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als welche ihm ganz absonderlich gefallen habe, in sehr huld­reichen Ausdrücken forderte, ward die Munterkeit immer all­gemeiner.

Auch draußen hatte die Lust bereits ihren Gipfel erreicht. Die mit Eßwaaren beladenen Schlitten wurden immer leichter, die Romaneitonnen immer leerer, der gebrateneOchse immer kleiner, und selbst der Umstand, daß, als der Kaiser die Ge­sundheit des Brautpaars ausbrachte, eine der abgefeuerten Eis­kanonen in Stücke zersprang, und bei dieser Gelegenheit etliche Arme und Beine außer Aktivität kamen, hatte auf das allge­meine Vergnügen weiter keinen besondern Einstuß, vielmehr vermehrte sich der Jubel von Minute zu Minute. Zu diesem trug dann auch der Inhalt der vor dem Hause aufgefahrenen und mit Champagner- und Burgunderflaschen beladenen Schlit­ten nicht wenig bei, und da letztere ziemlich so schnell geleert wurden, als sie auf der Tafel erschienen, so waren in Kur­zem selbst nicht so viel Lakaien vorräthig als nöthig , um die­selben herbeizuschaffen; welchem Mangel indessen ein paar Sol­daten von der Wache, zufolge eines Winkes des CzarS, so­gleich abhalfen, indem jeder von ihnen ein halbes Dutzend Bouteillen unter den rechten und eben so viel unter den lin­ken Arm nahm und diese, nachdem er sich vorher aus Respekt die Mütze vom Kopf geschüttelt, da er keine Hand sie abzu­nehmen mehr übrig hatte, wie einen Haufen Kegel auf den Tisch kollerte, ein Manövre, das der Gesandte der hochmö­gen Staaten so merkwürdig fand, daß er eS selbst in seinem Berichte nach dem Haag zu melden nicht vergaß, wiewohl es an Bedeutung bei weitem von einer Ehrenbezeigung übertrof­fen wurde, an der der gute Mann an diesem Abende viel zu leiden hatte. Der Ezar suchte nämlich dem Ambassadeur da­durch sein kaiserliches Wohlwollen zu beweisen, daß er ihm nicht nur von jedem Gerichte eigenhändig doppelte und drei­fache Portionen vorlegte, die Jener natürlich respektvollst und im Schweiße seines Angesichts zu verzehren für Pflicht hielt, sondern er steckte ihm auch noch mit kaiserlicher Hand und eige­nem Löffel oder eigener Gabel unaufhörlich eine solche Menge ausgesuchter guter Bissen in den Mund, daß der gute Hol­länder, auf dessen Magen und in gewisser Hinsicht durch letzterwähnte Operation auf dessen Phantasie so vehement als huldreich eingewirkt wurde, die Vorboten eines nahen Endes zu verspüren glaubte. Gewiß würde dieß an jenem Abende noch erfolgt sein, wenn Peter seinen Lieblingen Menschikow und Lefort nicht auch dann und wann einige Aufmerksamkeit bewiesen, und unter anderem Letzterem einen gebratenen Ka­paun, nachdem er ihn eigenhändig auö der Schüssel genom­men und sich von dessen Schmackhaftigkeit durch den Geruch überzeugt harte, quer über die Tafel geworfen hätte; eine Huld, die dem Ausländer von dem Bojaren Tscherkaöki dergestalt be­

neidet wurde, daß er, nachdem er einige Flüche über den französischen Hund" in den Bart gemurmelt hatte, dreimal so »M Burgunder als gewöhnlich trank.

Leider war der Genuß des eben erwähnten Getränkes für die Mehrzahl der Gäste, den Czar nicht ausgenommen, von ziemlich auffallender Wirkung. Die Lust ward immer lauter, die Unterhaltung immer lärmender, das Gewühl um die Ta­fel her immer tobender. Ohne sich viel um die Anwesenheit des Monarchen zu bekümmern, erhob sich bald hier bald dort einer der Gäste von seinem Platze und eilte, den Becher in der einen, die Champagnerflasche in der andern Hand, zu einem entfernt sitzenden Freunde, um nach langen, wechselseitigen Um­armungen und Freundschaftsversicheruugen auf dessen Wohlsein mit schwerer Zunge eine Gesundheit auszubringen, ja mancher derselben that letzteres mit einer Stentorstimme und zwar von dem Platze aus, auf dem er saß, vorausgesetzt, daß eS nicht eben ganz in der Nähe des Kaisers war.

Auch Peter hatte sich diesen Abend, wie eS überhaupt nicht selten der Fall war, durch die angemeine Fröhlichkeit zu einem nicht eben sparsamen Genusse des Saftes der Neben hinreißen lassen, und wiewohl jeder seiner wohlwollenden offenen Züge von Heiterkeit und Vergnügen strahlte, so blickte doch Men­schikow, der in der Gesellschaft einer der wenigen Nüchternen geblieben war, mit Besorgniß auf den Czar, als er bemerkte, daß dieser einen Becher des stärksten Burgnnderâ nach dem andern leerte, daß sein Gesicht darob immer mehr zu glühen ansing, und daß der Monarch, dem zuletzt der Schweiß in Strömen über daS Antlitz lief, um sich abzukühlen, die lockige Perrücke, die er trotz der Bauernmaske auf dem Haupte trug, ohne weiteres abnahm und sie seinem Nachbar, dem Hollän­der, der nach der Sitte der Zeit bereits mit einer tüchtigen Allongenperrücke versehen war, mit huldreicher Miene auf den Kopf stülpte; ein gnädiger Scherz, den Jener respektvoll, je­doch nicht ohne einen tiefen Seufzer aufnahm. So lächer­lich die Scene an sich war, und mit so vielem Jubel sie auch von der Tischgesellschaft angesehen wurde, so erschienen doch die Besorgnisse des Fürsten, gegründet auf genaue Kenntniß des Charakters seines Gebieters, so ziemlich gerechtfertigt. Er hatte nur zu ost die Erfahrung gemacht, daß der Czar von der größten Fröhlichkeit zum heftigsten Zorn überzugehen ge­wohnt war, und daß diese Veränderung des Gemüths nach vorhergegangeuem nicht ganz mäßigem Genusse des Weines fast jedesmal zu erfolgen pflegte, ja daß dann ein einziges Wort, eine unbedachtsame Geberde den Monarchen zu einem Aus- bruche von Wuth zu bringen im Stande war, in welchem eS schwer gewesen sein würde, den sonst an sich gütigen Fürsten wieder zu erkennen.

Das Fest neigte sich indeß immer mehr seinem Ende zu,