Naffauischc Acikung.
Freiheit, Wahrheit und Recht!
Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!
Wiesbaden, 7. April 1848.
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D e it L s â) l K tt b.
g Monarchie oder Mcpublik?
Wiesbaden, 5. April.
Die Schwingungen in der öffentlichen Meinung, welche in Frankfurt durch die Berathungen innerhalb und außerhalb der Paulskirche ihren Ursprung genommen haben, verbreiten sich nun auch über unser Nassau Namentlich Wiesbaden bietet seit heute ein buntbcweg- tes Bild. Erklärungen und Gegenerklärungen, Proteste und Widerrufe, Manifeste und Proclamaiionen werden gedruckt, an die Siraßenecken geklebt und in den Häusern vertheilt. Man sieht heftig conversirende Gruppen auf den Straßen und öffentlichen Plätzen, aus welchen die Rufe „Es lebe die Republik!" oder „Keine Republik!" hervorschallen.
Kurz die Stadt gewährt einen Anblick, wie man ihn an einem Werktag, besonders an einem so windigen und staubigen, wie der heutige, nicht gewohnt ist. Endlich sind die Einwohner der Stadt in der evangelischen Kirche zusammen getreten, um dort ein Wahl- Comitü zu wählen, welches die Aufgabe haben soll, passende Staatsbürger für die Wahl, sowohl der Landesrepräsentanten ais der Nationalvertreter, ausfindig zu machen und dieselben demnächst zur öffentlichen Kenntniß zu bringen, außerdem aber bei Ausübung der Wahlen eine Ueberwachung auszuüben und ungesetzlichen Wahlumtrieben, sowie der Geltendmachung von Sonderinteressen entgegen zu wirken. Auch die Wahl dieser Comitü's wird einen Kampf beider Parteien in sich schließen.
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entschiedenen Mehrheit zu befinden, wie dies auch gerade hier, bei dem edcln und konsequenten Benehmen unseres Herzogs nicht anders denkbar ist. Es ist eine sehr zweifelhafte Frage, ob es gelingen wird, ein g e in einsa in e 6 Wahl-Comite zu Stande zu hinten, in welchem sich etwa die Parteien verständigen und einigen könnten, oder ob das heute zu wählende Wahl-Commüü sich nicht demnächst in seine widerstrebenden Elemente auflöst. Wenn indeß auch letzteres der Fall ist, so wird cs sich wenigstens lohnen, einen Versuch gemacht zu haben.
Kommen wir nun zu der Principfrage: „Ob Monarchie oder Republik", so haben wir solche schon bei verschiedenen Gelegenheiten erörtert und uns sowohl hierbei als auch in unserem Programm unbedingt für die Monarchie mit demoeratischen Grundlagen in den einzelnen deutschen Staaten, so wie für eine möglichst rein democralische Organisation der deutschen National-- repräscntation ausgesprochen, dagegen die Idee einer rein republikanischen Verfassung für die einzelnen deutschen Staaten, die Idee einer deutschen Centralrepublik, sowie endlich auch den abentheuerlichen Stru-
Die Verbannten.
Novelle von C. v. Wachsmuth.
(Schluß.)
„Du kannst Marien nicht heirathen, sprach der Greis ernst, doch srenndlich.
„DaS ist der Grund meiner Abreise, und der, weshalb wir uns niemals wieder sehen können!" — erwiederte Fedor.
„Die Kluft, die unüberschreitbare, sie ist diejenige, welche die Stande scheidet; sie trennt Euch auf ewig!" sprach der Alte.
„Ich weiß es!" — sagte der Jüngling — „es ist .in trauriges Vorurtheil, ein Vorurtheil, das mich aus immer unglücklich macht, aber eS besteht, und es ist un-. besiegbar."
„Du urtheilst wie ein Mann!" — sprach Alexei; — „jetzt fühle ich schmerzlich, was ich verliere, daß ich Dich nicht Sohn nennen, nicht Mariens Hand in die Deinige zu legen im Stande bin; aber urtheile selbst, ob ... . Doch woher kennst Du meinen Stand und Hamen ?"
„Wie sollte ich nicht?" — erwiederte Fedor befrem- ^^ — „Ich besuche Euch ja seit mehreren Monden fast wöchentlich."
„Dennoch besinne ich mich nicht, Dir jemals meinen wahren Namen genannt zu haben; vielleicht hast Du indeß in Beresow" ...
ve'schen Plan der Eonstituirung Deutschlands zu einer aus 24 bereits geographisch abgetheilten und mit Hauptstädten bohrten Einzeln-Republiken bestehenden Föderatwrepublik unbedingt zurückgcwiesen.*) Es wird indessen zweckmäßig sein, daß dieser Gegenstand, welcher so viele Köpfe verwirrt, so viele Zungen und so viele Federn in Bewegung setzt, eine nochmalige umfassende Besprechung finde.
