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vurg oder Moskwa herrscht, ob Peter der Erste, der Zweite oder Anna. Und auch Rustland kann eS gleich sein," — setzte er mit einem bittern dumpfen Lachen hinzu — „denn Menschikow ist der eigentliche Kaiser."
„So wißt Ihr nicht," — sagte der junge Mann mit trüben Blicken — „daß der Fürst in Ungnade gefallen?"
Wie? was sagst Du?" — rief der Greiâ iu höchster Ueber- raschung aufspringend — „Menschikow in Ungnade?"
„Er und sein ganzes Haus!" — erwiederte Fedor mit einem Tone der Stimme, die wie vom Schmerz durchzittert tönte. — „Der Fürst lebt in Beresow in der Verbannung."
„Wirklich? — wirklich?" — rief der alte Alexei in wilder Freude. — „So ist der Emporkömmling, der stolz über die Häupter der Ersten seines Landes hinwegragte, der Sohn des Staubes, der sich stolz erhoben, wieder in den Staub gesunken, der ihn geboren? So ist der Mann, der, nicht zufrieden mit dem Glanze, den Ehren, womit Peter der Erste ihn überschüttet, Peter den Zweiten, den Czar Rußlands, zu seinem Eidam machen wollte, beraubt aller der erborgten Flittern, wieder unter die gemeine Menge aus der er aufgestiegen, zurückgestoßen worden? — Ha, Alexander Michailowitsch! hast Du jetzt auch erfahren, waS Fürstenguost bedeuten will?"
„Es scheint, Alexei Stepanow," — sprach Fedor nach einer Pause, in der eine Nöthe, gleich wie vom Zorne erzeugt, auf einen Augenblick sein schönes Antlitz überflogen hatte, — „eS scheint, als ob das Unglück eines Mannes, dem, wie auch leine Feinde über ihn uitheilen mögen, Verdienste und Größe der Seele nicht abgesprochen werden können, Euch Freude machte. Indeß," — setzte lächelnd nach einer Pause der Jüngling hinzu — „wenn wir auch über diesen Punkt ein wenig verschieden denken, wollen wir uns darüber nicht streiten; der Fürst hat durch viele Wohlthaten, die er geübt, sich so viele Undankbare erzeugt, daß er den Haß eines Mannes, der we- d^r Gutes noch Böses von ihm erfuhr, gar leicht ertragen kann."
„Ich hasse Menschikow nicht mehr!" — sagte der Greis; doch mehr diese Worte vor sich hin murmelnd als an den Jüngling richtend. — Ich glaube nicht, daß ich ihn hasse!" .— verbesserte er. — „Ja, damals, als er, der Snhn eines Leibeigenen, sich über bessere Männer erhaben glaubte, als der verschmitzte Günstling von Würde zu Würde stieg und vornehm oder gütig auf die herablächelte, über deren Häupter seine Bahn dahin ging, je nachdem es in seinen Kram getaugt, ja damals habe ich ihn gehaßt, doch jetzt, was sollte ich ihn hassen? — Jetzt," — er sagte dies mit wildem Lachen — „jetzt ist der Fürst Alexander Menschikow, der Her
zog von Jngermannland wieder, waS er gewesen, ein Bauer, der Sohn eines Bauern; jetzt ist Macht und Reichthum und Gunst dahin, nun gibtâ Nichts mehr an ihm zu hassen, nur zu verachten gibt eö noch."
„Ihr wißt nicht, waS Ihr redet, Alexander Stepanow!" rief der jnnge Mann, plötzlich aufspringend, indem er sein Auge wie drohend auf den Alten richtete. — „Der Fürst ist heute ein Unglücklicher, ein Verbannter, aber heute noch steht er zu hoch, alS daß selbst die, die ihn gestürzt, seine Verdienste mißkennen, daß Rußland ihn nicht dereinst unter seine großen Männer zählen sollte. Die Nachwelt, die hellersehende wird über ihn richten, wie über den, der ihn erhoben, und beiden Männern, die da», was sie waren, ganz aus sich selbst geworden, wird die gerechte Richterin mit Nichten den Kranz versagen. — O, Ihr solltet ihn sehen, den edlen Mann, so
groß im Glücke einst, so mild im Unglück jetzt! geht über seine Lippen; wie nachsichtig urtheilt die ihn gestürzt. Bedauert er etwas bei seinem eS der Umstand, daß er sich nicht mehr beeilt,
Keine Klage er über die, Falle, so ist das Unrecht,
daS Peter der Erste Manchem in Uebereilung zugefügt, aufs schleunigste nach dessen Tod wieder gut zu machen."
„Und woher weißt Du daS Alles, junger Mensch!" — sagte zweifelhaft und fast verächtlich der alte Mann.
„Der Fürst ist mittheilend gegen Jedermann, und darum gehen seine Aeußerungen von Mund zu Mund!" — entgegnete Fedor in einiger Verwirrung. — „So hat er noch vor kurzem an seinen Todfeind, den jetzt allmächtigen jungen Dol- gorucki sich gewendet, und diesem die Befreiung der von Peter dem Ersten verwiesenen Bojaren Gundonow, Schukin, Tscherkaski und Anderer ans Herz gelegt."
„Tscherkaöki, sagst Du? — sagtest Du nicht so, Fedor?" — sprach der Alte mit Aufmerksamkeit.
„Allerdings sagte ich so!" —• sagte der Jüngling unbefangen. — „Dem Bojaren Tscherkaöki soll, wie der Fürst versichert, vom hochseligen Czar, wegen nur geringer Uebereilnng und, obwohl er einst dem Monarchen wichtige Dienste geleistet, viel Unrecht widerfahren sein. Bald nach dem Tode des Czarö, so sagt der Fürst, habe er sich große Mühe gegeben, dem Bojaren die Zurückberufung zu erwirken, aber eine mächtige Partei, die die Vernichtung der Strelitzen, bei welcher Tscherkaöki thätig gewesen, nicht vergessen können, haben sich widersetzt."
Die Rede deS Jünglings schien auf Alexei den tiefsten Eindruck zu machen. Still sinnend sah er vor sich hin, nachdem er sich mehrere mal wie unbewußt mit der flachen Hand über die Stwn gefahren. Bilder lang verflossener Vergangenheit schienen ihm durch die Seele zu ziehen;