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„Wie trägt Menschikow sein Unglück?" — fragte er endlich nach langer Pause.
„Mit aller Seelengröße, die ihm eigen ist!" — erwiederte mit Wärme der junge Mann. „Freundlich und mild gegen Jeden, der sich ihm nähert, vergibt er doch nichts dem hohen Range, den er einst bekleidete. Angebetet von seiner Familie, von den Treuen, die ihm ins Unglück gefolgt, ist er selbst denen, die ihn haßten, ohne ihn zu kennen, ein Gegenstand der Achtung geworden. — Aber ihr scheint Euch deö Fürsten aus früheren Zeiten zu erinnern. Kennt ihr ihn von Person?"
„Ich habe ihn ein- oder zweimal gesehen!" — erwiederte Alexei, mit einer Miene, welche andeutete, daß er sich nur ungern in nähere Auseinandersetzungen Einlässen würde. — „Was geht uns übrigens das Geschick der Fürsten und ihrer Günstlinge an?!" — schloß er mit bitterm Lächeln. — „Waö hat der Pelzjäger Fedor Glebow oder der alte Fischer Alexei Stepanow mit der Welt und ihrem Getreide zu thun? Wir, die Bewohner der endlosen, unfruchtbaren Wüste, die Nachbaren des Eismeeres, sind wie der Staub am Fuße der Gewaltigen."
„Wollte Gott," — sagte der Jüngling mit einem Seufzer, und nachdem er den Blick unvermerkt auf Marien Hin- gleiten lassen — „wollte Gott, daß ich in dem Maaße, wie Ihr sagt, dem Treiben der Außenwelt fern bleiben, oder Alles, was meinem Herzen theuer, mit mir nehmen könnte. Leider ist dieß nicht der Fall, und ich werde, ich fühle es nur zu gut, vor den Thüren jener Großen der Erde, mit denen wir, wie Ihr behauptet, nichts zu schaffen hätten, und die ich leider als ein Bittender aufsuchen muß, die Blicke im Geiste nach den Ufern deö Ob richten, die Ihr als eine so heillose Wüste schildert, und an denen in mehr als einer Beziehung mein Herz hängt. Wollte Gott," — schloß Fedor, und eine Thräne trat ihm in's Auge ■— „ich könnte meinem Vater eine frohe Botschaft von Petersburg nach Beresow zurückbringen; die Tausende von Wersten, die dieser Raum in sich begreift, würden als eine kleine Strecke mir erscheinen."
„Ja, Du bist ein guter Mensch, Fedor!" — sprach der Greis, indem ihm das Herz mehr als gewöhnlich aufzugehen schien. — „Du bist ein guter Sohn, und eiu solcher ist auch immer ein guter Mensch. Und habe ich es etwa nicht auch schon durch die That erfahren?" — setzte er freundlich hinzu, indem er des Jünglings Hand faßte. — „Vor einem Jahre, als mich das Fieber wochenlang an dies elende Lager fesselte, pflegtest Du nicht den alten Mann, den Du nur durch Zn- fall auf der Jagd an den Ufern des Ob kennen gelernt? Brachtest Du nicht aus Berefow Arznei und Erquickungen aller Art, wie solche in diesen Einöden nur zu erlangen waren? — Und
alles dies thatest Du für einen unbekannte/lebensmüden Greis ohne irgend eine Aussicht auf Ersatz oder Vergeltung; keine Nebenrücksichten kannten Deine edlen Bestrebungen —"
„Laß es gut sein, Vater Alexei!" — unterbrach ihn der Jüngling erröthend, indem sein Blick wie unwillkürlich auf Marien fiel, die in ihrer Arbeit nur um so emsiger fortfuhr. — „Was ich für Euch gethan, war wenig, doch war das Wenige mit Freudigkeit und in redlicher Absicht geleistet. Aber eilen wir, unsere Schlitten und Schießgewehre für Morgen in Stand zu setzen, denn ehe die Sonne aufsteigt — und wie Ihr wißt, bleibt sie in dieser Jahreszeit ohnehin kaum einige Stunden über dem Horizonte — müssen wir an Ort und Stelle sein."
Der Nest deâ TageS, so wie der Abend verging in mannigfaltigen Gesprächen, die mehr oder minder sich auf den zu unternehmenden Jagdzug bezogen, und es wurden im Laufe des erstem noch drei Schlitten in Stand gesetzt, wie solche den Gegenden des östlichen Sibiriens angemessen und in ihrer Bauart überaus eigenthümlich sind. Alle drei hatten nämlich die Gestalt eben so vieler KanotS, die auf Kufen gestellt und deren hölzerne Gerippe mit Seehundshaut überzogen waren, ein Umstand, der ihnen eben so viel Leichtigkeit als SchuH gegen eindringende Feuchtigkeit verlieh.
Es war ungefähr zwei Stunden nach Mitternacht, als die Gesellschaft die so eben beschriebenen Schlitten bestieg, in welche zuerst ein Vorrath von Lebensmitteln auf ein bis zwei Tage, so wie der Bedarf an Munition und zwei Feuergewehre gepackt worden waren, die beide Fedor gehörten. Dieser trieb unaufhörlich zur Eile, da, wie er sagte, es nöthig sei, noch vor dem Emporsteigen der Sonne, die in so später Jahreszeit sich nur um Mittag wenige Grade über den Horizont erhob , sich an Ort und Stelle zu befinden. Der Jüngling eröffnete in einem von acht Hunden bespannten Schlitten den Zug, in dem zweiten folgte Marie, den dritten leitete Alexei. Rasch trabten die Thiere theils an den Ufern des Ob, theils auf dem Eisspiegel des Flusses vorwärts, und der Zug näherte sich immer mehr der Mündung des letzter». —
(Forts, folgt.)
Der Sturz des preußischen Militärsystems.
Berlin, 21. März. Vielleicht hilft ein Blick in die Vergangenheit uns, die geg nwärtigen Revolutionszustände in Berlin bestimmter in ihrem Wesen und ihrer Bedeutung zu erkennen und dadurch einige Einsicht in die Möglichkeit ihrer Fortentwicklung zu gewinnen.