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Nr. 13

Bürgerblatt für Unterhaltung und Literatur.

Wiesbaden, 26» März 18L8.

Die Verbannten.

Novelle von C. v. Wachsmuth.

(Fortsetzung.)

Schon lange war Menschikow dem Adel Rußlands ein Dorn im Auge; nur die Macht des Fürsten hielt die Gegner noch im Zaume. Da wußte der junge unternehmende Dolgo­ruki , der Abkömmling einer Familie, die dem Fürsten einen ' unversöhnlichen Haß geschworen hatte, sich immer fester die Gunst deö Kaisers zu gewinnen, und ehe Menschikow bemerkte, daß der so sicher geglaubte Boden unter ihm wanke, brachen die Gerüste deö künstlich aufgethürmten GlücköbaueS unter ihm zusammen. Der Fürst ward beschuldigt, eine Summe Geldes, .die der Kaiser seiner Schwester bestimmt hatte, unterschlagen zu haben; er ward, ehe er nur die Vermuthung seines Falles zu fassen im Stande war, verhaftet, sein ungeheures Vermö­gen, das außer zahlreichen Gütern mit 100,000 Bauern noch aus 3 Millionen an Juwelen und Kostbarkeiten bestand, ward konfiszirt, und zu Anfang Septembers 1727 reiste der sonst so mächtige Mann mit Gemahlin und Familie nach Beresow am Coöwaflusse in die Verbannung.

Obwohl Beresow am SoSwaflusse noch in unsern Tagen, wo das Schicksal der noch Sibirien Verwiesenen weit gemil­derter als in den frühern Zeiten erscheint, wegen seiner Oede und Entfernung von Tobolsk, der Gouvernementöstadt, so ge­fürchtet ist, daß ihm der Beinamedie Hölle" von denen, die ihn als Verbannte betraten, gegeben wurde; so unterschied es sich dennoch damals einigermaßen zu seinem Vortheile von den einzelnen Ansiedelungen, welche in seiner nächsten Umge­bung, das heißt, in der Entfernung von zwanzig oder dreißig Meilen umher, lagen. So elend Beresow mit seinen vierzig oder fünfzig elenden Hütten, die eben so elende Bewohner be­herbergten, auch sein mochte, so war doch immer noch für den Unglücklichen, der dort seinen Aufenthalt zu nehmen ge­zwungen war, der Sammelplatz von Menschen, von Wesen

seines Gleichen, denen er sich mittheilen konnte, die seine Klage hörten, ja die ihm den traurigen Trost, den deS gleichen Un­glücks, vor Auge stellten. Mit ihnen zusammen konnte er sich in dem kleinen, von rohen Holzblöcken zusammengezimmerten Tempel in gemeinschaftlichem Gebet daniederwerfen, er wußte, seine Unglücksgefährten würden ihn auf dem Kraukenlag.r nicht die Beute deS fürchterlichen Hungers, oder die Aetzung des RaubthierS werden lassen; endlich hatte er den Trost, daß die Hand eines Genossen des gemeinsamen Elends vielleicht gar die eiueS Freundes ihm am Vollendungstage daâ Auge zudrü­cken und den müden Leib der Erde wiedergeben würde. Ja selbst in den Tagen seines Kummers bot ihm die Gegend noch einigen Reiz. War auch die Natur in so hoher nördlicher Breite schon sehr verkümmert, die Gegend, so weit das Auge trug, eine trostlose Ebene, deren Horizontallinie nur hie und da von der verkrüppelten Zwergbirke, dem einzigen kaum manns­hohen Baume, der hier noch gedieh, oder von einem kleinen Hügel, den ein steinernes, vermoostes, vor Jahrhunderten er­richtetes Götzenbild krönte, auf wenigen Punkten unterbrochen wurde: so sah man doch, wenn die Tage des langen Winters endlich vorüber waren, das flache Gelände sich nach und nach grün färben, hie und da eine der wenigen, und darum um so wertheren Blumen der arktischen Regionen sich entfalten, ja der schrillende Ruf des rückkehrenden Schneehuhns, die langen Züge der über dem Haupte des Schauenden nach den Ufern des Eismeeres, oder den Gestaden des Ob und der Lena da­hinziehenden Wasservögel verkündeten, daß auch hier noch nicht das freudige Gefühl deS Lebens vor dem Hauche deö Boreas erloschen sei. Weit furchtbarer stellte sich die auf jenen Re­gionen lagernde Oede in den Gegenden zwischen Beresow und den Küsten deS Eismeers dar. Langsam wälzte hier der wie ein Meerarm sich darstellende Ob die mächtigen Fluthen durch eine Ebrne, die nichts als der Horizont bekränzte. Der Boden selbst war ein unabsehbares Moorland, und nur selten