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Freiheit, Wahrheit und Recht! Materielles und geistiges Wohl deS deutschen Volkes!
Wiesbaden, 3 und L. April L8L8.
Das bisherige Abonnement auf die Nassauische Zeitung, in Wiesbaden vierteljährig fl. 1. 43 kr., wird nicht erhöht. Abonnenten, welche mit dem L April eintreten, erhalten, soweit der Vorrath reicht, unentg eidlich i. Nummern 1 —17. Man abonnirt in Wiesbaden in der Expedition am Lriedt'ichsplotz; im Herzogthum, sowie in ganz Deutschland, nehm n alle Postanstalten Abonnements an mit v erh ältn ißm ä ß ig er Preiserhöhung. Inserate werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petit-Zeile berechnet.
Die Nassauische Zeitung wird von heute an schon für den Datum des folgenden Tags Mittags vorher ausgegeben, wodurch es uns möglich ist, jedesmal die neuesten Ereignisse, wie solche in Frankfurt stattfinden, bringen zu können.
Die Redaction.
Deutsch land.
9 Die Vorberathungeu über das deutsche Parlament.
Frankfurt, 2. April.
Sie haben gewiß schon seit zwei Tagen Nachrichten von mir über den Stand der hiesigen Angelegenheiten erwartet, aber vergeblich. Es war mir und gewiß jedem Anderen, welcher die Publicistik nicht als unem- bchrlichen Gewerbszweig betreibt, rein unmöglich unter der Wucht dieser rauschenden und überwältigenden Ein-' drücke jene Stimmung der Sammlung und der Ruhe zu finden, welche doch zu einer Berichterstattung crsor-' derlich ist.
Ich will daher nun in raschen übersichtlichen Skizzen das Versäumte nachholen. Zudem ich zu die,er Arbeit eine Zeit wähle, welche mich von der Pflicht der Theilnahme an den öffentlichen Verhandlung-u au, einige Stunden entbindet. Um die Mittagszeit des 30. März langten wir hier an; die alte freie Reichsstadt, in thrèm sonstigen gewöhnlich sehr nüchternen Gepräge, ihrem blos auf Handel und Verkehr gerichteten öffentlichen Vebea, war kaum wieder zu erkennen. Alle Häuseb waren mit der deutschen Fahne geschmückt, mit Fichtenkränzen verziert und dre W.m- peln der Frankfurter Stadtfarben heflaggt. Sw trugen sonstige Embleme, welche auf die deutsche Bewegung Bezug hatten, und überall waren bereits Handwerker aller Art beschäftigt, um die Apparate zu der beabsichtigten großartigen Beleuchtung anzubringen, llnd nun dies Gewoae von Menschen aus allen Gauen Deutschlands, alle geschmückt mit dem Symbole der deutichen Einheit, der schwarz-roth-goldencn Eocarde, an welcher sich nur hin und wieder die schleifen der speciellen Landesfarben verstohlen blicken ließen, wie dies namentlich bei unserem Stamme, den Nassauern, der Fall war. Die Celebritäten, welche zu der Vcr,amm- lung erwartet wurden, wie Uhland, Jordan, Welcker u. s. w., waren bereits eingetroffen und in erhebend feierlicher Weise empfangen worden. Trotz der großen Anzahl der hier anwesenden Leute aus den unteren Volksklaffen waren Erceffe nicht vorgekommen. _ Nur höre ich, daß dem preußischen Bundestagsgestandten Grafen Dönhof die Fenster zertrümmert worden sind. Man beklagt diesen Vorfall in Frankfurt, da der Be
troffene persönlich hier beliebt ist, und die Krankheit seiner Frau (einer Wöchnerin) den Act als brutal erscheinen läßt. Leider ist es aber in solchen Zeiten der politischen Leidenschaften und Aufregungen nicht anders, als daß zuweilen eine unschuldige Persönlichkeit den Haß gegen das Princip entgelten muß, für dessen Vertreter man sie ansieht.