Betrachten wir unsere Gegner, die unbedingten Republikaner, so müssen wir unterscheiden zwischen
1. solchen, welche sofort und unmitelbar jeder an seinem Orte die Republik proclamiren wollen, und
2. solchen, welche den Plan haben, die einzelnen und die öffentliche Meinung in der Art vorzube- reiten, daß auf der nächstigen conftituirenden Versammlung in Frankfurt die Republik beschloss' sen werde.
Die Ansicht der ersteren zu widerlegen ist sehr leicht. Wir fragen sie einfach: Wenn Ihr z. B. hier in Wiesbaden die Republik proelamirt, was habt Ihr erreicht? Ihr habt eben weiter nichts gethan, als die „Republik proelamirt." Zn Mannheim, im badischen Seekreis, in sonst einem kleinen Ländchen oder iletnen Städtchen that man vielleicht dasselbe, aber sonst nirgends. Das übrige Deutschland wird sich nicht für die Republik rühren, wohl aber gegen dieseloe. Da- mi: wollen wir den Repudkieanern keineswegs bange machen, denn wir haben Grund anznnehmcn, daß sie Verne von Muth sind. Aber was wird ihnen anders übrig bleiben, als mit tem übrigen Deutschland, welches bis jetzt keine Repu tu will, in Kamps zu.treten ^uv tym es» imyl gMuuichte Gluck repMiramscher Freiheit mit Gewalt der Waffen aufzudrangen. Wir 'wollen von der gänzlichen Unmöglichkeit des Sieges gar nicht reden. Aber darauf muffen wir Hinweisen, Daß es ein erbitterter Bürgerkrieg werden würde, gegen welchen das Blutbad in Berlin eine unschuldige Spielerei wäre. Und darauf müssen wir die RepubU- taner aufmerksam machen, daß sie selbst gegen den obersten republikanischen Grundsatz, gegen das Princip der Majoritäten, verstoßen, wenn sie der widerstrebenden Mehrheit eine der Minderheit zusagende Staars- form aufzwängen wollten. Ehe sie uns diese Argumente widerlegt haben, können wir von einer Prüfung
AlZ^ *) Beiläufig bemerken wir, daß, nachdem wir diese Tendenz schon seit Erscheinen unseres Blattes verfolgen, die Nassau. „Allg. Zeitung" plötzlich in einer heute ausgegebenen Beilage sich als den einzigen und mvnvpolisirten und patenti- firten Bannerträger derselben ausschrcit, mit jener bekannten Selbstgefälligkeit, welche dies doc- trinaire Blatt charakterisirt.
„Ihr heißt nicht Alexei Stepanow?"— fragte hastig der Jüngling.
„Wie kannst Du noch fragen, da, Deiner Rede zu- 'olge, Du von Allem unterrichtet scheinst?" — entgegnete der Alte voll Verwunderung.
„Euren Namen, Alexei, Euren.Namen!" —• rief immer heftiger Fedor, die Hände des Greises ergreifend.
„Ich bin der unglückliche Bojar Alexei Nokolajewitsch Tscherkaoki;" — sagte der Alte. „Mir wurde wie jedem Verwiesenen ein anderer Name beigelegt."
„Jst's möglich?" — rief Fedor, indem die Nöthe der Freude seine jugendliche Wange überstrahlte. „Und Marie ist wirklich Eure Tochter?"
„Gewiß!" — erwiederte der Alte. — „Auf meine Bitte nur erlaubte mir der Czar, das Kind, den einzigen Trost in meinem Elende, mit in die Verbannung zu nehmen. Mein Vermögen ward cingezogen. Das anderweitig Ererbte meiner Tochter aber wird bis zu ihrer Rückkehr verwaltet; so entschied es der Wille des Monarchen."
„O dann trennen wir uns nicht!" — jubelte Fedor. — „Dann ist Marie mein" ...
„Unmöglich!" — rief Alexei. — „Der Unterschied des Standes" ...
„Er besteht nun nicht mehr!" — «ef der ^unglmg. — Ich heiße nicht Fedor Glebow, ich heiße Fedor Ule» randrowitsch" -. - . - Z./ , ,
3a diesem Augenblicke hörte man mehrere fremde Stimmen vor der Thür. Marie stürzte herein.
„Zwei fremde Männer!" — rief sie ängstlich- —
der Richtigkeit ihrer Ansichten an und für sich ganz ab seh en.
