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Nassauische Zeitung.

Freiheit, Wahrheit und Recht!

Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!

Wiesbaden, 3L. März IMS*

Das bisherige Abonnement auf die Nassauische Zeitung, in Wiesbaden vierteljährig fl. 1 43 kr., wird nicht erhöht. Abonnenten, welche mit dem 1. April cintreten, erhalten, soweit der Vorrath reicht, unentgeldlich die Nummern 117. Man abonnirt in Wiesbaden in ter Expedition am Fxiedxichsplntz; im Herzogthum, sowie in ganz Deutschland, nehmen alle Postanstalten Abonnements an mit verhaltn mäßiger Preis­erhöhung. Inserate werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petit-Zeile berechnet.

An unsere Leser.

Der mächtige Andrang des politischen Stoffes zwingt uns, das Format unserer Zeitung zu vergrößern und unser Beiblatt für Unterhaltung und Literatur in die engeren Grenzen eines Feuilletons zurückzuführen, welches nur dann erscheinen wird, wenn es das politische Material gestattet.

Wir leben in einer furchtbar ernsten Zeit. Wenn diese Zeilen die Presse verlassen, werden in Frankfurt die Würfel fallen über die Geschicke unseres Gesammtvaterlandes, werden wahrschein­lich schon an der Ostgrenze Deutschlands die ersten Schüsse knallen, welche das Signal geben zu einem Krieg gegen Rußland, einem Krieg, der entsetzlich blutig sein wird, weil er ein Krieg der Principien und ein Krieg der Nationen zu gleicher Zeit und beides in höchster Potenz ist.

In so ernster Zeit gilt es, sein Ziel scharf in die Augen zu fassen. Unser Ziel ist: De- mocratische Grundlagen mit monar­chischer Form für alle deutschen Staa­ten und eine Föderativ - V erfassung (nach Nordamerischem Muster) für ganz D e;u U4ü au> Nur unter diesem Bgè ner kann uns Heil erwachsen und wir gedenken es zu tragen, mitten durch die wilden Wogen unserer gährenden Zeit, mit fester und uner­schrockener Hand.

Diese organische Mitte, welche sich auf den Kern der Sache stützt, werden wir einhalten und den sich in den Extremen bewegenden Aben­teuerlichkeiten ernst entgegentreten.

Was die Kräfte unseres Blattes anlangt, so zeigen dessen bisherigen Nummern, daß es ihm an geistiger Regsamkeit nicht fehlt. Die meisten unserer leitenden Artikel rühren von einer in Nassau bekannten publicistischen Feder her, bei welcher sich Gewandtheit der Darstellung mit Gesinnungstüchtigkeit vereinigen. Für eine schnelle und übersichtliche Darstellung der neuesten Er­eignisse wird stets Sorge getragen werden, und das Feuilleton wird Gedichte, Novellen und Kri­

tiken bringen, in welchen ebenfalls derselbe mäch­tige Puls unserer großen Zeit schlägt, welcher auch für das politische Blatt die Norm gibt.

Die Redaction.

JI e u L s ch L a p d.

Rede, auf dem Paderborner Domplatze bei dem Feftzuge am 23. März gehalten, von Franz Löhr.

Mitbürger I

Noch keiner von und hat einen Tag erlebt, wie der heutige ist. Ja, seit Karl der Große über diese Stelle ging, um den Grundstein zu unserem Dome zu legen, war nicht ein solcher Tag; überall Jubel, überall Hoch­gefühl, überall wehende Flaggen und schwarz-roth-goldne Fahnen. Deutschland! Vaterland! Freiheit! diese erhabenen, diese heiligen, diese innigen Worte klingen und leben in unseren Herzen! Es ist ein neues, ein unge­wohntes Gefühl, aber es ist heilig und stark, wie ange­boren, weil es ein echt menschliches, ein männliches Ge­fühl ist. Wir haben wieder ein Vaterland, das große, das freie, einige Deutschland ist eS! Eine neue Zeit be­ginnt, und die alte liegt hinter und wie eine dumpfe Schwüle. Aber diese neue Zeit ist auch furchtbar ernst. Fassen wir klar und entschieden die Gegenwart aus, da­mit wir wissen unsern Platz darin einzunchmen; wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Ungeheure Ereig­nisse stürmten in wenigen Tagen über uns hin, sie kön­nen noch ungeheurer werden: denn es geht ein tiefes, gewaltiges Ringen und Kreisen durch alle Schichten der Gesellschaft. Wer die Geschichte kennt, muß in unserer Zeit eine schlagende Aehnlichkeit mit der Zeit der Refor­mation finden. Es wallt und gährt in allem Volke; etwas Unerhörtes, Gewalt ames scheint heraussteigen zu wollen. Sehen wir ihm ruhig, aber entschlossen entge­gen. Das Gefühl, welches jetzt uns belebt, soll und kann und durch alle Stürme führen. Zwei Worte drücken es aus, was wir jetzt wollen und müssen: Vaterland und Freiheit!