Am 30. März fand sich Nachmittags in dem Wei- denbusch eine sehr große Versammlung zusammen, welche alsbald, unter dem Vorsitze des Herrn Professor Voigt von Gießen, eine politische Erörterung über Re obschwebende Regelung der gesammien deutschen Angelegenheiten eröffnet. Der sehr geräumige Saal war gedrängt voll. Die Versammlung bestand großentheils aus Männern, welche zu der Versammlung zur Berathung der deutschen Natipnalvertretung berufen waren, ebenso aber auch aus solchen, welche die Theilnahme an unserer politischen, Zukunft aus allen Gauen des Vaterlandes hierher gerufen hatte. Zu der Mitte des Saales war eine Tribüne hergerichtet, über welche das deutsche Banner wehte. Herr Stedmann aus Coblenz trug den Entwurf,der Siebener-Commission vor, welcher bekanntlich im Wesentlichen auf Orgaui- sirung eines deutschen Parlaments mit 1) einem wählbaren Oberhaupt, 2) einem Oberhaus, welches von den einzelnen deutschen Staaten als solchem beschickt wird, und 3) einem aus ganz Deutschland nach dem Maßstab der Seelenzahl freigewählten Unterhaus hinausläuft, und drr gegenwqrtjg zusammengetretenen Versammlung den Bern' -uweist, die Einberufenen 'jener Nationalversammlung unter Mitwirkung des Bundestags binnen vier Wochen 311 bewerkstelligen. Es wurde versichert, daß man bereits Seitens der Bundesversammlung vertrauliche Mittheilungen erhalten habe, wonach dieselbe zur Realisirung jenes Planes die Hand bieten wolle. Der letztere Punkt war es, welcher zu einem schroffen Entgegentreten und einem heftigen Kainps zwischen den divergirenden Richtungen führte. Man wieß die Mitwirkung des Bundestags entschieden zurück. Herr Bürgermeister Winter aus Heidelberg erklärte, man habe ihm gesagt, der Bundestag sei todt und begraben und fragte, warum man die Vertreter der deutschen Nation zwingen wolle, Wiederbelebungsversuche an dieser Leiche anzustellen. Dies führte zu ‘ einer entschiedenen Erörterung der Frage: Ob Republik oder Monarchie für Deutschland?
Für jene traten die Herren Hecker, Struve und Hoff aus Mannheim in die Schranken; namentlich der Erstere mit hinreißendem Feuer und schwunghafter Beredsamkeit. Sie charakterisirten alle Nachtbeile des monarchischen Systems, und ließen dabei keinerlei Waffen unbenutzt, welche ihnen die traurigen Erfahrungen unserer 33jährigen Vergangenheit und die politischen Täuschungen der Julidinastie in Frankreich nur zu bie
ten vermochten, während sie auf der andern Seite die Republik als ein glänzendes Ideal vorhielten und ausführten, daß eine republikanisch - förderative Verfassung nach dem Muster der nordamerikanischen Union, die den germanischen Grundlagen und den gegenwärtigen Zeilverhältnissen einzig entsprechende Staatssorm sei, und daß nur durch deren sofortige Proklamation auf der einen Seite der Reaktion und auf der andern Seite einer nochmaligen blutgedrängten Revolution vor* gebeugt werden könne.
Ihnen gegenüber traten Redner aus allen Gauen Deutschlands für das constilutionell-monarchische Prinzip und seiner konsequentesten Durchführung auf. Man erklärte, daß man mit demokratischen Grundlagen unter monarchischer Form und mit demokratischer Organi« sation der deutschen Nationalvertretung materiell ganz dasselbe Ziel erreichen könne, welches man auch durch das im klebrigen so gefährliche und bedenkliche Element, sofort eine deutsche Förderaliv-Republik zu proklamiren, anbahnen wolle: der oberste demokratische Grundsatz sei der, daß die Majorität entscheide, die Majorität des deutschen Volkes aber sei entschieden gegen eine Republik und cs sei daher eine grobe Verletzung des obersten demokratischen Grundsatzes, wenn man von einem Winkel Deutschlands aus den übrigen deutschen Staaten die Republik auf den Spitzen der Bajonette entgegenbringen und so die deutsche Einheit gefährden wolle in einem Augenblick, wo dieselbe durch die Lage der inneren und der äußeren Verhältnisse Deutschlands nöthiger sei, als jemals. Die unzweifelhafte Mehrzahl bei und man schien sich in Uebereinstimmung mit dem Resumö des Präsidenten dahin zu vereinbaren, daß die gegenwärtig zusammengetretene Versammlung vor Allem für den schleunigen Zusammentritt eines frei- gewählten deutschen Parlaments zu wirken und diesem, als einer cnnstituwenden Versammlung die Entschei- dung über die künftige Staatsform zu überlassen habe.
An demselben Tage fand eine gleiche Versammlung und Besprechung in dem Wolfs eck Statt, welche ein ähnliches Ergebniß hatte, und in welcher namentlich die Herren Franz Raveaur aus Cöln und Robert Blum aus Leipzig gegen die Republik und für die constitutonclle Monarchie aber für die letztere in ihrer konsequentesten Durchführung auftraten.
Ich habe eine Erwähnung und Schilderung dieser Erörterung für zweckmäßig gehalten, weil dieselben ein anschauliches Bild über den Stand der Parteien geben und die beste Vorhalle zu den officiellen Debatten in der Paulskirche bilden.
Diese letztere trat am 31. Morgens zusammen, nachdem sie vorher in einer vorberatbenben Sitzung in dein Kaisersaal des Römers ihre Vorsitzenden und Schriftführer gewählt hatte. Die bisherigen Resultate
Die Verbannten.
Novelle von C. v. Wachsmuth.
(Fortsetzung.)
„Es scheint sich zu nähern, meinst Du nicht auch?" -1- fragte Alexei den Jüngling.