Die Absicht der zweiten Fracti'on geht also dahin, daß die am 1. Mai in Frankfurt züsammenttetende consti tu wende Versammlung sich durch Stimmenmehrheit für die Republik erklären solle. Hier würden die gegen die oben characlensirte Partei geltend gemachten Widerlegungsgründe Wegfällen, und es würde sich bloö fragen: Wird es dem Vaterland zum Heil ausschlagen?
Wir glauben: „Nein!" Man erlaube uns, daß wir uns hier auf die Darlegung (nicht auf die Auto r i ta t!) M o n tes q u i e u's stützen, jenes Mannes, von welchem Schlözer sagt, er habe zuerst aus England den Saamen der politischen Freiheit mit nach Frankreich gebracht, wo er zwar Anfangs durch die breiten Hufe der Aristocratie niedergestampft worden, nachgehends aber desto herrlicher aufgegangen sei. Montesquieu charakterisirt in seinem „Geist der Gesetze" das Princip der Republik so:
Es bedarf keiner sonderlichen Rechtschaffenheit zur Erhaltungoder Unterstützung einer monarchischen oder despotischen Regierung. In jener wird durch die Kraft der Gesetze, in dieser durch den beständig drohenden Arm des Fürsten Alles in Ordnung und Zucht gehalten. In einem Volksstaate aber ist noch eine andere Triebfeder erforderlich, die Tugend.
Was ich sage, wird durch die ganze Weltgeschichte bestätigt und entspricht völlig der Natur der Dinge. Denn offenbar bedarf man in einer Monarchie, wo Der, welcher die Gesetze.vollMckeu^Iißt, sich über sie erhaben halt, weniger Tugend, als unter einer Volksregierung, wo der Gesinvottzieber fühlt, daß er thuen selbst unterworfen ist uno ihre Last zu tragen hat.
Offenbar kann ferner der Monarch, welcher auf bösen Rath oder aus Nachlässigkeit die Gesetze nicht vollziehen läßt, dies Uebel leicht wieder gut machen. Er braucht nur seine Räthe zu wechseln oder seine Nachlässigkeit abzulegen. Hat man aber unter einer Volksregicrung aufgehört, die Gesetze zu vollziehen, so muß man hieraus auf Verderbniß der Republik schließen und der Staat ist demnach schon verloren.
Ein anziehendes Schauspiel gewährten im 17. Jahrhundert die ohnmächtigen Anstrengungen der Engländer, die Demokratie unter sich zu begründen. Da Die, welche an den Slaalsgcschäften Theil nahmen, keine Tugend besaßen, da ihr Ehrgeiz durch das Glück des Mannes, der am meisten gewagt hatte (Cromwell), gereizt wurde, da der Geist der einen Partei nur in dem einer anbent sein Gegengewicht sand, wechselte die Regierung beständig; das bestürzte Volk suchte die Demokratie und fand sie nirgends. Endlich nach vielen Bewegungen, Stößen und Erschütterungen mußte es bei derselben. Regierung, die cs verbannt hatte,. seine Zuflucht suchen.
„Einer davon ist in Uniform. Sie fragen nach Euch, mein Vater."
Eben öffnete sich die Thür. Ein kaiserlicher Feldjäger trat herein; ihm folgte ein Mann von hoher Gestalt, in einen Bärenpelz gehüllt. Letzterer blieb am Eingänge zurück.
„Treffe ich den Bojaren Tscherkaoki?" — fragte der- Feldjäger.
„Ich bin's!" — erwiederte Alexei, indem sich Marie ängstlich an den Vater schmiegte.
„Alexei Nikolaiewüschl" — rief der Feldjäger — „id; bringe Dir Deine Befreiung!"
Er zog einen Brief auS der Couriertasche, die er vor der Brust trug, und überreichte ihn dem Greise. Schweigend durchlaS ihn dieser, und als er das Schreiben endlich stumm an seine Lippen chrückte, rollten Thränen über seine gefurchten Wangen.
„Ich war Zeuge D-iner Verbannung, Alexei!" — sprach jetzt eine sanfte Stimme am Eingänge. — „Ich wollte auch Zeuge Deiner Befreiung sein."
„Mein Vater!" — schrie Fedor, nach der Thüre stürzend."
„Fürst Menschikow!" — rief der Alte voll Erstaunen, als der Fremde näher trat.
„Willst Du die dargebotene R'chte des Freundes nicht ergreifen?" —• fragte der Fürst mit schmerzlich- sanfter Stimme. — „Ich habe eâ nie übel mit Dir gemeint und — bin ja jetzt auch im Elend."
Schweigend legte der Alte seine Hand in die des Fürsten.