwendigkeit einer Eintracht zeugen die Denkmale Hermann's, Gutenberg'S, so vieler anderen hochverdienten Männer, der Dombau zu Köln, die rege Theilnahme an dem Unglücke Hamburgs, die zahllosen Vereine der Wissenschaften und Künste, sowie diejenigen zur Verbesserung und Veredlung deS Bestehenden, welche, von einem Punkte ausgehend, sich über daS gesammte Vaterland verbreiten, die allgemeine deutsche Gewerbeausstellung zu Mainz, der Beifall, welchen die Anregung einer deutschen Schiffahrtâakte und Flagge, einer deutschen Nationalfahne, die Vorschläge zur Errichtung auswärtiger Kolonien gefunden haben, und vieles Andere mehr. — Damit aber diese Einheit,
WaS die drei ersten Haupterfordernisse zur Begründung nuferer Einheit und Wohlfahrt betrifft, so müssen wir der Nöthigen Kürze wegen deren Entwicklung einem schicklicheren Orte überlassen, werden dagegen die Mittel zur Beförderung unseres materiellen Wohls hier anführen, und zum Schluffe über ein, auf die Natur unserer politischen Verhältnisse gegründetes Wehrsystem einige Worte sagen.
wonach von allen Seiten gerungen wird, und mit dieser unsere Wohlfahrt in geeignetem Maaße begründet werde, sind fünf wesentliche Dinge erforderlich, welche sich wechselseitig unterstützen und bedingen, nämlich ein wirklicher (nicht eingebildeter) Rechtszustand, vollstän- 1^'ge Preßfreiheit, eine möglichst gleichmäßige Volköver-
««" Bundesstaaten, ein Achtung Wählst ^ ^ endlich die Beförderung des
gebietendes materiellen
WaS giebt eö Unmögliches für ein Volk, daS mitten in Europa an zwei entgegengesetzten Meeren daS reichste Land bewohnt und vierzig Millionen gebildeter, kräftiger, arbeitsamer und in jeder Hinsicht fortschreitender Menschen zählt? — Nichts, eö ist allmächtig, wenn eS zur Einsicht Dessen kommt, was ihm wahrhaft nützt; der gute Wille wird dann nicht fehlen, denn jedes Gemeinwesen, wie jeder Mensch ist geneigt, den materiellen Nutzen nach Kräften zu befördern. Noch niemals seit den Zeiten unserer größten und edelsten Kaiser haben Fragen dieser Art die Nationen berührt, sind die Bedürfnisse so innig, und auch damals nicht so allgemein gefühlt worden, wie in unseren Tagen, wo in wunderbarem Streben nach Einheit die Ueberzeugung ge* gründet ist, daß sie ohne gleichzeitige Beförderung des materiellen Wohls nicht erlangt werden könne, daß folglich beide Hand in Hand unS nur erheben können zur Würde unserer welthistorischen Bestimmung.
Vor allen Dingen müssen wir also trachte«, Einheit und matenelleS Wohl zu befördern — in dem Streben