Nr. 11.
Würgerblatt für Unterhaltung «nd Literatur.
Wiesbaden, 24. Mar; 1S4S.
Die Verbannten.
Novelle von C, v. Wachsmuth.
(Fortsetzung.)
„Ihr habt, treue Russen" — sprach der Kaiser ruhig — „die Worte der schweren Anklage gehört, die ein Unterthan so eben über seinen Monarchen erhoben. Wie groß auch die Ströme deö vergossenen Bluts der Strelitzeu sein mochten, ruhig blicke ich auf sie hin, sie strömen zum Vortheil, zur Erhaltung des heiligen Rußlands! ~ Floß unschuldiges Blut aus dem Kreml, fiel ein unschuldiges Haupt unter den Schuldigen, ich bin bereit, es zu vertreten. Mein war der Gedanke, mein war die That! Nur so entriß ich Rußland der Barbarei, die auf ihm lastete, die es nicht aufsteigen lassen wollte zu dem Range, den es in bèr Reihe der Nationen einst einnehmen wird. Ich habe, wie jener AllzUkühne dort behauptet, die eigne Hand in vaterländisches Blut getaucht. Wohlan! ich t hat's, und frage, wo ist der Russe, der es wagt, den Kaiser vor seinen Richterstuhl zu fordernd"
Der Blick des Monarchen ward hier unbeschreiblich wild, doch bald mäßigte er sich wieder.
„Daß ich gekonnt, was ich zu müssen eingeseheu — fuhr er ruhiger fort — „danke ich dem Erhalter, dem Schirmer des heiligen Rußlands. Die Krankheit, der Krebs, der an den edelsten Theilen des Körpers unsers Vaterlands nagte, war fürchterlich, war unheilbar. Indem ich, der kühne Arzt, das einzige RettungSmittel erdacht, sollte ich im Augenblick der Operation das helfende Messer in die zitternde Hand eines Pfuschers legend — Nein! schmerzlich daö entsetzliche Werk- zeng in allen Muskeln wüthen fühlend, habe ich eö dennoch nicht aus der Hand gelegt, bis daß es Zeit war, und laut vor dem Angesichte von Gott und Menschen wiederhole ich: mein ist die That, und ich allein gedenke sie diesseits und jenseits zu vertreten. — Doch nun zu Dir, Tscherkaski! Du hast gewagt, die Dir von Deinem Kaiser zugedachte Huld schimpflich zurückzuweisen, j^ Du erfrechtest Dich, Deinen
Monarchen im Kreise seiner Unterthanen öffentlich anzuklagen. Lebtest Du noch in den Zeiten meiner Vorfahren, so wäre Dein graueS Haupt der Hand des Henkees verfallen. Weit entfernt, das Blut deS alten Kampfgenossen zu vergießen, will ich Dir erlauben, im Falle Du Deine UebereilUng eingestehst, Deipe Tage ruhig auf Deinen Gütern zuzubringen ; wo nicht" — hier ward der Ton der Rede des Kaisers etwas härter — „so trittst Du noch in dieser Nacht die Reise in die Verbannung an."
„Ist es erlaubt, mein Kind mit mir zu nehmen?" —fragte der Alte kalt.
„Dem Vater gehört sein Kind!" — erwiederte der Kaiser zögernd und erstaunt.
„So erlaube, Alexander Michailowitsch" — sagte der Bojar fast höhnend zum Fürsten Menschikow — „daß ich zwer dieser Bärendecken, womit Deine Vorsorge jene Sessel bedeckte, mit mir nehme; es bedarf weiter nichts zu unserer Bequemlichkeit."
„Schaffe den Elenden fort! Genug des schändlichen Trotzes!" — rief Peter, sich gänzlich dem aufbrausenden Zorne überlassend, und indem er Menschikow, der sich vorbitteud zu ihm drängen wollte, mit der Hand zurückstieß.
„Und wohin befiehlt mein Monarch" — fragte zitternd der Furst.
„Nach Beresow am Ob!" — rief Peter. — „Nein noch Woksarski am Eismeer!" — setzte er wüthend hinzu, als er sah, daß der Bojar mit höhnischem Lächeln vor sich blickte.
Wenige Minuten vergingen. Der unglückliche Alte bestieg mit seiner Tochter einen Schlitten, donische Reiter nahmen sie in ihre Mitte, und pfeilschnell flog dieser, die Deich>l nach Nordosten gerichtet, seine weite Bahn.
Eine Reihe von Jahren war seit dem oben geschilderten Festabende vergangen. Peter der Große, jener seltene Fürst, der, wiewohl noch auf dem Boden der Barbarei fußend und ihr den Eigenthümlichkeiten seines Charakters nach selbst ange-