Nr. 1«
Nassauische Zeitung.
Freiheit, Wahrheit und Recht!
Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!
Wiesbaden, 20. März 18L8.
Die „N issauischt Zeitung" mit ihrem Beiblatte „Vurgcrblntt für Unterhaltung und Literatur" erscheint täglich. Der Preis eines Vierteljahres ist für Wiesbaden fl. 1. 43 kr. Die Monate März bis Juni werden ebenfalls zu demselben Preis abgegeben. Man abonnirt in Wiesbaden in der Expedition am Friedrichsplatz. Für Auswärts nehmen alle Postanstalten Abonnements an mit verhällnißmäßiger Preiserhöhung. — Inserate werden mit 3 Kr. für die dreispaltige Zeile berechnet.
Deutschland.
9 Friedrich Wilhelm IV. und seine Stellung zu Deutschland.
II.
Wiesbaden, 28. März 1848.
Noch ist die Frage nicht entschieden, in welcher Weise der Vorsitz über die künftige deutsche Nationalrepräsentation re- gulirt, und unter welchen Normen die vollziehende Centralgewalt übertragen werden soll. Noch streitet man, ob der Vorsitz auf drei oder mehr Jahre hinaus übertragen, oder ob er gar einem deutschen Regentenhause erblich verliehen werden soll, ob endlich der Vorsitzende aus der Zahl der deutschen Fürsten, oder ob er schlechtweg aus der Zahl derjenigen deutschen Männer, welche das Vertrauen der Nation genießen, zu wählen sei. So weit aussehend und umfangreich diese Fragen, gleich allen andern über die UWMuiknng des deutschen Parlaments sein mögen, so hegen wir dennoch das feste Vertrauen zu der Versammlung, welche am 30. d. M. in Frankfurt zusamentreten wird, daß sie sich rasch und entschieden darüber einigt. Bei dem guten Willen, der von allen Seiten vorliegt, bei der fruchtbaren Temperatur unserer dermaligen politischen Atmosphäre, bei der dringenden Eile der Sache endlich, kann wohl darüber kein Zweifel obwalten. Aber dermalen sind alle diese Fragen noch nicht entschieden, und bei dieser Unentschiedenheit der Fragen ist es wahrhaft unbegreiflich, wie der König Preußens einen so ungerechtfertigten, einen so übereilten und unbegreiflichen Schritt thun konnte, daß er, das deutsche Banner tragend und in den Straßen seines „schönen" Berlin umherreitend, sich selbst feierlich als Haupt Deutschlands proelamirte. Er hat zwar, als ihn einige Gamins zum „deutschen Kaiser" ausriefen, diesen Titel scheinbar entrüstet zurückgewiesen, allein er selbst hat versichert, daß er, wie dies in früheren gefahrvollen Zeiten edle Fürsten und tapfere Herzoge gethan, an die Spitze Deutschlands treten, daß er das Haupt des ronstitu'ionellen Deutschlands werden wolle. Wir können zwischen dem „Kaiser Deutschlands" und dem „Haupt Deutschlands" keinen viel größeren Unterschied finden, als einen bloß formellen und «itularen. Wir müssen aber gestehen, daß der Gebrauch beider Ausdrücke in dem Munde Friedrich Wilhelm IV. gleich sehr befremdend und unpassend ist. Es steht ihm nur dann zu, eine Aeußerung dieser Art zu thun, wenn ihm die centrale Gewalt durch das Vertrauen der deutschen Fürsten und der deutschen Stämme angetragen worden ist. Dies ist aber bis jetzt noch nicht geschehen. Wir müssen daher gewiß dermalen jeden Griff nach der deutschen Krone, jedes Tentamen nach dem deutschen Präsidcntenstuhl, gls eine Usurpation ansehen, selbst dann, wenn der königliche Redner uns die ausdrückliche Versicherung gibt, „er wolle nicht usurpiren, er wolle keinen deutschen Fürsten vom Thron stoßen." Diese Versicherung steht einestheils in Widerspruch mit der vorhergegangenen Verkündigung, anderntheils ist es aber überflüssig, zu versichern, daß man etwas nicht wolle,
wovon es allbekannt ist, daß man es nicht kann. Möge sich Friedrich Wilhelm IV. nicht einem so gänzlich unbegreiflichen Irrwahn hingeben, daß er glaube, er besitze das Vertrauen des deutschen oder auch nur das des preußischen Volkes. Seine ganze Regententhätigkeit hat dieses Vertrauen, welches allerdings den als geistreich und freisinnig angekün- ttn Kronprinzen entgegeneilte, vollständig und systematisch vernichtet. Und wenn wir auch absehen wollen von all den verkehrten Experimenten auf kirchlichem Gebiet, von all den romantisch-reartionairen Versuchen im politischen Leben, von den Halbheiten im Preß- und Gerichtswesen, von dem aben- theuerlichen ständischen Patent vom 3. Februar 1847, von den unzähligen Hochverraths- und „unehrerbietigen Tadels- Prozessen," von den immer wiederkehrenden, mit Drohungen verbundenen Ankündigungen über die ungeschwächte und unantastbare Krone des Hauses Hohenzollern, — wenn wir also absehen wollten von allen diesen Sünden einer achtjährigen Regierung, so können wir doch unmöglich das Blutbad in Berlin aus den Annalen der deutschen Geschichte, in welcher es ohne Beispiel dasteht, auslöschen, — ein Blutbad, das, wenn eS der König auch nicht selbst befohlen und vollzogen hat, doch jedenfalls in seinem Entstehen schon von ihm gehindert werden konnte. Wir müssen die Worte der Lady Macbeth bei Shakspheare:
„Alle Wohlgerüche Arabiens reichen nicht ans, diese Blutspur von dieser kleinen Hand zu tilgen," nachahmend, sprechen:
„ Alle schönen Redekünste der Welt, alle Versprechungen mit EngelSlönen, reichen nicht aus, diese Blutspur wegzuwaschen."
Friedrich Wilhelm IV. besitzt das Vertrauen des Volkes nicht und kann es nicht besitzen, wenn das Volk nicht sinnlos und mit politischer Blindheit geschlagen ist. Wohl aber kann er eS verdienen und sich erwerben, aber dazu bedarf es großer, rascher und entschlossener Handlungen. Wenn er Polen wieder hcrstellt, wenn er den russischen Coloß stürzt, wenn er SchleSwig-Holstein Deutschland wiedergewinnt, dann wollen wir ihm wieder vertrauen: — wenn nicht, — nicht.
Der König von Preußen ist Romantiker. Er hat ritterlichen Sinn und Liebe zu mittelalterlichen Begriffen. Er wird also wissen, daß im Mittelalter eine Dame ihrem Anbeter erst schwere und mühevolle Abenteuer zu vollführen anserlegte, ehe sie ihm ihre Gunst zuwandte. Nun wohlan! DaS deutsche Volk ist die edle Dame, um deren süße Minne der König buhlt. DaS deutsche Volk fordert, daß er jene Abenteuer bestehe. Drum, mein ritterlicher König, schwinge dich in den Bügel und erlege den Drachen. Und dann? — Nun, dann wollen wir sehen!
Die Stellung der Staatsdiener, wie sie war und werden muß.
Vom Westerwalde, 28. März.
In Nr. 18 der „Freien Zeitung" findet sich ein Aufsatz, der sich tadelnd über die nassauischen Staatsdiener überhaupt,