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Zwecke, ist sie da, um am Entwerfen des Wahlgesetzes Theil zu nehmen, so ist dies wieder gegen den Wortlaut der vom Herzog genehmigten Forderungen. Meint man es ehrlich mit dem Volk, so klammere man sich nicht allzu sehr an alte Satzungen, um nicht den Verdacht rege zu machen, es werde auf gesetzliche Weise der Reaktion der Weg gebahnt. Der in Fluß gekommene Volksgeist ist das vorherrschend zu beachtende Gesetz. In Frankreich ist die Freiheit leuchtend erstanden. Noch sind die Hüter ihres Grabes vom Schrecken gelähmt, noch sind die Schergen der Finsterniß vom himmlischen Glanze geblendet. Lasset uns diesen Augenblick treu benützen, und der Freiheit einen Tem­pel erbauen, den die Hölle nimmer zu zerstören vermag.

G Ansprache an unsere jetzige Stände­versammlung, das Wahlgesetz betreffend.

Wiesbaden, 21. März 1848.

Fassen wir unsre Volkszustände ins Auge, so sieht jeder Umsichtige in ihnen drei Haupt-Elemente.

Das erste ist der Fürst und die Beamtenwelt, das Mili- tair mit eingeschlossen; das zweite sind die Einwohner, welche ein mehr oder weniger freies Eigenthum haben, und das dritte diejenigen, welche keinen oder nur ganz weniges Eigen­thum besitzen.

Beleuchten wir jedes dieser Elemente nun näher, so sehen wir beim ersten ein wohl eingerichtetes intelligentes Ganze, in welchem der Beschluß schnell zur That kommen kann, unter einander abhängig, so daß der niedere vom hohen, und dieser vom höchsten Staatsdiener, und das Ganze vom Willen des Fürsten abhängt. Da die Beamten mehr oder weniger Ansprüche an Lebensgenuß zu nehmen gewohnt sind, da solchen Ansprüchen die Mehrzahl derselben nur durch ihre Besoldung, wenige durch eignes Vermögen genügen können, so ist diese Abhängigkeit fast durchgängig eine völlige; wen seine Behörde fallen läßt, der liegt in trauriger Lage auf dem Boden. Das zweite Element zerfällt von vorne- herein in zwei Theile, in den eigentlichen G e w e r b st a n d und in die Ackerbau treibende Classe. Beim Ge- werbstand finden wir Intelligenz und mehr oder weniger Vermögen und dadurch Unabhängigkeit. Da Ge­werbe im höheren Sinne genommen nur blühen können, wenn auch das Ausland den Verkehr beleben hilft, so ist man gegen das Schicksal desselben nicht gleichgültig; und hier wurzelt das Bedürfniß allgemeiner deutscher Volkssache. Die Ackerbautreibenden fassen nun, in so weit sie höhere Bildung haben, oder, wie es in vielen Gegenden der Fall ist, auch zugleich Gewerbtreibende sind, diesen all­gemeinen Standpunkt ins Auge; für die Mehrzahl haben bis jetzt nun ihre private und demnächstige örtliche Verhält­nisse Werth. Das dritte Element ist zu sehr von seinen nächsten täglichen Bedürfnissen in Anspruch genommen, um daß da, bei durchschnittlich vernachlässigter Erziehung Intelli­genz zu suchen wäre; gegentheilig macht der Drang seiner Bedürfnisse, und die Sucht, sich die so selten ihm werdenden Genüsse doch auch nur von Zeit zu Zeit zu schaffen, solches jeder Corruption so leicht zugänglich.

Aus diesen Elementen sollen nun Volksvertreter (Depu- tirte) von Ihnen geschaffen werden, Sie sollen das Gesetz verfassen, wornach solche gewählt werden, und dessen Beschas- fenheit die Garantie gibt, daß der Staat durch intelligente, freisinnige und unabhängige Männer vertreten werde. Wo sind solche nach dem Gesagten für Sie zu suchen?

Bisher stand das erste Element dem zweiten und dritten fast feindlich gegenüber; der Grund unseres Unglücks und unserer Schmach war, daß die beiden letzteren vom ersteren mehr oder weniger niedergehalten wurden. Die erfolgte bürgerliche Umwälzung hat diese Stellung verändert, aber gewiß nicht bei Ersterem den Wunsch benommen, daß doch je eher je lieber die alten Dinge wieder kommen möchten!! Also dieses erste Element, was überdies noch nichts weniger als ohnmächtig ist, und es auch seiner Natur nach nicht sein darf, ist hier nur mit mißtrauischer Eifersucht von Ihnen zu

benutzen. Das dritte Element und der ihm so nahe stehende Theil des zweiten, die blos ackerbauende Classe ebenso wenig. Gehen daraus in der Mehrzahl die De- putirten hervor, so haben wir Volksvertreter ohne Intelligenz, welche nur Sinn haben für örtliche Verhältnisse und für Erleichterung, sich die nächsten Bedürfnisse zu schaffen. Män­ner also, die, mit Aussicht diesem zu genügen, zu allem Andern fähig sind.