„Allerdings ist dieß der Fall!" — erwiederte Fedor mit besorgtem Blicke. — „Können wir aber nur noch eine halbe Stunde Zeit gewinnen, so haben wir den Eiöwall erreicht; den gewältigt eö nicht, denn die schollen sitzen auf dem Grunde auf."
Fedor'ö Hoffnungen schienen sich indeß nicht zu bestätigen. Nicht nur daß das Krachen sich so vervielfäl tigte, daß eö dem Getöse einer entfernten Schlacht glich, sondern eö war dessen Annäherung gar nicht mehr zn bezweifeln. Mitten unter fortwährendem Prasseln folgte ein einzelner Knall von der Stärke eines Kanonenschusses, und noch während dieser über die Fläche herüber- köbte, vermehrte sich das Geprassel auf eine Entsetzen erregende Art. Endlich nahm eö auf eine solche Weise zu, daß es fast die Stimmen der Reisenden übertönte.
Pfeilschnell jagten indessen die Schlitten über das Eiö. Mit aller Anstrengung, deren ihr Körper nur fähig war, arbeiteten die Hunde, um den sich immer mehr nähernden Eisgürtel, der ihnen eine sichere Zuflucht versprach , zu erreichen. Schon lag er in der Entfernung einer Werste vor ihnen. Keuchend, mit lechzender Zunge und dennoch immer von FedorS oder Alexeis Zuruf bestürmt, eilten die Thiere auf ihn zu — auf einmal er
tönte dicht zur Seite der Reisenden ein ungeheurer Knall dem sogleich zwei schwächere, und ein lang anhaltendes Prasseln folgte. — Die Hunde standen wie eingemauert. — „Vorwärts! — jetzt gilt's! jetzt oder nie!" — ries Fedor wie außer sich. — „Nur mit Gottes Hülfe können wir noch das Land erreichen! — Haltet Euch dicht an mich, Alexei! zwanzig Arjchiuen von Euch ist daö Eis geborsten."
Jetzt begann ein Wettlauf der Schlitten, wie er bis dahin noch nicht stattgelunden. In Bogensätzen und in Gefahr, jeden Augenblick umzustürzen, eilten die leichten zerbrechlichen Fahrzeuge vorwärts, während rechts und links unter dem entsetzlichsten Krachen Wolken von Schnee, dnrch die Explosion der Eisdecke emporgeschleudert, in die Höhe wirbelten und auf einen Augenblick den Reisenden jede Aussicht verwehrten. Nur noch wenige hundert Schritte lag der Eisgürtel entfernt. Zwei Minuten wären völlig hinreichend gewesen, ihn zu erreichen. Aber auf einmal standen die Schlitten wie un- beweglich. Alexei bestrebte sich, die Hunde vorwärts zu treiben. . ■ re w
Um Gottes willen haltet! Ihr rennt in Euer Verderben!" - schrie Fedor, indem er wie rasend aus dem Schlitten sprang und zuerst die geisterbleiche Marie, dann den Alten aus den ihrigen r,ß.
„Sage, was hast Du?" — rief Alex«.
„2Sk könne« das User erreichen!" — setzte das Mädchen hinzu.
„Nimmermehr mit den Schlitte»!" —- antwortete der Jünglivg, indem er alles Gepäck aus den letztere» «r-
raffte und auf einen Haufen warf. — „Seht Ihr denn nicht, wir treiben."
Daö Schwanken des Bodens unter ihren Füßen überzeugte dte Gefährten nur zu bald von Fedorü Behauptung, und eS bedurfte nur eines Blickeâ, um zu sehen, wie die Eisfläche bis zum Uferwalle in eine unendliche Menge Schollen von mehr oder minderer Größe gespalten war. Alle schwankten von den Wogen bewegt, doch waren die Well n nicht heftig genung, um die Schollen übereinander zu stürzen.
Die vorhandene Gefahr machte auf die UnglückSge- fähiten, je nach der Verschiedenheit ihrer Charaktere, einen verschiedenen Eindruck: Marie war, kaum ihrer Sinne mächtig, auf das Gepäck daniedergesunken. Der alte Alexei starrte in Verzweiflung sprachlos vor sich hin und klagte endlich, als er Worte sand, sich als den Urheber des durch seine Hartnäckigkeit herbeigeführten Unglücks an. Fedor allein schien ruhig und besonnen. Von einem Schlitten zum andern eilend, kuppelte er die Hunde auS den Geschirren loS; um jedoch ihr Herumschweifen zu vermeiden, band er sie an einen der Schlitten, die er zu dem Gepäcke geschoben hatte, fest. Ein frischer Wind, der jedoch nur auf Augenblicke ein Sturm genannt werden konnte, trieb die Schollen fortwährend durch einander. Leider hatte sich der Strich desselben geändert, er kam vom Lande und daS Netz schwarzer Spalten, daâ die letzteren trennte und die dunkle Wasserfläche sehen ließ, fieng immer «ehr und mehr a» sich auozudehmn.
„Kein verzweifelndes Klage»!" — rief jetzt Fedor
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