Nr 1«
Vürgerblatt für Unterhaltung «n» Literatur.
Wiesbaden, 2» März 1848.
Die Verbannten.
Novelle von C. v. Wachsmuth.
(Fortsetzung.)
„O, nur zu bald," — sagte trüben Blickes der Greis, — „wirst Du Dich an jene neue Welt gewöhnen."
„Dann," — siel Marie hastig ein •— „dann, theurer Vater, geschähe eö zu meinem unfehlbaren Verderben. Wie wäre eS möglich, daß jenes so anziehende, so verlockende Trei* beu auf die Arme, die Einfältige, ohne Freund und Führer ihm Hingegebene keinen Einfluß üben, zu tausend Mißgriffen, wenn nicht zu Fehltritten, sie bringen sollte. Ö, glaubt mir, theurer Vater, ich fühle es tief: nicht in der Einsamkeit kann man für jene bunte, lärmende Welt, die Ihr geschildert, erzogen werden, mitten in ihrem vollsten Gewühle muß man sie kennen und vergessen, lieben und verachten lernen. Wer wollte meinen: im ruhigen Zimmer oder auf spiegelklarer See, durch ängstliches, wenn auch an sich genaues und richtiges Messen und Berechnen erlange der Seefahrer die Herrschaft über die Wogen? Nein, auferzogen auf den Fluchen, lernt er sie bekämpfen, lernt ihrer sich mit Vortheil bedienen, und dann bei ihrem Tosen, ihrem Wüthen zeigt er, daß er nicht ihr Sklave, daß er ihr Herr sei."
„Verstehe ich dich recht," — sagte düster der Alte — „so würdest Du alle Güter des Lebens, die ich Dir geschildert, hinwerfeu, um Deine Tage in dieser elenden Hütte an Fedor's Seite hinzubringen?"
„An Eurer und an Fedor's! unbedenklich!" — sprach Marie, indem ihr schönes Ange erglänzte.
„Unbesonnene!" — rief erzürnt und plötzlich von seinem Lager sich erhebend der Alte, — „Du weißt nicht, welche Güter deS Lebens Du bedachtloS verschleudern willst! — Doch still, täuscht mich mein Auge nicht, so sehe ich Fedor's Schlitten herannahen.." — Schnell wie der Blitz sprang Marie
von ihrem Sitze auf und eilte an die Thür, doch bald besamt sie sich, eine tiefe Röthe ergoß sich über ihr schönes Gesicht, und sie nahm wieder auf ihrem Sessel Platz.
Ein lebhaftes Hundegebell erhob sich jetzt außerhalb der Hütte, und erst nachdem eine kräftige Männerstimme den Thieren Ruhe geboten hatte, verstummte es nach und nach. Die Hausthür öffnete sich endlich, und eö trat ein schlanker junger Mann herein, den man, hätte er nicht die Kleidung eines sibirischen Landmanns getragen, unbedenklich den höhern Ständen Rußlands zugezählt haben würde. In den reinen ausdrucksvollen Zügen lag nichts von der Stumpfheit, oder dem Ausdrucke niederer List, der in dem Gesichte des Sklaven der untern Stände so of vorherrschend ist.
„Grüß Euch Gott, Vater Alexei! Auch Dich, Marie!" — sagte der Jüngling, nachdem er sich vor dem im Winkel befindlichen Heiligenbilds verbeugt und ein Kreuz geschlagen hatte. — „Wißt Ihr, wo ich herkomme? Geradeswegs vom Mee* reöufer, oder vielmehr vom Meere selbst! — Ja wundert Euch immer, wenn ich Euch versichere, daß ich wenigstens sechs Werste weit auf daö Eis hinausgefahren bin."
„In dieser Jahreszeit!"— rief Marie. — „Herr Gott! welches Unglück hättest Du haben können! Ich hoffe, Du wirst nicht vergessen, der Mutter Gottes von Tobolsk eine Kerze zn opfern."
„ES soll geschehen, wiewohl keine Gefahr dabei war," — erwiederte lächelnd der Jüngling. — „Aber auch der fettige Siegbringer Georg soll in der Kirche zu Beresow ein Lämpchen haben, und" — hier öffnete Fedor die Thür — „der Bursche dort soll mir das Oel dazu liefern."
Fröhlich zeigte der Jüngling auf eine erlegte Robbe, vv« mittlerer Größe und seidenweichem gekräuseltem Haare; «'ne in den arktischen Meeren nicht eben gewöhnliche Art.
„Ei sieh' doch!" — sprach der alte Alexei, in dem sich die Jagdlust zu regen schien. — „Und dieses schöne seltene Thier ...