Nur im Gewerbstande und dem intelligenten und frei­sinnigen Theil der Landwirthe sind diese Volksvertreter zu suchen und Ihr Wahlgesetz muß dahin führen, wenn Sie Ihrer Pflicht genügen und nicht den Fluch Ihrer Mitwelt auf sich laden wollen.

Die gewiß lobenswerthe Bestimmung liegt vor: daß jeder Staatsbürger ohne alle weitere Bedingung gewählt werden kann; damit Gesinnungstüchtigkeit, welche Umstände sie auch sonst begleite, hervortreten kann. Aber desto mehr muß gesorgt werden, daß die Wähler sorgfältig handeln. Fassen wir das Zahlenverhältniß des Eheile's des großen Elementes, auf dessen Wirken allein, die Hoffnung eines glücklichen Erfolges beruhen kann, zur übrigen Bevölkerung ins Auge; welch' ein Mißverhältniß! Nur durch Ihre Be­schränkungen der Wähler kann buc gemildert werden; und wenn dies auch in den Urwahlen nicht Statt finden könnte, was es doch schon durch einen gewissen Census müsse; so muß es doch durch einen angemessenen Census der zu wäh­lenden Wahlsmänner geschehen.

Unterlassen Sie dies, so laden Sie eine schwere Verant­wortlichkeit auf sich, und machen mit der größten Wahrschein­lichkeit das Land unglücklich. Denn wozu soll diefeIweite Wahloperation dienen, als dazu, was bei der allgemeinen Wahl durch die Menge der Wähler fast unmöglich ist, daß der kleineren Anzahl der Wahlmänner das Spiel der Ueber- redung und der Corruption so viel leichter werde, wenn sic keine Gesinnungssüchtigkeit und die nöthige Unabhängigkeit durch Vermögensbesitz hat. *)

Wiesbaden, 21. März. Die Nationalgarde unserer Hauptstadt wählte am Sonnabend den 18. durch einhelligen Beschluß sämmtlicher Wehrmänner zu ihrem Obrist den all­gemein geehrten Hauptmann Hr. Goedecke, welcher diesen ehrenvollen Posten bereitwillig angenommen hat. Am Sonntag den 20. nahm der neuerwählte Obrist die erste Parade ab. So eben geht uns Nachfolgendes zur Veröffentlichung' zu.

Danksagung an die Nationalgarde.

Wiesbaden, 20. März.

Wehrmänner!

Als Dank für das ehrenvolle Vertrauen, womit Ihr mich an die Spitze der Bürgerbewaffnung der Hauptstadt gestellt habt, empfanget mein Versprechen, daß ich alle meine Kräfte der Erfüllung der hohen Ausgabe widmen werde, welche mir durch Eure Wahl geworden ist.

Waffenbrüder! Unsere Stärke liegt in unserer Ordnung! Laßt uns durch die schleunigste Organisation und Einübung

*) Die hiesigeFreie Zeitung" vom 21. dieses veröffentlicht einen Brief Welcker's an den Präsidenten unserer Ständekammer, Hergen­hahn, in welchem derselbe nach 18jähriger Beobachtung seine Ueber­zeugung dahin ausspricht, daß die badischen indirecten Wahlen im Vergleich mit den württembcrgischen directen Wahlen entschieden den Vorzug verdienen; natürlich jedoch, sagt Welcker, wenn sie gut eingerichtet sind, wie im Wesentlichen in Baden. Die Vortheile, welche nach Welckers Ansicht dieses System gewährt, wollen wir keineswegs bestreiten. Zn Baden mag die Erfahrung sie erprobt haben; allein bei uns ist Vieles anders als dort. Das badische Volk steht anerkannt auf einer höheren Stufe constitut. Bildung, welche durch alle Schichten der Gesellschaft gedrungen ist. Die Nähe Frankreichs, das Elsaß, hat in Baden ungeheuern Einfluß und den politischen Sinn bei'm Volke bereits herangebildet seit 18 Jahren, wo dort ein politisches Leben tiefe Wurzeln geschlagen. Was dort ist, besteht bei uns noch nicht; es beginnt erst in Vielem zu tagen. Bei dem jetzigen Wahlgesetz können also auch nur unsere bestehenden jetzigen Verhältnisse und Zu­stände in Betracht kommen; wir meinen aber nicht, daß ein solches für immer gegeben werden sollte, wir treten erst in die Schule des politischen Lebens ein, und unsere späteren Erfahrungen werden und müssen das Mangelhafte ausscheidcn. (Die Red.)