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Die Ähnlichkeit mit den Freiheitskriegen ist auffal­lend, und selbst bei denen die nicht gewohnt sind sich auf solche Standpunkte der Ueberschau zu stellen, macht sie sich unbewußt darin geltend, daß die Ausdrücke deö Lobes und der Anerken­nung, womit die Gefallenen geehrt werden, ganz dieselben wie nach jenen Kriegen sind. Auf den Fahnen, in den Proclama- tionen, Zeitungen und Gedichten nennt man sie Freiheits­kämpfer und Vaterlandsvertheidiger. Letzteres scheint wunderlich wen» man es nicht daraus erklärt, daß daö Volk ein Gefühl von jener Aenlichkeit hat.

Wie damals, wurde auch jetzt in den Märztagen nicht un­mittelbar für die politische Freiheit gekämpft. , Kein konstitutio­nelles Recht, wie in Frankreich, war zu erkämpfen oder zu vertheidigen. Beide Male griff der Bürger gegen die Unter­drückung ganz im Allgemeinen zu den Waffen; damals gegen die des fremden Feindes, setzt gegen die deS innern. Damals stand die beleidigte Nationalität auf, jetzt das belei­digte Bürgerthum; die Berliner Revolution ist, wir dür­fen das bittre Wort" nicht scheuen, ein Bürgerkrieg, kein einfach politischer Kampf gewesen. Die Wirkungen sind aber beide Male über den ersten Horizont hinausgegangen. Der politische Zustand war damals mit der Franzosenhcrrschaft, und gegen­wärtig mit dem Militärsystem, so innerlich verwachsen, daß dessen Sturz die Wirkungen einer politischen Revolution hatte. Heute ist das Volk durch die Bürgerbewaffnung ebenso gehoben und gestiegen, wie damals durch die allge­meine Wehrverfassung, welche erst von einer dreißigjähri­gen Reaction in das Gegentheil ihres ursprünglichen Zwecks verkehrt wurde.

Und dieser Vergleich giebt auch, so scheint uns, daS Lo­sungswort deö Räthsels über die gegenwärtige Stellung des Königs, gegenüber dem Militär, gegenüber der Revolution und den vollendeten Thatsachen. Welche Stellung, welche Widersprüche! DasGesindel," die Rebellen, deren Emeute durchaus unterdrückt werden mußte, werden öffentlich als Hel­den und Märtyrer der Sache proclamirt, an deren Spitze man den König glaubt und begrüßt. Prinz Kârl theilt an * die Rebellen seine Jagdgewehre, Prinz Albrecht seinen Wein auö, der König endlich belobt die Bürgergarden, dieselben Leute die seine Truppen niederschossen, wegen ihres herrlichen Beneh­mens. Und das Militär, die Garde vor Allen? Sie äußert sich, vom Ofsicier bis zum Gemeinen, erbittert und feindlich gegen den König, dem sie die speziellste Treue ge­schworen hat. Die Stellung des Königs ist nur zu verglei­chen mit der Lage im Anfang der Freiheitskriege, wo Schill

ein Freiheitskämpfer und Rebell war, wo später der König die Freischaaren, die sich in Breslau sammelten, formell alö Re­bellen gegen seine Verbündeten betrachten mußte, während sie in der That seine Retter waren.

Ja, daö Militärsystem war ein Verbündeter deö politischen Systems; nach der inneren Emancipation, nach dem politischen Umschwung ist diese Despotie, welche formell noch besteht, ebenso unmöglich geworden, wie damals die Fran­zosenherrschaft. Wir wollen es hoffen, daß der Bürgerkrieg nicht weiter zuckt, obwohl die Erbitterung der Truppen, die ihre Ehre gekränkt glauben, die bisher Alles waren und setzt nachdem sie die treusten Dienste geleistet haben, in der That und Wahrheit vom Könige vollständig anfgegeben werden, der sich dem Schutze der unter seinen Augen und von ihm selbst gepriesenenFreiheitskämpfer" anvertraut.

In Berlin, wo am vierten Tage noch immer an den lebhaftesten Passagen das Straßenpflaster und die Ueberbrü- ckungen nicht wieder hergestellt sind, als wenn es gar keine Polizei und keine öffentliche Gewalt mehr gäbe, wo durchaus die Stimmung einer friedlichen Anarchie herrscht, muß bei der Betrachtung dieser sorglosen Indolenz, die ihren Sieg nicht be­nützt, ein letzter Vergleich drohend aufsteigen. In Berlin sind keine Führer, ist keine organisirte Partei im Volke. Im Mi­nisterium sind keineswegs die entschiedenen Männer, die Noth thäten, und so scheint es möglich, daß auch diesmal die Früchte des Freihertökampses zurückbleiben werden hinter den Erwar­tungen, zu denen der bewirkte augenblickliche Umschwung be­rechtigen kann.

Indeß, wir fürchten nicht so ernstlich. Je weniger das Ministerium sich energisch an die Spitze der Bewegung stellt, desto mehr wird es Einzelne locken, sich zu Führern aufzuwer­fen und nach dem zu greifen, was setzt so wohlfeil zu erlan­gen ist. Wir haben auch noch die zuströmende frische Luft aus den Provinzen zu erwarten, wir sehen einem Landtag ent­gegen, der unter den Augen eines von Polizei-Gendarmen und Censur befreiten Volkes eine ganz andere Sprache führen wird als vorher. Und endlich: nachdemPreußens Aufge­hen in Deutschland" proklamirt ist, wird es sich von selbst verstehen, daß das äußerst dürftige Ministerprogramm durch alle in den übrigen deutschen Staaten bewilligten Rechte und begonnene Organisation vervolläständigt werden muß.

(Wes. Ztg.)

Druck und Verlag von Wilhelm Friedrich am Friedrichöplatz. Verantwortlicher Redacteur: Wilhelm Friedrich.