Nr. 9.
Vürgerblatt für Unterhaltung ««» Literatur.
Wiesbaden, 22 März 1848.
Die Verbannten.
Novelle von C. v. Wachsmuth.
(Fortsetzung.)
In der Hand des Friesländers befand sich ein kurzes, dickes, auch, wie eS schien, etwas schweres spanisches Rohr mit goldenem Knopfe; wenigstens ließ das ängstliche Brummen eines zahmen Bären, der aufrecht und in der Stellung-eines Lakeien hinten aus den Schlitten gebunden war, und dem der Friesländer zur Beschwichtigung der Langenweile des Thieres, welches die kostbaren Schlittendecken zerfleischte, nach und nach einige Dutzend Hiebe unter allgemeinem Jubel aufzählte, auf die erwähnte Eigenschaft schließen.
Die Schlitten waren endlich sämmtlich an der Thür des Eispallasts angelangt , aber obgleich alle Theilnehmer des Fest- zugeö theils ausgestiegen, theils im Aussteigen begriffen waren, so hatte doch noch Niemand die Schwelle derselben überschritten. Eö war, als ob ein Jeder den Vortritt deö Brautpaars oder deö Festgebers erwartete. Fürst Menschikow , von dem Bojaren gefolgt, drängte sich eifrig nach allen Seiten blickend durch die Massen und blieb endlich, die Mütze in der Hand, an, dem Schlitten des friesländischen Bauern stehen, der aber, beschäftigt, den zahmen Bären zur Belustigung der Umstehenden auf ziemlich derbe Weise zu necken, erst nach einer Weile die Anwesenheit des Fürsten und seines Begleiters gewahrte.
„Auf was wartet ihr?" — sprach endlich der Friesländer lachend, indem er dem Fürsten die Mütze aus der Hand nahm und sie ihm, obwohl er mit allen Zeichen der Ehrfurcht widerstrebte, ohne weiteres auf den Kopf stülpte. — „Wie könnt Ihr so alle Pflichten der Galanterie aus den Augen setzen und daâ Brautpaar an der Thür deS Hochzeithauses warten lassen? — Aber ich sehe, und wenn ich eS nicht sähe, so würde mir der Bratengeruch und der Duft der Romaneitonnen es schon bemerken lassen, daß Ihr Euer Ehrenamt mit Eifer verwaltet
habet, und so will ich in dem Glauben, daß Du, Alexander, für den Gaumen der Gäste im Hochzeithause, wie für den der Draußenstehenden gesorgt hast — denn der Eifer meines alten Tscherkeffen in Betreff des Kellers nehme ich als erwiesen an — Dir die Vergessenheit zu gute halten, daß ich heute nichts bin und sein will als Peter und Friesländer, der im Kreise seiner Freunde daö Hochzeitfest eines liebenden Paares feiert. — Aber fort! fort sage ich, damit die Temperatur des Hochzeithauses die Speisen nicht auökühlen läßt."
„Wenn Eure Majestät befehlen" — sagte voll Ehrfurcht der Fürst.
„Nichts von Majestät!" — unterbrach ihn der Kaiser, denn Niemand anders als dieser war der Friesländer — aber gehe und entschuldige Dich bei Deinem Brautpaare, daß Du es so lange warten ließest.
Die Gäste zogen nun in den Eispallast, und bald gab eine fröhliche Hörnerfanfare das Zeichen, zur Tafel zu gehen. Der Fürst führte auf einen Wink des Czars das Brautpaar auf den Ehrenplatz; ihm zur Seite saß das niedlich Kinderpaar, dann folgten die übrigen Gäste, ohne Beobachtung einer Rangordnung. Der Kaiser winkte sodann dem holländischen Gesandten, den er sehr liebte, und welcher der Einzige war, der ohne Maske erschien, sich an seiner Seite, und dem Bojaren Tscherkaöki, sich ihm gegenüber niederzulassen. Fürst Menschikow wählte seinen Platz neben dem Letztern.
Die Mahlzeit begann. Obgleich anfangs feierlich und wenig belebt, fieng die Unterhaltung an, nach uud nach um so lebendiger zu werden, als der Czar heute bei ausgezeichnet guter Laune war, ein Fall, der indeß bei Peter dem Großen in der Regel während der Tafel stattzusinden pflegte — und wie endlich der Kaiser dem verlegenen Brautpaare mit mehr oder minder guten, mehr oder weniger zweideutigen Späßen zuzusetzen begann, am Ende aber von dem im Angstschweiß dasitzenden Popen eine kurze Wiederholung der gehaltenen Festrede,