Einzelbild herunterladen
 

und Schaase. Revolution dagegen war dann eben sowohl die Verdrängung der heidnischen Priesterschaft durch die christ­liche, wie die der römisch-katholischen durch die reformirte; Revolutionen waren die Sâcularisationen bei der Refor­mation, beim westphälischen Frieden, und im 18ten und 19ten Jahrhundert, so wie die Mediatisirungen während der Auflö­sung deS deutschen Reiches und so viele andere Neuerungen und Auflösungen von Korporationen im Laufe der letzten hun­dert Jahre. Was in Deutschland stoßweise, geschah in Frank­reich mit einem Schlage; die Sache selbst ist dieselbe hier wie dort.

Wenn aber dort in Folge der durchgreifenden Umgestal­tung, wie früher in Deutschland in Folge der kirchlichen Um­wälzung bis zum westphälischen Frieden, vielfaches Elend über die reformirenden und eben damit auch revolutionirenden Völ­ker hereingebrochen, so darf füglich die Frage aufgeworfen werden, ob jenes Elend alle die Schmach und Noth und Un- sitlichkeit aufwiegt, welche vor jenen Umwälzungen auf den Völkern gelastet und sie zur gewaltsamen Selbsthülfe aufgereizt haben? Uebrigens muß noch immer von Neuem daran erin­nert werden, daß der Schrecken in Frankreich erst dadurch auf kurze Zeit zur Herrschaft gekommen ist daß fremde Mächte durch ihre bewaffnete Intervention ihn der Nation eingeflößt, und ein schwankender, keineswegs aufrichtiger König nur zu gegründeten Argwohn des Verrathrs an der Nationalsache er­weckt hat. Die natürliche Entwicklungskrankheit wurde durch fremde Gewalt zu einer lebensgefährlichen gesteigert. Der Schrecken aber hatte auch in derguten alten Zeit," nicht bloß in Frankreich, mehr als einmal die Völker regiert; die heilige Hermandad in Spanien, die heiligen Eignen in Frank­reich und Deutschland, die Ketzergerichte in den Niederlanden, wie die Hexenrichter in Deutschland, und gekrönte Häupter in Rußland, England, Frankreich u. s. w. hatten Gräuel geübt oder veranlaßt, welche an Jtcnsität und Zahl der Opfer ver- hältnißmäßig die der französischen Revolution bei weitem über­steigen.

Es versteht sich von selbst, daß hiermit nicht sämmtlichen Theilnehmern der letzteren eine bill of indemnity zugestanden werden soll. Nur jene partheiischen Anhänger der Restauration sollen damit abgewiesen werden, welche wesentliche Fortschritte dadurch zu verhüllen suchen, daß sie daö Mitgefühl ausschließ­lich für die Opfer derselben in Anspruch nehmen.

Wer vorurtheilöfrei den wesentlichen Ursachen der französi­schen Revolution nachforscht, der wird weder Einzelne als de­ren Urheber anklagen, noch einer ganzen Nation als Schuld beimessen, daß eine solche Krise bei ihr zum Ausbruch gekom­

men. Vielmehr wird er finden, daß das Gestaltungöprin- zip der vorhergehenden Weltzeit selbst eS war, welches zu jener Krise hingeführt hat. Dieses Prinzip hatte die mensch­liche Gesellschaft in starre Stände gesondert und sie in der Art einander subordinirt, daß dem unverantwortlichen Oberhaupte eine mehr oder minder rechtlose Masse ge­genüber stand. Daö Erstere ließ den ParticulariSmus zur Vorherrschaft gelangen; das Letztere benahm dem Rechtsgefühl seine Kraft, und schwächte immer mehr die Vorstellung von der Heiligkeit des Rechtes. Die Unverantwortlichkeit des kirchlichen, wie des weltlichen Oberhauptes führte zu unver­antwortlichem Gebrauch der Gewalt wie in der Kirche, so im Staat, und sowohl diese, als der ParticulariSmus der Stände waren Ursache, daß weder die Concilien die Refor­mation, noch die alten Stände-Versammlungen die Revolu­tion zu hindern vermochten. Hier mußte der dritte Stand, dort mußten die Laien daö Recht wiedererobern, welches hier die weltliche, dort die geistliche Hierarchie ihnen beharrlich ver­sagte. Nachdem aber in Kirche und Staat die starren Schei­dewände der Stände durchbrochen, war und blieb das Stre­ben des Gemeinwesens in letzter Instanz wesentlich darauf gerichtet, von unten nach oben das System der Verant­wortlichkeit zu organisiren, welches mit der Freiheit zugleich die Ordnung verbürgen soll.

Nach diesem Ziele strebte auch die französische Nation in den verschiedenartigen Verfassungen, in denen sie seit 89 sich zu constituiren versuchte. Daß diese Versuche nur theilweis gelangen, kann nur den befremden, der nicht erwägt, daß die zu ordnenden Verhältnisse ganz neuer Art waren, daß die Na­tion überhaupt keine politische Erziehung genossen, daß der Kampf gegen die widerstrebenden Reste des alten Régimes und die dadurch erregten Leidenschaften die zu solchem Werke erforderliche Ruhe und Besonnenheit unmöglich machten. Wie die kosmische Natur ihre ersten Schöpfungen selbst wieder zerstört und begraben hat, bevor die letzte zu dauerndem Be­stände aus ihrem Schooße hervorging, so versucht auch die meuschliche Natur sich in Hervorbringung sozialer Organis­men, und die Geschichte bewahrt uns in ihren Stratifikationen die Gestalten mancher völlig erloschener Schöpfungsperioden. Von gewaltiger Lebenskraft zeugt es aber, daß Frankreich so rasch über jeden Verfassungöversuch hinausgeschritten, der sich in seiner Ausführung als ungenügend erwiesen. Daß diese, wie die früheren Veränderungen, nicht ein fruchtloser Formen­wechsel, sondern ein wesentliches Fortschreiten waren, ist in den nachfolgenden Blättern im Allgemeinen angedeutet, kann indeß auch im Einzelnen nachgewiesen werden. (Forts, folgt.)

Druck und Verlag von Wilhelm Friedrich am Friedrichsplatz. Verantwortlicher Redacteur : W. Friedrich.