Vaterland! O Wort voll macht und Liebe! Alle Deutschen werden ein einziges großes Volk, sie schaffen sich ein vernünftiges einiges Recht, sie schaffen sich ein Volksheer und eine Flotte. Die Trennung und Zwie­spalte, welche so vieler Fürstenherrschasten wegen durch Deutschland gingen, hören auf; aber es müssen auch die Abneigungen verschwinden, welche zwischen den Bürgern verschiedener Religionen, oder zwischen Preußen und Oesterreichern, zwischen Nord- und Süd-Deutschen be­standen. Noch Vieles muß geschehen, noch Vieles geopfert werden, ehe sich ein festes, prachtvolles StaatSgebäude für unser ganzes deutsches Vaterland erhebt. Glauben

wir nicht, daß ein so großes so vielfach zusammengesetztes Volk, wie die Deutschen sind, durch eine plötzliche Be­geisterung gleich ein einiges Staatswesen aufbauen könnte. Dazu gehört ernster Wille und dauerndes männliches Wirken. Es drohen genug innere und äußere Feinde; von den innern sind die schädlichsten die Thcilnahmlosen, die Schwächlinge und Witzlinge; die äußeren Feinde ken­nen wir: der schlimmste ist jener geringe Wolf, der aus unserer östlichen Gränze lauert, der russische Freiheitsschän­der. Aber wir find seiner und aller Feinde Herr, wenn wir einzig das und vorleuchten lassen: Deutschland frei und groß durch sich selbst. DaS ist die herr­lichste Feier dieser schönen Stunve, wenn sie und den unerschütterlichen Willen in die Seele drängt, Alles zu thun und zu leiden, und nicht zu rasten und nicht zu verzagen, bis unser deutsches Vaterland eine Gestalt erhalten Hai, welche seiner Größe und Einheit geziemt. Wir werden das schaffen , wenn wir ed ernstlich wollen. Und will der Deutsche einmal ernstlich, dann geschieht es auch, dann ist er unwiderstehlich. DaS haben uns die Berliner gezeigt, die wissen nicht bloß zu lachen, sie schlagen sich auch vortrefflich. Ehre diesen hcldenmüthigcn Brüdern! Haben wir und aber einen Staat, welcher unseres großen Vaterlandes würdig ist, wieder aufgebaut, so ist das deutsche Volk wieder das erste und gebietende unter den Völkern der Erde, wie eS das die acht Jahrhunderte des Mittelalters gewesen ist, bis zu jenen unseligen dreißig KriegSjahren, in welchen die Zwietracht unser Vaterland zerfleischte und cd in eine Ohnmacht und Zerrissenheit stürzte, auö der es jetzt sich mit unendlich gestärkter Kraft erhebt. Deutschland birgt in der That unendliche Kräfte in sich. Wer mehrere Völker selbst gesehen, t^ tyfe W®n$sF^ hat, der muß anerkennen: unter dem deutschei-^ffoforrist unter allen Völkern am meisten Stärke, schWlck (t^raft und Redlichkeit. DaS deutsche Volk geht 9oft großarti­gen Geschicken entgegen. Darum hoi^".nein deut­sches Vaterland!

Das andere stolze Wort dieser Stunde ist Freiheit! Die Zeit deS freien BürgerthumS hat ihren Anfang ge­nommen, und sie wird reiche Segnungen über die Deut­schen ausgießen. Jeder muß es erkennen, Jeder muß eS fühlen, daß von nun an der Bürger herrscht; es ist eine Umwendung des Staatswesens eingetreten. Der Bürger spricht offen seinen Willen aus für daS, was er als recht und heilsam erkennt, der Bürger vertheidigt selbst sein Vaterland und seinen Heerd gegen alle Feinde. Zeigen wir jetzt wahre Bürgerehre! Verschaffen wir und die Einsicht, wie daS, was als unser Wille und vor- schwebt, aus dem Wege deS Rechts und der Ordnung zu erreichen! Haben wir den Muth, diesen Weg mit aller Entschiedenheit zu verfolgen! Noch ist Alles im Werden, noch haben wir nur Zusicherungen: darum, wenn wir das Errungene begrüßen, so müssen wir auch auf der

Die Verbannten.

Novelle von C. v. Wachsmuth.

(Fortsetzung.)

