Nr. 14
Nassauische Zeitung.
Freiheit, Wahrheit und Recht!
Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!
Wiesbaden, 27. März 1848.
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Deutschland.
<ß Die Volksbewaffnung, die Bürgerwehr.
Erster Artikel.
Vom Taunus, 2X4. März.
Zu den wichtigsten Ergebnissen der politischen Wiedergeburt Deutschlands gehört die Volksbewaffnung; doch habe ich so verschiedenartige, unklare, widersprechende Urtheile darüber gehört, daß ich eine öffentliche Besprechung für nothwendig halte, um die Berichtigung der verschiedenen Ansichten herbeizuführen, sei es nun, daß die meinigen Anklang finden oder widerlegt werden. Die Volksbewaffnung wurde überall und dringend verlangt, sowohl wegen der augenblicklichen alö wegen einer spätern Nothwendigkeit, welche sich erst im Laufe der Zeit klar herausstellen muß. '
Die augenblickliche Nothwendigkeit begründete sich zum Theil auf Mißtrauen, zum Theil war sie geboten, um die entfesselten Leidenschaften in den nöthigen Schranken zu halten.
Die Furcht, die Fürsten mit ihren der Metternich'schen Politik angehörenden Rathgebern könnten die im Drange des Augenblicks gegebenen Versprechungen zurücknehmcn, war wenigstens nicht überall ohne Grund, wenn auch vielleicht nur formell; denn die bewaffnete Macht hatte nur dem Fürsten Treue und Gehorsam geschworen, war also ganz von seinem Willen abhängig, und konnte von ihm oder ihren Führern zu den Versuchen gebraucht werden, den Willen des Volks mit Gewalt zu bekämpfen. Es liegt ganz außerhalb des Zwecks dieser Mittheilungen, die Nachweisung zu geben, wie eine solche Furcht bei wehrhaft hochherzigen Fürsten ganz unbegründet war, — jeder Nassauer wird hier, wie überall, unserm Herzoge im innersten Herzen ein Hoch ertönen lassen! — wie sehr sie in einzelnen Fällen sich rechtfertigte. Wenn es auch eine in der Natur der Sache begründete und überall durch die Erfahrung bestätigte Sache ist, daß auch ohne Waffen das Volk allen Widerstand besiegt, wenn es nur einig ist und seinen Zweck klar vor Augen behält (ich erinnere nur an die Ereignisse der jüngsten Tage in Wien und Berlin), so ist doch der Sieg mit den Waffen schneller, leichter, blutloser.
Wie nothwendig die Bewaffnung der Bürger war und zum Theil noch ist, um die öffentliche Ordnung zu erhalten, bedarf keines Beweises.
Zn dem Kreise, mit welchem ich verkehre, habe ich nicht Eine Stimme der Unzufriedenheit gehört über diesen Zweck der Bewaffnung; aber es meinen Biele, et sei erreicht, wir bedürften also in unserm Herzogthume weder der Fortdauer der Bewaffnung, noch weniger deren weitere Ausführung, wie sie jetzt betrieben werde.
Wenn ich solche Mißvergnügte in der Folge mit dem Namen „Philister" bezeichne, so geschieht es nur der Kürze wegen: ich bin sehr weit davon entfernt, mit diesem Namen irgend einen beleidigenden Nebenbegriff zu verbinden; es sind hochachtbare Bürger, der Obrigkeit gehorsam, wie das Christenthum es verlangt, vernünftige Familienhäupter, eifrige Gewerbsleute, mit einem Worte: sie besitzen alle die Tugen
den, welche ein wohlgeordneter Polizeistaat nur verlangen kann; aber einen freien constitutionellen Staat, wie er sich jetzt in Deutschland entwickelt, mit seinen ungewohnten Bewegungen, seiner nothwendigen Regsamkeit, einen solchen Staat verstehen sie nicht. Sie bezahlen, wie jener ehrliche Pfälzer der Didaskalia naiv schreibt, gern ihre Abgaben, wie bisher, wenn nur nicht der Advokat für einen Brief anseinen Klienten 3 fl. 30 Kr. fordern darf, und wenn sie nurnicht bei dem friedlichen Genuß ipres schoppens und in der süßen Nachtruhe gestört werden.
Unsern Philistern, die ein sehr feines Gefühl für den Beutel Haven, will ich einen Umstand anführen, der dazu dienen kann, sie mit der unangenehmen Nothwendigkeit, die Muskete in die ungewohnte Hand zu nehmen, einigermaßen zu versöhnen. Die Unterhaltung unsres Militairs kostete uns bisher jährlich etwa 560,000 fl., also etwas mehr als 2 Simpel Sleuren (zu 268,000 fl.) ausmachen, und von dieser gewiß erklcckichen Summe können wir in Zukunft wenigstens die Hälfte, also mehr als den dritten Theil aller directen Abgaben, ersparen, wenn sich die Volksbewaffnung zur Volkswehr ausgebildet hat.
Unter Volksbewaffnung verstehe ich den gegenwärtigen provisorischen Zustand, wo die für die Einwohnerzahl ver- hälmißmäßig geringe Zahl von Musketen und Büchsen zur Aufrechthaltung der Ordnung vertheilt wurden; unter Volkswehr aber den noch zu begründenden Zustand, wo jeder Bürger ohne Ausnahme fertiger Soldat und bereit ist, für jede Scholle deutschen Bodens, für jeden Buchstaben deutscher Frei- Heil Gut und Blut zu opfern.
Wer so spricht, wird unser Philister sagen, muß wenig Gut und viel Blut haben, daß er sich so wenig aus dessen Verluste macht!
Man mag nun von beiden viel oder wenig haben, so verliert man nicht gern davon ohne Noth; doch dafür ist auch gesorgt! Bei der Errichtung des deutschen Parlaments kann in Zukunft kein Krieg wegen geringfügiger, das Volk nicht berührender Ursachen geführt werden; wo uns aber Unrecht zugemuthet wird, da werden wir uns der jungen Braut — der Freiheit — würdig zeigen!
Zn diesem Augenblicke, wo die europäischen Angelegenheiten kaum ansangen, sich zu gestalten, können wir von unsern eingeübten Soldaten nicht Einen Mann entbehren, im Gegentheil, wer nur fähig ist, eine Waffe zu führen, übe sich in deren Gebrauche, gewöhne sich, seine Körperkräfte zu verwenden, um im Stande zu sein, die Reihen der eingeübten Brüder zu vermehren, sie zu ergänzen, wenn die Kriegsfackel sich lichten sollte. (Die jetzt begünstigten Liebhaber unsrer westlichen Nachbarin finden sich zu Truppenconcentrirungen an den Grenzen veranlaßt, nachdem sie zu der moralischen Ueberzeugung der Nichtintervenlion auch die formellen Zusicherungen erhalten haben; also müssen auch wir gerüstet sein.) Zst aber die Ruhe befestigt, dann sind wenige Hunderte, k>e bei den Fahnen bleiben, genügend.