Die Nacht war hell, obwohl kein Mondschein sie er­leuchtete; denn ein Nordlicht, dessen Strahlen in vie­len, vom hellsten Weiß bis in daS dunkelste Roth wech­selnden Reflexen daherschießend, sich hehr und herrlich verbreiteten, verjagte die Schatten und erlaubte die klein­sten Gegenstände in der schweigenden Gegend zu erken­nen. Endlich lag die Küste des Eismeeres vor den Bli­cken der Reisenden. Der ungeheure vom Schnee be­deckte Spiegel deö Polar- Oceans stellte sich unstreitig schon in der Ferne ihren Augen so eigenthümlich _ald großartig dar, aber dieser Anblick war nichts im Ver­gleich mit dem, der sich ihnen unmittelbar an der Küste darbot. Mächtige Eisblöcke, aus Norden herangetrieben und durch den Sturm an die Küste geschleudert, form­ten hier einen, bis in unabsehbare Ferne, längs des Ufers fortlaufenden häuserhohen und fast eine Viertel­meile breitest Wall, der, in der Nähe gesehen, einem Chaos übereinandergesturzter Felsen, in der Ferne aber einer furchtbaren Masse mitten im entsetzlichsten Aufruhr plötzlich erstarrter Wogen glich. Die mächtigen Massen grünlichen Eises, in denen sich die zuckenden Strahlen des unaufhörlich seine Farben wechselnde» Nordlichts ma­gisch und seltsam spiegelten, waren wie Berge überein* andergcthürmt, und nur hie und da schien eine dunkle, sich" durch den EiSwall ziehende Schlucht die Möglichkeit eines Durchganges zu der unermeßlichen ebenen Fläche,

durch bewegliche Massen farbigen Lichts, welches bald glänzende Kreise, bald unbestimmte Figuren bildete, während im Zenikh glänzende Sterne über den Häup­tern der Reisenden, und dem dunkeln Himmelsgewölbe herabstrahlten.

So hatte die Gesellscha t endlich eine Anzahl Wer­ften zurückgelegt, und der Tag brach an. Oftmals er­hob sich Fedor im Schlitten und, indem er den Lauf der Hunde mäßigte, winkte er den alten Alexei heran.

Könnt Ihr den dunklen Streif dort am Horizont erblicken?" fragte der Jüngling.

Meine alten Augen tragen nicht so weit!" er­wiederte der Greis, nachdem er sich vergeblich ange­strengt.Sollte cd wohl" . . .

ES ist das offene Meer!" fiel der junge Mann mit Zuversicht im Tone ein.Die Entfernung ist etwa 12 bis 15 Wersten, wenn mich der Frostnebel nicht täuscht."

In zwei Stunden sind wir dort!" rief Vater Alexei munter.Darum vorwärts, laßt uns nicht Zeit verlieren."

Ich meß nicht" sagte der Jüngling, indeß sein Blick mit einer gewisse» Unruhe auf Marien fiel, de­ren Schlitten auf der andern Seite über den knirschen­den Schnee dahinglittich weiß nicht Väterchen, ob wir wohl thun, unsere Fahrt so sehr zu beeile». Der Wasserstreifen dort am Horizonte ist mir nicht dun­kel genug."

Possen!" rief der Alte.UebrigenS, wenn dem so wäre, was hätte eS mit unserm Vorhaben zu thun?4

die sich in der nächtlichen Ferne verlor, zur Wahrschein­lichkeit zu erheben. Auf wenige Augenblicke hielt jetzt Fedor durch Zuruf die Hunde seines Schlittens an. Der Zug war eben auf einem kleinen Hügel am Meeresufer angekommcn. Sorgsam spähte der Jüngling nach allen Seiten, um in der Masse übereinaiidergestürzter Eis­berge diejenigen der dunklen Schluchten, die wie Stra­ßen einer ungeheuren, im Erdbeben zu Grunde gegan­genen Stadt das Chaos durchzogen, herauszufinden, die zur Erlangung deS Ziels der Reise die geeignetste zu sein schien. Nur kurze Zeit verweilte indeß der Zug unserer Reisenden auf diesem Punkte. Bald bestiegen sie die bereitstchcnden Fahrzeuge; auf Fedors Zuruf setz­ten sich die muntern Thiere, die die Schlitten zogen, in Bewegung, und in wenig Augenblicken verschwand die Reisegesellschaft in einem der so eigenthümlichen als sel­tenen Hohlwege.

So geübt auch der Jüngling als Führer des ersten Schlittens zu sein schien, so bedurfte cd doch der An­wendung der größten Vorsicht, auf dem unebnen, hie und da sehr dunklen und durch Krümmungen und Engen sehr beschwerlichen Wege. Nur mit Mühe sonnst tim Umstürze der Schlitten vorgebeugt werden, und erst nach Verlauf einiger Zeit, während Fedor w-ederholt und be­ängstigt nach Marien umgeblickt hatte, befand sich der Eiowall im Rücken der Reisenden. Jetzt dehnte sich die unermeßliche Schncefläche, aud der nur hie und da einige Eiömassen wie kleine Inseln hervorragten, vor der Ge- scllschaft aud. Hell und Hehr prahlte fortwährend daS schöne Nordlicht herab. Der Horizont war erleuchtet!